Latscha, Jakob

Pionier im Lebensmittel-Einzelhandel („Latscha liefert Lebensmittel“).

Latscha, Jakob. Kaufmann. * 4.3.1849 Friedelsheim bei Bad Dürkheim/Pfalz, † 5.1.1912 Ffm.
Kaufmännische Lehre in einem Textilgeschäft in Mannheim. Handelsgehilfe bei der Krupp’schen Konsumanstalt in Essen. Teilhaber eines Einzelhandelsunternehmens für Textilien und Lebensmittel in Essen. 1882 übernahm L. als Alleininhaber eine kleine Kolonialwarenhandlung an der Ecke Allerheiligenstraße/Lange Straße in Ffm., der er eine Filiale angliederte. Er kalkulierte beim Ausbau des Unternehmens ohne jegliches Fremdkapital und arbeitete nach dem seinerzeit ungewöhnlichen Prinzip der Barzahlung. Im Zeitalter des Kleinkredits und des Kundendiensts lehnte er Bestellung oder Zustellung der Ware ab und bestand sowohl im Verkauf bei den Kunden als auch im Einkauf bei den Lieferanten auf Barzahlung ohne Kreditinanspruchnahme. Dadurch konnte er mit einer geringen Gewinnspanne kalkulieren. L. wollte eine breite Schicht der Großstadtbevölkerung, die konsumkräftig, aber wenig bemittelt war, als Kundschaft gewinnen. Er hielt dementsprechend seine Preise u. a. durch Direkteinkauf beim Erzeuger besonders niedrig. Der Kostenminderung diente zudem der allmähliche Ausbau des Filialnetzes über Ffm. hinaus, wodurch wiederum breite Kundenkreise erschlossen wurden. Zur wohldurchdachten Organisation des Unternehmens gehörte die Errichtung eines eigenen Lagerhauses (1889), wodurch der Großeinkauf möglich wurde. Zur Leitung und Versorgung des Filialnetzes, das in L.s Todesjahr über 70 Zweigstellen im Rhein-Main-Gebiet umfasste, plante L. schließlich den Bau eines Zentralgebäudes mit Lagerhaus in der Schwedlerstraße im Ffter Osthafengelände, das jedoch erst nach L.s Tod eingeweiht werden konnte (1913).
Jakob L. gehörte zu den ersten Unternehmern, die sich für die Belange der Angestellten einsetzten. In öffentlichen Versammlungen und in der Presse trat er nachdrücklich für die Sonntagsruhe im Einzelhandel und den gesetzlichen Ladenschluss um 20 Uhr ein. Seinen Angestellten gewährte er schon früh Umsatzbeteiligung, verbilligten Einkauf und freiwillige Sozialeinrichtungen. Vorkämpfer der christlichen Sozialpolitik. Mitbegründer des Evangelischen Arbeitervereins und des Evangelischen Kasinos. Vorsitzender des Christlichen Vereins Junger Männer in Ffm. Vorstandsmitglied des Vereins für Innere Mission.
Im Auftrag der Südwestdeutschen Konferenz des Vereins für Innere Mission gab L. zusammen mit W. Teudt 1898 eine Broschüre zu Fragen der Boden- und Wohnungsreform heraus, in der er ein Zehnpunkteprogramm für eine staatliche Bodenpolitik zur Anlage von „Industrie-Wohnstraßen“ (Bau von Eigenheimen für die arbeitende Bevölkerung in der Nähe ihrer Arbeitsstätte) erstellte. Im Zuge dieser Bestrebungen zur Bodenreform gründete L. die Villenkolonie (Dreieich-)Buchschlag (seit 1903) und die Wohnkolonie Waldheim bei Offenbach (seit 1910).
Nach L.s Tod wurde das Unternehmen von L.s Söhnen Hans (1881-1967) und Kurt (1892-1965) weitergeführt, die der Firma 1925 eine Tochtergesellschaft in Wiesbaden angliederten. Auch die Söhne von Hans L., Günther (1911-1966) und Dieter (1921-2002), führten das Geschäft fort, zu dem 1973 rund 250 Supermärkte, Verbrauchermärkte, Discountläden und Buffeterias gehörten. Das Verkaufssystem von Jakob L., der ein Pionier des Lebensmittel-Einzelhandels gewesen war, hatte sich jedoch inzwischen überlebt. Die Firma hatte zu langsam auf das Selbstbedienungssystem nach amerikanischem Muster umgestellt und war beim Verkauf in den herkömmlichen Ladenfilialen nicht mehr wettbewerbsfähig. Dieter L. musste daher das Familienunternehmen zum 1.1.1977 an die Rewe-Leibbrand-Gruppe veräußern. Das traditionsreiche Firmenzeichen „LLL“ (= „L. liefert Lebensmittel“) verschwand aus dem Ffter Stadtbild.
L.-Firmenarchiv im ISG.
Jakob-L.-Straße im Ostend.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 444f., verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Franz Lerner in: NDB 13 (1982), S. 684f.
Quellen: Ffter Rundschau. Ffm. 1945-heute.FR Geschichte 4 (2013): Die 70er Jahre in Fft., S. 54f. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/1.808. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/R 1.980 (Fa. Latscha).

GND: 127477969 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Latscha, Jakob. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/3031

Stand des Artikels: 19.9.1990