Abraham, Felix

Felix Abraham

Felix Abraham
Fotografie (im Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Berlin).

© Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Berlin.
Abraham, Felix. Dr. med. Arzt. * 30.8.1901 Ffm., † 8.9.1937 Florenz.
Sohn des Ffter Arztes Siegmund A. (1866-1929) und dessen Ehefrau Flora, geb. Marchand (1876-1912). Eine ältere Schwester: Erna A. (seit 1919 verh. Marx, 1896-1972), die im November 1937 zusammen mit ihrem Mann, dem Unternehmer Erich Marx (1888-1958), nach Großbritannien emigrieren konnte.
Über A.s Ffter Jahre liegen nur wenige Angaben vor. Die Familie wohnte zunächst in der Eschenheimer Anlage 1, seit 1906/07 in einem eigenen Haus in der Eschenheimer Anlage 25. Erhaltene Zeugnisse legen nahe, dass A. ein eher weicher und introvertierter Mensch war. Er galt in geschäftlichen Dingen als unerfahren und war in den Augen seiner Familienangehörigen, Kollegen und Freunde verträumt. A. wurde aber auch als großzügig, kenntnisreich und gewissenhaft beschrieben. Vermutlich war er als Schüler nicht sehr ehrgeizig. Aus seinem Abiturzeugnis der Ffter Musterschule geht hervor, dass er lediglich in Religion, Latein, Singen und Turnen mit „gut“ benotet wurde; in allen anderen Fächern erhielt er nur ein „Genügend“. Später muss er zielstrebiger aufgetreten sein. A. studierte ab 1920 Medizin in Heidelberg, Ffm. und Berlin und promovierte schließlich in Ffm. Hier absolvierte er am Städtischen und am Israelitischen Krankenhaus auch sein praktisches Jahr. Seine Dissertation vom 30.11.1928 trug den Titel „Untersuchungen über die Veränderungen der Sterblichkeitsstatistik des ersten Lebensjahres in Frankfurt a. M.“. A.s Doktorvater war der Pathologe Philipp Schwartz (1894-1977).
An den Schriftsteller Albert H. Rausch (1882-1949) aus Friedberg, der sich später des Pseudonyms Henry Benrath bediente, schrieb A. im Herbst 1923 einen Brief, aus dem tiefe Dankbarkeit und Zuneigung spricht. Der Brief zeigt A. als jungen Mann und „suchenden Geist“, der gleichwohl am Leben verzweifelt. Offenbar haderte er mit den eigenen schöpferischen Fähigkeiten. A. sprach davon, dass seine „künstlerische Habe (…) zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben“ sei. Er habe (nur) „einen kleinen Tropfen genialen Blutes“ in sich, sehne sich aber „nach jenen nie gesehenen Welten, nach den Tiefen der Menschheit, nach jenen ungelebten Stunden grösster Liebe und höchster Sinnlichkeit“. Nach eigenen Worten hatte eine Begegnung mit Rausch bei A. den „Anbeginn [s]einer Erkenntnis“ geschaffen, und er klagte über die Enge seiner Lebensverhältnisse: „Hier, in der Monotonie meiner Umgebung, meiner Familie, die mich stündlich mahnt und höhnt und mich mein Schicksal noch stärker fühlen und erkennen lässt, gehe ich fast zu Grunde.“
1929, wenige Monate nach Abschluss seiner Dissertation, trat A. in den Dienst des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft. Offensichtlich war dessen Leiter Magnus Hirschfeld (1868-1935) mit A.s Vater bereits seit längerem bekannt gewesen und durch ihn auf den Sohn aufmerksam geworden. Möglicherweise handelte es sich gar um eine Art Freundschaftsdienst, als Hirschfeld dem jungen A. die Leitung der „Abteilung für sexualforensische Fälle und Triebabweichungen“ anbot und selbst dessen weitere spezialärztliche Ausbildung auf dem Gebiet der Sexualpathologie übernahm. Es scheint, als sei A. mit den Möglichkeiten, die ihm das Institut für Sexualwissenschaft bot, trotz allem nicht glücklich gewesen. So soll er sich den gegenüber Hirschfeld eingegangenen Pflichten eher lustlos unterzogen haben. Außerdem habe er „Mittel“ genommen und sei häufiger „im Jum“ (berlinerisch für: im Rausch) gewesen. Freunde sahen in ihm gleichwohl einen Menschen, der „in jeglicher Hinsicht etwas Besonderes“ sei.
In seiner Berliner Zeit machte sich A. vor allem durch die Beratung von Transvestiten und Transsexuellen einen Namen. Für seine Patienten stellte er Gutachten aus, damit sie die polizeiliche Erlaubnis erhielten, die Kleidung des jeweils „anderen“ Geschlechts zu tragen, und mit ihnen bemühte er sich um die Realisierung geschlechtsangleichender Operationen. Bahnbrechend waren A.s Bericht über die „Genitalumwandlung an zwei männlichen Transvestiten“ in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik“ sowie die französischsprachige Kompilation von Arbeiten Hirschfelds unter dem Titel „Les Perversions sexuelles“ (beide 1931). Zusammen mit dem Dresdener Kriminologen Erich Wulffen (1862-1936) verfasste A. das Buch „Fritz Ulbrichs lebender Marmor. Eine sexualpsychologische Untersuchung des den Mordprozeß Lieschen Neumann charakterisierenden Milieus und seiner psychopathologischen Typen“ (ebenfalls 1931). Außerdem hielt er Vorträge und veröffentlichte eine Reihe kleinerer Arbeiten für die Zeitschriften „Die Ehe“ und „Die Aufklärung“.
Um 1935, zwei Jahre nach der Plünderung und Zerstörung des Instituts für Sexualwissenschaft durch nationalsozialistische Studenten, muss A. seine spätere Ehefrau Pini Engel kennengelernt haben. Auch sie stammte aus einer jüdischen Familie, doch sind weder ihre Lebensdaten noch ihr weiteres Schicksal bekannt. Dass die beiden verheiratet waren, belegt die italienische Sterbeurkunde A.s, in der er als „marito di Pini Engel“ bezeichnet ist. 1936 versuchte A., nach Schweden überzusiedeln und dort eine Stelle als Arzt zu finden, doch seine Unternehmungen misslangen. Im Frühjahr 1937 emigrierte er nach Italien und ließ sich in Florenz nieder. Er wollte hier das italienische Staatsexamen ablegen, wofür er erneut die Universität besuchen musste. Zur gleichen Zeit soll bei der Berliner Kriminalpolizei ein Strafverfahren gegen A. wegen des Missbrauchs von Drogen anhängig gewesen sein, was ihn neben den Hetzkampagnen und antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten stark belastet zu haben scheint. A. nahm sich am 8.9.1937 das Leben. Er wurde auf dem Cimitero Israelitico di Caciolle in Florenz beigesetzt.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Raimund Wolfert.

Lexika: Sigusch, Volkmar/Grau, Günter (Hg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Ffm./New York 2009.Sigusch/Grau (Hg.): Personenlex. d. Sexualforschung 2009, S. 19-22.
Literatur:
                        
Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Bisher 64 Hefte. Berlin 1983-2020.Wolfert, Raimund: Ragnar Ahlstedt und Felix Abraham, Zeugnisse einer Freundschaft. In: Mitt. d. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, H. 52 (Mai 2015), S. 40f. | Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Bisher 64 Hefte. Berlin 1983-2020.Dose, Ralf: „Es gab doch für ihn ein sogenanntes bürgerliches Leben schon sehr lange nicht mehr“. Dr. med. Felix Abraham – Fragmente eines Lebens. In: Mitt. d. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, H. 54 (Juni 2016), S. 9-23.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1901, S. 498; 1906, T. II, S. 40; 1907, T. II, S. 41. | Henry-Benrath-Archiv, Friedberg/Hessen.Henry-Benrath-Archiv, Brief von Felix Abraham an Albert H. Rausch, 1.10.1923.
Internet: Stolpersteine in Berlin, Internetdokumentation der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin, Berlin. http://www.stolpersteine-berlin.de/biografie/8009
Hinweis: Artikel von Raimund Wolfert/Ralf Dose: Felix Abraham, [2016].
Stolpersteine in Berlin, 30.6.2020.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_AbrahamWikipedia, 30.6.2020.

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Empfohlene Zitierweise: Wolfert, Raimund: Abraham, Felix. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/11630

Stand des Artikels: 2.7.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 07.2020.