Beyschlag, Henriette

Erstes Kind an der Ffter Gehörlosenschule von 1827.

Beyschlag, Henriette Franziska. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 5.1.1817 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 3.2.1841 Ffm.
Älteste Tochter des Kaufmanns Johann August B. (1787-1861) und seiner Ehefrau Elisabeth Maria Margaretha, geb. Deckenbach (1793-1858). Die Eltern heirateten erst am 22.8.1822, als sie schon zwei gemeinsame Kinder hatten; diese beiden Töchter wurden durch die nachfolgende Ehe legitimiert. B. hatte sechs Geschwister und zwei kurz nach der Geburt verstorbene Zwillingsschwestern: Johanna Auguste (1819-1840), Johann Heinrich Christoph Willibald (1823-1900), Wilhelmine Natalie (8.11.1824-14.11.1824), Emilie Marie (8.11.1824-20.11.1824), Franz Wilhelm Traugott (1826-1856), Ludwig Heinrich Emil (1828-1840), Jeanette Luise, gen. Johanna (1831-?), und Johann Heinrich (1838-1840).
B. war gehörlos. Der Bruder Willibald B. berichtet, dass „eine Operation, um derentwillen der Vater mit ihr nach Brüssel zu einem Specialisten reiste“, erfolglos geblieben sei. Die etwa siebenjährige Schwester sei daraufhin, „da in Fft. noch keine Taubstummenanstalt bestand, in eine solche nach Camberg in Nassau gebracht“ worden. (Willibald Beyschlag: Aus meinem Leben I 1896, S. 35f.) Die Eltern wünschten sich jedoch, dass ihre älteste Tochter eine Schule in Ffm. besuchen könnte und dort eine Sprechausbildung bekommen sollte, was seinerzeit nicht selbstverständlich war, zumal das Ehepaar zu diesem Zeitpunkt bereits drei weitere Kinder (davon zwei Söhne) hatte. Wegen B. wurde somit in Ffm. 1827 eine „Taubstummen-Erziehungs-Anstalt“ eingerichtet. Ihr Vater hatte dazu „die nächste Veranlassung gegeben“, und B. wurde als „älteste Schülerin und Pflegetochter“ des Gründers Ludwig Kosel aufgenommen. (Die Taubstummen-Erziehungsanstalt in Ffm. 1862, S. 13.) In der Ffter Gehörlosenschule wurde dann „nicht wie in Camberg die Zeichensprache, sondern das Sichverlautbaren und dem Anderen von den Lippen Ablesen“ als Grundlage der Kommunikation gelehrt (vgl. Willibald Beyschlag: Aus meinem Leben I 1896, S. 36).
Bei der Schulgründung war also das Engagement des Ehepaars B. entscheidend. Zusammen mit drei anderen wohlhabenden Ffter Eltern gewannen sie den aus Ffm. stammenden ausgebildeten „Taubstummenlehrer“ Ludwig Kosel für ihr Projekt. Die Gründungseltern hatten die Kosten für Bildung und Unterkunft privat zu tragen. B.s Vater hatte damals ein gutes Einkommen als Wechselmakler, während er später als Handelsmann weniger bemittelt war. Die anderen drei Kinder, die mit B. die Schule besuchten, waren Billa Speltz, der spätere Grafiker Eduard Foltz-Eberle und der ebenfalls zeichnerisch talentierte und geförderte Federico Keutzer.
In seinem Schulkonzept sah Kosel eine Familienerziehung in einem Internat mit Sprachunterricht über den gesamten Tag vor. Er eröffnete die „Taubstummen-Erziehungs-Anstalt“ am 1.11.1827 in einer Wohnung in der Hochstraße 7 beim Eschenheimer Tor. Ab 1829 war die Gehörlosenschule in einem gemieteten Haus mit großem Garten außerhalb der Mauern an der heutigen Eckenheimer Landstraße (Gewann IX, No. 62) untergebracht: „Hier war unter Anderem der Raum zu zwei Schulzimmern, Werkstätte, Schlafzimmern und Krankenzimmer und in dem mit einer schattigen Platanen- und Linden-Allee versehenen Garten ein geräumiger Spielplatz und Turngerüste im Freien vorhanden“ (Die Taubstummen-Erziehungsanstalt in Ffm. 1862, S. 7).
B. wurde von dem Schulleiter Ludwig Kosel selbst, im Zeichnen von dem Maler Eugen Peipers (1805-1885) und in Geografie vielleicht von dem Kartografen August Ravenstein unterrichtet. Zum Erlernen der Begriffe dienten Sport, Spaziergänge, Ausflüge, Besichtigungen, etwa des Palmengartens und des Zoologischen Gartens, sowie Gartenarbeit: „So hat jeder Zögling sein eignes Land, welches er nach seiner Phantasie und Neigung bebaut.“ – „Die Mädchen erhalten außerdem noch Unterricht in weiblichen Arbeiten, und werden, soweit es ohnbeschadet ihrer anderweitigen Ausbildung geschehen kann, zu häuslichen Geschäften angewiesen.“ (Ffter Jahrbücher 1833, Nr. 4, 28.9.1833, S. 39.)
Zum Abschluss des ersten achtjährigen Unterrichtskursus, den B. absolviert hatte, veranstaltete die inzwischen von elf Kindern und Jugendlichen besuchte Ffter Gehörlosenschule im August 1836 erstmals eine öffentliche Prüfung, und zwar im Sprach- und Sprechunterricht, in Naturgeschichte, im Rechnen, in Geografie und biblischer Geschichte. Handarbeiten lagen aus. „Lehrer und Schüler erwarben allgemeine Anerkennung in der zahlreichen Versammlung; man war von ihren Leistungen überrascht: denn der Lehrstoff war nicht nur fest eingeprägt, sondern das Gelernte war auch verstanden, die Kinder im Denken geübt.“ (Die Taubstummen-Erziehungsanstalt in Ffm. 1862, S. 8.) Die Prüfung vor der versammelten Stadtgesellschaft, darunter den beiden Bürgermeistern, belegte eindrücklich den Sinn der Ausbildung. Dies trieb die Gründung eines „Actienvereins zur Beförderung der Taubstummen-Erziehungsanstalt in Ffm.“ (1839) und dessen erfolgreiche Spendenakquise voran, so dass für die Schule bald ein Grundstück gekauft und ein Neubau errichtet werden konnte (1841; an der Stelle seit 1901 die Musterschule). Mit ihren Leistungen in der Prüfung von 1836 hat B. somit einen Beitrag zur Etablierung des Unterrichts für Gehörlose in Ffm. geleistet.
Nach dem Ende ihrer Schulzeit mit der Konfirmation (23.11.1836) kehrte B. ins Elternhaus zurück. Sie half der Mutter im Haushalt und verdiente mit Sticken etwas Geld. Ein „Nervenfieber“, das seit dem Sommer 1840 in der Familie grassierte, führte auch zu ihrem Tod; insgesamt starben vier Kinder des Ehepaars B. innerhalb weniger Monate an dieser Krankheit, bei der es sich wahrscheinlich um Typhus gehandelt haben dürfte.
Die Gehörlosenschule bestand in Ffm. bis 1943. Die städtische Stiftung, die seit 1861 die Trägerschaft der zuvor privaten Schule innehatte, wirkt seit 2008 als „Ffter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige“ fort.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Gunter Stemmler.

Lexika: Ffter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon. Im Auftrag der Ffter Historischen Kommission. Hg. v. Wolfgang Klötzer. Bearb. v. Sabine Hock und Reinhard Frost. 2 Bde. Ffm. 1994/96. (Veröffentlichungen d. Ffter Historischen Kommission XIX/1 u. 2).FB 1 (1994), S. 69: Willibald Beyschlag.
Literatur:
                        
Beyschlag, Willibald: Aus meinem Leben. Erinnerungen. 2 Bde. Halle an der Saale 1896/99.Beyschlag: Aus meinem Leben 1896/99, Bd. I: Erinnerungen und Erfahrungen der jüngeren Jahre (1896), S. 8, 35-37, 85f., 88f., 94-96. | Beyschlag, Willibald: Aus dem Leben eines Frühvollendeten, des evangelischen Pfarrers Franz Beyschlag. Ein christliches Lebensbild aus der Gegenwart. 2 Teile in einem Band. 3. Aufl. Berlin 1863. 5., unveränderte Aufl. Zeitz/Leipzig [1870].Beyschlag: Franz Beyschlag 1858, 3. Aufl. 1863, S. 2, 27-31. | Die Taubstummen-Erziehungsanstalt [sic!] in Ffm. Nach den Akten dargestellt. Ffm. 1862.Die Taubstummen-Erziehungsanstalt in Ffm. 1862, S. 3f., 6-9, 13f. | Eos. Zeitschrift für Heilpädagogik. 25 Jahrgänge. Wien u. a. 1905-33.Schumann, Paul: Fft. und Leipzig. Beiträge zur Frühgeschichte des Ffter Institutes. In: Eos 8 (1912), H. 1, S. 11-20, hier S. 15-18. | Ffter Jahrbücher. Eine Zeitschrift für die Erörterung hiesiger öffentlicher Angelegenheiten. Ffm. 1832-38.Ffter Jahrbücher 1833, Nr. 4, 28.9.1833, S. 39. | Ffter Jahrbücher. Eine Zeitschrift für die Erörterung hiesiger öffentlicher Angelegenheiten. Ffm. 1832-38.Ffter Jahrbücher 1836, Bd. 8, Nr. 6, 30.8.1836, S. 40. | Vatter, Johannes: Das fünfzigjährige Jubiläum der Taubstummen-Erziehungs-Anstalt zu Ffm. am 1. November 1877. Ffm. 1877.Vatter: Das fünfzigjährige Jubiläum der Taubstummen-Erziehungs-Anstalt zu Ffm. 1877, S. 4. | Vatter, Johannes: 50 Jahre Taubstummenlehrer. Lebenserinnerungen. Ffm. 1911.Vatter: Lebenserinnerungen 1911, S. 31 (Fotografie). | Vatter, Johannes: Zum 75jährigen Bestehen der Taubstummen-Erziehungs-Anstalt in Ffm. Ffm. 1902.Vatter: Zum 75jährigen Bestehen der Taubstummen-Erziehungs-Anstalt in Ffm. 1902, S. 5-9, 18f. | Wiederspahn, August/Bode, Helmut: Die Kronberger Malerkolonie. Ein Beitrag zur Ffter Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit dokumentarischen Beiträgen von Änne Rumpf-Demmer, Julius Neubronner und Philipp Franck. 3., erw. Aufl. Ffm. [1982].Zu Eugen Peipers: Wiederspahn/Bode: Kronberger Malerkolonie 1982, 2. Aufl. 1976, S. 161.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1834, S. 17; 1841, S. 23. | Didaskalia. Ffm. 1823-1934. [Belletristische Zeitschrift, die zunächst (bis 1869) mit dem Untertitel „Blätter für Geist, Gemüth und Publicität“ selbständig, dann als Unterhaltungsbeilage anderer Zeitungen (bis 1903 des Ffter Journals, dann der Ffter Nachrichten) erschien.]Didaskalia, Nr. 239, 29.8.1836. | Ffter Journal. Ffm. 1783-1810 u. 1814-1903.Ffter Journal, Nr. 158, 10.6.1833. | ISG, Bestand Nachlassakten, 1813-1920; erschlossen über Archivdatenbank.ISG, Nachlassakten 1866/11 (Beyschlag, Johann August). | Ober-Postamts-Zeitung. Ffm. 1615-1866.Ober-Postamts-Zeitung, Nr. 238, 26.8.1833.
Internet: Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. https://www.lagis-hessen.de/pnd/119133431
Hinweis: Eintrag zum Bruder Willibald Beyschlag.
Hess. Biografie, 21.1.2019.


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    Empfohlene Zitierweise: Stemmler, Gunter: Beyschlag, Henriette. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/10940

    Stand des Artikels: 14.2.2019
    Erstmals erschienen in Monatslieferung: 02.2019.