Loёn, Johann Michael von

Loёn, Johann Michael von. Preußischer Wirklicher Geheimer Rat. Schriftsteller. ~ 13.12.1694 Ffm., † 24.7.1776 Lingen/Emsland.
Aus einer Kaufmannsfamilie, die 1623 aus den Niederlanden eingewandert war.
Besuch der Fürstlich Isenburgischen Landesschule in Birstein. Studium der Rechtswissenschaften in Marburg (1711-13) und Halle (1713-15), wo er sich unter dem Einfluss von Christian Thomasius der Aufklärung zuwandte. 1715/16 Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Reisen. 1724 ließ sich L. in Ffm. nieder, wo ihm aufgrund einer Erbschaft von seinem Großvater Rudolf Emanuel Passavant († 1718) ein unabhängiges Leben als Privatgelehrter und Schriftsteller möglich war. Kunstsammler und Besitzer einer bedeutenden Bibliothek, wozu u. a. das von Eosander von Göthe erworbene Merian’sche Kupferstichkabinett gehörte. L. lebte zunächst in einem Haus an der Gallusgasse; als Sommersitz nutzte er das nach dem Tod des Bruders (1729) in seinen alleinigen Besitz übergegangene Merian’sche Landhaus „auf der Windmühle“ am Main (erbaut von Eosander von Göthe; auf dem Gelände heute das Gewerkschaftshaus). Dort wohnte er seit 1745 ganzjährig; außerdem hatte er sich als Sommersitz das Rittergut Mörfelden erworben. L.s Haus war ein Mittelpunkt der gelehrten Gesellschaft und eines Zeitungskollegiums. Zu seinen Freunden gehörten Burggrave und Olenschlager sowie die Familien Lersner und Uffenbach. Seine Ehefrau Katharina Sybilla, geb. Lindheimer (1702-1776), war eine Schwester von Goethes Großmutter Textor. Die Eltern Goethes wurden am 20.8.1748 in L.s Haus „auf der Windmühle“ getraut. 1752 ging L. im Dienste Friedrichs des Großen als Regierungspräsident der preußischen Grafschaften Lingen und Teklenburg (bis 1765) nach Lingen im Emsland. Während des Siebenjährigen Kriegs war er als Geisel der Franzosen vier Jahre in Wesel inhaftiert, bis er gegen einen seiner Söhne ausgetauscht wurde und nach Lingen zurückkehren konnte.
Noch im hohen Alter verfolgte L. aufmerksam die Entstehung der literarischen Werke seines Großneffen Johann Wolfgang Goethe. Goethe, der den Oheim in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (6. Buch) und in „Dichtung und Wahrheit“ (I,2) porträtierte, übernahm in letztgenanntem Werk teilweise L.s Beschreibung der Krönung Karls VII. für seine Schilderung der Krönung Josephs II.
L. fühlte sich als Schriftsteller der Aufklärung verpflichtet und wollte durch seine Werke, die in einer für die Zeit ungewöhnlich flüssigen Prosa geschrieben waren, die praktische Weltweisheit und die Glückseligkeitslehre fördern. Er verfasste Reisebeschreibungen, die heute von kulturhistorischer Bedeutung sind, sowie popularhistorische Essays und moralische Abhandlungen zu staatswissenschaftlichen, juristischen, philosophischen und religiösen Themen. In seinen religionsphilosophischen Schriften wollte er Aufklärung und Empfindsamkeit verschmelzen und alle positiven Glaubenslehren auf einen ursprünglichen Kern zurückführen, auf „die einzige wahre Religion“, die auf Frömmigkeit aus innerer Erfahrung basiere. Er wandte sich gegen alle aus der Bibel nicht zu begründenden Dogmen, weltliche Machtansprüche der Geistlichkeit und konfessionelle Streitigkeiten. Seine religionskritischen Schriften mit ihrem pietistischen Ansatz zielten auf Toleranz, waren aber gerade deshalb heftig umstritten, ebenso seine auf dem Leitbild des bürgerlichen Tugendbegriffs aufbauenden staatsreformerischen Schriften. Hauptwerke: „Der Redliche Mann am Hofe“ (1740), „Die Güldene Bulle Kaiser Carls IV.“ (Textausgabe und Übersetzung, 1741), „Gesammelte Kleine Schriften“ (4 Bde., 1749-52), „Die einzige wahre Religion (...)“ (2 Teile, 1750/51) und „Jesus, der einzige Lehrer des Glaubens und der Seligkeit“ (1751) sowie Übersetzungen (Fénelon, Racine).
Zwei Götterskulpturen und zwei Ziervasen aus L.s Garten am Main befinden sich heute im Besitz des HMF. Sie sind alles, was von seinen Ffter Wohnsitzen erhalten blieb.
L.straße im Nordend.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 465f., verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Adalbert Elschenbroich in: NDB 15 (1987), S. 47-49. | Schrotzenberger, Robert: Francofurtensia. Aufzeichnungen zur Geschichte von Ffm. Ffm. 1884.Schrotzenberger, S. 152.
Literatur:
                        
Heinzberger, Martin/Meyer, Petra/Meyer, Thomas: Entwicklung der Gärten und Grünflächen in Ffm. Ffm. 1988. (Kleine Schriften des HMF 38).Meyer, Thomas: Das „Holdselige Revier“ des Johann Michael von Loen. In: Heinzberger/Meyer/Meyer: Entwicklung d. Gärten u. Grünflächen 1988, S. 28-32. | Kern, Ursula (Hg.): Blickwechsel. Ffter Frauenzimmer um 1800. Historisches Museum, Ffm. Ffm. 2007.Kern (Hg.): Blickwechsel 2007, S. 306, 308f.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Hans Reiss in: FAZ, 18.12.1994. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/3.022. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/8.522 (Familie Loёn).

GND: 117154202 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Loёn, Johann Michael von. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/3105

Stand des Artikels: 14.3.1991