Strattner, Georg Christoph

Strattner, Georg Christoph. Kapellmeister. Komponist. * um 1644 Gols/Burgenland (damals Ungarn), ▭ 11.4.1704 Weimar.
S. entstammte einer lutherischen Organistenfamilie.
Mit sieben Jahren verließ er seinen Geburtsort und zog zu seinem Vetter Samuel Capricornus (1628-1665), der Musikdirektor an der Dreifaltigkeitskirche in Pressburg war. Dort erhielt er ersten musikalischen Unterricht, diente als Kapellknabe und besuchte das Gymnasium. Nachdem Capricornus 1657 als Hofkapellmeister nach Stuttgart gegangen war, folgte ihm S. spätestens 1659 als Kapellknabe an den Herzogshof; von 1661 bis 1666 war er dort als Altist angestellt. Nach dem Tod von Capricornus (1665) wurde er 1666 zum Kapellmeister am Hof von Baden-Durlach berufen. Eine erste Bewerbung an die Barfüßerkirche in Ffm. 1675 blieb erfolglos; erst 1682 wurde S., offenbar auf Fürsprache Speners, zum Kapellmeister an der Ffter Barfüßerkirche ernannt. Zu seinen Aufgaben gehörte die Aufsicht über die Musik in sämtlichen Kirchen und dem Gymnasium der Stadt, die Ausbildung von Kapellknaben und die Tätigkeit als Tenorist. 1692 wurde S. wegen Ehebruchs mit seiner Dienstmagd entlassen und aus der Stadt ausgewiesen. Trotz zahlreicher Versuche gelang es ihm nicht, seine Wiedereinstellung zu erreichen; er bekam vom Rat nicht einmal ein Abgangszeugnis. Erst 1694 erhielt er wieder eine Stelle als Kanzlist und Tenorist am Weimarer Hof und avancierte dort 1695 zum Vizekapellmeister.
S. wird als „einer der wichtigen und einflussreichen Kirchenkomponisten“ seiner Generation gerühmt, dessen Werk „noch nicht ausreichend gewürdigt und erschlossen wurde“ (MGG).
S. komponierte zahlreiche groß besetzte Kantaten, von denen nur etwa 20 handschriftlich erhalten sind. Für die Neuausgabe des Gesangbuchs von Joachim Neander (1650-1680), „Vermehrte Glaub- und Liebes-Übung“ (Ffm., 5. Aufl. 1691 u. ö.), schrieb S. die Melodien der insgesamt 64 aufgenommenen Lieder neu, darunter „Himmel, Erde, Luft und Meer“, das bis heute in dieser Fassung im Evangelischen Kirchengesangbuch enthalten ist (EG 504), während S.s Melodie zu Neanders bekanntestem Lied „Lobe den Herren“ sich im kirchlichen Gebrauch nicht durchgesetzt hat. Einzelne Lieder von S. sind in zahlreichen anderen Gesangbüchern überliefert. An weltlicher Vokal- und Instrumentalmusik ist wenig von ihm erhalten; die meisten seiner Werke (darunter auch Singballette) sind verschollen.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Roman Fischer.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 446, verfasst von: Birgit Weyel.

Lexika: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde. München/Leipzig 1875-1912.Elisabeth Mentzel in: ADB 36 (1893), S. 520-524. | Herbst, Wolfgang (Hg.): Wer ist wer im Gesangbuch? 2. durchges. u. aktualisierte Aufl. Göttingen 2001.Hermann Schemmel in: Herbst (Hg.): Wer ist wer im Gesangbuch 2001, S. 316. | Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Unter Mitarb. zahlreicher Musikforscher (...) hg. v. Friedrich Blume. 17 Bde. Kassel/Basel 1949-86. Neuausgabe (2., völlig überarb. Aufl.): Hg. v. Ludwig Finscher. 10 Bde. (Sachteil), 18 Bde. (Personenteil) und ein Supplementband. Kassel/Stuttgart 1994-2008.Michael Maul in: MGG, 2. Aufl., Personenteil 16 (2006), Sp. 4f. | Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 586. | Riemann Musiklexikon. Hg. v. Willibald Gurlitt und Carl Dahlhaus. Personenteil, 2 Bde. u. 2 Ergänzungsbde. Mainz 1959-79.Riemann: Musik, Personenteil L-Z (1961), S. 739; Ergänzungsbd., Personenteil L-Z (1975), S. 722.
Literatur:
                        
Noack, Elisabeth: Georg Christoph Strattner (c. 1645-1704). Ein Beitrag zur Entwicklung der süddeutschen Barockmusik. Diss. Berlin 1921. Teildruck in: Archiv für Musikwissenschaft 1921, H. 4, S. 1-37.Noack: Georg Christoph Strattner 1921. | Schlichte, Joachim: Thematischer Katalog der kirchlichen Musikhandschriften des 17. und 18. Jahrhunderts in der Stadt- und Universitätsbibliothek Ffm. (Signaturengruppe Ms. Ff. Mus.). [Hg. v. d. Stadt- und Universitätsbibliothek Ffm.] Ffm. 1979. (Kataloge der Stadt- und Universitätsbibliothek Ffm. 8).Schlichte: Themat. Katalog d. kirchl. Musikhandschriften d. 17. u. 18. Jh.s in der UB Ffm. 1979, S. 137-140, Nr. 516-530. | Valentin, Caroline: Geschichte der Musik in Ffm. vom Anfange des XIV. bis zum Anfange des XVIII. Jahrhunderts. Ffm. 1906.Valentin: Musik 1906, S. 187, 206-216.
Quellen: ISG, Aktenbestand Criminalia, 1508-1856; erschlossen über Archivdatenbank.ISG, Criminalia 1.904 (Verhörprotokoll wegen Unzucht mit der Dienstmagd, 1692). | ISG, Bestand Dienstbriefe, 1335-1806.ISG, Dienstbriefe 1.073 u. 1.074. | ISG, Bestand Ratssupplikationen, 1600-1809.ISG, Ratssuppl. 1682, f. 128-131 (Bewerbung). | ISG, Bestand Ratssupplikationen, 1600-1809.ISG, Ratssuppl. 1692, f. 75 u. 78, 143f. (Gesuch der Ehefrau um Aufenthaltserlaubnis für ihren Mann und um Unterstützung für sich und ihre Kinder). | ISG, Bestand Ratssupplikationen, 1600-1809.ISG, Ratssuppl. 1694-98, f. 64 u. 67 (Gesuch um Wiedereinstellung).
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Christoph_StrattnerWikipedia, 7.12.2019.

GND: 129823767 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Fischer, Roman: Strattner, Georg Christoph. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1359

Stand des Artikels: 9.12.2019
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 12.2019.