Hofmann, Ruth

Ruth Hofmann
Ruth Hofmann
Fotografie (1948; in Privatbesitz).
© privat. Nähere Informationen auf Anfrage bei der Redaktion.
Hofmann, Ruth, geb. Laserstein. * 30.7.1921 Preußisch Holland/Ostpreußen, † 20.3.2020 Ffm.
Tochter des Kaufmanns Walter Laserstein (1876-1941) und dessen zweiter Ehefrau Rosa, geb. Seidenberg (1888-1941). Eine jüngere Schwester: Gertrude, gen. Gerda, Laserstein (1922-1941). Verheiratet (seit 1942) mit dem Kaufmann Elias H. (1921-1996). Zwei Kinder: Hanni H., verh. Seifert (* 1951), und Ralph H. (* 1952).
H. wurde in eine Familie geboren, die sich dem traditionellen Judentum verpflichtet fühlte und seit Generationen in Ostpreußen beheimatet war. Hauptsitz der Familie Laserstein war die Kleinstadt Mühlhausen (heute: Młynary). Zur weiteren Verwandtschaft H.s gehörten die deutsch-schwedische Malerin Lotte Laserstein (1898-1993) und der Jurist Botho Laserstein (1901-1955). H.s Vater betrieb in Preußisch Holland (heute: Pasłęk) ein Geschäft für Kurzwaren, Wäsche, Berufsbekleidung und Brautausstattung.
Ruth Laserstein war eine gute Schülerin und wechselte als einziges jüdisches Kind ihres Jahrgangs von der Volksschule auf die katholische Realschule Sankt Georg in Preußisch Holland. Einerseits war sie unter ihren Mitschülern als Klassensprecherin respektiert, andererseits wurde sie innerhalb wie außerhalb der Schule schon früh Zeugin und Opfer antisemitischer Übergriffe. Die Kinderfrau der Familie wurde 1932 öffentlich geschlagen und sah sich gezwungen, ihre Stellung bei den Lasersteins aufzugeben. H. selbst wurde 1935 von nationalsozialistischen Lehrern und dem Direktor aus der Schule gedrängt, wobei ihr die schriftliche Erklärung abverlangt wurde, sie verlasse die Lehranstalt „auf eigenen Wunsch“. Gleichzeitig setzten die Lehrer die Noten ihres Abschlusszeugnisses herab.
Spätestens seit dem Abschluss der Untertertia war H. Zionistin: Sie wollte nicht mehr in Deutschland leben, sondern nach Palästina auswandern. Eine Tante in Berlin meldete sie in der „Kinder- und Jugend-Aliyah“ an, einer Organisation, die sich zur Zeit des Nationalsozialismus bemühte, möglichst viele Kinder und Jugendliche aus dem Deutschen Reich in Sicherheit nach Palästina zu bringen. Durch die Vermittlung eines Mitglieds im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (CV) in Königsberg besuchte H. ein mehrwöchiges Ausbildungslager (Hachschara) in Jessen in der Niederlausitz. Im April 1937 gehörte sie dort zu der höchstzulässigen Zahl von 14 Teilnehmern eines Vorbereitungskurses, denen die Ausreise nach Palästina gewährt wurde. Die Jugendlichen aus dem Ausbildungslager in Jessen, unter ihnen auch der Leipziger Elias H., der spätere Ehemann von H., verließen Deutschland mit dem Zug in Richtung Triest. Von dort aus erreichten sie Haifa mit dem Schiff am 30.8.1937, und anschließend wurden sie verschiedenen Kibbuzim zugewiesen. H. und ihr späterer Ehemann absolvierten ihre zweijährige Jugend-Aliyah in Degania Beth, dem ältesten Kibbuz im Land (gegründet 1910). Hier arbeitete H. in der Kleiderkammer. 1939 zog sie vorübergehend nach Alumoth, das damals noch eine Kwuza („Gruppe“, d. i. eine kleinere Siedlung) war. Elias H. ging währenddessen nach Haifa, wo er als Handwerker tätig wurde, u. a. beim Bau einer Polizeistation. In Kiryat Haim, einem Stadtviertel von Haifa, heiratete das Paar am 1.3.1942.
Die Eltern H.s wurden nach 1933 von existenziellen Sorgen und Nöten geplagt. Der Vater, der im Ersten Weltkrieg Frontsoldat und nach 1919 zeitweise Stadtverordneter in Preußisch Holland gewesen war, verlor im Zuge der Maßnahmen zur Diffamierung, Ausgrenzung und Verfolgung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland sukzessive seine Kunden. Infolgedessen musste die Familie mehr und mehr von Erspartem leben. Ende der 1930er Jahre zogen die Eltern mit ihrer jüngeren Tochter nach Berlin, wo sie hofften, von Familienangehörigen und der Jüdischen Gemeinde Unterstützung zu erfahren. Von hier aus wollten sie H. nach Palästina folgen. Walter und Rosa Laserstein wurden am 27.11.1941 nach Riga-Rumbula (Lettland) deportiert und dort am 30.11.1941, dem Rigaer „Blutsonntag“, ermordet. Gertrud Laserstein, die Schwester H.s, versuchte, vor dem Zugriff der Nazis zu fliehen und gegebenenfalls auch ohne ihre Eltern nach Palästina zu gelangen. Sie wurde am 12. oder 13.10.1941 in Zasavica, knapp 100 Kilometer westlich von Belgrad, von Wehrmachtsoldaten in einem Lastwagen vergast. Über ein halbes Jahrhundert später (1998) gab H. der von Steven Spielberg (* 1946) gegründeten Shoah Foundation ein Interview, um ihren ermordeten Angehörigen ein Denkmal zu setzen.
Nach der Hochzeit lebten H. und ihr Mann in Haifa, wo sie in einer Wäscherei und Elias H. zeitweise in einem Steinbruch arbeitete. H.s Schwiegereltern hatten sich mit ihrem jüngsten Sohn auf der ständigen Flucht vor den Nazis in den Wäldern Ungarns und Polens versteckt, kehrten noch 1945 nach Deutschland zurück und ließen sich wieder in Leipzig nieder. Elias H. entschloss sich bald, nach Deutschland zu fahren, um seine schwer erkrankte Mutter ein letztes Mal zu sehen, während H. in Palästina blieb. Allein der Gedanke an eine Rückkehr nach Deutschland bereitete ihr Panikattacken und Magenkrämpfe. Während des Israelischen Unabhängigkeitskrieges (November 1947 bis Juli 1949) absolvierte sie freiwillig ihren Militärdienst in einem Krankenhaus in Haifa; anschließend wollte sie sich zur Ärztin oder Krankenschwester ausbilden lassen. Zunächst reiste H. jedoch 1949 über Paris, Bremen und Berlin nach Leipzig, um ihren Mann zu überreden, wieder nach Israel zu kommen. Weil er sich dazu nicht entschließen konnte, blieb sie bei ihm in Deutschland, obwohl das Leben hier – im „Land der Täter“ – stets eine emotionale Herausforderung für sie darstellte. Noch 2016 bekannte sie, ihr Herz sei für immer in Israel geblieben.
Emil H., der Schwiegervater H.s in Leipzig, war Kürschner und verlegte sein Geschäft 1951 nach Ffm. Zusammen mit seinem Sohn Elias H. gründete er hier die Firma „Emil Hofmann und Sohn GmbH & Co. KG“, eine Großhandlung für Pelzbekleidung. Um diese Zeit zogen die meisten Leipziger Firmen der Branche nach Ffm., wo in der Gegend um die Niddastraße „ein neuer Brühl“ als Zentrum der Pelzwirtschaft in Deutschland entstand. Künftig lebten H. und ihr Mann in Ffm., und 1951 und 1952 kamen hier ihre zwei Kinder zur Welt. Insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren sah sich H. mehrfach mit antisemitischen und rassistischen Ausfällen konfrontiert, die sie psychisch und emotional stark belasteten, etwa vonseiten einiger Kunden und Geschäftspartner ihres Mannes, die nach wie vor Sympathien für den Nationalsozialismus hegten.
H. war bis an ihr Lebensende ein zutiefst religiöser Mensch, der sich im Vertrauen auf Gott gern seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung stellte. Sie engagierte sich über Jahrzehnte hinweg für soziale Projekte. Zwanzig Jahre lang war sie ehrenamtlich in der Krankenbetreuung der Jüdischen Gemeinde in Ffm. aktiv und fungierte als Vorsitzende bzw. Präsidiumsmitglied der „Kinder- und Jugend-Aliyah“. 1971 wurde sie als erste Frau zur Vizepräsidentin der „B’nai-B’rith Fft. Schönstädt Loge e. V.“ gewählt, die Veranstaltungen ausrichtet und bedürftige jüdische Menschen, Altenheime und andere soziale Initiativen in Ffm. und Israel, aber auch in Osteuropa finanziell unterstützt. Von 1981 bis 1983 war H. im Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde in Ffm., und 1984 gründete sie die „Ffter Gesellschaft der Freunde und Förderer der Krebsbekämpfung in Israel“, wobei sie für zwölf Jahre auch deren Vorsitz übernahm. Zu ihrem 95. Geburtstag, den sie 2016 im Kreis von Familie und Freunden beging, wünschte sie sich keine Geschenke, sondern Spenden für das „Orde Wingate Institute for Physical Education and Sports“ in Netanja, das Programme zur Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher in Israel fördert.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Raimund Wolfert.

Quellen: Jüdische Allgemeine. [Vorheriger Titel u. a.: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung (1973-2002).] Düsseldorf, dann (ab 1985) Bonn, schließlich (seit 1999) Berlin 1946-heute.Goldberg, Barbara: Aus Liebe nach Deutschland. Ruth Hofmann feiert am kommenden Samstag ihren 95. Geburtstag. In: Jüd. Allgemeine, 25.7.2016 (https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/aus-liebe-nach-deutschland/, abgerufen am 21.10.2021). | Jüdische Gemeindezeitung Fft. Amtliches Organ der Jüdischen Gemeinde Fft. Bisher 52 Jahrgänge. Ffm. 1968-2019.Hofmann, Simone: Ein pralles Leben. Nachruf in: Jüd. Gemeindezeitung Fft. 54 (2021), Nr. 3 (September 2021), S. 58 (https://www.jg-ffm.de/mandanten/1/documents/JGZ_Rosch-Haschana-2021_2.pdf, abgerufen am 21.10.2021).
Internet: Das Visual History Archive an der Freien Universität Berlin, Online-Plattform als Zugang zu den Oral-History-Beständen der „USC Shoah Foundation. The Institute for Visual History and Education“, Berlin. http://transcripts.vha.fu-berlin.de/pdf/40748_converted.pdf
Hinweis: Interview 40748: Hofmann, Ruth, 18.2.1998. Transkript der Freien Universität Berlin, 4.7.2011. Copyright 2012 USC Shoah Foundation & Freie Universität Berlin.
Visual History Archive, 26.10.2021.


© 2021 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Wolfert, Raimund: Hofmann, Ruth. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/12518

Stand des Artikels: 26.10.2021
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 11.2021.