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Andernacht, Dietrich

Dietrich Andernacht

Dietrich Andernacht bei der Einweihung der Privilegienkammer im Stadtarchiv 1969
Foto: Neumann, Stadtarchiv Ffm.

© Institut für Stadtgeschichte, Ffm. (Sign. ISG_S7P1998_00243).
Andernacht, Dietrich. Dr. phil. Historiker und Archivar. * 26.12.1921 Keilhau im Kreis Rudolstadt/Thüringen, † 7.11.1996 Ffm.
Sohn eines Lehrers.
Abitur am humanistischen Gymnasium in Eisenach. Nach Kriegsverwundung 1940 Beginn des Studiums der Geschichte und der historischen Hilfswissenschaften in Ffm. und Freiburg. Unterbrechung durch abermaligen Kriegsdienst und amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ab 1945 Wiederaufnahme der Studien und Assistententätigkeit bei dem Mediävisten Paul Kirn an der Universität Ffm. 1950 Promotion mit einer Arbeit über die Biographen des 1139 verstorbenen Bischofs Otto von Bamberg. Auftrag der Ffter Historischen Kommission zur Fortsetzung der Editionsarbeiten am „Ffter Urkundenbuch“. Von 1952 bis 1954 Besuch der Archivschule in Marburg. 1954 Eintritt in den Archivdienst der Stadt Ffm. Bereits 1955 veröffentlichte A. gemeinsam mit Otto Stamm einen ersten Band „Die Bürgerbücher der Reichsstadt Fft. 1311-1400 und das Einwohnerverzeichnis von 1387“, dem 1978 ein mit Erna Berger erarbeiteter zweiter Band der Bürgerbücher für die Jahre 1401-1470 folgte.
A. wurde 1959 zum Direktor des Ffter Stadtarchivs bestellt, das er 25 Jahre, bis zur Verabschiedung in den Ruhestand am 5.1.1984, leitete. Seine Hauptaufgabe war es, das Archiv aus den Provisorien der Nachkriegszeit herauszuführen, die verstreuten Überlieferungsbestände zu ordnen und räumlich zusammenzufassen. Zwar wurden dem Archiv einige Diensträume im wiederaufgebauten Karmeliterkloster zugewiesen, doch blieben die Verhältnisse unzureichend, da das Gebäude noch lange von Dienststellen der Sozialverwaltung und des Kulturamtes beherrscht wurde. Die Archivleitung sah sich in einem ständigen Kampf gegen das Desinteresse und den Unverstand der städtischen Behörden. A.s größter Erfolg war die Errichtung einer Privilegienkammer im Kreuzgang des Klosters, wo seitdem die wichtigsten Urkunden der Stadtgeschichte und das Reichsgesetz der Goldenen Bulle, das seit 2013 zum Weltdokumentenerbe zählt, in Stahltresoren verwahrt sind. Gleichzeitig sorgte A. für die Sicherung des modernen Schriftguts der Stadt. Ins Archiv übernommen wurde der Riesenbestand der Magistratsakten seit 1868, dazu über 250 000 Personalakten und die Überlieferung der Stadtverordneten. Die Erschließung dieser historisch wertvollen Quellenmassen litt allerdings unter der unzureichenden räumlichen, finanziellen und personellen Ausstattung des Archivs. Erst nach und nach konnten Bibliothek, Lesesaal und Restaurierungswerkstatt eingerichtet werden. Als Nebenprodukt des U-Bahnbaus entstand ein Tiefmagazin mit drei Etagen unter dem Kloster, das 1972 etwa 40 Prozent der Archivbestände aufnahm.
Einen Schwerpunkt seiner Arbeit sah A. in der energischen Förderung der stadtgeschichtlichen Forschung. Zwei Jahrzehnte versah er die Geschäftsführung der Ffter Historischen Kommission (1960-83). Hier wirkte er als umsichtiger Wissenschaftsorganisator, der Forschungsarbeiten anregte und die redaktionelle Betreuung zahlreicher Publikationen besorgte. Nebenbei sammelte er auf ca. 20.000 Karteikarten die Lebensdaten bedeutender Personen für ein 1965 erstmals vorgestelltes Lexikonprojekt „Ffter Geschichte, biographisch“. Seine persönliche Bescheidenheit ließ ihn ganz hinter die wissenschaftlichen Aufgaben zurücktreten. Dabei war er ein strenger und kritischer Wissenschaftler, methodisch korrekt und unbestechlich, der allen modischen Zeitströmungen und politischen Zumutungen abgeneigt blieb. Stattdessen förderte er die vorurteilsfreie Versenkung in die Quellen und den nüchternen Prozess historischer Erkenntnis.
A.s stärkstes Interesse galt der Geschichte der Ffter Juden. So hielt er engen Kontakt zu Emigranten aus Ffter jüdischen Familien und Repräsentanten der ehemaligen Israelitischen Gemeinde. Mit einem förmlichen Auftrag des Magistrats gründete er 1961 eine „Kommission zur Erforschung der Geschichte der Ffter Juden“. Neben Vertretern der Stadt und den Universitätsprofessoren Max Horkheimer, Richard Freyh und Paul Kluke gehörten zu den konstituierenden Mitgliedern der seit 1939 in London lebende langjährige Ffter Rabbiner Georg Salzberger und der 1933 nach Israel emigrierte ehemalige Gemeindesyndikus Eugen Mayer. Auf dem Programm standen Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen sowie die Errichtung eines Museums für die Geschichte der Juden in Ffm., das erst viele Jahre später mit anderem Zuschnitt realisiert werden sollte. Nach der Sichtung der Magistratsakten unter dem Aspekt der Verfolgung, Entrechtung und Deportation der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit publizierte A. 1963 zusammen mit der Politologin Eleonore Sterling einen umfangreichen Band „Dokumente zur Geschichte der Ffter Juden 1933-1945“, eine reine Pionierleistung, der die deutsche Geschichtswissenschaft lange nichts Gleichwertiges zur Seite stellen konnte. Erstmals zeigte das Werk am konkreten lokalen Exempel die Funktionsweise und das polykratische Chaos des totalitären Maßnahmenstaates mit dem Nebeneinander von Staatsbehörden und Parteiinstanzen.
Als die angegriffene Gesundheit A. zu einem vorzeitigen Ruhestand zwang, widmete er alle verbleibende Kraft der Vollendung seines Hauptwerks, den „Regesten zur Geschichte der Juden in der Reichsstadt Ffm.“. Diese Verzeichnung und kurze zusammenfassende Inhaltsangabe aller einschlägigen Quellen zur Ffter Judenschaft stellt das wohl umfangreichste Grundlagenwerk zu einer jüdischen Gemeinde im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit dar. Die ersten drei Bände für den Zeitraum 1401-1519 konnte A. noch selbst kurz vor seinem Lebensende 1996 der Öffentlichkeit vorstellen. Ein Registerband und zwei Folgebände für die Jahre 1520-1616 wurden von Helga Andernacht 2007 aus dem Nachlass herausgegeben.
Seit 1959 Mitglied, zuletzt Ehrenmitglied des Ffter Vereins für Geschichte und Landeskunde. Mitglied, zuletzt Ehrenmitglied im Vorstand der Steinhausen-Stiftung, deren Gründung und Aufbau eines Museums in Ffm. er maßgeblich förderte.
Weitere Publikationen zur Stadtgeschichte, u. a. „Beiträge zur Geschichte des Ffter Oberhofes“ (in der Festgabe für Paul Kirn zum 70. Geburtstag, 1961), „Das Philanthropin zu Ffm. Dokumente und Erinnerungen“ (als Mitbearbeiter, 1964) und „Die Verpfändung der Ffter Juden 1349“ (1973) sowie einige Artikel für die „Neue Deutsche Biographie“.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Dieter Rebentisch.

Literatur:
                        
Archivar. Zeitschrift für Archivwesen. [Titel von 1947 bis 2007: Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen.] Hg.: Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (1947-2003), dann Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Duisburg (seit 2004), und VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V., Fulda (seit 2006). Bisher 68 Jahrgänge. Siegburg 1947-2015.Nachruf von Dieter Rebentisch in: Archivar 50 (1997), H. 2, Sp. 446-448.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Vogt, Günther: Dr. Dietrich Andernacht. Ffter Gesichter. In: FAZ, Nr. 71 vom 24.3.1962 (mit einer Porträtzeichnung von Hellmessen). | Ffter Rundschau. Ffm. 1945-heute.Rabe, Peter: Gedächtnis der Stadt gesichert. Dietrich Andernacht, bisheriger Leiter des Stadtarchivs, trat in den Ruhestand. In: FR, Nr. 1 vom 2.1.1984, S. 13f. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/871.
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. http://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_AndernachtWikipedia, 7.5.2015.

GND: 104583835 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2017 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Rebentisch, Dieter: Andernacht, Dietrich. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/4608

Stand des Artikels: 29.6.2015
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 05.2015.