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Schütte-Lihotzky, Margarete

Gestalterin der „Ffter Küche“.

Margarete Schütte-Lihotzky

Margarete Schütte-Lihotzky auf dem Dachgarten (wahrscheinlich ihres Wohnhauses in der Kranichsteiner Straße 26)
Fotografie von Hermann Collischonn (um 1930).

© Institut für Stadtgeschichte, Ffm. (Sign. ISG_S7A2006_00148).
Schütte-Lihotzky, Margarete, gen. Grete, geb. Lihotzky. Dr. h. c. mult. Architektin. Kommunistin. Antifaschistische Widerstandskämpferin. * 23.1.1897 Wien-Margareten, † 18.1.2000 Wien.
Sch.-L. gehört zu den Pionierinnen auf dem Gebiet der Architektur. Sie wohnte und arbeitete zwar nur knapp fünf Jahre in Ffm. Mit Idee, Konzeption und Umsetzung der ersten seriell produzierten Einbauküche in den 1920er Jahren hat sie trotzdem Ffter Geschichte und darüber hinaus Architektur- und Designgeschichte geschrieben.
Tochter des österreichischen Staatsbeamten und Richters Erwin Lihotzky (1856-1923) und dessen Ehefrau Julie, geb. Bode (1866-1924). Schwester der Lehrerin Adele Lihotzky (1893-1968). Enkelin von Erwin Lihotzky, Bürgermeister von Czernowitz. Verheiratet (von 1927 bis zur Trennung 1951) mit dem Architekten Wilhelm Schütte (1900-1968).
Aufgewachsen in einem liberal und republikanisch eingestellten Elternhaus. Besuch der Volks- und Bürgerschule in Wien. Danach privater Malunterricht und zweijährige Ausbildung an der Graphischen Versuchs- und Lehranstalt in Wien. Von 1915 bis 1919 Studium der Architektur bei Oskar Strnad (1879-1935) und Heinrich Tessenow (1876-1950) an der Kunstgewerbeschule (heute: Universität für angewandte Kunst) in Wien. An dem Fach reizte Sch.-L. die „Dreieinigkeit von ineinandergreifenden gesellschaftlich-sozialen, technisch-wissenschaftlichen und künstlerischen Problemen“. Zum Studium gehörte auch Möbelgestaltung, wodurch sie sich eine der Grundlagen für ihren späteren Erfolg mit der „Ffter Küche“ erwarb. Für ihren Wettbewerbsbeitrag „Eine Wohnküche in der äußeren Vorstadt“ erhielt Sch.-L. bereits 1917 den Max-Mauthner-Preis der Handels- und Gewerbekammer. Zwei Jahre später wurde sie von der Gesellschaft zur Förderung der Kunstgewerbeschule mit dem Lobmeyer-Preis ausgezeichnet, der damit erstmals an eine Frau ging.
Beim Abschluss des Studiums 1919 war Sch.-L. die erste diplomierte Architektin Österreichs, die den Beruf auch ausübte. Zunächst setzte sie ihre Studien im Architekturbüro Vermeer in Rotterdam und durch Vorlesungen zum Städtebau bei Hendrik Petrus Berlage (1856-1934) in Amsterdam fort. Danach wurde sie für die Wiener Siedlerbewegung tätig, zuerst (1921-22) bei der „Ersten gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs“, dann (1922-24) im Baubüro des „Österreichischen Vereins für Siedlungs- und Kleingartenwesen“. Daneben unterhielt sie ein eigenes Büro und arbeitete zeitweise für Ernst Egli (1893-1974) an der Siedlung Eden und einem Kinderheim mit. Bereits in dieser Zeit, etwa im Rahmen ihrer Tätigkeit für das Baubüro, befasste sich Sch.-L. intensiv mit der Konzeption von Siedlungshäusern, wofür sie Grundrisstypen entwickelte, darauf abgestimmte Einheitsmöbel entwarf und rationelle Küchen plante. Wesentliche Impulse erhielt sie durch den Taylorismus, dessen Erkenntnisse sie in die architektonische Konzeption von Küchen einbezog. Für die Siedlerhäuser sah ihr innovatives Konzept die Trennung der Funktionen in eine Wohn- und eine Spülküche vor.
Das Baubüro als Repräsentant moderner Architekturauffassungen erhielt 1923 den Auftrag für einen der großen Wiener Volkswohnungskomplexe: den Leopold-Winarsky-Hof mit 740 Wohneinheiten. Die Planungen wurden auf acht, meist schon berühmte Architekten verteilt, darunter aber auch die damals 26 Jahre alte Sch.-L. Die Tätigkeit im Siedlungs- und Geschosswohnungsbau brachte sie mit der Arbeiterbewegung in Kontakt; sie beschäftigte sich mit dem Marxismus und beurteilte auch architektonische Fragen zunehmend politisch. Folgerichtig trat sie 1924 in die sozialdemokratische Partei in Österreich ein, der sie bis 1927 angehörte.
Als sich der aus Ffm. stammende Architekt Ernst May, damals Leiter der Schlesischen Heimstätte in Breslau, über die Wiener Siedlungsbauten informierte, führte ihn Sch.-L. durch die Stadt. Beeindruckt von ihrer rationalen Küchenplanung, gab May ihr die Möglichkeit, ihre Überlegungen zu Wohnungsbau und moderner Haushaltsführung in der von ihm initiierten Zeitschrift „Schlesisches Heim“ zu veröffentlichen: Sch.-L.s erster Artikel. May, inzwischen Stadtrat für Bauwesen in Ffm., berief Sch.-L. im November 1925 in die Mainstadt. Hier bot sich für sie die Gelegenheit, ihre in Wien aus finanziellen Gründen teilweise nicht umsetzbaren Ideen in großem Maßstab zu realisieren.
Ab 1.2.1926 arbeitete Sch.-L. – als erste Architektin – im Ffter Hochbauamt. In der von Eugen Kaufmann (1892-1984) geleiteten Abteilung Typisierung war Sch.-L. zunächst für die Planung von Typengrundrissen der Siedlung Praunheim zuständig. Außerdem beteiligte sie sich an der Entwicklung der völlig neuartigen Plattenbauhäuser, wobei die Normierung und Vorfertigung von Bauteilen die Kosten senken, die Bauzeit verringern und damit rasch zu bezahlbaren Wohnungen führen sollten. Sch.-L.s Hauptaufgabe aber bestand in der Konzeption einer Küche für sämtliche Wohneinheiten in den Siedlungen des Neuen Fft.
Als Sch.-L. mit der Planung der heute weltbekannten „Ffter Küche“ begann, kam es zunächst zu Kontroversen mit Hermann Rudloff, der bereits Typengrundrisse entwickelt und auch einen Vorschlag für die Kücheneinrichtung gemacht hatte. Offensichtlich setzte sich aber Sch.-L., unterstützt von May und Kaufmann, mit ihren Auffassungen durch. Ihre Grundidee bestand in der erstmaligen konsequenten Trennung von Küche und Wohn-/Essraum, die dadurch möglich wurde, dass der Herd nicht mehr mit Holz oder Kohle zu befeuern und damit für die energiesparende Beheizung von Bedeutung war, sondern stattdessen Gas- oder später auch Elektroherde installiert werden konnten. Aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen über sämtliche Wege und Handgriffe bei der Küchenarbeit entwickelte sie eine Normküche mit fest eingebautem Mobiliar auf rund 6,5 Quadratmetern. Als Vorbild diente die Mitropa-Speisewagenküche. Ziel war es, der (berufstätigen) Frau die Hausarbeit zeitlich und vom Kraftaufwand her zu erleichtern und die technischen Voraussetzungen für eine fortschreitende Emanzipation zu schaffen. Zudem ging es um eine verbesserte Hygiene. Da die Einbaumöbel zu den Baukosten zählten und über die Miete abgerechnet wurden, stand allen Bewohnern mit dem Einzug gegen einen monatlichen Mietaufschlag von zwei bis drei Reichsmark diese voll ausgestattete, moderne Küche zur Verfügung. Um für die neue Form der Arbeitsküche bei potentiellen Nutzern zu werben, drehte Paul Wolff im Auftrag der Stadt Ffm. 1928 den Dokumentarfilm „Die Ffter Küche“. Die von Sch.-L. entworfene Küche wurde in den May-Siedlungen etwa 10.000-mal in unterschiedlichen Varianten installiert und gilt als Prototyp für die moderne Einbauküche.
Zum Vermittlungskonzept des Neuen Fft. gehörte, dass Sch.-L. als Leiterin der Bauberatung einmal monatlich in hauswirtschaftlichen Wohnungsfragen jedermann Rede und Antwort stand. Der hohe wissenschaftliche Anspruch Sch.-L.s in der Küchenplanung und zugleich die deutschlandweite Anerkennung ihrer Leistungen auf diesem Gebiet kam auch in den Mitteilungen der „Reichforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ zum Ausdruck, in denen die Architektin 1929 detailliert die optimalen Lösungen für jedes Bauteil der Küchen beschrieb und die in Ffm. gesammelten Erfahrungen überregional zugänglich machte. Zwischen 1926 und 1930 stellte sie ihre Ideen darüber hinaus bei Hausfrauenvereinen und kommunalen Gremien in vielen Städten des Reiches vor.
Die neuen Wohnkomplexe wurden vielfach um Schrebergartenanlagen ergänzt. Die Nutzgärten sollten einerseits zur Entlastung der Haushaltskasse dienen, andererseits zu gesunden Lebensumständen beitragen und wurden als Pachtgärten teilweise mit normierten Gartenhütten und Lauben ausgestattet. Auch dafür erarbeitete Sch.-L. Typenentwürfe, die auf der Ffter Ausstellung „Die neue Wohnung und ihr Innenausbau“ 1927 zu sehen waren. Dort zeigte die Architektin außerdem ein gemeinsam mit Wilhelm Schütte gestaltetes Einraum-Wochenendhaus im 1 : 1-Modell, das viel beachtet wurde.
Im selben Jahr bezog Sch.-L., die zuvor als Untermieterin in zwei Zimmern in der Bettinastraße 44 gelebt hatte, eine Wohnung mit Dachgarten in einem vom Hochbauamt neu errichteten Gebäude in der Kranichsteiner Straße 26 in Sachsenhausen (erhalten; heute unter Denkmalschutz). Im Frühjahr 1927 heiratete sie den Architekten Wilhelm Schütte, einen Kollegen aus der Abteilung Schulbauten. Die Eheleute arbeiteten künftig bei einigen Projekten zusammen, etwa bei der Wohnung für das Existenzminimum, einem Wochenendhaus und einer Villa.
Gegen Ende ihrer Ffter Jahre spezialisierte sich Sch.-L. auf die Planung pädagogischer Anstalten, die ebenfalls die Abteilung Typisierung betreute. Um im Schulunterricht an die rationelle Hauswirtschaft heranzuführen, stattete die Stadt Ffm. bestehende und neue Schulen mit eigens von Sch.-L. entworfenen Lehrküchen aus. In ihrer Konzeption verwarf sie die bisher als Großküche gestaltete Schulküche und propagierte als Idealtypus einen halbrunden Baukörper, der am Rand Küchenkojen für Arbeitsgruppen in Haushaltsgröße bot. Im Zentrum sollten das Lehrpult und ein halbrunder Tisch mit Gasanschlüssen für den theoretischen und experimentellen Unterricht stehen.
Ab 1928 plante die Abteilung Typisierung auch Neubauten von Kindergärten, nachdem zuvor nur Umbauten realisiert worden waren. Für den nicht mehr umgesetzten Entwurf eines Kindergartens in der Siedlung Praunheim ließ sich Sch.-L. von der Reformpädagogik Maria Montessoris (1870-1852) inspirieren und sah einen zur Natur geöffneten und orientierten Pavillonbau vor, dem Laubengänge, Liege- und Spielterrassen angegliedert waren. Die einzelnen Bauteile gruppierte sie so, dass drei Kindergartengruppen jeweils einen eigenen Trakt mit Außenraum erhalten sollten, damit bei ansteckenden Krankheiten nicht die gesamte Anlage geschlossen werden müsste.
Obwohl Sch.-L., wie May schon 1927 schrieb, „in künstlerischer und technischer Hinsicht auf dem von ihr bearbeiteten Spezialgebiete als erste Spezialistin Deutschlands und der Nachbarländer betrachtet werden“ konnte, verlängerte der Magistrat den Vertrag der frisch Verheirateten mit Ausnahmegenehmigung ab 1927 nur noch jeweils befristet, da Doppelbeschäftigungen von Ehepartnern in städtischen Diensten nicht gestattet waren. Ende 1928 schied sie als Angestellte aus den städtischen Diensten aus. Seitdem blieben Sch.-L. nur befristete Honorarverträge als Privatarchitektin, um für die Kommune tätig sein zu können – zu einem verminderten Honorarsatz von anfangs 400, ab 1930 nur noch 200 Mark monatlich. Der letzte Vertrag endete am 30.6.1930.
Anfang der 1930er Jahre fehlten in Ffm. politische Mehrheiten und ausreichende Finanzierungsmöglichkeiten für den avantgardistischen Massenwohnungsbau und die Projekte des Neuen Fft. So folgte Ernst May einem Ruf in die Sowjetunion, um dort neu zu errichtende Städte für die Zentren der Schwerindustrie zu planen. Gemeinsam mit May gingen 1930 Sch.-L. als Fachfrau für Kinderanstalten, ihr Ehemann als Experte für Schulbauten sowie 14 andere Repräsentanten des Neuen Fft. nach Moskau, darunter die engsten Freunde des Ehepaars: der Architekt Werner Hebebrand und der Grafiker Hans Leistikow. Für die im Ural aus dem Boden zu stampfende Eisenhüttenstadt Magnitogorsk verantworteten die Planer um May die gesamte Stadtplanung mit Ausnahme der Industriebauten. Sch.-L. leitete bis 1933 eine Abteilung der „Brigade May“ mit 30 Mitarbeitern, die typisierte Kinderkrippen und Kindergärten für die gesamte Sowjetunion entwickelte. Verschiedene Auszeichnungen sowjetischer Stellen dokumentieren die Wertschätzung ihrer Arbeiten.
Auch nach der Ausreise Mays nach Ostafrika im Dezember 1933 blieben Sch.-L. und ihr Ehemann in der Sowjetunion. Im Auftrag der Moskauer Akademie für Architektur entwarf Sch.-L. von 1934 bis 1936 Möbel für Kinder unterschiedlicher Altersstufen nach neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen. Außerdem plante sie gemeinsam mit ihrem Mann zwei Schulen. In den Jahren 1936 und 1937 erarbeitete sie u. a. Kindergarten-Typenentwürfe im Auftrag des Volkskommissariats für das Bildungswesen und die Einrichtung der Kinderabteilung eines Kaufhauses in Stalingrad. Als ihre Pässe abzulaufen drohten, entschlossen sich die Eheleute, auch angesichts zunehmender stalinistischer Repressionen gegenüber Ausländern, im August 1937 zur Ausreise. Eine Rückkehr nach Nazi-Deutschland kam für beide jedoch nicht in Frage. Nach einer Odyssee durch Europa lebten die Eheleute ein Jahr in Paris, wo sie Kontakt zur Widerstandsbewegung knüpften. In der von Emigranten überfluteten Stadt konnte das Architektenpaar jedoch langfristig keine Arbeit finden.
Auf Einladung des Architekten Bruno Taut (1880-1938) ging das Ehepaar Sch.-L. 1938 nach Istanbul. Ähnlich wie in der Sowjetunion lief auch in der Türkei ein großangelegtes Landesentwicklungsprogramm, das die Bekämpfung des Analphabetismus und damit den flächendeckenden Schulbau umfasste, wobei auch hier Typenentwürfe eine kostengünstige und schnelle Umsetzung garantieren sollten. Sch.-L. und ihr Gatte erhielten jeweils einen auf drei Jahre befristeten Vertrag vom Unterrichtsministerium: sie für den Bau von Dorf- und Mädchenschulen, er für den Schulbau insgesamt. Sch.-L. plante erweiterungsfähige Schulen, die von Dorfbewohnern unter Anleitung selbst errichtet werden konnten; zudem gestaltete sie das jeweils vor Ort produzierte Mobiliar. Zu den schönsten Projekten zählte die – jedoch nicht umgesetzte – Erweiterung eines Mädchengymnasiums von Ernst Egli (1893-1974) in Ankara.
Durch den Grazer Architekten Herbert Eichholzer (1903-1943) kam Sch.-L. in Kontakt zum österreichischen Exilwiderstand und schloss sich 1939 der damals illegalen Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) an. Auf eigenen Vorschlag reiste sie im Dezember 1940 nach Wien, um Kontakt zum antifaschistischen Widerstand zu knüpfen und den Kopf der illegalen Parteiführung, Erwin Puschmann (1905-1943), zur Ausreise zu bewegen. Sch.-L. wollte ihren Beitrag für ein befreites Österreich und den Sturz Hitlers leisten. Nach 25 Tagen konspirativer Arbeit wurden Puschmann und Sch.-L. durch einen Gestapo-Spitzel in eine Falle gelockt und bei Übergabe illegalen Materials am 22.1.1941 in Wien verhaftet. Für sie folgten 20 Monate Untersuchungshaft, davon elf in Einzelzelle, und 14 Gestapoverhöre. Am 22.9.1942 fällte der Zweite Senat des Berliner Volksgerichtshofs im Wiener Landgericht das Urteil. Für alle Angeklagten hatte der Staatsanwalt die Todesstrafe beantragt. Puschmann wurde am 7.1.1943 durch das Fallbeil hingerichtet. Sch.-L. wurde, völlig unerwartet, zu 15 Jahren Zuchthaus, 20 Jahren Ehrverlust und Zahlung der Prozesskosten verurteilt. Sie kam in Haft in das Frauenzuchthaus in Aichach/Bayern, unter furchtbaren Bedingungen, bis zur Befreiung im April 1945. Die körperlichen und psychischen Folgen der Gefangenschaft begleiteten sie zeitlebens. Nach einem Sanatoriumsaufenthalt zur Tuberkulosebehandlung war Sch.-L. nach dem Krieg zeitweise in Sofia tätig, wo sie 1947 ihren Mann wieder traf. Gemeinsam übersiedelten sie umgehend nach Wien.
Sch.-L.s Hoffnung, als Spezialistin in leitender Funktion am Wiederaufbau ihrer Heimatstadt beteiligt zu werden, erfüllte sich nicht. Zwar baute sie kommunale Wohngebäude und konnte bis 1952 auch einen Kindergarten sowie Anfang der 1960er Jahre ein Kindertagesheim realisieren. Als weiterhin bekennende Kommunistin erhielt sie jedoch seit Beginn des Kalten Krieges keine großen Aufträge der öffentlichen Hand oder interessanten Stellenangebote. Gewissen Ausgleich bot nur ihr Engagement als Beraterin im Ausland, z. B. in Kuba oder der DDR. Obwohl sich die Eheleute 1951 getrennt hatten, arbeitete Sch.-L. bis 1956 gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Wilhelm Schütte. Das letzte größere, auch tatsächlich umgesetzte Bauprojekt war Ende der 1960er Jahre die eigene kleine Wohnung mit Dachterrasse auf einem genossenschaftlichen Wohngebäude in Wien.
Neben ihrem Beruf engagierte sich Sch.-L., die bis zu ihrem Tod Mitglied in der Kommunistischen Partei Österreichs blieb, weiterhin politisch, u. a. als Mitglied im Vorstand des Friedensrates (seit 1948) sowie als Gründungspräsidentin (1948-69) und spätere Ehrenpräsidentin des Bundes Demokratischer Frauen Österreichs.
Als Zeitzeugin berichtete Sch.-L. oft Schülern über die Verfolgung während der NS-Zeit. Daraus erwuchs eine thematisch auf die Zeit des Widerstands und der Haft beschränkte Autobiographie („Erinnerungen aus dem Widerstand 1938-1945“), die Sch.-L. 1985 (Neuausgaben 1994 und 2014) veröffentlichte. Ihre Lebenserinnerungen, die sich vor allem ihrer planerischen Arbeit widmen, erschienen erst posthum („Warum ich Architektin wurde“, 2004).
Wegen ihres Bekenntnisses zum Kommunismus musste Sch.-L. lange Zeit auf Ehrungen warten. Erst 1980 verlieh ihr die Stadt Wien den Preis für Architektur. Unter vielen anderen späten Auszeichnungen erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Technischen Universitäten Graz (1989), München (1992) und Berlin (1993), der Technischen Hochschule Wien (1994) und der Universität Innsbruck (1997).
In Ffm., wo Sch.-L. Architekturgeschichte geschrieben hat, blieb die Erinnerung an sie im öffentlichen Raum lange umstritten. Die Vertreter der CDU in den städtischen Gremien wollten keinen öffentlichen Raum nach einer Kommunistin benannt sehen, weil sie – wie es bei der CDU hieß – bis zuletzt „einer menschenverachtenden Ideologie“ angehangen habe. Im Jahr nach ihrem Tod 2000 wurde schließlich eine Grünanlage in der Ffter Siedlung Praunheim nach der innovativen, mit sozialer Verantwortung handelnden Architektin benannt.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Jutta Zwilling.

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Empfohlene Zitierweise: Zwilling, Jutta: Schütte-Lihotzky, Margarete. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/5038

Stand des Artikels: 10.3.2016
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 03.2016.