Wronker, Hermann

Wronker, Hermann. Kaufmann. Warenhausbesitzer. Philanthrop. * 5.8.1867 Kähme/Provinz Posen, † nach 23.9.1942 KZ Auschwitz (ermordet).
W. entstammte einer Kaufmannsfamilie. Er war seit 1891 verheiratet mit Ida Friedeberg (1871-1942) aus Birnbaum an der Warthe/Provinz Posen. Deren Mutter Johanna Friedeberg, geb. Tietz, war eine Schwester der Warenhausbetreiber Leonhard, Oscar und Hermann Tietz, deretwegen der Ort Birnbaum bis heute als die „Wiege der Warenhäuser“ gilt. Aus der Ehe von Hermann und Ida W. stammten drei Kinder: Max (1892-1966), Erich (1894-1918) und Alice (seit 1921 verh. Engel, 1898-1985). Erich W. kämpfte als Garde-Ulan im Ersten Weltkrieg und starb 1918 an den Folgen einer Tuberkulose, die er sich an der Front in Russland zugezogen hatte.
Hermann W. absolvierte ab 1881 eine Ausbildung im Kaufhaus „H. & C. Tietz“ in Prenzlau und übernahm später für seine Arbeitgeber den Aufbau der Tietz-Filialen in Bamberg und Coburg. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Simon W. (1860-1921) gründete er 1887 das Textil- und Bekleidungsgeschäft „S[imon] Wronker & Co.“ mit Sitz in Mannheim oder Ffm. 1891 zog Hermann W. nach Ffm. Dort eröffnete er auf der Zeil 14-16 sein eigenes Warenhaus. Fünf Jahre später folgte der Bezug eines Neubaus in der Hasengasse 15-17, der nur wenige Monate später abbrannte. Aber schon bald konnte W. an diesem Standort wieder eröffnen. Später war er Eigentümer, Direktor und Vorstandsmitglied der Warenhauskette „Wronker“ mit dem ab 1907 neu erbauten prächtigen Geschäftsgebäude Zeil 101-105/Holzgraben 6-10. Seinerzeit war es das größte Ffter Warenhaus. Bis 1910 wurde das Haus nach dem Vorbild von Alfred Messels Berliner „Wertheim“ von dem Düsseldorfer Architekten Otto Engler erneuert und vergrößert (erneut erweitert 1926 um das Haus Zeil 99/Holzgraben 4; Kaufhausgebäude weitgehend kriegszerstört, lediglich Reste der rückseitigen Fassade zum Holzgraben erhalten). Ursprünglich als Geschäft für Kurz-, Weiß- und Wollwaren in Ffm. eröffnet, bot das Kaufhaus W. längst ein komplettes und branchenübergreifendes Sortiment. Ein Kunstsalon mit wechselnden Ausstellungen und einer Abteilung für Kunstgewerbe und Grafik machten „Wronker“ für Ffm. einzigartig. Auch Musikalien gehörten zum Sortiment. Bisweilen wurden Noten werbewirksam nach Gewicht verkauft, wie historische Anzeigen belegen. Die firmeneigenen Buchabteilungen waren eine Provokation für den lokalen Sortimentsbuchhandel und dessen Standesvertretung, den Börsenverein der Deutschen Buchhändler in Leipzig; in der Fachpresse wurden über dieses neue Angebot zum Teil Debatten antisemitischen Inhalts ausgetragen. Zu der 1921 – nach dem Tod des Bruders Simon W. – in Mannheim gegründeten „Hermann Wronker AG“ gehörten Filialen in Ffm.-Bockenheim, Hanau, Nürnberg und Pforzheim. Das Unternehmen beschäftigte in seiner Blütezeit etwa 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 1930 betrug der Gesamtumsatz 30 Millionen Reichsmark. Zeitweise führten W. und sein Sohn Max den Betrieb gemeinsam; im Alter von 64 Jahren zog sich Hermann W. 1931 in den Aufsichtsrat des Unternehmens zurück. Im Oktober 1931 erschien ein bewundernder Artikel in der Ffter Zeitung: „So ist das Warenhaus Wronker eine grandiose Zusammenfassung aller Zweige unseres wirtschaftlichen Lebens. Es dient allen. Es erspart uns Geld, es hilft uns weiter, besonders in dieser Zeit, da jeder mit dem Pfennig rechnen muss. Rationelle Betriebsführung und echter kaufmännischer Geist, wie er in Fft. schon immer lebendig war, dienen dem Kunden, der den Weg findet zum Warenhaus.“
W. war ein großer Unternehmer, Philanthrop und Mäzen. 1902 gründete er die „Ffter Wach- & Schließgesellschaft“ mit, die als das erste Unternehmen dieser Art in Deutschland gilt und von dem Kaufmann Paul Davidson geleitet wurde. Davidson und W. errichteten zusammen mit den Immobilienkaufleuten Julius Wiesbader und Max Bauer 1906 die „Allgemeine Kinematographen-Theater Gesellschaft, Union-Theater für lebende und Tonbilder GmbH“ (AKTG) mit Sitz in Ffm. zum Aufbau und Betrieb einer überregionalen Kinokette, die bald ihre ersten Filmtheater („Union Theater“, abgekürzt „U. T.“) in Mannheim (Juni 1906) und Ffm. (Juli 1906) eröffnete. Die AKTG expandierte unter der Geschäftsführung von Davidson so schnell, dass sich die Gesellschafter 1910 zur Übertragung des Unternehmens in eine neugegründete Aktiengesellschaft entschlossen, die Projektions-Aktiengesellschaft „Union“ (PAGU), die ihren Geschäftsbereich um die Herstellung und den Vertrieb von Filmen und Apparaten erweiterte. Die PAGU, eine der wichtigsten und erfolgreichsten frühen Filmgesellschaften in Deutschland, verlegte ihren Firmensitz 1912 nach Berlin, wo sie in dem Ende 1917 gegründeten Konzern der „Universum-Film Aktiengesellschaft“ (Ufa) aufging.
Bei der Internationalen Luftschiffahrt-Ausstellung (Ila) in Ffm. 1909 soll W. deren Vorstand angehört haben; nach Erinnerungen der Tochter (Brief von Alice Engel-W., New York, 4.10.1961, in: ISG, S2/604) habe er einen der auf der Ila vergebenen Preise ausgelobt, den dann der Flugpionier August Heinrich Euler gewonnen habe. W. stiftete auch eine Lotterie zugunsten der Erneuerung des Eisernen Stegs (1912) und engagierte sich für die Sanierung der Ffter Altstadt. Während des Ersten Weltkriegs und in der Notzeit bis zum Ende der Inflation 1923 versorgte er täglich bedürftige Kinder im Erfrischungsraum seines Warenhauses. Gemeinsam mit seiner Ehefrau arbeitete W. für das Rote Kreuz, und seit 1918 gehörte er dem Vorstand des Gumpertz’schen Siechenhauses an. Ida W. betätigte sich ehrenamtlich u. a. für das Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg. Tochter Alice widmete sich während des Ersten Weltkriegs der Kriegsgefangenenhilfe. Zusammen mit dem Maler Wilhelm Taubert initiierte W. 1919 die Aktion „Für die Opfer der drei Lemberger Blutnächte“; der Erlös aus der gleichnamigen Broschüre sollte den Geschädigten der brutalen Pogrome vom November 1918 zufallen. In einem Brief an die Stadt Ffm. schrieb Tochter Alice Engel-W. am 4.10.1961: „Mein Vater war ein stolzer Jude, der jedoch ohne Unterschied der Religion Gutes tat. Sein grosser Stolz war ein Kinderbrief, den er immer bei sich trug: ‚An das liebe Christkind‘. Die Hauptpost schickte diese Zeilen an meinen Vater und am Weihnachtsabend stand ein Weihnachtsbaum mit allen erwuenschten Geschenken darunter vor der Tuere der betreffenden Familie.“ (Brief von Alice Engel-W., New York, 4.10.1961, in: ISG, S2/604.)
Nach der „Machtübernahme“ durch die Nationalsozialisten wurden auch die Kaufhäuser der W.-Kette am 1.4.1933 boykottiert. Damals hatte das Unternehmen noch rund 500 Angestellte. Ein Jahr später folgte die erzwungene „Arisierung“ und Übernahme durch die Firma „Hansa AG“. 1937 zogen die Eheleute W. nach Berlin um, kehrten aber Anfang 1939 nach Ffm. zurück. Die Ffter Liegenschaften Savignystraße 68 und Senckenberganlage 12 sowie ein Landhaus in Königstein/Taunus, Rombergweg 3-4, waren zwischenzeitlich verfolgungsbedingt verkauft oder zwangsweise entzogen worden. Der Sohn Max W. war bereits 1933 mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zunächst nach Paris und später nach Ägypten emigriert; ab 1945 lebte er in den USA. Auch Tochter Alice flüchtete mit ihrem Ehemann Dr. Hermann Engel (1886-1971) nach Kairo und später in die USA. Hermann und Ida W. hatten ihre Tochter 1937 noch in Ägypten besucht, kehrten jedoch in das Deutsche Reich zurück, um gesammelte Spenden an den Hilfsverein für jüdische Lungenkranke „Etania“ in Davos zu übergeben. Im Lauf des Jahres 1939 flohen die Eheleute nach Paris, in der Hoffnung, von dort aus doch noch zu Sohn und Tochter gelangen zu können. Obwohl sie irgendwann Fahrkarten nach Kairo besaßen, durften sie die inzwischen deutsch besetzte Zone Frankreichs nicht mehr verlassen. Zuletzt flüchtete das Ehepaar W. nach Sauray im westfranzösischen Département Vienne. 1942 wurden Hermann und Ida W. von Clermont-Ferrand zuerst in das Lager Poitiers, dann in das Internierungslager Drancy und von dort am 23.9.1942 in das Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Sie wurden wahrscheinlich nach der Ankunft im Vernichtungslager sofort ermordet. Die Todesdaten sind nicht bekannt.
Eine bronzene Porträtbüste W.s, geschaffen von dem mit W. befreundeten Bildhauer Benno Elkan, schenkte die Belegschaft des Kaufhauses W. ihrem Chef zum 60. Geburtstag 1927. Die Büste befindet sich im Besitz der Erben W.s in den USA.
Seit 2017 Stolpersteine für Hermann und Ida W. vor dem früheren Standort des Warenhauses W. auf der Ffter Zeil. Die Gedenkstätte Neuer Börneplatz erinnert auch an Hermann W., Ida W. und deren Nichte Johanna W. (1889-1942). Johanna W., Tochter von Simon W., war taubstumm und wurde bei der siebten Massendeportation aus Ffm. am 18.8.1942 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, wo sie ein halbes Jahr später starb.
„Lili Wronker Family Collection“, Sammlung zur Familiengeschichte aus dem Besitz von Lili W., geb. Cassel (* 1924), der Ehefrau von Erich W. (1921-1997), dem Enkel von Hermann W., im Leo Baeck Institute in New York (digitalisiert und online einsehbar). Zwei Alben mit Dokumenten zur Geschichte von W.s Warenhäusern (1908) bzw. mit Glückwünschen zum 70. Geburtstag W.s (1937) aus dem Nachlass von W. in der UB Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Heike Drummer.

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Literatur:
                        
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Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Riebsamen, Hans: Lili Wronker hegt weder Hass noch Groll. In: FAZ, 8.11.2007. | Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, Entschädigungsakten Wronker. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/604. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/R 2.075 (Hermann Wronker AG, Warenhausgesellschaft). | Jüdisches Museum Ffm.JMF, div. Korrespondenz mit Alice Engel-Wronker.
Internet: Ffm. 1933-1945, Internetpräsentation zur Geschichte Fft.s in der NS-Zeit, ein Projekt des ISG im Auftrag des Dezernats für Kultur und Freizeit der Stadt Ffm. http://www.frankfurt1933-1945.de
Hinweis: Artikel von Heike Drummer/Jutta Zwilling über Hermann Wronker.
Ffm. 1933-1945, 9.12.2017.
| Jüdische Pflegegeschichte/Jewish Nursing History – Biographien und Institutionen in Ffm., Forschungsprojekt der Historischen Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege an der Bibliothek und dem Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Studiengang Pflege, Fachhochschule – University of Applied Sciences, Ffm. http://www.juedische-pflegegeschichte.de/recherche/?dataId=355857608930771&opener=131724511929199&id=131724555879435&sid=e3acbb631151a3b697398ee03207aa48Jüd. Pflegegeschichte, 9.12.2017. | Internetpräsenz des Leo Baeck Institute (LBI), New York/Berlin. https://www.lbi.org/?s=Wronker - http://digifindingaids.cjh.org/?pID=121535 -
Hinweis: u. a. „Lili Wronker Family Collection“ online.
Leo Baeck Institute, 9.12.2017.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Wronker - https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufhaus_Wronker -
Hinweis: Artikel über Hermann Wronker und über das Kaufhaus Wronker.
Wikipedia, 8.12.2017.


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Empfohlene Zitierweise: Drummer, Heike: Wronker, Hermann. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/4673

Stand des Artikels: 23.2.2018
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 12.2017.