Neuß, Julius

Neuß, Gustav Julius. Anzeigenvertreter. Buchhändler. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 2.2.1893 Eisenach, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 3.5.1957 Ffm.
Sohn der Minna Hulda Ida N. (Lebensdaten, Beruf und letzter Wohnort unbekannt).
N. wurde offenbar unehelich geboren. Er wurde evangelisch erzogen und blieb sein Leben lang unverheiratet. Schon in den 1920er Jahren gab er sich durch schriftstellerische Gelegenheitsarbeiten in Zeitschriften wie „Der Eigene“ und „Freundschaft und Freiheit“ unter seinem Klarnamen als homosexueller Mann zu erkennen. Er schrieb Gedichte und Erzählungen mit „schwulem“ Inhalt, von denen insbesondere die 1922 erschienene Erzählung „Vampir“ nachhaltige Aufmerksamkeit genoss. Ob die Novelle „Das Nachtmahl“, die N. im Sommer 1917 auf der Nervenstation des Warschauer Festungslazaretts schrieb und Zbigniew Zasczyński (vermutlich 1901-1921) – wohl seinem Geliebten – widmete, auf reale Begebenheiten verweist, ist unbekannt.
N. muss spätestens Mitte der 1930er Jahre nach Ffm. gezogen sein. Ab 1937 wohnte er unter der Adresse Mainkai 3 und war als Anzeigenvertreter tätig. Ende desselben Jahres wurde er vom Ffter Amtsgericht zusammen mit zwei offenbar noch minderjährigen „Tatgenossen“ wegen „fortgesetzter Vergehen“ gegen den Paragraphen 175 RStGB, der gleichgeschlechtliche Kontakte unter Männern in Deutschland mit Strafe belegte, kriminalisiert. Der Hintergrund der „Straftaten“ ist heute nicht mehr zu ermitteln. Auf Verfügung der Staatsanwaltschaft wurde N. nach drei Tagen Haft zunächst aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen. In der Begründung hieß es: „Er gehört zu den 3 % krankhaft homosexuell Veranlagter.“ Wenige Wochen später wurde N. erneut inhaftiert. In der Aufnahmeverfügung des Gefängnisses wurde betont: „Der Haftbefehl vom 14.12.37 (…) besteht noch.“ Seine Haft musste N. bis Anfang Juli 1938 absitzen. Am 5.4.1938 war vor der Jugendschutzkammer Anklage gegen ihn erhoben worden, und offensichtlich galt das hier verkündete Strafmaß bald als verbüßt. Auf Ersuchen des Ffter Landgerichtsdirektors hieß es am 1.7.1938, N. sei „sofort in dieser Sache aus der Haft zu entlassen“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte N. einige wenige Gedichte und Erzählungen in der Schweizer Homosexuellen-Zeitschrift „Der Kreis“. 1949 legte er unter dem Titel „Der Pakt mit dem Tode“ auch einen „Allianz Roman“ im Groschenheftformat vor. N. wohnte spätestens ab 1953 in der Kaulbachstraße 65 in Sachsenhausen, unterhielt ab 1.4.1953 einen Zeitschriften-Vertrieb und führte vermutlich ab Sommer 1954 eine eigene Buchhandlung, zunächst in der Mainzer Landstraße 19, ab Frühjahr 1955 direkt neben dem Ffter Hauptbahnhof in der Mannheimer Straße 31. N. verstand sein Ladengeschäft als „homophile Spezialbuchhandlung“ bzw. bezeichnete es als „Der Weg-Buchladen“ (in der Monatsschrift „Der Weg“), und er schaltete entsprechende Werbeanzeigen in bundesdeutschen Zeitschriften für Homosexuelle.
Am 3.5.1957 wurde N. in seiner Buchhandlung Opfer eines Mordes. Nicht zuletzt unter homosexuellen Männern löste der Fall weit über die Grenzen Fft.s hinaus Bestürzung aus. Für Karl Meier (1897-1974), den Herausgeber des Schweizer „Kreis“, war N. ein „grundgütiger Mensch, der immer nur helfen wollte und niemandem schaden“. Über die Presse verbreitete sich schnell das Gerücht von einem Täter aus dem „Strichermilieu“, doch sind die Hintergründe der Tat bis heute unbekannt. Zeitweise ging die Kriminalpolizei davon aus, N. sei wegen von ihm unter dem Ladentisch verbreiteter „zweifelhafter“ Literatur erpresst worden. Schwierigkeiten sahen die ermittelnden Behörden darin, dass die Kunden N.’ zum Teil unter falschem Namen in der Buchhandlung verkehrten und nicht nur aus Ffm., sondern auch aus anderen Städten im Bundesgebiet stammten. Der Mordfall ist nie aufgeklärt worden, und noch Anfang der 1960er Jahre wurde N.’ Name in Presseverlautbarungen in einem Atemzug mit dem der Ffter Prostituierten Rosemarie Nitribitt genannt, die ebenfalls 1957 ermordet wurde und deren Mörder auch nicht gefunden werden konnte.
Ab Ende der 1970er Jahre etablierten sich im deutschen Sprachraum acht „schwule Buchläden“, die in Reaktion auf die höhere Sichtbarkeit der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung und die veränderte Verlags- und Zeitschriftenlandschaft ihrer Zeit entstanden. Sie erlebten ihre Blütezeit vor der Kommerzialisierung des Internets. Heute (2020) gibt es nur noch drei von ihnen. Der „Buchladen Oscar Wilde“ von Harald Eck in Ffm. bestand von 1994 bis 2015 in der Alten Gasse 51. Auch wenn die gänzlich andere Situation für Literatur zum Thema Homosexualität in den 1950er Jahren in Betracht gezogen werden muss, etwa was ihren Umfang und ihr Umfeld, ihre Verbreitung, die Art der Darstellung und die öffentliche Wahrnehmung angeht, kann N. als ein Vorläufer der schwulen Buchhändler späterer Jahre angesehen werden.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Raimund Wolfert.

Lexika: Hergemöller, Bernd Ulrich (Hg.): Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Neubearb. u. erg. Ausgabe. 2 Bde. Berlin/Münster 2010.Hergemöller (Hg.): Mann für Mann 2010, Bd. 1, S. 875.
Literatur:
                        
Der Kreis. Eine Monatsschrift. / Le Cercle. Revue mensuelle. Bd. 11-35. Zürich 1943-67.W. F.: Zum Andenken an Julius Neuss. In: Der Kreis 25 (1957), Nr. 8, S. 6f. | Der Kreis. Eine Monatsschrift. / Le Cercle. Revue mensuelle. Bd. 11-35. Zürich 1943-67.Nachbemerkung von R. [d. i. Karl Meier/„Rolf“] zu Neuss, Julius: Der Ohnhänder und der Blinde. [Erzählung.] In: Der Kreis 26 (1958), Nr. 5, S. 15. | Der Ring / The Ring / L'anneau. Eine internationale Zeitschrift. 3 Jahrgänge. Hamburg 1955-57.Rai-H-Ro [d. i. Raimund Herbert Roth]: In memoriam Julius Neuß. In: Der Ring 3 (1957), Nr. 5/6, S. 91. | Hohmann, Joachim S. (Hg.): Keine Zeit für gute Freunde. Homosexuelle in Deutschland 1933-1969. Ein Lese- und Bilderbuch. Berlin 1982.Hohmann (Hg.): Keine Zeit für gute Freunde 1982, S. 30. | Keilson-Lauritz, Marita: Die Geschichte der eigenen Geschichte. Literatur und Literaturkritik in den Anfängen der Schwulenbewegung. Berlin 1997. (Homosexualität und Literatur 11).Keilson-Lauritz: Die Geschichte der eigenen Geschichte 1997, S. 448. | Pretzel, Andreas/Weiß, Volker (Hg.): Zwischen Autonomie und Integration. Schwule Politik und Schwulenbewegung in den 1980er und 1990er Jahren. Hamburg 2013. (Edition Waldschlösschen 13; Geschichte d. Homosexuellen in Deutschld. nach 1945, Bd. 3).Zu den „schwulen Buchläden“: Bartholomae, Joachim: Chronik des schwulen Buchhandels und der Verlage 1975 bis 1998. In: Pretzel/Weiß (Hg.): Zwischen Autonomie u. Integration 2013 (Onlineausgabe), Beilage, S. 1-26 (https://www.maennerschwarm.de/download/Bartholomae_Chronik_Buchhandel_Verlage.pdf, abgerufen am 2.8.2020). | Setz, Wolfram (Hg.): Neue Funde und Studien zu Karl Heinrich Ulrichs. Hamburg 2004. (Bibliothek rosa Winkel 36).Heicker, Dino: Stark wie der Tod ist die Liebe. Schwule Vampire und Widergänger bei Karl Heinrich Ulrichs, Eric Stenbock und Julius Neuss. In: Setz (Hg.): Neue Funde u. Studien zu Karl Heinrich Ulrichs 2004, S. 143-160.
Quellen: Das kleine Blatt. Hg.: Lesezirkel „Der Kreis“. Zürich 1952-62.Anzeige in: Das kleine Blatt 1954, Juli-Ausgabe, S. 3. | Der Weg zu Freundschaft und Toleranz. Monatsschrift. Bundesorgan des Weltbundes für Menschenrechte, angeschlossen Internationale Freundschaftsloge. Jg. 2-20. Hamburg 1952-70.Diverse Anzeigen in: Der Weg, ab 4 (1954), Nr. 7, S. 268. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.er: Mord an Ffter Buchhändler. In: FAZ, 4.5.1957, S. 37. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.ee: Fahndung auf vollen Touren. Zwei Täter im Mordfall Neuß (...). In: FAZ, 6.5.1957, S. 8. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.el: Neue Spuren im Mordfall Neuß. In: FAZ, 8.5.1957, S. 10. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.el: Die mutmaßlichen Mörder von Neuß. In: FAZ, 11.5.1957, S. 39. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Tgn: Elf Mordfälle blieben ungeklärt. Die Gewaltverbrechen der letzten zehn Jahre. In: FAZ, 6.1.1962, S. 39. | Hessisches Landesarchiv, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.HLA, Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Bestand 409/3 Nr. 10795 und Nr. 11406.

GND: 121779154X (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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    Empfohlene Zitierweise: Wolfert, Raimund: Neuß, Julius. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/11703

    Stand des Artikels: 3.8.2020
    Erstmals erschienen in Monatslieferung: 08.2020.