Fehlermeldung

User warning: The following module is missing from the file system: imagcache_actions. For information about how to fix this, see the documentation page. in _drupal_trigger_error_with_delayed_logging() (line 1128 of /var/www/vhosts/frankfurter-personenlexikon.de/httpdocs/includes/bootstrap.inc).

Roessler, Heinrich

Roessler, Johann Heinrich. Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. E. h. Chemiker. Unternehmer. Kommunal- und Sozialpolitiker. * 9.1.1845 Ffm., † 15.4.1924 Ffm.
Sohn von Friedrich Ernst R. und dessen Ehefrau Marie Caroline, geb. Andreae-Willemer (1821-1906). Vater von Fritz R.
Von 1851 bis 1856 Besuch der Ffter Privatschule Abel und Simon. Anschließend bis zum Abitur 1861 Besuch der Realschule in Darmstadt. Von 1861 bis 1862 Teinahme am Unterricht an der chemischen Fachabteilung der Höheren Gewerbeschule in Darmstadt. Von 1862 bis 1866 Studium der Chemie und Metallurgie an der Bergakademie in Freiberg/Sachsen und in Göttingen, unterbrochen 1864 durch ein halbjähriges Volontariat in der Scheideanstalt der Ffter Münze. 1866 Promotion mit einer Arbeit „Ueber die Doppelcyanüre des Palladiums“ bei Friedrich Wöhler in Göttingen. 1867 Rückkehr nach Ffm. Auf Wunsch des Vaters organisierte R. die Verlegung der von der städtischen Münze gelösten Scheideanstalt in die Schneidwallgasse. Gemeinsam mit seinem Bruder Hector R. (1842-1915) führte er die Scheideanstalt dort als reines Privatunternehmen seit 1.1.1868 unter dem Namen „Friedrich Roessler Söhne“. Nach der Reichsgründung und der Einführung der Mark als einheitlicher Währung erhielt das Unternehmen den Auftrag, einen großen Teil der nun außer Kurs gesetzten alten Landesmünzen zu scheiden. Für diesen enormen Großauftrag reichten die Betriebsmittel des bisherigen Familienunternehmens nicht aus. Daraufhin wurde am 28.1.1873 zusammen mit mehreren Ffter Banken sowie der Darmstädter Bank die Aktiengesellschaft „Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt vormals Roessler“ (ab 1980 offiziell „Degussa AG“) gegründet. Die Brüder Heinrich und Hector R. wurden zu Direktoren bestellt. Für die zügig expandierende und bald international operierende Degussa stellte Heinrich R. sowohl auf wissenschaftlichem wie sozialpolitischem Gebiet eine innovative Unternehmerpersönlichkeit dar. Nach seinen Plänen entstand 1877 ein zweiter Scheidebetrieb an der Gutleutstraße mit einer modernen Abluftreinigungsanlage; das dort angewandte Luftfilterungsverfahren wurde 1882 patentiert. 1888 entwickelte R. ein 1890 patentiertes Verfahren (R.-Edelmann-Verfahren) zur Entsilberung von Werkblei, das internationale Bekanntheit erlangte. Auf R.s Initiative wurden bei der Degussa 1884 der damals noch äußerst ungewöhnliche Achtstundentag eingeführt und 1885 ein Pensions-Reservefonds für Arbeiter und Angestellte gebildet. 1898 ließ R. erstmals frei gewählte Arbeiterausschüsse zu. Auch förderte er Fortbildungsmaßnahmen seiner Mitarbeiter. Nachdem sich die beiden Brüder als Direktoren 1901 aus dem Unternehmensvorstand zurückgezogen hatten, wurde Heinrich R. 1908 in den Aufsichtsrat der Degussa gewählt; er hatte dieses Mandat bis 1924 inne.
Neben seiner Tätigkeit als Großunternehmer nahm R. intensiv am wissenschaftlichen und politischen Leben in Ffm. teil. Von 1875 bis 1884 und von 1891 bis 1908 gehörte er als Vertreter der Demokratischen Partei der Ffter Stadtverordnetenversammlung an, zeitweise (1880-84 und 1901-07) als stellvertretender Vorsitzender. R. teilte die Auffassung des Linksliberalen Johann Jacoby, dass sich ein demokratisches Gemeinwesen sowohl durch gesellschaftliche und kulturelle als auch durch politische Teilhabe der Unterschichten auszeichne. Eine fortschrittliche kommunale Sozialpolitik sah er als wichtigen Schlüssel zum Wachstum Fft.s ohne soziale Unruhen. Daher entwickelte er ein umfangreiches Engagement auf sozialem und bildungspolitischem Gebiet. Als Deputierter der Stadtverordnetenversammlung arbeitete R. ab 1881 zeitweise im Curatorium der höheren Schulen und in der Städtischen Schuldeputation mit. Er gehörte dem Komitee für die Gründung von Handwerkerschulen und dem Vorstand des Sonderausschusses für die Errichtung einer gewerblichen Fortbildungsschule an. Zusammen mit seinem Bruder Hector R. trat er der 1903 gegründeten Gesellschaft zur Verbreitung nützlicher Volks- und Jugendschriften (Volksbibliothek) und dem zwei Jahre später ins Leben gerufenen Verein für Verbreitung von Volksbildung bei. Für den von Stadtrat Karl Flesch 1890 initiierten Ffter Ausschuss für Volksvorlesungen, der seit Januar 1891 öffentliche Veranstaltungen in Form von allgemein verständlichen und jedermann zugänglichen Vorlesungen anbot, hatte sich R. bereits seit der Gründung engagiert. Regelmäßig hielt R. als Referent selbst Vorträge zu naturwissenschaftlichen Themen für den Ausschuss, aus dem später (1919) der Ffter Bund für Volksbildung hervorging.
In seinem Wunsch, soziale Ungleichheiten zu begrenzen, war R. an der Einführung einer Lohntafel für städtische Arbeiter (1897) und einer Pensionskasse für die kommunale Arbeiterschaft sowie deren Hinterbliebene nach dem Vorbild der Degussa (1897) beteiligt. Besonders engagierte sich R. im Wohnungsbau. Er unterstützte die kommunalen Bauprojekte des Oberbürgermeisters Franz Adickes verhement, war Mitglied mehrerer gemeinnütziger Baugesellschaften und veranlasste die Degussa 1899, ein Kapital von rd. 30.000 Mark in die Actien-Baugesellschaft für kleine Wohnungen einzubringen. Zusammen mit seinem Bruder Hector finanzierte R. den Bau eines Arbeiterwohnhauses im Sachsenhäuser Fritschengässchen, das er der Actien-Baugesellschaft für kleine Wohnungen 1909 zur Verwaltung übertrug. Zudem setzte sich R. mit Nachdruck für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts ein.
Die Überzeugung, dass Kenntnisse der Naturwissenschaften dem gesellschaftlichen Fortschritt dienten, ließ R. zu einem der wichtigsten Repräsentanten des wissenschaftlichen Vereinslebens in Ffm. werden. Er gehörte u. a. zu den Mitgründern der Ffter Chemischen Gesellschaft (1869). Besonders widmete er sich dem Physikalischen Verein, dem er bereits 1867 beigetreten war. 1871 hielt er dort seinen ersten Vortrag (und zwar „Über die neueren Gasschmelz- und Probieröfen und eine neue Methode, Dämpfe von salpetriger Säure unschädlich zu machen“), dem viele weitere folgten, in denen er u. a. seine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse bei der Degussa vorstellte. 1886 wurde er, zunächst als Kassenwart, in den Vorstand des Physikalischen Vereins gewählt, an dessen Spitze er dann als Vorsitzender mehrfach (1887-89, 1892-95, 1903-04) stand; später amtierte er als Beisitzer (1904-06), als zweiter Vorsitzender (1907-08) und schließlich wieder als Kassenwart (1908-10) dieses Vereins. Bis 1924 gehörte er dem Vorstandsrat an, und 1923 wurde er zum Ehrenvorsitzenden des Physikalischen Vereins ernannt. Insbesondere setzte sich R. für den Bau des ersten eigenen Vereinshauses in der Stiftstraße 32 ein, das 1887 eröffnet wurde. Als das Gebäude mit zunehmendem Forschungs- und Vorlesungsbetrieb zu eng wurde, unterstützte er den Neubau in der heutigen Robert-Mayer-Straße 2-4 (1907; offiziell eingeweiht 1908) und veranlasste die Degussa zu einer namhaften Spende, um eine Finanzierungslücke zu schließen.
Aufgrund seiner Vorstandstätigkeit im Physikalischen Verein sowie seiner Mitarbeit im Großen Rat der 1901 eröffneten Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften gehörte R. von Anfang an zu den Befürwortern der Gründung einer Ffter Stiftungsuniversität. 1912 erreichte er, dass der Aufsichtsrat der Degussa 250.000 Mark für den Ausbau eines chemischen Instituts stiftete. Sein Bruder Hector R. stellte aus seinem Privatvermögen 1913 weitere 100.000 Mark zur Verfügung. Nach der Eröffnung der Universität 1914 arbeiteten beide Brüder in deren Verwaltungsgremien, dem Großen Rat und dem Kuratorium, mit.
Seit 1902 Mitglied im Aufsichtsrat der Ffter Societätsdruckerei, seit 1906 als dessen stellvertretender Vorsitzender und schließlich – in der Nachfolge von Leopold Sonnemann – seit 1909 als Vorsitzender. Vorkämpfer der Friedensbewegung, u. a. als langjähriger Präsident des Ffter Friedensvereins und Mitbegründer des „Verbands für internationale Verständigung“ (1911).
Wissenschaftliche Veröffentlichungen (u. a. „Geschichte der Arbeitsmethode der Scheideanstalt“, 1903) sowie sozialpolitische Vorträge und Schriften mit besonderen Schwerpunkten auf Volkswohlfahrt, Arbeitsschutz und Mitbestimmung.
Verfasser von „Lebenserinnerungen“ (1906).
1909 Verleihung des Professorentitels für seine wissenschaftlichen Leistungen und seine Verdienste um den Physikalischen Verein. 1923 Ehrendoktorwürde der Bergakademie Freiberg.
Heinrich-R.-Straße am Dornbusch.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 207f., verfasst von: Reinhard Frost (überarbeitete Onlinefassung für das Frankfurter Personenlexikon von Andrea Hohmeyer).

Lexika: Kallmorgen, Wilhelm: 700 Jahre Heilkunde in Ffm. Ffm. 1936.Kallmorgen, S. 385. | Renkhoff, Otto: Nassauische Biographie. Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. Wiesbaden 1985, 2., überarb. Aufl. 1992. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau XXXIX).NB 1992, S. 653, Nr. 3577. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Andrea Hohmeyer in: NDB 21 (2003), S. 746f. | Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 479f.
Literatur:
                        
Immer eine Idee besser. Forscher und Erfinder der Degussa. Hg.: Degussa-AG, Ffm. Red.: Mechthild Wolf. Ffm. 1998.Forscher u. Erfinder der Degussa 1998, S. 10-32. | Geschichte der Ffter Zeitung. Volksausgabe. Hg. v. Verlag der Ffter Zeitung (Ffter Societätsdruckerei GmbH). Ffm. 1911.Gesch. d. FZ 1911, S. 1045, 1054, 1057. | Lesczenski, Jörg: Heinrich Roessler. Naturwissenschaftler, Unternehmer, Demokrat. Ffm. 2015. (Gründer, Gönner und Gelehrte, Biographienreihe der Goethe-Universität Ffm., hg. v. d. Goethe-Universität Ffm., [Bd. 14]).Lesczenski: Heinrich Roessler 2015. | Maly, Karl: Die Macht der Honoratioren. Geschichte der Ffter Stadtverordnetenversammlung, Bd. I: 1867-1900. Ffm. 1992. (Veröffentlichungen der Ffter Historischen Kommission, Bd. XVIII/1).Maly: Stvv. I 1992. | Maly, Karl: Das Regiment der Parteien. Geschichte der Ffter Stadtverordnetenversammlung, Bd. II: 1901-1933. Ffm. 1995. (Veröffentlichungen der Ffter Historischen Kommission, Bd. XVIII/2).Maly: Stvv. II 1995. | Wolf, Mechthild: Heinrich Roessler 1845-1924. Ein halbes Jahrhundert Degussa-Geschichte. Ffm. 1984.Wolf: Heinrich Roessler 1984.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/1.054.
Internet: Die Geschichte von Evonik Industries, hg. v. der Evonik Industries AG, Essen. http://history.evonik.com/sites/geschichte/de/persoenlichkeiten/roessler-heinrich/pages/default.aspxEvonik Geschichtsportal, 3.2.2016. | Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. http://www.lagis-hessen.de/pnd/118745808Hess. Biografie, 3.2.2016. | Internetseiten des Physikalischen Vereins, Gesellschaft für Bildung und Wissenschaft, und der Volkssternwarte Fft., Ffm. http://www.physikalischer-verein.de/index.php/verein/historisches
Hinweis: Historisches zum Physikalischen Verein.
Physikalischer Verein, 4.2.2016.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_RoesslerWikipedia, 3.2.2016.

GND: 118745808 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2017 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Frost, Reinhard/Hohmeyer, Andrea: Roessler, Heinrich. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/915

Stand des Artikels: 4.2.2016
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 02.2016.