Schleef, Einar

Schleef, Einar Wilhelm Heinrich. Bühnenbildner. Theaterregisseur. Schriftsteller. Maler und Illustrator. Fotograf. * 17.1.1944 Sangerhausen/Harz, † 21.7.2001 Berlin, begraben in Sangerhausen/Harz.
Schon während der Schulzeit an der Geschwister-Scholl-Oberschule in Sangerhausen (1959-64) erste Ausstellungen und Bühnenbild für die Schultheatergruppe. Ab 1964 Studium der Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. 1965 wegen „Disziplinlosigkeit und mangelhaftem studentischem Gesamtverhalten“ relegiert. Danach als Malerhelfer beim Deutschen Fernsehfunk in Berlin-Adlerhof sowie als Bühnenbildassistent am Berliner Maxim-Gorki-Theater und am Berliner Ensemble tätig. 1967 durfte Sch. das Studium wiederaufnehmen und wechselte in das Fach Bühnenbild bei Heinrich Kilger (1907-1970). Nach seinem Abschluss (Diplom) 1971 wurde er Meisterschüler des Bühnenbildners Karl von Appen (1900-1981) an der Akademie der Künste in Ost-Berlin.
1972 Beginn der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Bernd Klaus Tragelehn (* 1936) am Berliner Ensemble. Die Produktion von Strindbergs „Fräulein Julie“ (1975) wurde, angeblich auf persönliche Anordnung Honeckers, vom Spielplan abgesetzt. Sch. galt nunmehr als „einer der interessantesten und vielversprechendsten Jungregisseure der DDR“ (Ulrike Krone-Balcke). 1976 wurde er bei einer Reise in die Bundesrepublik für „republikflüchtig“ erklärt und lebte in der Folge in Ffm. und (West-)Berlin. Im Westen konnte er zunächst nicht am Theater Fuß fassen. Zwar arbeitete er vom 15.5. bis 1.10.1977 am Ffter Theater am Turm (TAT) an einem Projekt „Frauenkriminalität“; das Unternehmen scheiterte jedoch, weil Sch. nicht, wie geplant, ein Gruppenprojekt anleitete, sondern eine „völlig solistische Arbeit“ ablieferte. Von 1978 bis 1982 studierte Sch. Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in West-Berlin. Von 1978 bis 1984 arbeitete er an dem Werk „Gertrud“, einem monumentalen Roman über seine Mutter, der – wie auch die folgenden Werke von Sch. – im Suhrkamp Verlag in Ffm. erschien.
Als 1985 Günther Rühle (* 1924) die Intendanz des Schauspiels Fft. übernahm, holte er Sch. als Hausregisseur nach Ffm. Für Sch. „brachte die Ffter Zeit (...) den künstlerischen Durchbruch. Rühle hielt zu Sch. und sicherte ihm kontinuierliche Arbeitsmöglichkeiten zu – trotz anfänglichen Misserfolgs der Inszenierungen und heftiger Angriffe seitens der Ffter Theaterkritik gegen Sch.“ (Wikipedia, Artikel Günther Rühle, https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Rühle, abgerufen am 22.7.2019.) Auch hausintern gab es massive Widerstände gegen Sch., zumal „Nerven und Geduld“ der Mitarbeiter des Schauspiels „hier in einem seltenen Maß gefordert waren“, so erinnert sich der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, doch die Intendanz habe konsequent „den Spielraum für diesen experimentellen und bei aller körperlichen Aggressionsladung hoch reflektierten Theaterentwurf“ abgesichert. [Zit. nach: Städt. Bühnen Ffm. (Hg.): Ein Haus für das Theater 2013, S. 179.]
Sch. erarbeitete am Schauspiel Fft. eine Reihe aufsehenerregender Inszenierungen, die „mit ihrer verstörenden Radikalität einen Riss ins geläufige Theaterverständnis brachten“ (Hans-Thies Lehmann) und bei fast allen Theaterkritikern starken Widerspruch hervorriefen: „Mütter“ (nach Aischylosʼ „Sieben gegen Theben“ und Euripidesʼ „Die Schutzflehenden“, u. a. mit Jürgen Holtz und Martin Wuttke sowie einem Chor von ca. 50 Frauen, 1986); Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ (1987; zum Berliner Theatertreffen eingeladen 1988); sein eigenes Stück „Die Schauspieler“ (UA, 1988); Goethes „Ur-Götz“ (1989); Feuchtwangers „Neunzehnhundertachtzehn oder Sklavenkrieg“ (1990); Goethes „Faust“ (1990). Die drei letztgenannten Inszenierungen fanden infolge der Zerstörung der Spielstätte der Ffter Oper bei einem Brand (1987) im Bockenheimer Depot statt. Die einhellige Kritik aller Ffter Zeitungen richtete sich nicht nur gegen Sch.s Stil, sondern auch gegen die Höhe seiner Gagen. (Sch. bezog Gage nicht nur für Regie, sondern auch für Bühnenbild und Kostüme.)
Mit der Intendanz Rühle 1990 endete die Arbeit von Sch. am Ffter Schauspiel. In der Folge vollendete Sch. nur noch wenige Inszenierungen. Er arbeitete als Regisseur in Berlin (am Berliner Ensemble, 1993, 1995/96 und 2000/01; am Schillertheater, 1993; am Deutschen Theater, 2000), in Düsseldorf (am Schauspielhaus, 1997) und Wien (am Burgtheater, 1998/99). Am Staatstheater Schwerin wurde im Januar 1995 sein Stück „Totentrompeten“ (1. Teil; Regie: Ernst M. Binder) uraufgeführt, das mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Den äußeren Höhepunkt von Sch.s Karriere als Regisseur markiert die Inszenierung der Uraufführung des „Sportstücks“ von Elfriede Jelinek am Burgtheater Wien (23.1.1998). Im Sommersemester 1999 hielt Sch. die Ffter Poetikvorlesungen, wofür er das Thema „Deutscher Monolog“ wählte.
Im Januar 2001 erlitt Sch., der wahrscheinlich seit seiner Kindheit eine Sprechstörung hatte, eine Herzattacke. Wenige Monate später erlag er in einem Berliner Krankenhaus seiner Herzerkrankung. Die FAZ, die Sch. einst auf das Schärfste kritisiert hatte, bezeichnete ihn in ihrem Nachruf als „genialen Berserker des Regietheaters“ und als „besessenen Autor“.
Charakteristische Elemente der Inszenierungen von Sch. waren: eine riesige leere Bühne, die Aufhebung der Grenzen zwischen Bühnen- und Zuschauerraum (etwa durch einen Steg ins Publikum), bildstarke Arrangements in strengen Schwarz-Weiß-Kontrasten, die zentrale Rolle eines Chors, oft unter Einsatz von Laiendarstellern (in meist durchgedrillten Massenchoreographien), die extreme Rhythmisierung der Sprache bis hin zu hartem Skandieren, rituellen Wiederholungen und metrisierendem Schreien, zur Ekstatisierung von Wort und Gebärde. Kritiker monierten auch die physische Exhibition der Darsteller und die Vorliebe des Regisseurs für eisenbeschlagene schwarze Militärstiefel, mit denen in den Massenszenen ohrenbetäubend rhythmisch getrampelt wurde. Die Neukonzeption des antiken Chors als Stilelement in Sch.s Inszenierungen wurde „als ideologisches Zeichen missdeutet“ (Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Einar_Schleef, abgerufen am 11.8.2019), so dass sich der Regisseur etwa nach der Ffter Aufführung von „Mütter“ 1986 mit dem Vorwurf von Kritik wie Kollegen konfrontiert sah, sein Theater sei militant und faschistoid. Für Sch. jedoch bedeutete die Wiederbelebung des Chors eigentlich „die Wiedergewinnung der Tragödie“: Er begriff den Chor als Kollektiv in der Gegenüberstellung zum Individuum und damit als wesentliches Ausdrucksmittel jeglichen tragischen Konflikts.
Werke (in Auswahl): „Gertrud“ (2 Bde., 1980/84), „Droge Faust Parsifal“ (Essay, der als Sch.s „künstlerische Autobiographie“ gilt und eine ästhetische Theorie seiner Theaterarbeit darstellt, 1997) sowie weitere Theaterstücke, u. a. „Totentrompeten 1-4“ (UA 1995, 1997, 2000 und 2011), „Wilder Sommer“ (UA 1999) und „Nietzsche Trilogie“ (UA 2002), Stückbearbeitungen und Hörspiele (u. a. für den HR, 1978-88). Editionen der Tagebücher von 1953 bis 2001 (5 Bde., 2004-09) und des Briefwechsels mit der Mutter von 1963 bis 1990 (2 Bde., 2009/11).
Zahlreiche weitere Preise, u. a. Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung (für „Gertrud“, 1981), Deutscher Kritikerpreis (1986), Alfred-Döblin-Preis (1989), Fritz-Kortner-Preis (mit Bernd Klaus Tragelehn, 1990), Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien (1999) und Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2001 posthum).
Schriftlicher Nachlass bei der Berliner Akademie der Künste. Bildkünstlerischer Nachlass (145 Gemälde, über 6.900 Zeichnungen sowie Druckplatten und -grafiken u. a.) bei der Stiftung Moritzburg in Halle/Saale (digitalisiert und online recherchierbar).
Seit 2003 Einar-Sch.-Zentrum im Spengler-Museum in Sangerhausen.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Roman Fischer.

Lexika: Kosch, Wilhelm: Deutsches Theaterlexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch. Fortgef. v. Ingrid Bigler-Marschall. 7 Bde. Klagenfurt, ab 4 (1998) Bern/München, ab 5 (2004) Zürich, ab 7 (2012) Berlin 1953-2012. Bisher 6 Nachtragsbände (bis Sr). Berlin 2013-18.Kosch: Theater, Nachtr. 6 (2018), S. 79-83; dort auch ausführliche Literaturangaben. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Ulrike Krone-Balcke in: NDB 23 (2007), S. 34f.
Literatur:
                        
Beltz, Matthias: Parmesan und Partisan. Hg. v. Harry Oberländer. Ffm./Wien/Zürich 2018.Beltz, Matthias: Die Akte Schleef. In: Beltz: Parmesan u. Partisan 2018, S. 88-92. | Müllegger, Julia: Jenseits des Vergessens. Körperlichkeit, Visualisierung, Rhythmus. Ästhetische Erfahrung im Werk von Einar Schleef. Phil. Diss. Wien 2011.Müllegger: Jenseits des Vergessens. Körperlichkeit, Visualisierung, Rhythmus. Ästhetische Erfahrung im Werk von Einar Schleef 2011. | Stadelmaier, Gerhard: Umbruch. Roman. Wien 2016.Stadelmaier: Umbruch 2016, S. 184. | Städtische Bühnen Ffm. GmbH (Hg.): Ein Haus für das Theater. 50 Jahre Städtische Bühnen Ffm. 1963-2013. Leipzig 2013.Lehmann, Hans-Thies: Auf der Suche nach einer neuen Sprache des Theaters. Adolf Dresen und der Neubeginn unter Günther Rühle (1981-1991). In: Städt. Bühnen Ffm. (Hg.): Ein Haus für das Theater 2013, S. 168-183, hier S. 178-181.
Quellen: ISG, Akten- und Archivbestand des Ffter Bunds für Volksbildung, 1924-94.ISG, Ffter Bund für Volksbildung, V18/37. | ISG, Personalakten der Stadtverwaltung, ab ca. 1900.ISG, PA 288.377. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/13.275. | ISG, Bestand Städtische Bühnen mit Akten der Verwaltungsdirektion, Gremienunterlagen, Intendantenkorrespondenz, Inszenierungsdokumentation, Unterlagen zu Projekten, Bauten und Ereignissen, 1945-2008; erschlossen über Archivdatenbank.ISG, Städt. Bühnen 521 (Arbeitsmaterialien zu „Gertrud“, 2007). | ISG, Bestand Theater am Turm (TAT), ca. 1963-2004.ISG, Theater am Turm (TAT), Nr. 34, Bl. 65-71 (Vertrag mit Einar Schleef, 1977). | Munzinger-Archiv. Internationales Biographisches Archiv u. a. Archivdienste für die Medien. Ravensburg 1913-heute.Munzinger, Internationales Biographisches Archiv 42/2008 vom 14.10.2008 (ergänzt bis Kalenderwoche 9/2019).
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Einar_Schleef - https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Rühle -
Hinweis: Artikel über Einar Schleef und über Günther Rühle.
Wikipedia, 11.8.2019.


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Empfohlene Zitierweise: Fischer, Roman: Schleef, Einar. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/9493

Stand des Artikels: 12.8.2019
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 08.2019.