Ratgeb, Jerg

Schöpfer der Wandmalereien im Karmeliterkloster.

Ratgeb, Jerg (auch: Jörg). Maler. * um 1480 Schwäbisch Gmünd, † 1526 Pforzheim.
Über R.s Lebenslauf ist nur wenig bekannt. Die Namen seiner Frau, einer Magd, um deren Freikauf aus der Leibeigenschaft des Herzogs Ulrich von Württemberg er vergeblich gerungen hatte, und seiner Kinder sind nicht überliefert. 1503 und 1509 ist er in den Steuerbüchern der Stadt Stuttgart aufgeführt als „Jörg, Maler, hat nichts”. 1509 zog er nach Heilbronn, um sich dort als Meister niederzulassen. Wegen der Leibeigenschaft seiner Frau erhielt er jedoch kein Bürgerrecht und wurde nur vorübergehend als Hintersasse aufgenommen. 1510 schuf er als erstes überliefertes Werk den Barbara-Altar zu Schwaiger bei Heilbronn. 1512 musste er die Stadt wieder verlassen. Aus stilistischen Gründen wird eine nicht belegte Reise in die Niederlande angenommen, auf der R. wohl das Werk des Hieronymus Bosch kennenlernte. 1513 fertigte er Wandmalereien für das Karmeliterkloster in Hirschhorn am Neckar an. Auf Empfehlung des Priors von Hirschhorn gelangte er zu den Karmelitern in Ffm. Dort malte er ab 1514 den Kreuzgang und das Refektorium des Karmeliterklosters aus. 1521 konnte er die Arbeit in Ffm. abschließen. Zwischendurch hatte er im Jahr 1518 die Tafeln für den Hochaltar der Stiftskirche in Herrenberg bei Stuttgart (heute Staatsgalerie Stuttgart) gemalt. 1522 lebte R. wieder als Bürger in Stuttgart. Aus dieser Zeit ist von ihm kein Werk mehr bekannt. Im Bauernkrieg 1525 ergriff er – nachdem er zunächst als Abgesandter des Stuttgarter Stadtregiments mit den Bauern verhandeln sollte – deren Partei und wurde einer von sechs Kriegsräten und Leiter der Kanzlei. Nach dem Scheitern des Bauernaufstands wurde R. 1526 nach schwerer Folter zum Tod durch Vierteilung verurteilt. (Die Vollstreckung des Urteils ist nicht urkundlich belegt.)
Die Wandmalereien im Ffter Karmeliterkloster, die R. mit Kaseinfarben auf den trockenen Untergrund auftrug, sind ein seltenes und wohl auch das größte Beispiel von Wandmalerei nördlich der Alpen (4 m hoch und ursprünglich 80 m breit). An der Südwand des Kreuzgangs brachte R. als erstes die Anbetung der Könige an. Dieser Abschnitt wurde bereits 1515 vollendet. Darauf folgte die Ausmalung des gesamten Kreuzgangs mit einem Zyklus, der die Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt über die Lebens- und Leidensgeschichte Christi bis zum Jüngsten Gericht erzählte. Den Szenen aus dem Neuen Testament sind dabei nach dem Vorbild der „Biblia Pauperum” Begebenheiten aus dem Alten Testament zugeordnet, die als Verheißungen oder Vorstufen des Neuen Testaments verstanden werden können. Für den Inhalt der Wandmalereien und die zahlreichen gemalten Textzitate war der Prior Haman von Fleckenboel verantwortlich. Die Art der Ausmalung verrät jedoch R.s persönlichen Stil, in den die sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Probleme seiner sehr bewegten Zeit Eingang fanden und in dem manche Kunstkritiker einen Ausdruck von sozialrevolutionärer Einstellung sehen. Im Kreuzgang sind heute nur noch fragmentarisch die Malereien an der West- und Nordwand, die Szenen von der Erschaffung der Erde bis zur Geißelung Christi, erhalten.
Die Ausmalung der Südwand des Refektoriums führt in die Geschichte des Karmeliterordens: von der Legende des sagenhaften Ordensgründers, des Propheten Elias (rechts), und der seines Nachfolgers Elisa über das Leben der Mönche auf dem Berg Karmel (Mitte) bis zu ihrer Vertreibung aus dem Heiligen Land durch die Sarazenen 1248 (links). Gemalte Inschriftentafeln erläutern die Szenen und klären über die Ausbreitung des Ordens in Frankreich und Deutschland auf. Gestiftet wurde dieses 1517 vollendete historische Panorama, das ebenfalls von Prior Haman entworfen worden war, von der dem Kloster angeschlossenen Annenbruderschaft.
Die Malereien im Kreuzgang des Klosters wurden finanziert durch Stiftungen Ffter Bürger. Den Anstoß hatten 1514 Claus von Stalburg und seine Frau Margarethe vom Rhein mit der Stiftung der „Anbetung der Könige” als Epitaph der Stalburg’schen Grablege im Karmeliterkloster gegeben. Andere Ffter Familien und auch einige Mönche des Ordens schlossen sich an. Fürsten und Bischöfe, die 1518 zur Wahl Karls V. in Ffm. weilten, ließen sich von R.s Werk begeistern und erklärten sich zur Finanzierung weiterer Abschnitte bereit. Die Namen der Stifter waren ursprünglich auf einem Streifen in der unteren Zone der Malereien angebracht.
Die Wandmalereien wurden im Lauf der Jahrhunderte und zuletzt während des Zweiten Weltkriegs in großen Teilen zerstört. Sie wurden mehrfach restauriert. Die letzte, bislang gründlichste Restaurierung wurde 1984 abgeschlossen. Die zerstörte „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ an der Südwand wurde von 2003 bis 2006 durch den Künstler Georgi Takev (* 1952) nach historischen Vorlagen (einem Aquarell von Christian Becker und den Umrisszeichnungen von Otto Donner von Richter) rekonstruiert; die Finanzierung dieser Rekonstruktion hat das Kuratorium Kulturelles Fft. mit Spendengeldern, u. a. von der Polytechnischen Gesellschaft, ermöglicht.
Dokumentarfilm „Bei lebendigem Leibe. Erinnerungen an Jörg R.” von Alfred Jungraithmayr (1983).
Jerg-R.-Preis der HAP Grieshaber-Stiftung für bildende Künstler.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 169f., verfasst von: Birgit Weyel.
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Literatur:
                        
Bauer, Thomas: In guter Gesellschaft. Die Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft in Ffm. Hg. v. d. Polytechnischen Gesellschaft e. V. Ffm./Wiesbaden 2010.Bauer: Polytechn. Ges. 2010, S. 240f. | Fraenger, Wilhelm: Jörg Ratgeb. Ein Maler und Märtyrer aus dem Bauernkrieg. 2. Aufl. München 1981.Fraenger: Jörg Ratgeb 1981. | Heym, Heinrich: Lebenslinien. Schicksale aus einer alten Stadt. 3 Folgen. Ffm. 1965-68.Heym, Heinrich: Jörg Ratgeb. Tragödie eines Malers. In: Heym: Lebenslinien II (1966), S. 17-30. | Jörg Ratgeb’s Wandmalereien im Ffter Karmeliterkloster. Redaktion: Roswitha Mattausch-Schirmbeck. Hg.: Stadt Ffm., Dezernat für Kultur und Freizeit, Amt für Wissenschaft und Kunst. Ffm. 1987.Jörg Ratgeb’s Wandmalereien im Ffter Karmeliterkloster 1987. | Kaiser, Ute-Nortrud: Jerg Ratgeb. Spurensicherung. Limburg 1985. (Kleine Schriften des HMF 23).Kaiser: Jerg Ratgeb 1985. | Städel-Jahrbuch. 9 Bde. Hg. v. Georg Swarzenski u. Alfred Wolters. Ffm. 1921-36. Neue Folge. 20 Bde. München 1967-2009.Schmidt-Linsenhoff, Viktoria: Ordenspropaganda und subjektiver Faktor. Zu Jörg Ratgebs Wandbild im Refektorium des Ffter Karmeliterklosters. In: Städel-Jahrbuch NF 10 (1985), S. 155-178. | Zoike, Birgit: Ein Maler zwischen Mittelalter und Neuzeit. In: Jörg Ratgeb – Die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Hg.: Kuratorium Kulturelles Fft. Ffm. [um 2003]. S. 10-12.Zoike: Ein Maler zw. Mittelalter u. Neuzeit. Jörg Ratgeb [um 2003].
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/419.

GND: 118598406 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Weyel, Birgit: Ratgeb, Jerg. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/831

Stand des Artikels: 4.11.1994