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Seeth, Julius

Julius Seeth

Julius Seeth
Fotografie des Ateliers Basilius, Inhaber: Voigt und Liebig, Danzig, auf einer Postkarte (um 1903).

© unbekannt. Mögliche Rechtsnachfolger der genannten Fotografen ließen sich bisher nicht ermitteln.
Seeth, Julius. Künstlername: Julius Batty. Kommissionsrat. Dompteur. Theaterdirektor. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 9.2.1863 Kollmar/Elbe in Holstein, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 20.1.1939 Ffm.
Aus einer Seemannsfamilie. Sohn des Kätners und Gastwirts Joachim (auch: Jochim) S. (auch: Seth, to Seeth; 1826-?) und dessen zweiter Ehefrau Cäcilia, geb. Heydorn (1829-1895). Vermutlich das achte von neun Kindern aus den zwei Ehen des Vaters; nach anderen Angaben war S. der Jüngste von 13 Geschwistern. Verheiratet (seit 1891) mit Johanna Karoline Luise Marie S., geb. Happe (1863-1927).
Der Vater betrieb von 1848 bis 1869/70 in Klein Kollmar (heute: Kollmar) den Krug bei der Schleuse, die spätere Gastwirtschaft „Fährhaus Kollmar“. Ab seinem zwölften Lebensjahr arbeitete S. als Knecht auf einem Bauernhof in (Kollmar-)Strohdeich, bis er um 1879 eine Stellung als Kutscher in Hamm annahm. Vermutlich bereits Ende 1880 trat er in den Dienst der Tierhandlung Hagenbeck in Hamburg, wo er wahrscheinlich als einfacher Pferdebursche begann. Gefördert von Wilhelm Hagenbeck (1850-1910), der das Talent des Jungen zum Dompteur erkannte, wurde er als „Eleve“ bald mit dem Bändigen von Tieren beschäftigt, zuerst von Bären, Wölfen und Hyänen, dann von jungen Löwen. Anfangs unter Vertrag bei Hagenbeck, der ihm Engagements bei renommierten europäischen Zirkusunternehmen wie Schumann, Renz und Carré verschaffte, trat S. seit 1881 als Löwendompteur auf, zunächst (bis etwa 1884/86) unter dem Künstlernamen „Julius Batty“, der auf den bekannten englischen Dompteur Thomas Batty (um 1832-1903) anspielte. Sein Debüt gab S. wohl im Mai 1881 im Zoologischen Garten in St. Petersburg, und spätestens ab dem Frühjahr 1882 bereiste er mit einer Gruppe von fünf Löwen und einer Ulmer Dogge alle größeren Städte Europas. Mit besonderem Stolz trat er vor den gekrönten Häuptern des jeweiligen Landes auf, so 1884 vor König Alfons XII. von Spanien (1857-1885) in Madrid und 1888 vor Königin Victoria von England (1819-1901) in London, und in Kopenhagen, wo er zehnmal vor der dänischen Königsfamilie gearbeitet hatte, verlieh im Zirkusdirektor Ernst Renz (1815-1892) eine goldene Medaille. Bereits 1885 hatte S. seine Gruppe auf acht Löwen und eine Dogge vergrößert. Mit dem Erfolg wurde er im Laufe der Zeit zunächst Hagenbecks Teilhaber an der Tiergruppe, dann deren alleiniger Eigentümer.
Während er seine Tiere bisher – wie damals üblich – im Käfigwagen vorgeführt hatte, begann S. 1891 mit der „Freiheitsdressur“ in der Manege, zunächst mit einer Gruppe aus zwei Löwen, zwei Ponys und zwei Hunden, die er in Lübeck dressierte und ab 1892 auf Tournee zeigte. Berühmt wurde er ab 1895 mit seiner Gruppe von zwölf Löwen, mit der er fast ganz Europa bereiste, insbesondere in England erfolgreich war und sogar in Südamerika, Syrien und Ägypten aufgetreten sein soll; nach anderen Berichten soll er jedoch angebotene Auftritte in den USA wegen der Gefahr für die Tiere beim Transport stets abgelehnt haben. Laut dem Artisten-Lexikon von 1895 bezog S. damals stattliche Gagen in Höhe von 150 bis 200 Pfund Sterling pro Woche. Bei einem Gastspiel des Zirkusses Schumann in Zürich 1897 erlebte ihn und seine zwölf Löwen der Schweizer Ingenieur Alfred Ilg (1854-1916), der gerade auf einem Heimatbesuch weilende Berater des Kaisers Menelik II. von Abessinien (1844-1913), was dem Dompteur eine Einladung des Kaisers nach Abessinien (heute: Äthiopien) eintrug. Für den Besuch des prominenten (und diesmal ohne seine eigenen Löwen reisenden) Tierbändigers hatte der Kaiser eigens 28 wilde Berberlöwen einfangen lassen. Bei seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Abessinien 1898 soll S. drei oder vier dieser Löwen in nur zehn Tagen gezähmt und dem Hof vorgeführt haben, woraufhin der begeisterte Herrscher ihm alle 28 Löwen, zwei Pferde und einen Maulesel schenkte. Nicht nur diese großzügige Gabe ermöglichte S. künftig Auftritte mit einer Löwengruppe von bis zu 25 Tieren in der „eisernen Manege”. Schon früher hatte er sich intensiv mit der Aufzucht von Jungtieren befasst und in dreieinhalb Jahren „74 junge Löwen aufgezogen, wovon 62 gross wurden” (Artisten-Lexikon 1895, S. 190).
Seit den 1890er Jahren gastierte S. mit seiner immer wieder variierten Löwennummer auch oft in Ffm. Als einzigartige Attraktionen hatte er zu jener Zeit (und somit möglicherweise bei den Ffter Gastspielen) etwa eine Karussellfahrt sechs männlicher Löwen und den ersten Königstiger zu Pferde im Programm. „Ein besonderer Tric”, so das Artisten-Lexikon von 1895, war „das Tragen des 447 Pfd. schweren Löwen ‚Sultan’ aus der Manège”. Grundsätzlich gilt S. als fortschrittlicher Tierlehrer seiner Zeit, der seine Tiere gewaltfrei trainierte, bei der Dressur jegliche Form der Bestrafung ablehnte und vielmehr auf Vertrauen und Freundschaft setzte. Sämtliche Kommandos gab er in seiner plattdeutschen Muttersprache. Trotz seiner Erfahrung und Erfolge in der Tierdressur wurde S. dreimal von Löwen angefallen und ernstlich verletzt, erstmals im Circo Alegría in Barcelona, dann im Pariser Hippodrom 1891 und schließlich im Zirkus Schumann in Ffm. 1899. An den Ffter Vorfall erinnerte er sich 1935 in einem Programmheft des Schumanntheaters: „Hier wurde ein ausgewachsener Löwe während der Vorstellung plötzlich toll und sprang auf mich los; nur mit knapper Not gelang es mir, rechtzeitig den Käfig zu verlassen. Sofort nach diesem Angriff ließ ich den Löwen von Direktor Schumann erschießen.“ (30 Jahre Schumann-Theater, Programm vom 1.-15.12.1935, S. 11.)
Befreundet und verschwägert mit Albert Schumann, übernahm S. als Vorstand und Mitaktionär der „Aktiengesellschaft für Circus- und Theater-Bau” die Direktion des 1905 eröffneten Schumanntheaters am Ffter Hauptbahnhof. Um diese Zeit, angeblich mit seinem 25. Jubiläum der Arbeit im Löwenkäfig, beendete er seine aktive Laufbahn als Löwendompteur. Später soll er sich noch einmal als Tierlehrer versucht und einen Schimpansen dressiert haben, mit dem er auf verschiedenen Varietébühnen auftrat. Im Wesentlichen konzentrierte sich S. ab 1905 jedoch auf die Leitung des Schumanntheaters, dessen Programme er bis zur Spielzeit 1920/21 zusammenstellte. Er verpflichtete die Crème de la Crème der Zirkus- und Varietékünstler nach Ffm., so dass „das Schumann” unter seiner Direktion bald einen weit über die Stadt hinausreichenden, geradezu internationalen Ruf genoss. Mehr und mehr verlagerte er den Betrieb des ursprünglich bis zu 5.000 Zuschauer fassenden Theaters vom Zirkus auf das Varieté. Statt aufwendiger Ausstattungspantomimen, die allmählich aus der Mode kamen, bot er zudem Operettenaufführungen an, bis hin zu einer eigenen Operettenspielzeit im Winter 1919/20, und noch vor dem Ersten Weltkrieg öffnete er das Haus für Sportveranstaltungen wie Ringwettkämpfe in den Sommermonaten.
Seit Anfang der Zwanzigerjahre verpachtete S. als leitender Vorstand der „AG für Circus- und Theater-Bau” das Schumanntheater an wechselnde Direktionen. Wohl spätestens seit 1921/22 war auch der englische Artist Joe Hodgini (eigentl.: Joseph Henry Hodges; 1865-1950) an der Trägergesellschaft des Theaters und deren Geschäftsführung beteiligt; Hodgini war somit der dritte Schwager im Bunde, denn Schumann, S. und er waren mit Schwestern verheiratet. Infolge der Weltwirtschaftskrise, verbunden mit dem gleichzeitigen Niedergang der Ausstattungsrevue, die dem Schumanntheater seit 1924 große Publikumserfolge beschert hatte, geriet der Theaterbetrieb in ernste finanzielle Schwierigkeiten, so dass das Haus Ende 1930 zeitweise geschlossen werden musste. Die „AG für Circus- und Theater-Bau” unter S. übernahm daraufhin das Schumanntheater bis März 1931 wieder in Eigenregie, um die Monate bis zu einer notwendigen baulichen Sanierung zu überbrücken. Von April bis August 1931 blieb das Theater geschlossen, ohne dass die wirtschaftliche Lage jedoch eine Renovierung erlaubt hätte. Nach einer mehrmonatigen Übergangszeit mit kurzfristigen Pachtverträgen und dem modernisierenden Umbau zum „Kino-Varieté” (unter Aufgabe der Einrichtungen zum Zirkusbetrieb, der sich schon länger als nicht mehr rentabel erwiesen hatte) wurde das Schumanntheater im Oktober 1932 wiedereröffnet. Die Trägergesellschaft für den Theaterbau trieb derweil auf den Bankrott zu, u. a. wegen der hohen Umbaukosten von über einer halben Million Reichsmark. Seit Ende 1933 stand das Schumanntheater unter Zwangsverwaltung. Doch 1934 wurde es, jetzt unter der Direktion von Hans Maier und Franz Renné, neu eröffnet. Im Programmheft zum 30-jährigen Bestehen im Dezember 1935 blickte S. zuversichtlich in die Zukunft des Schumanntheaters. Damals stand er als Mitaktionär weiterhin der „AG für Circus- und Theater-Bau” vor, die ihre Geschäftsräume nach wie vor in dem Theaterbau hatte. Aber wahrscheinlich blieb der wirtschaftliche Abstieg der vermutlich schon in Auflösung befindlichen Gesellschaft, der spätestens seit 1938 auch das Theatergebäude nicht mehr gehörte, nicht ohne Folgen für seine eigene finanzielle Situation. Im Adressbuch von 1938 firmierte S. erstmals nicht mehr als „Direktor”. Zugleich gab der nunmehrige „Privatier” sein eigenes Haus in der Holzhausenstraße 44 (lt. Adr. 1921-37; erhalten) auf, in dem auch sein Schwager Joe Hodgini wohnte (lt. Adr. 1921-38), und zog zur Miete in eine nahegelegene Wohnung in der Eysseneckstraße 22. Dort starb er 1939 im 76. Lebensjahr.
Das Schumanntheater spielte bis zur Zerstörung des Bühnentrakts (mit dem Zuschauerraum) bei einem Luftangriff am 22.3.1944. Der erhaltene Kopfbau mit der Jugendstilfassade, in dem sich die Restaurationsräume befanden, wurde 1961/62 abgerissen. An seiner Stelle (Am Hauptbahnhof 16) steht seit 1966 ein nüchternes Bürohaus.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 372, verfasst von: Reinhard Frost.

Lexika: Signor Saltarino [d. i. Hermann Waldemar Otto]: Artisten-Lexikon. Biographische Notizen über Kunstreiter, Dompteure, Gymnastiker, Clowns, Akrobaten, Specialitäten etc. aller Länder und Zeiten. 2., vermehrte u. verb. Aufl. Düsseldorf 1895.Artisten-Lexikon 1895, S. 189-191.
Literatur:
                        
Janke, Klaus/Häfner, Markus: Banker, Bordelle & Bohème. Die Geschichte des Ffter Bahnhofsviertels. Ffm. [Copyright 2018].Janke/Häfner: Bahnhofsviertel 2018, S. 72. | Neuer Theater-Almanach. Theatergeschichtliches Jahr- und Adressenbuch. Hg. v. d. Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger. 25 Jahrgänge. Berlin 1890-1914.Neuer Theater-Almanach 1907, S. 404; 1914, S. 951. | Piecha, Oliver M.: Roaring Fft. Mit Siegfried Kracauer ins Schumanntheater. Ffm. 2005.Piecha: Roaring Fft. 2005, S. 60-96, bes. S. 61f., 90, 92.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1907, T. I, S. 345; 1908, T. IV, S. 46; 1909, T. IV, S. 66; 1920, T. I, S. 5, 522; 1921, T. I, S. 538; 1933, T. IV, S. 95; 1937, T. I, S. 678 u. T. II, S. 151 u. T. IV, S. 76; 1938, T. I, S. 680 u. T. II, S. 152, 158 u. T. IV, S. 68; 1939, T. I, S. 683. | ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Toten-/Sterbebücher (Beerdigungs- bzw. Sterbebücher), Ffm., 1565-1850 bzw. 1851-1989.Sterbeurkunde der Ehefrau Johanna Karoline Luise Marie Seeth, geb. Happe, gest. am 25.5.1927 in Ffm.: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Toten-/Sterbebuch, Bestand STA 12/684: Standesamt Ffm. I, Sterbeurkunde 1927/I/657 (Bd. 2, S. 59). | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Nachlass von Joe Hodgini: ISG, S1/236. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/1.502. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/2.536 (Schumanntheater: bis 1945). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/18.639 (Schumanntheater: nach 1945). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/18.640 (Schumanntheater: Erinnerungen, Rückblicke nach 1945). | Frdl. Mitteilungen an d. Verf.Mitteilungen von Ulf Buhse, Kollmar, 20.3.2022. | Presse- und Informationsamt (PIA), ab 2017 Hauptamt und Stadtmarketing der Stadt Ffm. (Hg.): Pressedienste (Tages- und Wochendienst), dann Service PRESSE.INFO und später Pressenewsletter.Hock, Sabine: Der Tigerpalast der zwanziger Jahre. Vor 100 Jahren erlebte das Schumanntheater seine Premiere. In: PIA (ab 2017: Hauptamt u. Stadtmarketing) d. Stadt Ffm., Wochendienst, Nr. 46 vom 22.11.2005.
Internet: Circopedia, The Free Encyclopedia of the International Circus, San Francisco (USA). http://www.circopedia.org/Julius_Seeth - http://www.circopedia.org/The_Schumann_Dynasty - http://www.circopedia.org/Circus_Schumann_(Frankfurt) - Circopedia, 15.3.2022. | Webseite der Gemeinde Kollmar/Elbe im Amt Horst-Herzhorn/Schleswig-Holstein. https://daten2.verwaltungsportal.de/dateien/seitengenerator/postkarten_seeth_loewenbaendiger_doku.pdf
Hinweis: Ulf Buhse: Dokumentation zu den Postkarten zum Löwenbändiger Julius Seeth, Stand: 2/2017.
Gemeinde Kollmar/Elbe, 14.3.2022.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_SeethWikipedia, 15.3.2022.

© 2022 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Seeth, Julius. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1217

Stand des Artikels: 22.3.2022
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 03.2022.