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Bohländer, Carlo

Carlo Bohländer

Carlo Bohländer
Fotografie (aus dem Nachlass in Privatbesitz).

© privat. Nähere Informationen auf Anfrage bei der Redaktion.
Bohländer, Jean Karl, gen. Carlo. Nachname in internationaler Schreibweise auch: Bohlander. Trompeter. Jazztheoretiker und -pädagoge. Gastronom. * 25.9.1919 Ffm., † 2.6.2004 Ffm.
Für die Entwicklung des Jazz und dessen Etablierung in der Gesellschaft war B. nicht nur lokal in Ffm., sondern überregional von wesentlicher Bedeutung. „Der Trompeter der Stunde Null“ zählte zu den wichtigsten Protagonisten des deutschen Nachkriegs-Jazz, als bester Trompeter Deutschlands (gewählt von dem Jazzmagazin „Gondel“, 1954) wie als Jazztheoretiker und Musikpädagoge, aber auch als Gastronom („Domicile du Jazz“ in Ffm., ab 1952), der jungen Musikern ein Forum bot und damit zum Aufbau einer Elite des deutschen Jazz maßgeblich beitrug.
B. stammte aus einem gutbürgerlichen, weltoffenen und eher unpolitischen Ffter Künstlerhaushalt. Der Vater Conrad B. (1881-1968) war Antiquitätenhändler. Die Schwester Lya B. (1911-1979) war musikalisch begabt und beherrschte bereits mit vier Jahren klassische Stücke auf dem Klavier.
Als einer der wenigen deutschen Jazzmusiker spielte B. schon vor und während dem Zweiten Weltkrieg Jazz. Mit 14 Jahren hörte er Radio Luxemburg; das musikalische Programm begrenzte sich auf Swing, so dass er davon ausging, dass Tanzmusik und Jazz identisch seien. Sein älterer Cousin Rudi Thomsen (* 1909), ein Jazz- und Klassikmusiker, bemerkte B.s großes Interesse an Jazz und führte ihn in seine umfangreiche amerikanische Plattensammlung ein. Infolge der Schließung der Jazzklasse 1933 konnte B. sich an Dr. Hoch’s Konservatorium nicht für Jazztrompete einschreiben; daher studierte er dort klassische Trompete, Harmonielehre und Klavier, wofür er von 1935 bis 1939 ein Stipendium erhielt. Erstmals trat er 1937 mit einer Formation im Schützenhof in Ffm. auf.
Aus Begeisterung für die amerikanische Kultur fuhr B. im Sommer 1939 spontan mit dem Fahrrad nach Hamburg und heuerte auf dem Dampfer „Deutschland“ als Kohlentrimmer an, um erstmals nach New York reisen zu können. Bei seinem fünftägigen Aufenthalt dort konnte er sich jedoch kein Ticket für den Cotton Club oder das Paramount Theater leisten, da er nur zehn Reichsmark (vier Dollar) hatte ausführen dürfen; erst 22 Jahre später sollte er wieder nach New York kommen. 1940 wurde B. in Gießen zur Wehrmacht eingezogen. Er hungerte sich bewusst auf Untergewicht herunter, so dass er zwei Jahre später wieder entlassen wurde und in seine Heimatstadt Ffm. zurückkehrte.
Bereits 1941 gründete B. zusammen mit Emil Mangelsdorff, Horst Lippmann, Charly Petri, Hans Podehl und Hans Otto Jung die „Hotclub Combo“, die – unter leicht variierendem Namen und in wechselnder Besetzung – noch in der Nachkriegszeit lange bestand. Seine umfassenden musiktheoretischen Kenntnisse verbreitete B. schon während des Kriegs in zahlreichen Bands. Im Herbst 1942 und im Februar 1944 spielte er bei zwei belgischen Formationen, bei John Witjes und bei Charlie Calmeyn, die in Ffm. engagiert waren.
Kurz nach Kriegsende, im Mai 1945, erhielt B. von der amerikanischen Militärregierung eine Sondergenehmigung, Jazz zu spielen. Mit der eingereichten Repertoireliste etlicher Jazztitel, die eine Band unmöglich innerhalb von ein paar Tagen hätte erarbeiten können, hatte er die Amerikaner beeindruckt: Sie sahen darin den „lebendigen Beweis“ eines anderen Deutschlands, das in der NS-Zeit, als Jazz als „entartete“ Musik galt, doch existierte. B. wirkte weiterhin in verschiedenen Orchestern und Combos mit. Er trat zunächst (ab 1945) mit der „Hotclub Combo“ in amerikanischen Clubs auf, spielte u. a. 1948 beim „Hotclub Sextett“ und ab 1952 gelegentlich mit den „Two Beat Stompers“ sowie 1954 beim 2. Deutschen Jazzfestival in Ffm. mit den „German All Stars“; 1955 ging er auf eine Jugoslawien-Tournee mit Jutta Hipp, Joki Freund u. a.
Inspiriert durch französische Existenzialistenkeller in Paris, gründete B. in Ffm. 1952 das „Domicile du Jazz“, den heutigen „Jazzkeller“, wo sich – damals erst- und einmalig in der Stadt – schwarze und weiße Musiker zu nächtlichen Jamsessions trafen. Mit seinem „Domicile du Jazz“ bot B. jungen Talenten ein interessantes Forum des lebendigen Jazz, das bald eine große Anziehungskraft ausübte. Er ermöglichte es, dass unbekannte (und später renommierte) deutsche Jazzmusiker zusammen mit internationalen Jazzgrößen in seinem Lokal spielten. Prominente Gäste aus Amerika, darunter Duke Ellington, Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie und Billy Holiday, trafen auf deutsche Musiker wie Joki Freund, Dusko Goykovich, Jutta Hipp, Hans Koller, Paul Kuhn, Günter Lenz, Albert und Emil Mangelsdorff, Gustl Mayer, Attila Zoller und viele andere. Man lernte voneinander, und es entstanden Bands, die Maßstäbe setzten; insbesondere entwickelte sich der deutsche Cool Jazz: der „Frankfurt Sound“.
Von Musikern geschätzt und als „Vaterfigur des Ffter Jazz“ angesehen, gründete B. etliche weitere Clubs, etwa das „Storyville“ (mit Horst Lippmann, 1955) und das „Down by the Riverside“ am Mainkai 6. Im „Storyville“ trat B. mit seiner eigenen Band „Carlo Bohländer and his Chicagoans“ auf (Ende 1956), und von 1958 bis 1963 spielte er häufig bei den „Swingstars“, einer Band aus Ffm. und Umgebung. Von 1958 bis 1959 lehrte B. außerdem ein Jahr an der Hochschule für Musik in Köln. Von 1960 bis 1966 leitete er gemeinsam mit Emil Mangelsdorff Jazzkurse an der Ffter Jugendmusikschule.
Bis zum seinem Lebensende wohnte B. am Mainkai 6 in Ffm., im Hause seines Lokals „Down by the Riverside“; mitunter war er seit 1980 zeitweise Einwohner der Vereinigten Staaten als „resident alien“.
In seinen Schriften setzte sich B. bis zuletzt mit der Geschichte und der Musiktheorie des Jazz auseinander. Als einer der ersten Jazztheoretiker seiner Zeit beschäftigte er sich mit den rhythmisch-metrischen Grundlagen des Jazz sowie dem rhythmischen Element des Swing, wobei er die Theorie entwickelte, dass der Jazz eine Symbiose zwischen weißer und schwarzer Musik darstelle. 1947 veröffentlichte B. die erste deutschsprachige Harmonielehre für Jazz, die er in überarbeiteten Fassungen 1949/50, 1956 (u. d. T.: „Funktionelle Jazz-Harmonielehre“) und 1961 neu herausbrachte. Diese frühen Jazz-Harmonielehren boten Musikern nicht nur musiktheoretische Erkenntnisse, sondern auch konkrete Hilfeleistungen, etwa bei der Melodie-Improvisation, und sind daher in ihrem Einfluss auf die Jazzszene ihrer Zeit nicht zu unterschätzen. In der internationalen Jazztheorie haben sie sich jedoch langfristig nicht durchsetzen können, da B. darin eine eigenwillige Bezifferung harmonischer Zusammenhänge nach einem selbst entwickelten, heute überholten System bevorzugte.
B.s bekanntestes Buch ist der „Reclams Jazzführer“ (mit Karl Heinz Holler, 1970, 5. Aufl. 2000). Als sein „eigentliches Lebenswerk“ begriff B. jedoch die Abhandlung „Die Anatomie des Swing“ (1986), die unter Jazzfachleuten enorme Resonanz fand. Der Ffter Jazzposaunist Albert Mangelsdorff war voll des Lobes: „Ein solch geniales Werk konnte nur von jemandem geschaffen werden, der seine praktischen Erfahrungen aus einer die wesentlichen rhythmischen Zusammenhänge erkennenden und in ein nahtloses System bringenden Perspektive sieht und sich dabei auf ein untrügliches Gefühl für den Swing verlassen kann, wie mein Kollege und Lehrer Carlo… mit dessen rhythmischer Konzeption ich mich uneingeschränkt identifiziere.“
Weitere musiktheoretische Schriften (in Auswahl): „Das Wesen der Jazzmusik. Metrum – Rhythmus – Stil“ (1954), „Jazz – Geschichte und Rhythmus“ (in der Reihe „Jazz Studio“, 1960, erw. Ausgabe 1979/81), „Old Folks at Home. 40 Songs und Spirituals“ (als Herausgeber, in der Reihe „Jazz Studio“, 1962), „Akkorde und Akkordverbindungen der populären Musik“ (1979) und „The Evolution of Jazz Culture in Fft. – A Memoir“ (Essay anlässlich der Tagung zum Thema „Jazz and the Germans – The Influence of Hot American Idioms in the Land of Bach and Beethoven” an der Universität von Missouri/Columbia, 1995, Nachdruck 2002).
1954 Wahl zum besten Trompeter Deutschlands durch die Zeitschrift „Gondel“. 1991 Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Ffm. 2003 Ehrenplakette der Stadt Ffm.
Grabstätte auf dem Ffter Südfriedhof (Gewann G/217).
Verheiratet in dritter Ehe (seit 1965) mit der New Yorker Sängerin Anita Honis (* 1934). Eine Tochter (Christa B., 1945-2011) aus erster, ein Sohn (John Charles B., * 1967) aus dritter Ehe. Anita Honis-B. und ihr Sohn John B., der ebenfalls komponiert und arrangiert, leiten die Jazz-Bar „Balalaika“ in Sachsenhausen, die zuvor B. und seine Frau seit 1968 führten.
Nachlass im Familienbesitz.
Dokumentarfilm „Carlo, Keep Swingin‘“ von Elizabeth Ok anhand von B.s Nachlass (2014/15).

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Ilona Haberkamp/Elizabeth Ok.

Lexika: Bohländer, Carlo/Holler, Karl Heinz: Reclams Jazzführer. Stuttgart 1970. (Reclams Universalbibliothek 10185).Reclams Jazzführer, 3. Aufl. 1989, S. 57.
Literatur:
                        
Bohländer, Carlo: Das Wesen der Jazzmusik. Metrum – Rhythmus – Stil. Ffm. 1954.Zum ersten Auftritt (im Schützenhof in Ffm., 1937): Bohländer: Das Wesen der Jazzmusik 1954, S. 5. | Kater, Michael H.: Gewagtes Spiel. Jazz im Nationalsozialismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernd Rullkötter. Köln 1995.Kater: Gewagtes Spiel 1995, S. 151f., 160, 183, 232, 276f., 280, 354f., 359, 370. | Lord, Tom: The Jazz Discography. 34 Bde. West Vancouver 1992-2004.Diskographische Angaben in: Lord: The Jazz Discography 6 (1993), S. E35/6, Session E328; 19 (1998), S. S140, Session S1317; 23 (2000), S. T735, Session T6314. | Schwab, Jürgen: Der Fft. Sound. Eine Stadt und ihre Jazzgeschichte(n). Hg.: Stadt Ffm., Amt für Wissenschaft und Kunst. Ffm. 2004.Schwab: Der Fft. Sound 2004, S. 9, 24-26, 32f., 35, 40-42, 44, 46f., 49, 53-55, 57-59, 61, 66-69, 76, 81, 88, 90, 98f., 101f., 105f., 110-112, 115, 117f., 132f., 137f., 167-169, 182, 266, 268.
Quellen: Down Beat. Bisher 84 Jahrgänge. Chicago u. a. 1934-2017.Fogg, Richard W.: Jazz Under the Nazis. In: Down Beat Music ’66 (1966), S. 97-99. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/2.717. | Melody Maker. London 1926-2000.Zum Mitwirken bei den „Two Beat Stompers“, um 1952: Ernest Borneman in: Melody Maker, 10.10.1953.
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Carlo_Bohl%C3%A4nderWikipedia, 28.3.2017.

GND: 132528525 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2017 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Haberkamp, Ilona/Ok, Elizabeth: Bohländer, Carlo. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/3279

Stand des Artikels: 23.5.2017
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 04.2017.