Ponto, Jürgen

Ponto, Jürgen. Bankier. * 17.12.1923 Bad Nauheim, † 30.7.1977 Ffm. (ermordet), begraben in Obersensbach/Odenwald.
Sohn eines Hamburger Exportkaufmanns. Neffe des Schauspielers Erich P.
P. verbrachte seine Kindheit in Ecuador. Im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront schwer verwundet und 1944 aus der Wehrmacht entlassen. Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen und Hamburg. Studienaufenthalt an der Universität Seattle. 1950 Eintritt in die Dresdner Bank (damals noch Rhein-Main Bank) als Rechtsanwalt. 1959 Chefsyndikus, 1964 stellvertretendes, 1967 ordentliches Vorstandsmitglied. Seit 1969 Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Zugleich Vorsitzender des Kreditpolitischen Ausschusses im Bundesverband deutscher Banken.
Mit dieser Ämterkonstellation zählte P. zu den wichtigsten Persönlichkeiten im deutschen und internationalen Bankwesen der Siebzigerjahre. Unter seiner Leitung vollzog sich der Aufstieg der Dresdner Bank in Ffm. zum zweitgrößten Bankhaus der Bundesrepublik. P. galt als „Botschafter“ des deutschen Bankwesens im Ausland. Seine weltweite Reputation als Bankier und seine Nähe zur sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt hätten ihn in dieser Zeit zum Finanzminister prädestiniert, was er jedoch ablehnte. Gleichzeitig mahnte er den Staat vor einer überzogenen Ausgabenpolitik: „Wir sollten ein Zeitalter der Verschwendung verlassen und dafür ein Zeitalter der Klugheit und Vorsorge gewinnen.“ P. war Aufsichtsratsmitglied zahlreicher Großunternehmen, u. a. Metallgesellschaft, Degussa, AEG-Telefunken, RWE und Daimler Benz.
Obwohl P. eine Schlüsselstellung im deutschen Finanz- und Wirtschaftsleben einnahm, war er bis zu seinem gewaltsamen Tod in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Am 30.7.1977 wurde P. von den RAF-Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar in seiner Oberurseler Villa ermordet. Die Attentäter hatten sich durch die RAF-Sympathisantin Susanne Albrecht, deren Eltern mit der Familie P. befreundet waren, Zutritt zu P.s Privathaus verschafft. Als sich der Bankier der geplanten Entführung widersetzte, wurde er kaltblütig niedergeschossen und erlag anderthalb Stunden später in der Ffter Universitätsklinik seinen Verletzungen. Klar und Mohnhaupt wurden 1982 verhaftet und 1985 zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt (Entlassung Mohnhaupts 2007 und Klars 2008). Susanne Albrecht tauchte 1980 in der DDR unter. Nach der Wende stellte sie sich im Juni 1990 den Behörden und wurde ein Jahr später zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt (Entlassung auf Bewährung 1996).
Am 4.8.1977 gedachten mehrere tausend Menschen des ermordeten Bankiers mit einem Schweigemarsch durch die Ffter Innenstadt. Trauerfeier in der Paulskirche.
Im Oktober 1977 wurde von P.s Witwe Ignes, geb. von Hülsen (* 1929), und der Dresdner Bank die Jürgen-P.-Stiftung zur musischen Entfaltung von Kindern und Jugendlichen an allgemeinbildenden Schulen und zur Förderung junger Künstler ins Leben gerufen; die Stiftung vergibt den Jürgen-P.-Preis für junge Künstler.
Jürgen-P.-Platz (seit 1980) vor dem ehemaligen Hauptgebäude der Dresdner Bank (Platzerweiterung der Neckarstraße zur Weserstraße) im Bahnhofsviertel. Jürgen-P.-Brunnen (1984) vor der Oberurseler Stadthalle.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 146f., verfasst von: Reinhard Frost.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Literatur:
                        
Ahrens, Ralf/Bähr, Johannes: Jürgen Ponto. Bankier und Bürger. Eine Biografie. München 2013.Ahrens/Bähr: Jürgen Ponto 2013. | Pohl, Hans (Hg.): Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts. Hg. im Auftrag des Wissenschaftlichen Beirats des Instituts für bankhistorische Forschung e.V. Schriftleitung: Thorsten Beckers. Stuttgart 2008.Ralf Ahrens/Johannes Bähr in: Pohl (Hg.): Bankiers 2008, S. 329-342.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Köhler, Manfred: Der Leitbankier der Deutschland AG. Portrait Jürgen Ponto. In: FAZ, Internetausgabe (www.faz.net), Rhein-Main, 13.9.2013. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/8.273. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/F 16.817 (Jürgen-Ponto-Platz).

GND: 118595717 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2020 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Frost, Reinhard: Ponto, Jürgen. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/779

Stand des Artikels: 28.11.1994