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Waßmann, Karl

Ffter Original.

Waßmann (auch: Wassmann), Karl Siegmund. Publizist. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 25.12.1885 Berlin, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 13.3.1941 Tötungsanstalt Hadamar.
Aufgewachsen als Sohn des Hofmusikers und Komponisten Karl W. (1857-um 1904) in Karlsruhe, musste W. nach der Scheidung der Eltern und dem Tod des Vaters angeblich die Oberschule abbrechen, um für Mutter und fünf Geschwister zu sorgen. Nach eigenen Erzählungen arbeitete er als Bürogehilfe bei einem Rechtsanwalt, lernte nebenher Sprachen und nahm Schauspielunterricht, bevor er sich bald als Konzertveranstalter versuchte. Zur Finanzierung eines Konzerts verkaufte er sein gemietetes Klavier, wofür er seine erste Gefängnisstrafe kassierte. Erstmals für überregionale Schlagzeilen in eigener Sache sorgte W., als er sich in die Affäre um den Karlsruher Hau-Prozess einschaltete, die 1907 die bürgerlichen Gemüter in Deutschland erregte. Vor dem Schwurgericht war der junge Rechtsanwalt Karl Hau (1881-1926) lediglich aufgrund von Indizien des Mordes an seiner Schwiegermutter Josefine Molitor für schuldig befunden und zum Tode verurteilt worden, woraufhin eine breite Öffentlichkeit sich mit ihm solidarisch erklärte und eine Verurteilung seiner Schwägerin Olga Molitor forderte. Sofort berief W. eine Volksversammlung gegen das Urteil ein, auf der er den Staatsanwalt eines Liebesverhältnisses mit der „roten Olga“ bezichtigte, was ihm eine Privatklage eintrug. Wohl nach häufigeren Gefängnisstrafen inszenierte W. publikumswirksam seine Flucht aus Karlsruhe. Er wandte sich nach Ffm., das ihn bei einem ersten Besuch regelrecht „berauscht“ hatte.
Etwa im Sommer 1909 kam W. in Ffm. an. Unverzüglich begann der selbsternannte Schriftsteller, seine Blättchen und Gedichte in Gaststätten feilzubieten. Um den anfangs eher mäßigen Absatz anzukurbeln, verschaffte er sich die notwendige Beachtung durch ein auffälliges Äußeres: Mit einer dunklen Toga aus der Maskengarderobe zog er barhäuptig und barfuß durch die Straßen. In dieser Aufmachung wurde er schnell stadtbekannt, und nach eigenen Schilderungen unternahm er in seinem Apostelgewand eine Vortragsreise durch Süddeutschland, nach Straßburg und in die Schweiz, von wo aus er nach einer kurzen Verhaftung in Basel jedoch „fluchtartig“ nach Ffm. zurückgekehrt sei. Schon bald wurde auch in Ffm. die Justiz auf W. aufmerksam. Am 1.2.1910 stand er unter Anklage wegen Betrugs vor dem Schöffengericht. Zusammen mit seinem Bruder hatte er u. a. wochenlang in einer Gaststätte zu Mittag und zu Abend gegessen, anfangs auch bezahlt, dann aber anschreiben lassen. Zu Beweis seiner Kreditwürdigkeit hatte er behauptet, er sei „für 4.500 Mark als Hungerkünstler in Castans Panoptikum engagiert“, wo er demnächst für 45 Tage eingemauert werde. Zudem hatte er gegen die Gewerbeordnung seine Werke zu jedem Preis verkauft. Das Gericht verurteilte ihn wegen Zechbetrugs und Gewerbevergehens in Verbindung mit Betteln zu 18 Tagen Haft. Um 1910 dürfte W. den aus Darmstadt stammenden Schauspieler, Kabarettisten und Lyriker Danny Gürtler (1875-1917) in Ffm. kennengelernt haben, den schillernden „König der Boheme“, mit dem er ausgedehnte Touren, u. a. ins Rheinland, unternommen haben soll. Als Gürtler wegen Beleidigung des Papstes zu Arrest verurteilt wurde, begleitete W. ihn in einem Triumphzug mit vierspänniger Kutsche zum Strafantritt ins Darmstädter Gefängnis (2.9.1910).
Seit 1911 gab W., anfangs zumindest zeitweise mit seinem Bruder Heinrich W., zweimal monatlich das Blatt „Deutscher Freigeist“ heraus, eine „Ffter Zeitschrift für alle kulturellen Interessen“, wie es im Untertitel hieß. Darin äußerte er sich unverblümt zu allen Fragen der Zeit, attackierte er heftig echte und vermeintliche Missstände, u. a. die Einführung des von Paul Ehrlich erfundenen Medikaments Salvarsan, des ersten Heilmittels gegen die Syphilis. W. prangerte an, der Dermatologe Karl Herxheimer und andere Ärzte am Städtischen Krankenhaus hätten das unzureichend erprobte und deshalb „lebensgefährliche“ Salvarsan im Interesse „gewisser profitsüchtiger Unternehmen“ gewaltsam bei Prostituierten als „Versuchskaninchen“ angewandt. Daraufhin strengte Herxheimer einen Verleumdungsprozess gegen W. an, wofür die Klägerseite elf Sachverständige, darunter Ehrlich selbst, mobilisierte. Zum Schluss des aufsehenerregenden „Ffter Salvarsanprozesses“ wurde W. am 8.6.1914 zu einer einjährigen Gefängnisstrafe wegen öffentlicher Beleidigung verurteilt, obwohl er den Einwand der Zwangsbehandlung an Prostituierten nicht ganz zu Unrecht erhoben hatte. Doch das Gericht befand, er habe seine Kampagne ausschließlich „aus Eitelkeit, Profit- und Reklamesucht“ im eigenen Interesse geführt. Im Zuge der Amnestie bei Beginn des Ersten Weltkriegs wurde W. nach wenigen Wochen aus der Haft entlassen.
Nach kurzem Kriegsdienst, wohl beim 3. Großherzoglich-Hessischen Infanterie-Leibregiment Nr. 117 „Großherzogin“ in Mainz, kehrte W. nach Ffm. zurück. Bei einem kurzen Heimaturlaub hatte er hier inzwischen die Ehe mit Johanna, gen. Hanni, geb. Schiffmann (* 1886), angeblich einer Schauspielerin, geschlossen. Zunächst mit ausdrücklich so bezeichneten „Kriegsausgaben“ setzte er seinen „Deutschen Freigeist“ fort. Der Titel des Blattes erwies sich weiterhin als kennzeichnend für das (politische) Programm der Zeitschrift wie des Herausgebers. W. vertrat darin eine nationale und freie Gesinnung, zeigte aber auch pazifistische Ansätze, propagierte die „innere Demokratisierung Preußen-Deutschlands“ und forderte 1917 das Frauenstimmrecht sowie die Trennung von Staat und Kirche. Anfang 1919 kandidierte er als Gründer und Vorsitzender der „Sozialaristokratischen Partei“, freilich erfolglos, für die verfassunggebende Weimarer Nationalversammlung.
Bald darauf änderte W. seinen ideologischen Ansatz. Als „Prophet der Liebe“ mit christlichem und missionarischem Anspruch wandte er sich um diese Zeit dem Spiritismus zu, der ihm ein neues und zugleich einträgliches Wirkungsfeld bot. Aus dem „Deutschen Freigeist“ ließ er wohl noch im Frühjahr 1919 „Die Liebe“ hervorgehen, sein neues „Organ im Dienste Aller“, das er auf gewohnte Weise bei seinen Altstadtrundgängen in Ffm. vertrieb. Zudem führte er seine selbstgepriesenen prominenten Beziehungen in der Geisterwelt in spiritistischen Sitzungen vor, und vor allem predigte er den Spiritismus in gutbesuchten Vorträgen im Raum um Ffm., u. a. im Taunus und insbesondere in Bad Homburg. Den dort ansässigen Journalisten Gustav Adolf Müller-Czerny (1862-1922) bekehrte W. im November 1919 zum Spiritismus. Während Müller-Czerny bald zum gesuchten Wunderheiler aufstieg, wurden W. seine Vorträge mancherorts polizeilich verboten, als „grober Unfug“, der nur darauf abziele, die Dummheit der Zuhörer auszunutzen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Daraufhin soll W. Ende 1920 nach München „verschwunden“ sein. Bald vertrieb er aber wieder seine „Liebe“ in Ffm., um in diesem Blatt für sich selbst als Wunderheiler mit dem Segen von Müller-Czerny sowie in der Tradition von Rasputin und gar von Jesus Christus zu werben (17.8.1921). Die Toga und damit das „Aposteltum“ hatte W. um 1912/13 schon einmal abgelegt und war seitdem „als moderner Mensch“ im dunklen Anzug mit langem Bratenrock, weißem Stehkragen und flachem schwarzem Hut aufgetreten; wie eine Karikatur von Lino Salini zeigt, trug er auf seinen Altstadtzügen jetzt offenbar wieder langwallende Haare, ein weißes Gewand, leichte Sandalen an den bloßen Füßen und eine Kette mit einem Kreuz um den Hals. Das Geschäft mit „geistigen“ Heilungen führte W. lange fort. Noch in seinem späteren Blatt „Der Waßmann-Bote“ (Juli/August 1928) bot er regelmäßige „Sprechstunden für Heilungssuchende“ in seiner Wohnung im Riederwald sowie auf Wunsch auch „Fernheilung nach auswärts“ an.
Im weiteren Lauf der 1920er Jahre gab sich W. wieder ein neues merkwürdiges Outfit, nunmehr im Wandervogellook, mit grauer Ballonmütze, grünem Sporthemd und kurzen Hosen, und über der Schulter trug er stets eine lange grüne Fahne, das „Banner der Hoffung“. Weiterhin zog er durch die Gaststätten in der Altstadt, um seine Schriften zu vertreiben, wobei ihn gelegentlich seine Frau Hanni unterstützte; zudem warb er in seinen Blättchen mit ellenlangen Gedichten für die Kabaretts, Kaffeehäuser und Kneipen, was diese ihm wiederum mit Inseraten honorierten. Manchmal trat er, etwa mit „Dichterlesungen“, im Kabarett oder im Varieté auf, und im Schumanntheater wirkte er als Ffter Original 1924 in der Revue „Welt im Spiegel“ mit. Als der Ffter General-Anzeiger 1923/24 „die fünf Ffter“ (frei nach dem Bühnenstück von Carl Rössler) suchte, belegte W. den fünften Platz (nach Adolf Stoltze, Bürgermeister Gräf, Toni Impekoven und Carl Mathern). Allerdings soll er bei der Leserwahl durch Übersendung einer Vielzahl eigener Zuschriften nachgeholfen haben. Offenbar blieben solche kleinen Betrügereien auch in diesen Jahren nicht immer ungeahndet: Nachweislich im September 1926 verbüßte W. wieder eine Gefängnisstrafe in Preungesheim.
Das weltanschauliche und insbesondere politische Programm, das der Kneipenpoet in seinen Blättchen vertrat, wirkt eher diffus und manchmal fragwürdig, wies in den späten Zwanzigerjahren auch deutliche rechtspopulistische Tendenzen auf. So wandte sich W. in der „Liebe“ anlässlich des „Sommers der Musik“ 1927 gegen den „geradezu an’s hirnverbohrte grenzende(n) Ausländerkult“, der in Deutschlands Städten betrieben werde, während „unsere Feinde fortgesetzt und unablässig die kühnsten Vorbereitungen zu einer neuen Weltkriegsepoche“ zur Unterjochung der Deutschen veranstalten würden. Unter diesem Vorzeichen versuchte W. im Mai 1928 noch einmal den Wechsel in die Politik. Mit seinem „radikal-geistesrevolutionären Waßmann-Bund für Freiheit und Frieden” kandidierte er bei der Wahl zur Ffter Stadtverordnetenversammlung, mit der wortwörtlichen Absicht, „endlich mit der Cliquenwirtschaft May-Landmann und Cons.“ aufräumen zu wollen, womit er sich explizit gegen das Konzept des Neuen Fft.s positionierte. Die Presse spottete über die Partei für die „Gegner des Flachdachs“. Für den „Waßmann-Bund“ stimmten schließlich 1.325 Ffter und damit ein halbes Prozent der Wähler.
Stets hatte W. es verstanden, sich zu vermarkten, hatte sein Image den wechselnden Zeitumständen angepasst und Eigenwerbung bis über die Grenze der Hochstapelei betrieben. Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 versuchte er offenbar, sich im Geschäftsinteresse mit den gewandelten Verhältnissen zu arrangieren. Da er immer bestrebt war, die Grenzen zwischen seinem wahren und seinem inszenierten Selbst zu verwischen, lassen sich Realität und Rollenverhalten bei ihm nie ganz und schon gar nicht in der NS-Zeit unterscheiden. Zunächst setzte er wieder verstärkt auf die Strategie der Vermarktung durch spektakuläre Auftritte, aber tunlichst nicht mehr vor Gericht. So gab er 1934 ein Gastspiel im Schumanntheater, bei dem er in den Löwenkäfig stieg, und im folgenden Jahr (1935) fuhr er „vielumjubelt“ im Mainzer Rosenmontagszug mit. Solche Anpassungen dürften wesentlich durch die materielle Notwendigkeit motiviert gewesen sein; wahrscheinlich war W. die Tätigkeit als Heiler inzwischen untersagt worden, und auch seine Blättchen konnten nicht mehr in der gewohnten Form erscheinen. Stattdessen verkaufte W. auf seinem üblichen Weg durch die Altstadtlokale jetzt Flugschriften zur Reklame in eigener Sache, die nur noch seine eher schwülstigen Gedichte und keinerlei aktuelle Artikel mehr enthielten, aber dafür das Bild des Dichters im Löwenkäfig zeigten, unter der Überschrift: „Der Mann, von dem man spricht“, womit W. den Titel des Films mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1937 werbewirksam für sich nutzte. Noch ließen die Nazis ihm Narrenfreiheit, auch wenn es schon 1934 erste Denunziationen gegen ihn (allerdings aus hygienischen und ästhetischen Gründen wegen seiner nackten Beine) gegeben hatte.
Doch es wurde für W. immer schwieriger, sich durchzuschlagen. Eines Nachts während seiner Altstadttour, wohl um 1936/37, hatte er einen Unfall: Er verhaspelte sich beim Aussteigen aus einem Auto in seiner grünen Fahne, stürzte und zog sich einen komplizierten Ellbogenbruch zu. Aus dem Hospital zum heiligen Geist lieferte er unverzüglich neue Gedichte, in denen er nicht nur Ärzte und Schwestern für ihre Versorgung und Pflege pries, sondern auch den NS-Oberbürgermeister Krebs, der ihm eine Unterstützung von 40 Mark aus einer Stiftung gewährt hatte. In seinen Flugblättern, die bald auch einige Weltanschauungsgedichte („Tritt leise auf, ein junger Staat erblüht“) enthielten, warb W. um 1937 damit, dass er seinen Walzer „Singendes, klingendes Fft.“ dem NS-Oberbürgermeister geschickt habe, wofür dessen Adjutant ihm „verbindlichst“ dankte, und „dem Führer“ seine Gedichte übersandt habe, woraufhin dessen Kanzlei ihm „mit bestem Dank den Eingang“ bestätigte.
Aufgrund eines Vorfalls am 14.8.1938 wurde W. erneut bei der Gestapo denunziert. An jenem Sonntagabend hatte er sich in dem Weinlokal „Spanisches Dorf“ am Garküchenplatz lautstark angeblich abschätzig über alle Ffter und anerkennend über Juden, u. a. über Paul Ehrlich, geäußert, woraufhin ihn ein Gast, überzeugtes NSDAP-Mitglied, zuerst zurechtwies, dann ins Gesicht schlug und schließlich von der Polizei abführen ließ. Der Parteigenosse gab sich damit nicht zufrieden, sondern zeigte W. in den folgenden Tagen bei den zuständigen Behörden an, die „Schritte“ gegen W. unternehmen sollten, die es „ihm unmöglich machen“ würden, „in öffentlichen Lokalen Propaganda für das Judentum zu machen“. Damit stand W. unter verschärfter Beobachtung, was ihm durchaus bewusst gewesen sein dürfte. Wahrscheinlich in dieser Situation, vermutlich angesichts des Besuchs von Mussolini in Deutschland im September 1938, verfasste und verbreitete er eine Huldigungshymne an Hitler und Mussolini, die sich in ihrer übertrieben pathetischen Lobpreisung auch, ob nun bewusst oder unbewusst, als ironisch lesen und damit ins Gegenteil verkehren ließ.
Die Stimmung gegen W. stieg weiter an. Wenige Wochen später (12.10.1938) beschwerte sich ein anderer Parteigenosse, angeblich im Namen vieler Gleichgesinnter, dass W. als „Ffter Original“ einen Vortrag im Reichssender Fft. halten solle, eine „Instinktlosigkeit“ der Programmverantwortlichen, die unbedingt verhindert werden müsse, da „W. in ein Arbeitshaus“ gehöre und „eine Gefahr für die Volksgemeinschaft“ sei. Daraufhin wurde W. „in polizeiliche Vorbeugungshaft“ (14.10.1938) genommen. Nach der Entlassung unternahm er am 9./10.11.1938 (vermutlich eher zufällig in der Nacht des Novemberpogroms) einen Selbstmordversuch. Aus den überlieferten Abschiedsbriefen ist zu schließen, dass er die „seelischen Folterqualen“ infolge der Anpassung bis zur Selbstverleugung nicht länger ertragen konnte: „Meine Seele braucht eine neue Wohnung, in der sie weiterwirken kann, um ihre Sendung, der Menschheit auch weiterhin die Liebe zu künden, besser erfüllen kann [sic!]“, schrieb er an den Pfarrer der Riederwaldgemeinde, dem er für das erbetene und vermeintlich letzte Abendmahl dankte. Nur wenige Tage später wurde W. offenbar als Arbeiter beim Bau der Reichsautobahn zwangsverpflichtet, ohne dass er seine abendlichen Kneipentouren durch die Stadt ganz aufgegeben hätte.
Am Abend und in der Nacht vom 1./2.12.1938 kam es zu einem ernsten Vorfall, bei dem W. in und vor seiner Wohnung Am Erlenbruch 10 randalierte, indem er u. a. aus dem Fenster laut „Heil Hitler“ schrie und auf offener Straße Vorträge über das „Dritte Reich“ hielt. Noch am 2.12.1938 zeigte ihn seine Frau Johanna W. auf dem Polizeirevier im Riederwald an und bat, ihren Mann auf seinen Geisteszustand zu untersuchen, da er „bestimmt an Verfolgungswahn“ leide. Drei Tage später (5.12.1938) wurde W. in die Nervenklinik in Ffm. aufgenommen. Von dort wurde er am 4.3.1939 nach Weilmünster verlegt. Mit einem Transport von 62 weiteren Patienten gelangte er am 13.3.1941 nach Hadamar. In der Regel wurden die Patienten eines solchen Transports noch am Tag der Ankunft in der Gaskammer ermordet. Der hinterbliebenen Ehefrau wurde mitgeteilt, dass Karl W. erst am 30.3.1941 verstorben und nach der Einäscherung in Hartheim bei Linz/Donau beigesetzt worden sei. In einer winzigen Zeitungsanzeige vom 1.4.1941 veröffentlichte Hanni W. die erhaltene Nachricht. Tatsächlich gehörte es zum subtil organisierten System der Geheimhaltung von Patientenmorden im Rahmen der „Aktion T4“, Todesdatum, -ort und -ursache der Opfer falsch anzugeben, um Angehörige und Behörden zu täuschen. So geht die Beurkundung von W.s Tod in Hartheim bei Linz, wo sich ebenfalls eine Tötungsanstalt befand, auf den vereinbarten „Aktentausch“ zwischen den Anstalten zurück: Dadurch wurde die Benachrichtigung über den Tod des Patienten nicht von dessen wirklichem Sterbeort abgeschickt.
Verfasser autobiographischer Texte, die meist zuerst in seinen Zeitschriften erschienen, u. a. der Roman „Die Abenteuer des Karlchen Ungeraten“ (zunächst in Fortsetzungen in „Deutscher Freigeist“, um 1917; später als Buchausgabe im Eigenverlag, 1918).
Karikatur (von Lino Salini) im Besitz des HMF. Sandsteinrelief mit der Abbildung der Ffter Originale Karl W. und Karl Winterkorn („Streichholzkarlche“) am Haus Weckmarkt 11 in der Altstadt.
Seit 2011 Stolperstein für W. vor seinem Wohnhaus Am Erlenbruch 10 im Riederwald.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 534, verfasst von: Birgit Weyel.

Lexika: Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 627.
Literatur:
                        
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Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Häußler, Bernd: Der Naturapostel bietet in den Altstadtkneipen seine Liebe an. Das dichtende und politisierende Ffter Original Karl Waßmann. (....) In: FAZ, 30.12.1985. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Häußler, Bernd: Fft. vor 80 Jahren. Prostituierte als Versuchsobjekt? In: FAZ, 5.6.1994. | Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Akten des [Preußischen] Polizei-Präsidiums in Ffm. betr. Waßmann, Karl Siegmund, 1908-38: Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 407, Nr. 954. | Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Karteikarte der Ffter Gestapo betr. Waßmann, Karl Siegmund, 1920-38, in: Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 486. | ISG, Einwohnermeldekartei („Nullkartei“), ca. 1870-1930.ISG, Nullkartei. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/2.996. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/R 2.683 („Die Liebe“). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/R 2.700 („Deutscher Freigeist“). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/R 326 („Der Waßmann-Bote“). | Korrespondenz d. Verf.Korrespondenz d. Verf. mit Peter Eigelsberger, Dokumentationsstelle Hartheim des Oberösterreichischen Landesarchivs, Alkoven (Österreich), 17.1.2011. | Korrespondenz d. Verf.Korrespondenz d. Verf. mit Matthias Meissner, Bundesarchiv Berlin, 31.1.2011. | Korrespondenz d. Verf.Korrespondenz d. Verf. mit Georg Lilienthal, Gedenkstätte Hadamar, 18.3.2011. | Presse- und Informationsamt (PIA) der Stadt Ffm. (Hg.): Pressedienste (Tages- und Wochendienst), später Service PRESSE.INFO.Hock, Sabine: „Die Abenteuer des Karlchen Ungeraten“. Das Ffter Original Karl Waßmann wurde zur Legende. In: PIA, Service PRESSE.INFO, Feature vom 16.12.2010.
Internet: Stadtlexikon Darmstadt, Hg.: Historischer Verein für Hessen e. V., Redaktion: Anke Leonhardt/Peter Engels, Darmstadt, 2013-16. http://www.darmstadt-stadtlexikon.de/g/guertler-danny/
Hinweis: Artikel über Danny Gürtler, verfasst von Karlheinz Müller.
Stadtlex. Darmstadt, 11.4.2016.


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    Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Waßmann, Karl. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1679

    Stand des Artikels: 2.5.2016
    Erstmals erschienen in Monatslieferung: 04.2016.