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Kluke, Paul

Kluke, Paul Otto Alfred. Prof. Dr. phil. Historiker. * 31.7.1908 (Zossen-)Dabendorf im Landkreis Teltow-Fläming/Brandenburg, † 18.4.1990 Wiesbaden, begraben im Familiengrab Lorey auf dem Ffter Hauptfriedhof (Gewann E an der Mauer 544a).
K.s Ehefrau Erika, geb. Milchner (1901-1981), war die Tochter des von den Nazis als „jüdisch“ eingestuften Berliner Rechtsanwalts Dr. Erich Milchner (1872-1937) und dessen Ehefrau Hedwig, geb. Lorey (1877-1951), die aus der Ffter Familie stammte.
Jüngster von drei Söhnen eines Landwirts.
Im evangelischen Pfarrhaus seines Onkels auf die höhere Schule vorbereitet, besuchte K. das Askanische Gymnasium in Berlin. Abitur 1926. Studium der Geschichte, Germanistik und Anglistik in Berlin. Promotion 1931 bei Hermann Oncken mit einer Dissertation über „Heeresaufbau und Heerespolitik Englands vom Burenkrieg bis zum Weltkrieg“. Seit 1932 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Reichskommission und in deren „Zentralstelle für Nachkriegsgeschichte“ Bearbeiter eines Projekts über „Die Stellung der Reichsbehörden zum rheinischen Separatismus“. Nach Auflösung der Historischen Reichskommission wegen ihres Widerstands gegen die politische Indienstnahme durch das NS-Regime 1935 sicherten befristete Aufträge der preußischen Archivverwaltung K. ein karges Dasein in halber Verborgenheit. Bei Kriegsbeginn zum Militär eingezogen und im September 1940 ausgemustert, übertrug ihm das Oberkommando III die Sichtung erbeuteter polnischer Akten. Wegen seiner „nichtarischen“ Frau als „wehrunwürdig“ abgestempelt wurde er im Herbst 1944 in ein Zwangsarbeitslager der Organisation Todt eingewiesen.
Nach der Befreiung wurde K. zunächst im Amerikanischen Document Center mit der Sichtung der Akten zur deutschen auswärtigen Politik betraut. Eine Dozentur an der Pädagogischen Hochschule Berlin führte 1950 zur Habilitation bei Hans Herzfeld an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über „Die rheinische Autonomiebewegung 1918-1919“. Die Habilitationsschrift wurde nicht gedruckt, da sie manches Kritische über die Nähe des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer zum rheinischen Separatismus enthielt. Sie ist aber in der Deutschen Bibliothek in der maschinenschriftlichen Fassung einsehbar.
Der Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin folgten Studienaufenthalte in London 1950 und den USA 1952/53. Von 1953 bis 1959 wirkte K. als Generalsekretär des Instituts für Zeitgeschichte in München. Zugleich vertrat er als Privatdozent die politisch unbequeme „Zeitgeschichte“ an der dortigen Universität. Schon 1956 organisierte er den ersten internationalen Zeitgeschichtskongress „Das Dritte Reich und Europa“. Zahlreiche Aufsätze (wie z. B. „Das Recht des Widerstandes gegen die Staatsgewalt in der Sicht des Historikers“, 1957) halfen, das junge Fach der Zeitgeschichte als Wissenschaft zu legitimieren.
Von 1959 an lehrte K. als Professor (seit 1963 Ordinarius) für Mittlere und Neuere Geschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Ffm. Im Zentrum seiner Forschungen und Vorlesungen standen die deutsche Außenpolitik seit dem Bismarckreich und ihre Wechselbeziehungen zu den Interessen der europäischen Staatengesellschaft in der Epoche zweier Weltkriege. Methodisch ging es um die Analyse machtstaatlicher Realpolitik und ihre Durchwirkung mit politischen Ideen und gesellschaftlichen Traditionen. Programmatisch entwickelte er dieses Konzept in der öffentlichen Antrittsvorlesung (1959) und ihrer erweiterten Druckfassung „Politische Form und Außenpolitik des Nationalsozialismus“ (1963). Über die Universitätsgrenzen hinaus führte eine Reihe von 20 Vorlesungen über „Deutsche Außenpolitik im Zeitalter des Nationalstaates“, die vom Hessischen Rundfunk als „Funkkolleg zum Verständnis der modernen Gesellschaft“ ausgestrahlt wurde und 1969 als Taschenbuch erschien.
So konnte K. in Ffm. rasch einen größeren Schülerkreis für die zeitgeschichtliche Forschung gewinnen. Den Studenten war er ein leistungsorientierter, anspruchsvoller Lehrer, zugleich ein liberaler und freigeistiger Mentor, ein „bürgerlicher Antifaschist“, wie es einmal hieß, zu dem auch jene ins Examen gingen, die sich angesichts mancher reaktionären Strömungen in der deutschen Politik unbehaglich fühlten. Als Mitte der Sechzigerjahre nach den Wahlerfolgen der NPD neonazistische Umtriebe an der Universität auftauchten, erhob K. vom Katheder aus seine warnende Stimme. Dagegen traf ihn nach 1968 die marxistisch geprägte Studentenrevolte unvorbereitet und verständnislos. In den studentischen Agitationsmethoden sah er jetzt, in Erinnerung an den NS-Terror und die SED-Diktatur, mehr die Bedrohung der Freiheit von Forschung und Lehre als die Chancen des Aufbruchs. Die gerade in Ffm. besonders heftigen ideologischen Triebkräfte und Exzesse sozialistischer Sektierer verurteilte er scharf. Da er selbst in der NS-Zeit Demütigungen und Diskriminierung erlitten hatte, war er nun tief betroffen von brutalen Attacken und verletzender Kritik, die ihn als autoritär und faschistisch diffamierten.
Schon bald nach seiner Berufung war K. von Rektor und Senat beauftragt worden, die Geschichte der Ffter Universität zu schreiben. Damit musste er sich einen neuen Forschungsbereich erschließen. Wissenschafts- und Stadtgeschichte waren an sich nicht sein Metier. Sobald er die Besonderheit der „Stiftungsuniversität“ erkannte, begann er, sich in die Eigenart der Ffter Bürgergesellschaft zu versenken. Er versuchte, sich Klarheit über die verwirrende Vielzahl der bürgerlichen Stiftungen und Initiativen zu verschaffen, die zu der Vorgängerinstitution der „Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften“ geführt hatten, dann auch über Mertons Institut für Gemeinwohl, die verschiedenen Senckenbergischen Institute, den Physikalischen Verein, die Georg und Franziska Speyer’sche Studienstiftung usw. Auch die angegliederten Institute waren zu beachten, die Akademie der Arbeit, das Institut für Sozialforschung, das Elsaß-Lothringen-Institut und anderes mehr. Bei der Erklärung für das Fehlen einer Theologischen Fakultät stieß er auf das faszinierende Konglomerat der lutherischen, reformierten, katholischen und israelitischen Traditionen in Ffm. Folglich suchte und pflegte K. Verbindungen zur städtischen „Gesellschaft“. Seit 1961 gehörte er der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Ffter Juden an. Gern bewegte er sich in der Villa Bonn der Ffter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft, wo er auf die Nachkommen der alten Ffter Familien traf. Dort fand er auch das Forum, um seine Bedenken und Einwände gegen das neomarxistische Konzept des Historischen Museums vorzutragen. Das Buch über „Die Stiftungsuniversität Ffm. 1914-1932“ erschien schließlich nach langen Jahren mühevoller Arbeit erst 1972. Inzwischen hatte K. wichtige Anstöße gegeben, aus denen sich eine vorher nicht existierende zeitgeschichtliche Forschung entwickelte, die sich der Stadt- und Verwaltungsgeschichte Fft.s annahm.
Nach seiner Emeritierung 1974 konzentrierte sich K. ganz auf die Aktivitäten des 1968 von ihm mitbegründeten Britisch-Deutschen Historikerkreises, die zur Errichtung eines Deutschen Historischen Instituts in London führten. 1975 übernahm er für drei Jahre die Aufgaben des Gründungsdirektors.
K. repräsentierte in vieler Hinsicht den Gelehrten klassischen Stils: sachlich, nüchtern, besonnen, abwägend in der Betrachtung historischer Prozesse, unbestechlich im fachlichen Urteil, gefeit gegen intellektuelle Moden, verwurzelt zwar in den bewährten Traditionen der deutschen Geschichtswissenschaft, zugleich aber geprägt von starken Impulsen des britischen Common Sense. Seine über die engere Fachwelt hinausweisende Bedeutung liegt in seinem politisch weitsichtigen Beitrag zur Wiederherstellung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit in der europäischen Völkergemeinschaft.
Festschriften zum 60. Geburtstag („Paul Kluke zum 60. Geburtstage dargebracht von Ffter Schülern und Mitarbeitern“, 1968) und zum Dank für seine Verdienste um das Deutsche Historische Institut in London („Studien zur Geschichte Englands und der deutsch-britischen Beziehungen“, hg. v. Lothar Kettenacker, Manfred Schlenke u. Hellmut Seier, 1981).
Nachlass in der UB Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Dieter Rebentisch.
Artikel in: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 403, verfasst von: Reinhard Frost.

Literatur:
                        
Hammerstein, Notker: Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Ffm. Band II: Nachkriegszeit und Bundesrepublik 1945-1972. Göttingen 2012.Hammerstein: JWGU II 2012, S. 405-408. | Historische Zeitschrift. München 1859-heute.Nachruf von Hellmut Seier in: HZ 252 (1991), S. 212-215. | Kluke, Paul: Außenpolitik und Zeitgeschichte. Ausgewählte Aufsätze zur englischen und deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Hg. v. Hellmut Seier u. Dieter Rebentisch. Wiesbaden 1974.Verzeichnis der Schriften von Paul Kluke in: Kluke: Außenpolitik u. Zeitgeschichte 1974, S. 263-267. | Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bisher 63 Jahrgänge. München 1953-2015.Broszat, Martin: Paul Kluke 75 Jahre. In: Vierteljahrshefte f. Zeitgesch. 1983, S. 719-721.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Rebentisch, Dieter: Ein liberaler Mentor. Der Historiker Paul Kluke wird achtzig. In: FAZ, 30.7.1988, S. 21. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/833.
Internet: Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. http://www.lagis-hessen.de/pnd/118563513Hess. Biografie, 29.6.2015.

GND: 118563513 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Rebentisch, Dieter: Kluke, Paul. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/2929

Stand des Artikels: 3.7.2015
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 07.2015.