Hufnagel, Wilhelm Friedrich

Hufnagel, Wilhelm Friedrich. Konsistorialrat. Prof. Dr. theol. Theologe. Schulreformer. * 15.6.1754 Schwäbisch Hall, † 7.2.1830 Ffm.
Auf Veranlassung von Friedrich Maximilian von Günderrode 1791 als Senior des Predigerministeriums nach Ffm. berufen. Nachfolger des Seniors Gabriel Christoph Benjamin Mosche. Zudem übernahm H. die Leitung des Ffter Schulwesens. Sofort nach seinem Amtsantritt setzte er sich für Reformen im Kirchen- und Schulwesen ein. Vertreter der Aufklärung und des Rationalismus. Seit 1800 trat H. für die bürgerliche Gleichstellung der Reformierten ein, wie sie dann unter Dalberg 1806 vollzogen wurde. H. förderte die Bestrebungen zur Union der lutherischen und der reformierten evangelischen Kirche, u. a. indem er die Herausgabe eines Gesangbuchs für beide evangelische Kirchen unterstützte.
Zusammen mit Friedrich Maximilian von Günderrode reformierte H. das bis dahin sehr im Argen liegende Ffter Schulwesen. H. setzte sich für die Gründung einer „Musterschule“ als Realschule ein, die 1803 als Vorbild für die Ffter Schulen eröffnet wurde. Zum Leiter dieser Schule wurde 1805 Gottlieb Anton Gruner berufen, der – z. T. gegen den heftigen Widerstand der Eltern und der alten Schulmeisterzunft – dort Pestalozzi’sche Lehrmethoden einführte. Ein weiteres Ziel der Schulreform war, die privaten Schulen (Quartierschulen) durch öffentliche Schulen zu ersetzen. 1813 wurde die erste städtische Volksschule eröffnet, und dem Philanthropin wurde eine Volksschule angegliedert. Auch am städtischen Gymnasium wurde der Unterricht reformiert. H. setzte sich für eine Verbesserung der Lehrbücher ein und veranlasste Philipp Joseph Fresenius und Christoph Julius Wilhelm Mosche, die beide Lehrer am Gymnasium waren, eine neue Fibel zu verfassen („ABC-Buch mit kurzen Leseübungen für die Stadt- und Dorfschulen in Ffm.“). 1823 trat H. wegen eines Gemütleidens in den Ruhestand.
Auch auf politischem Gebiet engagierte sich H. für die Stadt Ffm. Mitglied diplomatischer Deputationen, u. a. der Deputation an den österreichischen General Wartensleben (1796), die diesen zur Kapitulation bewegen und dadurch die Beschießung der Stadt durch die Franzosen verhindern sollte. H. gehörte 1796 zu den Geiseln, die die Franzosen als Sicherheit für die geforderte Kontribution mit nach Paris nahmen.
Auf Anregung von Hölderlin vermittelte H. die Hofmeisterstelle im Hause Gogel an Hegel (1797). 1797 traf H. in Ffm. mit Goethe zusammen, der ihn sehr schätzte, während Goethes Mutter H.s Reformen eher skeptisch gegenüberstand. Als ein Vorbild für den Pfarrer, mit dem Bettine von Arnim die Rätin Goethe 1807 fiktive Gespräche in „Dies Buch gehört dem König“ (1843) führen ließ, soll H. gedient haben.
Zahlreiche theologische und pädagogische Schriften, u. a. Übersetzungen des Buches Hiob (1781) und des Hohen Liedes (1784), „Schrift über den Unterricht nach den Zehn Geboten“ (1784), „Schriften des Alten Testaments nach ihrem Inhalt und Zweck bearbeitet“ (2 Bde., 1784/98), „Liturgische Blätter“ (12 Hefte, 1787-1802), „Predigtentwürfe“ (13 Jahrgänge, 1792-1805), „Über den Verdienst des vollendeten Gesangs ‚Hermann und Dorothea’ [von Goethe], religiösen Bürger- und Familiensinn allgemein zu verbreiten“ (1799) und „Von der Notwendigkeit guter Erziehungsanstalten“ (1804). H. wurde als Verfasser der Schrift „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“ angesehen, derentwegen sein Verleger Palm auf Napoleons Befehl 1806 in Erlangen erschossen wurde.
Gründer der Zeitschrift „Für Christentum, Aufklärung und Menschenwohl“ (1787).
Porträtiert u. a. von Cöntgen, Lipps, Prestel und Bock (1790). Porträtbüste (von Landolin Ohmacht) im HMF.
Grabstätte auf dem Ffter Hauptfriedhof (Gewann C 12-37).
H.straße im Gallusviertel. Bis 1985 H.schule, eine Realschule (dann mit der Rebstöckerschule und der Förderstufe der Günderrodeschule zusammengelegt zu einer Gesamtschule, der Paul-Hindemith-Schule), im Gallusviertel.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 360f., verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde. München/Leipzig 1875-1912.W. Stricker in: ADB 13 (1881), S. 301-303. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Hans Jürgen Rieckenberg in: NDB 10 (1974), S. 7. | Neuer Nekrolog der Deutschen. Hg. v. Friedrich August Schmidt. 30 Bde. Ilmenau 1823-54.Neuer Nekr. 8 (1830), S. 119-124. | Schrotzenberger, Robert: Francofurtensia. Aufzeichnungen zur Geschichte von Ffm. Ffm. 1884.Schrotzenberger, S. 115.
Literatur:
                        
Dechent, Hermann: Kirchengeschichte von Ffm. seit der Reformation. 2 Bde. Leipzig/Ffm. 1913/21.Dechent: Kirchengeschichte. | Stricker, Wilhelm Friedrich Karl: Erinnerungsblätter an Wilhelm Friedrich Hufnagel. Gesammelt u. hg. v. seinem Enkel. Ffm. 1851.Stricker: Erinnerungsblätter an Wilhelm Friedrich Hufnagel 1851.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/510. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/M 2.119 (Hufnagelschule)

GND: 100294871 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Hufnagel, Wilhelm Friedrich. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/2800

Stand des Artikels: 28.3.1990