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Wertheimer, Martha

Martha Wertheimer

Martha Wertheimer
Fotografie (um 1930).

© Jüdisches Museum Frankfurt am Main.
Wertheimer, Martha. Psd.: Hal G. Roger. Signum: Dr. M. W. (auch: M. W., -rth., -a.). Dr. phil. Journalistin. Schriftstellerin. Pädagogin. * 22.10.1890 Ffm., † 1942.
Nach dem Besuch der Samson-Raphael-Hirsch-Schule und ab 1904 der Elisabethenschule trat W. 1908 in das städtische Lehrerinnenseminar ein, wo sie 1911 die Lehrbefähigung für Volks-, mittlere und höhere Mädchenschulen erwarb. Ab 1911 studierte sie in Ffm. an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften bzw. ab 1914 an der neu gegründeten Universität Geschichte, Philosophie sowie deutsche und englische Philologie. Sie war dort Vorsitzende des Vereins Ffter Studentinnen. Das Sommersemester 1916 verbrachte sie an der Universität Leipzig. Am Ende der Wilhelminischen Ära engagierte sie sich für das Frauen-Wahl- und Stimmrecht. 1919 wurde sie an der Ffter Universität aufgrund ihrer Dissertation „Über den Einfluß Friedrichs des Großen auf Voltaire (nach dem staatstheoretischen Inhalt des Briefwechsels)” zum Dr. phil. promoviert. Vom Sommer 1919 an war W. Kulturredakteurin der Offenbacher Zeitung. In den frühen Zwanzigerjahren arbeitete sie zudem als Volkshochschuldozentin und trat als Rednerin bei öffentlichen Veranstaltungen auf. Ihr besonderes Engagement galt frauenspezifischen Themen. Sie selbst verkörperte den Typus der modernen Frau der Zwanzigerjahre, selbstbewusst im Erwerbsleben stehend, sportlich (sie war Fechterin und Langstreckenschwimmerin) und emanzipiert, z. B. als Alleinreisende. Sie versuchte sich in den verschiedensten literarischen Sparten, so als Verfasserin eines Opernlibrettos („Riccio”, 1929), weihnachtlicher Kindertheaterstücke („Rumpelstilzchen” und „Kasperle beim Weihnachtsmann”, beide um 1920; beide verschollen), mehrerer Bücher zu sportlichen Themen (u. a. „Erziehung zum Fechter”, 1923), eines expressionistischen Amazonenromans („Amazonenritt”, unveröffentlicht) und – unter Pseudonym – als Autorin eines Kriminalromans („Maschine F136”, 1933). Außerdem gehörte sie zu den Mitarbeitern des Südwestdeutschen Rundfunks in Ffm. In ihrer Wohnung und bei Freunden hielt sie philosophische, literarische, kunsthistorische und religionswissenschaftliche Kurse ab.
Im Frühjahr 1933 wurde W. die Mitarbeit bei der Offenbacher Zeitung aufgekündigt. Seit 1934 zeichnete sie als Schriftleiterin der Ffter Ausgabe des Israelitischen Familienblatts, für das sie seit 1933 schrieb. Am 1.4.1936 ging W. nach Berlin, um die dortige Feuilletonredaktion des Israelitischen Familienblatts zu übernehmen. Zugleich war sie im Vorstand des „Makkabi”-Sportbunds tätig und unterrichtete Jugendliche auf den Landwerken der zionistischen Jugendbewegung. Sie engagierte sich im Jüdischen Kulturbund, errang für ihr Drama „Channa” einen ausgelobten Preis und hielt eigene Leseveranstaltungen. Ende 1936/Anfang 1937 unternahm sie im Auftrag des Israelitischen Familienblatts eine mehrwöchige Reise nach Palästina. Im Herbst 1938 kehrte W. aus persönlichen Gründen zurück nach Ffm. Hier wurde ihr nach dem Novemberpogrom 1938 die Leitung der Jugendfürsorge der Jüdischen Gemeinde übertragen. Vom Beginn des Jahres 1939 an organisierte sie von Ffm. ausgehend für ganz Süd- und Südwestdeutschland „Kindertransporte” vorwiegend nach England, die sie zum Teil selbst begleitete. Journalistisch war sie noch gelegentlich im Jüdischen Nachrichtenblatt, dem nach der „Kristallnacht” einzigen jüdischen Presseorgan, tätig und versuchte, über dieses Medium die Auswanderung vor allem von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Emigrationspläne, die sie selbst und ihre Schwester Lydia (* 1884) verfolgten, scheiterten. Im Mai 1941 wurde W. schwer verletzt, als eine Sprengbombe ihrer beider Wohnung traf. Zuletzt in einem „Judenhaus” zwangseinquartiert, informierte W. im Juni 1942 eine emigrierte Verwandte in einem verschlüsselten Schreiben über ihre und ihrer Schwester unmittelbar bevorstehende Deportation. Der Transport „nach dem Osten“ am 11.6.1942 ging über Izbica ins Vernichtungslager Sobibor. Unbestätigten Überlieferungen zufolge sollen die Schwestern ihrer Ermordung durch Freitod zuvorgekommen sein.
Weitere Werke, u. a. „Alle Tage Deines Lebens. Ein Buch für jüdische Frauen” (1935) und „Dienst auf den Höhen” (1937).

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 552f., verfasst von: Hanna Eckhardt (redigierte Onlinefassung für das Frankfurter Personenlexikon).

Lexika: Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1911-1965. Hg. v. Reinhard Oberschelp. Bearb. unter der Leitung von Willi Gorzny. 150 Bde. München u. a. 1976-81.GV 1911-65, Bd. 108 (1979).
Literatur:
                        
Eckhardt, Dieter/Eckhardt, Hanna: Ich bin radical bis auf die Knochen. Meta Quarck-Hammerschlag. Eine Biographie (...). [Ffm. 2016.]Eckhardt/Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag 2016, S. 158f. | Freeden, Herbert: Die jüdische Presse im Dritten Reich. Eine Veröffentlichung des Leo Baeck Intituts. Ffm. 1987.Freeden: Jüd. Presse im Dritten Reich 1987. | 50 Eintrachtler. Hg. v. Eintracht Fft. Museum. Ffm. 2015.Fünfzig Eintrachtler 2015, Nr. 7. | Einzeln & Gemeinsam. 100 Jahre starke Frauen an der Goethe-Universität. Hg. v. Helma Lutz, Marianne Schmidbaur, Verena Specht-Ronique u. Anja Wolde zum 100-jährigen Bestehen der Goethe-Universität Ffm. Ffm. 2014.Hundert Jahre starke Frauen a. d. Goethe-Univ. 2014, S. 108f. | Kingreen, Monica (Hg.): Nach der Kristallnacht. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Ffm. 1938-1945. Ffm. [u. a.] 1999. (Schriftenreihe des Fritz-Bauer-Instituts 17).Becker, Hanna [d. i. Eckhardt, Hanna]: „...das Leben in die Tiefe kennengelernt...“. Martha Wertheimer und ihr Wirken nach der „Kristallnacht“. In: Kingreen (Hg.): Nach der Kristallnacht 1999, S. 187-210. | Lowenthal, E. G. (Hg.): Bewährung im Untergang. Ein Gedenkbuch. Im Auftrag des Council of Jews from Germany, London (...). Stuttgart 1965.Lowenthal (Hg.): Bewährung im Untergang 1965. | Wertheimer, Martha: In mich ist die große dunkle Ruhe gekommen. Briefe an Siegfried Guggenheim in New York; geschrieben vom 27.5.1939 – 2.9.1941 in Ffm. Ffm. [1993]. Fritz Bauer Institut, Materialien 8).Wertheimer: Briefe an Siegfried Guggenheim 1993.
Quellen: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung. München 1925-37.Bayerische Israelit. Gemeindezeitung, 1934-37. | Bundesarchiv Berlin.Zu den Transporten vom 11.6.1942: Bundesarchiv Berlin, Sign. R 5/6713. | Ffter Rundschau. Ffm. 1945-heute.Becker, Hanna [d. i. Eckhardt, Hanna]: „Laß, o Welt, laß mich sein“. Martha Wertheimer (...). In: FR, 6.11.1996. | ISG, Einwohnermeldekartei („Nullkartei“), ca. 1870-1930.Meldekarte der Eltern Juda Julius und Johanna Wertheimer, geb. Tannenbaum, in: ISG, Nullkartei. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/15.950. | Israelitisches Familienblatt. Hg. unter Mitwirkung d. Verbandes der Jüdischen Lehrer-Vereine im Deutschen Reiche. Hamburg, später Berlin 1898-1938.Israelit. Familienblatt, 1933-38. | Jüdisches Nachrichtenblatt. Hg. v. Jüdischen Kulturbund in Deutschland. Verantw. Red.: Leo Kreindler. Berlin 1938-43.Jüd. Nachrichtenblatt, 1939-42. | Offenbacher Zeitung (OZ). Offenbach/Main 1871-1945.Offenbacher Zeitung, 1919-33. | Johann Wolfgang Goethe-Universität, Universitätsarchiv, Ffm.Universitätsarchiv Ffm., Promotionsakte Martha Wertheimer, Abt. 136, Nr. 8. | Johann Wolfgang Goethe-Universität, Universitätsarchiv, Ffm.Universitätsarchiv Ffm., Studentenakte Martha Wertheimer, Abt. 604, Nr. 271.
Internet: Ffm. 1933-1945, Internetpräsentation zur Geschichte Fft.s in der NS-Zeit, ein Projekt des ISG im Auftrag des Dezernats für Kultur und Freizeit der Stadt Ffm. http://www.ffmhist.de/ffm33-45/portal01/portal01.php?ziel=t_jm_martha_wertheimer
Hinweis: Artikel von Ernst Karpf über „Martha Wertheimer“, 2003 (in der Fassung vom 20.6.2012).
Ffm. 1933-1945, 4.8.2014.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. http://de.wikipedia.org/wiki/Martha_WertheimerWikipedia, 4.8.2014.

GND: 123623421 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Eckhardt, Hanna: Wertheimer, Martha. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1724

Stand des Artikels: 6.8.2014
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 08.2014.