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Hirsch, Familie

Ferdinand H. (1843-1916) kam aus dem Rheinhessischen (Ober-Ingelheim im Kreis Bingen) nach Ffm. und gründete hier die Firma „Hirsch & Co“, die einen Großhandel mit Röhren und Roheisen betrieb. Er heiratete Anna Pauline Mayer (1850-1925), die der Offenbacher Lederfabrikantenfamilie Julius Mayer entstammte. Ihr Bruder war Ludo Mayer (1845-1917), der Erbe der väterlichen Lederfabrik, ein bedeutender Stifter und später Ehrenbürger der Stadt Offenbach. Das Ehepaar H. lebte in großbürgerlichem Haus in der Westendstraße 52 (nicht erhalten). Es war der Kunst sehr zugetan, besaß Werke von Hans Thoma und Wilhelm Trübner, ließ ein Plafondgemälde in seinem Haus von dem Städellehrer Frank Kirchbach ausführen („Amor und Psyche“, 1894) und stiftete eines der von Johann Albert Lüthi künstlerisch gestalteten Fenster für die Aula des 1897 erbauten Goethe-Gymnasiums, der Schule seiner Söhne. Ferdinand H. war Mitglied des 1899 gegründeten Städelschen Museums-Vereins, wo er durch Zahlung von 5.000 Mark als erster den Status eines „Ewigen Mitglieds“ erlangte, und zeigte sich bei diversen Sammlungsaktionen großzügig.
Die kunstsinnige Haltung des Ehepaars H. strahlte auch auf seine Nachkommen aus. Aus der Ehe von Ferdinand und Anna H. stammten fünf Kinder: 1. Marie Ida Therese, seit 1897 verh. Stern (1874-1932); ihre Enkelin war die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Silvia Tennenbaum (1928-2016), die, in Ffm. geboren und 1936 über die Schweiz in die USA emigriert, in dem Buch „Straßen von gestern“ (1981, dt. 1983) die Geschichte der Familie H. literarisch verarbeitet hat; 2. Carl Siegmund, gen. Karl, H. (1875-1938), promovierter Jurist und Amtsgerichtsrat, der im Konzentrationslager Buchenwald starb und auf dem Jüdischen Friedhof in Ffm.-Griesheim beigesetzt wurde; 3. Alice, gen. Lilli (auch: Lili, Lily), H. (1878-1939), seit 1903 verh. mit dem evangelischen Theologen Walter Gerlach (1863-1927), zunächst (bis 1919) Ministerialdirektor und Leiter der Abteilung für geistliche Angelegenheiten im Preußischen Kultusministerium in Berlin, zuletzt Kurator der Ffter Universität; 4. Paul Adolf H. (1881-1951); 5. Robert Max (von) H. (1883-1977). Die Söhne erlangten als Sammler kulturhistorische Bedeutung, insbesondere Paul H. mit seiner prominenten Musikbibliothek und Robert (von) H. mit seiner herausragenden Kunstsammlung, aber auch Karl H., der älteste Sohn, besaß eine große Büchersammlung, u. a. mit Werken englischer und französischer Autoren.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Andreas Hansert.

Lexika: Dessoff, Albert: Kunst und Künstler in Ffm. im 19. Jahrhundert. 2. Bd.: Biographisches Lexikon der Ffter Künstler im 19. Jahrhundert. Ffm. 1909.Dessoff, S. 156 u. 159. | Ffter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon. Im Auftrag der Ffter Historischen Kommission. Hg. v. Wolfgang Klötzer. Bearb. v. Sabine Hock und Reinhard Frost. 2 Bde. Ffm. 1994/96. (Veröffentlichungen d. Ffter Historischen Kommission XIX/1 u. 2).FB 1 (1994), S. 334.
Literatur:
                        
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Quellen: ISG, Einwohnermeldekartei („Nullkartei“), ca. 1870-1930.Meldekarte von Ferdinand Hirsch und seiner Ehefrau Anna, geb. Mayer, in: ISG, Nullkartei. | Programm des Goethe-Gymnasiums in Ffm. Ffm. 1897-1915.Progr. Goethe-Gymnasium 1897, S. 19.
2 herausragende Vertreter der Familie in Ffm.

Hirsch, Paul

Paul Hirsch

Paul Hirsch
Fotografie.

© Institut für Stadtgeschichte, Ffm. (Sign. ISG_S7P1998_06529).
Hirsch, Paul Adolf. Kaufmann. Musikbibliophile. * 24.2.1881 Ffm., † 25.11.1951 Cambridge (England).
Viertes von fünf Kindern von Ferdinand H. (1843-1916) und dessen Ehefrau Anna Pauline, geb. Mayer (1850-1925). Bruder von Robert (von) Hirsch. Verheiratet (seit 1910/11) mit Olga Anna Henriette H., geb. Ladenburg (1889-1969), Tochter des Bankiers Ernst Ladenburg. Zwei Söhne und zwei Töchter.
Schüler des Ffter Gymnasiums bzw. (ab 1897) des daraus hervorgegangenen Goethe-Gymnasiums. Dann kaufmännische Ausbildung in der väterlichen Firma in Ffm. Aufenthalte zur beruflichen Weiterbildung in England und Frankreich. Inhaber der international tätigen Großhandelsfirma „Hirsch & Co.“ in Ffm., Röhren und Roheisen, die sein Vater Ferdinand H. 1867 gegründet hatte und die zu einem der größten Unternehmen dieser Branche in Deutschland aufgestiegen war.
Mitglied der DVP.
Von 1930 bis 1933 Vizepräsident der IHK Ffm.-Hanau. Mitglied in verschiedenen Kammerausschüssen, im Fachbeirat für den Ausfuhrhandel, in der Außenhandelsstelle (als Vorsitzender) und in weiteren Gremien der Kammer sowie im Außenhandelsausschuss des Deutschen Industrie- und Handelstags, in zahlreichen Wirtschaftsverbänden und Aufsichtsräten.
Die Liebe zu Kunst und Musik war den Geschwistern H. bereits im Elternhaus mitgegeben worden. Paul H. spielte gut Geige, worin er u. a. bei Adolf Rebner ausgebildet worden war, und auch Bratsche, so dass er bei den vom Vater Ferdinand H. veranstalteten Hauskonzerten, oft mit prominenten Gastmusikern, mitwirken konnte; belegt ist etwa eine Aufführung von Mozarts Klarinettenquintett mit dem berühmten Klarinettisten Richard Mühlfeld sowie Hermann Hock (1. Geige), Ludwig Rottenberg (2. Geige), Paul H. (Bratsche) und Johannes Hegar (Cello) am 23.12.1900. Ebenfalls schon als Jugendlicher, wohl um 1896, begann H., Musikalien zu sammeln. Ab etwa 1900 baute er unter Berücksichtigung wissenschaftlicher und bibliophiler Kriterien systematisch eine bedeutende Musikbibliothek auf, die schließlich rund 20.000 Bände (praktische Notenausgaben, darunter besonders frühe und seltene Notendrucke, sowie musikwissenschaftliche und -theoretische Literatur) umfasste, die historische Entwicklung des Notendrucks anhand wertvoller Inkunabeln lückenlos dokumentierte und sich somit zu einer Privatsammlung entwickelt hatte, die ihresgleichen suchte. Seit dem Erwerb großer Teile der bedeutenden Bibliothek des Berliner Musikkritikers Werner Wolffheim (1877-1930) bei deren Versteigerung 1928/29 besaß H. wohl die größte private Musikbibliothek Europas.
Bereits ab 1909 hatte H. seine Bibliothek der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als „Musikbibliothek Paul Hirsch“ war sie von 1918 bis 1936 im Seitenflügel des von H. neu erworbenen Hauses in der Neuen Mainzer Straße 57 (ehem. Haus du Fay, erbaut für Lulu de Bordes, geb. Brentano, 1834; kriegszerstört 1944) untergebracht, und seit der Einstellung der promovierten Musikwissenschaftlerin Kathi Meyer (seit 1934 verh. Meyer-Baer, 1892-1977) im Jahr 1922 war die Bibliothek hauptamtlich verwaltet. Der „Katalog der Musikbibliothek Paul H.“ erschien als „Serie 2“ der „Veröffentlichungen der Musikbibliothek Paul H.“ (mit Kathi Meyer, 1928-47) und umfasst vier Bände. In der „Serie 1“ der Veröffentlichungsreihe gab H., zusammen mit dem Berliner Musikwissenschaftler Johannes Wolf (1869-1947), musikwissenschaftliche Monographien und Faksimiles heraus (11 Bände, 1922-34; 12. Band, hg. v. Alfred Einstein, 1945). Auch bestückte H. bedeutende Ausstellungen mit Exponaten aus seiner Sammlung, u. a. die Schau „Schmuck und Illustration von Musikwerken in ihrer Entwicklung vom Mittelalter bis in die neueste Zeit“ (im Ffter Kunstgewerbemuseum, 1908/09) und die Historische Abteilung der internationalen Ausstellung „Musik im Leben der Völker“ in Ffm. (1927).
Die Musikbibliothek wurde von Musikern, Musikwissenschaftlern sowie Studierenden der Universität und Schülern der Konservatorien rege genutzt. In den erhaltenen Benutzerbüchern der Jahre 1923 bis 1935 sind viele und wichtige Namen des Ffter Musiklebens jener Zeit verzeichnet, u. a. Licco Amar, Theodor Wiesengrund Adorno, Artur Holde, Erich Itor Kahn, Emma Lübbecke-Job, Carl Rehfuss, Ludwig Rottenberg, Hermann Scherchen, Mátyás Seiber und Helmut Walcha, aber auch auswärtige Besucher, die oft von weit her (sogar aus Tokio) eigens anreisten. Wilhelm Furtwängler logierte bei Ffter Gastspielen im Fremdenzimmer des Hauses H. Mit Bruno Walter war H. befreundet. In (zumindest brieflichem) Kontakt stand er mit dem Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942), der ebenfalls Musikalien – allerdings Autographen – sammelte. Häufig war H. Gastgeber von Tagungen und Versammlungen, etwa des Vorstands der neu gegründeten Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft (1928), die er durch seine Bibliothek führte.
Das Haus in der Neuen Mainzer Straße 57 diente aber auch der aktiven Musikpflege. Zu diesem Zweck war der Bibliothek ein kleiner Konzertsaal angeschlossen. Bis zum 24.11.1933 hat H. dort nachweislich 400 Kammermusikabende veranstaltet, wobei er die erste Geige in seinem „Hausquartett“ spielte; zu den Mitwirkenden gehörten Ludwig Rottenberg als alter Freund der Familie, wohl auch dessen Schwiegersohn Paul Hindemith und Mitglieder des Museumsorchesters. Feste im Hause H. waren gesellschaftliche Ereignisse, so z. B. anlässlich des „Strawinsky-Festes“ 1925 und der Tagung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik 1927. Wahrscheinlich zum „Strawinsky-Fest“, das H. als Mitglied des Arbeitsausschusses mitorganisierte, empfing das Ehepaar H. auch den Komponisten selbst und dessen Frau.
H. gehörte einigen wissenschaftlichen Gesellschaften und bibliophilen Vereinen an, in deren Gremien er sich engagierte und mitarbeitete. Bis 1933 Mitglied im Verwaltungsausschuss des Freien Deutschen Hochstifts in Ffm. Vorstandsmitglied der 1919 gegründeten „Gesellschaft der Freunde des Ffter Goethe-Museums“ bzw. der daraus 1925 hervorgegangenen „Ffter Gesellschaft der Goethe-Freunde“, die sich für die Ffter Goethestätten einsetzte. Mitglied im Ehrenausschuss für die „Frau-Rat-Feier“, die zugunsten des Goethehauses am 16.3.1924 im Schauspielhaus veranstaltet wurde. Mitbegründer (1922) und Vorsitzender (1922-34) der Ffter Bibliophilen-Gesellschaft. Der exklusiven Ffter Bibliophilen-Gesellschaft gehörte auch H.s Ehefrau Olga an, die historische Bucheinbände und Buntpapiere sammelte und zu deren fachgerechter Pflege eigens das Buchbinderhandwerk erlernt hatte.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 hielt H. den öffentlichen Betrieb seiner Bibliothek zunächst aufrecht, obwohl die Besucherzahlen bald rapide zurückgingen. Im Februar 1934 gehörte H. zu den Gründern des Zweigs des Kulturbunds Deutscher Juden (seit 1935: Jüdischer Kulturbund) für das Rhein-Main-Gebiet mit Sitz in Ffm.; künftig wirkte er im Arbeitsausschuss für Musik des Kulturbunds mit. Mitte November 1935 schloss H. seine Musikbibliothek für die Benutzung. Er bereitete die Verlegung seines Wohnsitzes mit der kompletten Sammlung ins englische Exil vor und hielt sich bereits seit Mai 1936 dauerhaft in London auf. Als kurz darauf, im Juni 1936, die Stadtverwaltung von H.s Plänen erfuhr, zeigte sie sich unverzüglich am Erwerb des Hauses Neue Mainzer Straße 57 interessiert, weil Oberbürgermeister Krebs darin den schon länger gesuchten idealen Standort für das Modeamt sah. Im November 1936 kaufte die Stadt Ffm. das Anwesen zum Preis von 111.500 Reichsmark, was dem damaligen Einheitswert entsprach; nach einem vollständigen Umbau wurde am 19.11.1938 das Modeamt in der ehemaligen Villa H. eröffnet. Parallel zu den Verhandlungen um den Kauf des Hauses im Sommer 1936 plante die Stadtverwaltung, die Abwanderung der Musikbibliothek durch deren Beschlagnahmung zu verhindern. Derweil konnte H. einen Großteil seiner Sammlung am 12.8.1936 unbemerkt nach England bringen lassen. Fünf Tage später (17.8.1936) wurde die Musikbibliothek auf Betreiben von Krebs in das „Verzeichnis der national wertvollen Kunstwerke“ eingetragen und damit ihre Ausfuhr verboten. Der Teil der Sammlung, der noch in Ffm. zurückgeblieben war, wurde daraufhin in den Lagerräumen der Spedition Fermont beschlagnahmt. Inzwischen hatte H. jedoch einen Vertrag mit der Universität Cambridge geschlossen, wodurch seine Sammlung als Leihgabe an die dortige Universitätsbibliothek übergegangen war. Schließlich gab das Berliner Innenministerium im April 1937 die beschlagnahmten Kisten und Pakete zur Ausfuhr nach Cambridge frei. Lediglich sieben einzelne Stücke musste das Ehepaar H. „geschenkweise“ der Stadt Ffm. überlassen; die erzwungene Schenkung wurde auf Antrag von Paul und Olga H. in einem langwierigen Verfahren (1948-53) rückgängig gemacht.
Trotz seiner Ausbürgerung (1938) wurde H. während des Krieges 1940 kurzzeitig interniert, wodurch sich sein ohnehin angegriffener Gesundheitszustand verschlechterte. Angesichts seiner angespannten finanziellen Lage entschloss sich H. 1946, die bis dahin in Räumen der Universität Cambridge untergebrachte Musikbibliothek an das British Museum in London zu verkaufen. Den Umzug seiner Sammlung und deren anschließende Integration in den Katalog der Museumsbibliothek (1949-51) betreute er noch selbst.
Weitere Schriften von H. zu musikwissenschaftlichen und bibliophilen Themen: „Katalog einer Mozart-Bibliothek“ (Verzeichnis aller Werke von und über Mozart in H.s Musikbibliothek, 1906), „Goethe und die Musik“ (1920), „Musik-Bibliophilie. Aus den Erfahrungen eines Musiksammlers“ (1927), „Die Ffter Bibliophilen-Gesellschaft“ (Aufsatz, 1932) u. a.
1932 Goetheplakette der Stadt Ffm.
Max Beckmann hat auf seinem Gruppenbildnis „Gesellschaft in Paris“ (1931; im Besitz des Guggenheim Museums, New York) u. a. Paul H. dargestellt.
Die von H. zusammengetragene Musikbibliothek ist bis heute als in sich geschlossener Bestand („Paul Hirsch Collection“), seit 1973 in der British Library in London, erhalten. Dort befindet sich auch der Nachlass von H., der u. a. die Kontoführungsbücher und die erwähnten Benutzerbücher der Ffter Musikbibliothek sowie Korrespondenz von H. enthält.

Lexika: Bergmann, E. (Hg.): Ffter Gelehrten-Handbuch. Ffm. [1930].Bergmann: Ffter Gelehrten-Hdb. 1930, S. 76f. | Bibliographie zur Geschichte der Ffter Juden 1781-1945. Hg. v. der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Ffter Juden. Bearb. v. Hans-Otto Schembs mit Verwendung der Vorarbeiten von Ernst Loewy u. Rosel Andernacht. Ffm. 1978.Bibliogr. z. Gesch. d. Ffter Juden, S. 330f., 488. | Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. 3 Bde. München/New York/London/Paris 1980-83.Emigrantenlex. II.1, S. 515f. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Karl Vötterle in: NDB 9 (1972), S. 218f. | Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 2 Bde. Berlin 1930.Reichshdb. 1930, S. 765. | Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 253. | Riemann Musiklexikon. Hg. v. Willibald Gurlitt und Carl Dahlhaus. Personenteil, 2 Bde. u. 2 Ergänzungsbde. Mainz 1959-79.Riemann: Musik, Personenteil A-K (1959), S. 801f.; Ergänzungsbd., Personenteil A-K (1972), S. 534. | Walk, Joseph: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. München/New York/London/Paris 1988.Walk, S. 155.
Literatur:
                        
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Quellen: ISG, Einwohnermeldekartei („Nullkartei“), ca. 1870-1930.Meldekarte der Eltern in: ISG, Nullkartei. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/6.467. | Frdl. Mitteilungen an d. Verf.Mitteilungen von Dr. Andreas Hansert, Ffm., 30.5.2016.
Internet: Ffm. 1933-1945, Internetpräsentation zur Geschichte Fft.s in der NS-Zeit, ein Projekt des ISG im Auftrag des Dezernats für Kultur und Freizeit der Stadt Ffm.
Hinweis: Artikel von Kathrin Massar über „Die Musikbibliothek Paul Hirsch und der Versuch ihrer Beschlagnahmung“, 1.11.2007.
Ffm. 1933-1945, 6.6.2016.
| Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM), ein Projekt der Universität Hamburg (Musikwissenschaftliches Institut), hg. v. Claudia Maurer Zenck u. Peter Petersen unter Mitarb. v. Sophie Fetthauer, ab 2005. http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002720
Hinweis: Artikel über Paul Hirsch, verfasst von Kathrin Massar, 2007 (aktualisiert am 22.8.2014).
Lex. verfolgter Musiker u. Musikerinnen d. NS-Zeit, 6.6.2016.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Hirsch_%28Bibliophiler%29Wikipedia, 6.6.2016.

Hirsch, Robert (von)

Hirsch, Robert Max (seit 1913: von). Dr. h. c. Industrieller. Kunstsammler. Mäzen. * 13.7.1883 Ffm., † 1.11.1977 Basel.
Jüngstes von fünf Kindern von Ferdinand H. (1843-1916) und dessen Ehefrau Anna Pauline, geb. Mayer (1850-1925). Bruder von Paul H.
Die Familie gehörte dem assimilierten jüdischen Bürgertum an. H. besuchte das Goethe-Gymnasium, verließ die Schule aber schon mit 14 Jahren und trat in das Unternehmen seiner mütterlichen Familie ein, die Offenbacher Lederfabrik „J. Mayer & Sohn“, die von Roberts Onkel Ludo Mayer (1845-1917) geführt wurde. Da Mayer keine Nachkommen hatte, war H. als sein Nachfolger in der Firma vorgesehen. Er lernte das Geschäft des Lederhandels, der Lederproduktion, -verarbeitung und -veredelung von der Pike auf. 1906 wurde er Teilhaber der Firma; von 1909 bis 1911 erlebte er den großzügigen Neubau des Firmenkomplexes mit einer monumentalen Straßenfront an der Mainstraße (abgerissen 1970; Bauschmuck teilweise erhalten) durch den Architekten Hugo Eberhardt (1874-1959), den damaligen Direktor der Technischen Lehranstalten (der heutigen Hochschule für Gestaltung) in Offenbach. Zur Einweihung erschien Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt. Diese Begegnung hatte 1913 die Erhebung H.s in den großherzoglich hessischen Adelsstand zur Folge. Die Ehre war eigentlich Ludo Mayer zugedacht, der jedoch bat, sie auf seinen Neffen und Firmenerben zu übertragen. Dieser nannte sich seither Robert von H. Er war der einzige seiner Familie, dem die Adelung zuteilwurde. Im Ersten Weltkrieg diente H. als preußischer Leutnant der Kavallerie zeitweilig an der Ostfront. Als 1917 sein Onkel Ludo Mayer starb, wurde H. alleiniger Besitzer der Offenbacher Lederfabrik. Er verstand es, das Unternehmen mit internationalen Handelsbeziehungen zu einem führenden der Branche auszubauen.
Seinen Wohnsitz hatte H. in Ffm. behalten. Zunächst lebte er in seinem Elternhaus in der Westendstraße 52 (nicht erhalten). Mitte der 1920er Jahre bezog er ein großbürgerliches Haus in der Bockenheimer Landstraße 104 (kriegszerstört). 1927 ließ er zusätzlich ein Haus in der Friedrichstraße 64 (abgerissen 2010) bauen. Bereits im August 1932 meldete er einen zweiten Wohnsitz in Basel (Gellertstraße 101) an. Der Machtantritt der Nazis 1933 veranlasste H. zur baldigen Emigration. Er bemühte sich um rasche Abwicklung seiner Positionen und seines Vermögens in Ffm. und Offenbach und zog nach Basel. Er sollte Deutschland nie wieder betreten. Bei der Übersiedlung nach Basel erlitt er große Transferverluste und Vermögenseinbußen; sein Hausbesitz ging an die Stadt Ffm. über, und die Offenbacher Lederfabrik wurde von der Firma Salamander übernommen. Für all diese Verluste beantragte H. nach 1945 Kompensationen in Restitutionsverfahren. In Basel war H. weiter in seiner Branche tätig und betrieb dort erfolgreich die „Lederhandels AG“, so dass ihm auch im Exil ein großbürgerlicher Lebensstil möglich war. 1934 bezog er ein großes Haus mit eindrucksvoller Gartenanlage in der Engelgasse 55 nahe der Baseler Innenstadt. Es war ein repräsentatives Ambiente, von dem aus ihm eine baldige Integration in die Baseler Stadtgesellschaft gelang. Zugleich erlebte H. von Basel aus, wie seine Ffter Verwandten in Bedrängnis gerieten. Sein Bruder Paul H. konnte und musste 1936 mit seiner Familie nach England emigrieren. Dagegen wurde der Bruder Karl H. (1875-1938), promovierter Jurist und Amtsgerichtsrat in Ffm., ein Opfer des NS-Regimes. Bei dem Pogrom im November 1938 wurde er verhaftet und im KZ Buchenwald inhaftiert. Robert von H. versuchte, ihn mit der sehr hohen Summe von 500.000 Schweizer Franken freizukaufen. Doch der Bruder erlag den Strapazen. Robert von H. sorgte für die Beisetzung der Urne auf dem Jüdischen Friedhof in Ffm.-Griesheim (am 3.2.1939 als letzte Bestattung überhaupt auf dem dortigen Friedhof), wo sich der Grabstein für Karl H. findet. Auch die gezahlte Lösegeldsumme war Gegenstand der Restitutionsprozesse nach 1945.
Im Jahr 1940 erhielt H. die Schweizer Staatsbürgerschaft. Er heiratete 1945 seine Jugendfreundin Martha Dreyfus (1892-1965). Sie war die Tochter des Ffter Juweliers Louis Koch und in erster (geschiedener) Ehe mit dem Bankier Willy Dreyfus (1885-1977) verheiratet gewesen, mit dem sie zwei erwachsene Kinder, Sohn und Tochter, hatte. 1955 wurde H. zum Ehrendoktor der Universität Basel ernannt. Aus der Israelitischen Gemeinde von Basel trat er 1957 aus. Bis zu seinem Tod 1977, mehr als 40 Jahre lang, wohnte er in seinem Haus in der Baseler Engelgasse.
Allgemeine kulturhistorische und im engeren Sinne kunstgeschichtliche Bedeutung erlangte H. als Kunstsammler. Aus einem kunstsinnigen Elternhaus stammend, war er schon früh dem Städel verbunden. 1906 wurde dort Georg Swarzenski als neuer Direktor berufen. Bald freundete sich H. eng mit ihm an und betrachtete ihn als seinen Mentor. Vielfach analog zu Swarzenskis Akquisitionen für das Städel begann H. selbst mit dem Aufbau einer Kunstsammlung. Lag ein Schwerpunkt des Städeldirektors vor dem Ersten Weltkrieg im Erwerb moderner französischer Kunst (von Monet, Manet, Courbet, Renoir, Degas etc.), so begann auch H. 1907 seine Karriere als Kunstsammler entsprechend mit dem Ankauf eines Gemäldes von Toulouse-Lautrec bei Bernheim-Jeune in Paris; noch im gleichen Jahr erwarb er als zweites Bild bei dem Ffter Kunsthändler Ludwig Schames ein Ölgemälde von Picasso („Scène de Rue“ von ca. 1901). 1917 kaufte H. in München das Gemälde „Fleurs et Céramique“ („Blumen und Keramik“, 1911/13) von Henri Matisse und schenkte es dem Städel; das Bild wurde 1937 als „entartet“ aus dem Städel entfernt und in die USA verkauft, hängt seit der Rückerwerbung 1962 jedoch heute wieder im Städel. Moderne französische Kunst, insbesondere von van Gogh und Cézanne, blieb ein Schwerpunkt von H.s Sammelaktivitäten, der später vor allem auch von seiner Frau Martha H. verstärkt gepflegt wurde.
Das Sammeln von Kunst wurde zunehmend zum Kernanliegen in H.s Leben. Seit den 1920er Jahren wandte er sich intensiv der Kunst des Mittelalters und der Renaissance zu. Neben Gemälden und Zeichnungen erwarb er auf diesem Sammlungsgebiet vermehrt kostbares Kunstgewerbe wie kirchliches Kultgerät, Elfenbeinschnitzereien, Emaillearbeiten, illuminierte Handschriften, Mobiliar, Porzellan, Lederarbeiten, historische Kassetten etc. In diesem Bereich fand H. seine eigentliche Bestimmung als Sammler; hier erreichte er jene Dichte und Qualität an Werken, die den Ruhm seiner Kollektion begründeten. H. folgte auch hier dem Vorbild seines Mentors Swarzenski, der in den Zwanzigerjahren verstärkt die Abteilungen der Alten Kunst am Städel ausbaute: durch die Stiftung der Ahnengalerie der Familie Holzhausen, durch den Tausch der Bilder aus Ffter Kirchenbesitz vom Historischen Museum in die Städtische Galerie, durch den Erwerb aus der Sammlung der Hohenzollern auf Schloss Sigmaringen, durch den Verkauf des Welfenschatzes etc. H. war durch diese Aktivitäten stark inspiriert und erwarb oft in enger Abstimmung mit Swarzenski umfangreiche Konvolute, insbesondere aus der Sigmaringer Sammlung. Es war daran gedacht, dass H. diese Stücke später einmal dem Städel und anderen Ffter Häusern stiften sollte, um so die Bestände in Ergänzung zu den Ankäufen Swarzenskis abzurunden. Eine damals vollzogene Schenkung (1928) ging an das Museum für Kunsthandwerk (heute: Museum Angewandte Kunst): ein kleines Emaille-Medaillon „FIDES BABTISMVS“ aus dem Kloster Stablo im Maasgebiet aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, das heute zu den kostbarsten Stücken in der Sammlung des Hauses gehört. Schenkungen gingen auch an das Deutsche Ledermuseum in Offenbach, zu dessen wichtigsten Stiftern und Förderern H. zählte. Als Leihgeber war H. seinerzeit in diversen Ausstellungen vertreten, so auf der Ausstellung von Meisterwerken Alter Kunst aus Ffter Privatbesitz 1925 oder auf der Ausstellung „Vom Sinnbild zum Abbild“ mit modernen Werken 1931. Darüber hinaus wurde er Mitglied in diversen Gremien wie der Administration des Städel und dem Vorstand des Mitteldeutschen Kunstgewerbevereins, und er gehörte zahlreichen Vereinen und Gesellschaften an, u. a. der sehr exklusiven Ffter Bibliophilen-Gesellschaft.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 machte den langfristigen Plan einer großzügigen Stiftung an die Ffter Museen zunichte. H. nahm seine gesamte Sammlung mit in die Emigration – bis auf ein Stück. Bei dem betreffenden Objekt handelte es sich um das Gemälde „Urteil des Paris“ von Lucas Cranach d. Ä. aus dem Jahr 1528, das auf der Liste des national wertvollen Kulturguts stand. H. musste es in Deutschland zurücklassen, wo es in die Sammlung von Hermann Göring gelangte; nach dem Krieg erhielt H. das Bild im Rahmen eines Restitutionsverfahrens zurück. H. vermochte sich auch kulturell in Basel gut zu etablieren, baute seine Sammlung weiter aus und machte dem dortigen Kunstmuseum diverse Schenkungen, u. a. anlässlich der Verleihung der Staatsbürgerschaft 1940 ein Bild von Gauguin und später auch das Cranach-Gemälde.
H. übertrug nun die Absicht, seine Sammlung zu stiften, zunächst auf Basel. Doch angesichts der starken Hinwendung der Baseler Museen zur zeitgenössischen Kunst seit Ende der 1950er Jahre änderte er seine Pläne sukzessive ab. Basel wurde durch frühe Aufnahme der neuen amerikanischen Kunst (Mark Rothko, Barnett Newman etc.), durch Präsentation und Ankäufe von Joseph Beuys, aber auch durch populäre Aktionen wie das Picasso-Fest 1967 zu einem europäischen Vorposten in der Rezeption von Gegenwartskunst. H. goutierte diese Entwicklung nicht; er war der Ansicht, der Erwerb zeitgenössischer Kunst sei Aufgabe von Privatsammlern, während sich Museen auf kanonisierte Werke zu beschränken hätten. Seine Haltung führte zu Kontroversen mit den führenden Museumsleuten und der Kulturverwaltung in Basel. Dies bewog H. dazu, seine Stiftungspläne zurückzunehmen, seine Zuwendungen an das Kunstmuseum in Basel, aber auch an das Städel in Ffm. auf einige ausgewählte Legate zu beschränken und testamentarisch anzuordnen, dass seine Sammlung nach seinem Tod versteigert werden solle. In Würdigung von Georg Swarzenski und Edmund Schilling (dem früheren Leiter der Graphischen Sammlung) erhielt das Städel aus H.s Nachlass testamentarisch vorab zwei Arbeiten zugesprochen: Bartolomeo Bulgarinis „Die Blendung des heiligen Victor“ aus dem 14. Jahrhundert und eine Federzeichnung „Der verlorene Sohn im Bordell“, damals für einen Rembrandt gehalten, heute Ferdinand Bol zugeschrieben.
Wenige Monate nach H.s Tod wurde seine gesamte Sammlung im Frühjahr 1978 im Städel und in Zürich präsentiert; es war ein Preview für die im Juni an vier Tagen abgehaltene Versteigerung bei Sotheby’s in London. Diese Auktion galt als ein Jahrhundertereignis des internationalen Kunsthandels. Zahlreiche Objekte insbesondere der Alten Kunst waren für deutsche Museen von hohem Interesse. Daher planten sie unter der Führung des Bankiers und Vorsitzenden der Städel-Administration Hermann Josef Abs diskret eine abgestimmte Strategie: Sie benannten jeweils die für sie in Frage kommenden Objekte, um nicht gegeneinander zu bieten; der Bund stellte 20 Millionen Mark in Aussicht, um die einzelnen Museen jeweils hälftig bei ihren Erwerbungen zu unterstützen; es wurden renommierte Kunsthändler beauftragt, damit die Museen bei der Auktion in der Anonymität blieben. Dieses Vorgehen war sehr erfolgreich, so dass sich die deutschen Museen Hauptstücke der Sammlung H. sichern konnten. Das mit 4,6 Millionen Mark teuerste Stück der Auktion, ein Emaille-Medaillon einer Personifikation „Operatio“ aus dem Remaklus-Retabel des Klosters Stablo aus der Mitte des 12. Jahrhunderts (das Gegenstück zu dem oben erwähnten Medaillon „FIDES BABTISMVS“, das H. dem Museum für Kunsthandwerk in Ffm. geschenkt hatte), ging an das Kunstgewerbemuseum Berlin, eine Armilla aus dem Umkreis von Friedrich Barbarossa an das Germanische Nationalmuseum Nürnberg, das bedeutende Düreraquarell „Trintperg“ an die Kunsthalle Bremen. Von den Ffter Museen erwarben das Städel eine Zeichnung von Wolf Huber, einem Zeitgenossen Dürers, und das Gemälde „Der Traum Jakobs“ von Adam Elsheimer, das Liebieghaus die „Negervenus“ (Venedig, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts) und das Museum für Kunsthandwerk einen äußerst raffiniert gefertigten Toilettentisch von Abraham und David Roentgen (1769). Der Gesamterlös der Londoner Auktion, auf der auch zahlreiche Käufe aus Übersee getätigt wurden, betrug 78 Millionen Mark.
H.s Großnichte, die aus Ffm. stammende Schriftstellerin Silvia Tennenbaum (1928-2016), nahm ihn zum Vorbild für die literarische Figur des Bankiers und Kunstsammlers Eduard Wertheim in dem Roman „Yesterday’s Streets“ (1981; dt. u. d. T. „Straßen von gestern“, 1983). Das Stillleben „Fleurs et Céramique“ von Matisse spielt in dem Roman ebenfalls eine Rolle.
2014 Ausstellung „Passion. Die Sammlung Martha und Robert von H.“, eine Projektion (auf der Grundlage von Glasplattennegativen der Kunstwerke aus der Sammlung) von Agnes Stockmann und Jon Pahlow, im Museum Judengasse des Jüdischen Museums Ffm.

Lexika: Bibliographie zur Geschichte der Ffter Juden 1781-1945. Hg. v. der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Ffter Juden. Bearb. v. Hans-Otto Schembs mit Verwendung der Vorarbeiten von Ernst Loewy u. Rosel Andernacht. Ffm. 1978.Bibliogr. z. Gesch. d. Ffter Juden, S. 358, 489. | Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. 3 Bde. München/New York/London/Paris 1980-83.Emigrantenlex. II.1, S. 516. | Walk, Joseph: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. München/New York/London/Paris 1988.Walk, S. 155.
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Internet: Historisches Lexikon der Schweiz, Bern. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D30215.php
Hinweis: Artikel von Hermann Fillitz.
Hist. Lex. d. Schweiz, 25.5.2016.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_von_HirschWikipedia, 25.5.2016.

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Stand des Artikels: 29.6.2016
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 06.2016.