Jüngster von drei Söhnen des preußischen Staatsangehörigen Tobias A., der in Riga im Holzhandel tätig war, und dessen Ehefrau Dorothea, geb. Schalit. Brüder: Paul A. (1879-1941), Chemiker; Nicolai A. (1885-1935), Jurist. Die Familie war jüdischen Glaubens. Verheiratet (seit 1920) mit Elsa A., geb. Weill-Einstein (1893-1982), einer Schweizerin, die ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammte. Zwei Kinder:
Walter Hans A. (1921-2011), Kardiologe an der Harvard Medical School in Boston/Massachusetts (USA);
Edith Dorothea A. (später verh. Leopold, 1923-2011). Enkel: Charles A. (* 1965), Bildungsforscher, Pädagoge und Dokumentarfilmer.
Im fünften Lebensjahr kam A. nach Memel, woher sein Vater stammte. Dort besuchte er das humanistische Königliche Luisen-Gymnasium. Wegen einer schweren Erkrankung in der Prima konnte er die Abiturprüfung nicht ablegen und verließ die Schule im April 1906 mit einem Primaner-Zeugnis. Anschließend lernte er den Beruf des Apothekers in der Apotheke „Zum Goldenen Adler“ in Memel (vom 1.7.1906 bis zum 31.7.1907), in der Victoria-Apotheke in Wiesbaden (vom 1.8.1907 bis zum 15.2.1909) sowie schließlich in Pfalzburg (vom 16.2. bis zum 1.7.1909). Als Apothekergehilfe war er 1909 kurzzeitig wieder in Wiesbaden, 1910 in Genf, Lyon und Memel tätig. Nach der 1912 abgelegten Prüfung wurde ihm seine Approbation als Apotheker auf dem Gebiet des Deutschen Reiches am 10.1.1916 erteilt.
Bereits im Oktober 1910 hatte A. ein Pharmaziestudium in München aufgenommen. Er hörte u. a. Vorlesungen bei Adolf von Baeyer (1835-1917), in dessen Labor er zudem arbeitete. Ab Oktober 1911 setzte er sein Studium in Straßburg am chemischen Institut von Johannes Thiele (1865-1918) und am Pharmazeutischen Institut der Universität fort. Auf Veranlassung seines Lehrers Eduard Schaer (1842-1913), des Direktors des Pharmazeutischen Instituts der Universität Straßburg, begann A. eine Dissertation mit dem Titel „Über Quecksilberarbeiten auf anorganischem und organischem Gebiet“ bei Leopold Rosenthaler (1875-1962). Eines der Ziele der Dissertation war es, eine neue Gruppe merkurierter Körper darzustellen. Da dies in Straßburg nicht gelang, ging A. nach Nancy, um im dortigen Universitätslaboratorium von Victor Grignard (1871-1935; Nobelpreisträger für Chemie 1912) seine Arbeit zu vollenden. Anfang Juli 1914 reichte A. an der Universität von Nancy seine Dissertationsschrift ein, die zur Promotion angenommen wurde. Die erforderliche mündliche Prüfung war für den November 1914 geplant, wurde durch den Beginn des Ersten Weltkriegs aber verhindert.
Am 30.7.1914 kehrte A. nach Deutschland zurück und stellte sich in Ffm. den Militärbehörden zur Verfügung. Er trat zunächst in die Sanitätskolonne des Ffter Roten Kreuzes ein und diente im Rang eines Landsturmgefreiten ab Juni 1915 im Lazarett des Kriegsgefangenenlagers in Limburg/Lahn als Apotheker und Chemiker. Im September 1917 wurde er im Rang eines Oberapothekers ins Sanitäts-Depot des XVIII. Armee-Korps in Ffm. abkommandiert. Er leitete dort bis Januar 1919 jene Abteilungen, die Ampullen, Pflaster und Desinfektionsmittel fabrikmäßig herstellten.
Von seinem Ffter Standort aus hatte A. ab Februar 1918 versucht, die ausstehende mündliche Prüfung an der Universität Ffm. zu organisieren, um seine Promotion abzuschließen. Aufgrund des fehlenden Abiturs aber sah sich die Universität außerstande, A. zu promovieren. Verschiedenste Lösungsvorschläge führten nicht zum Ziel, sodass er den Plan aufgab und 1919 als beratender Apotheker für die Farbwerke „Leopold Cassella & Co. GmbH“ in Ffm. tätig wurde.
Am 15.12.1920 gründete A. in Bad Homburg v. d. H. die „Chemisch-Pharmazeutische Werke Bad Homburg AG“. Wichtigste Geldgeber waren Abraham Weill-Einstein (1859-1936), A.s Schwiegervater, der in Zürich eine Fabrik für Herrenkleidung besaß, und Adolf Rüdiger (1853-1923), der Inhaber der Bad Homburger Hofapotheke. Die Fabrik in der Bad Homburger Dorotheenstraße 45 befand sich in den vormaligen Produktionsräumen einer Bonbonfabrikation. Die Bonbons produzierte A. (zunächst) weiter; dazu kam mit einer Lizenz ab 1921 die Herstellung Treupel’scher Schmerztabletten. Bald wurde die Produktpalette um Mineralwasser, den Essigersatz Citrovin und eigene Arzneimittel wie die bis heute erhältlichen Präparate Kamillosan (1921) und Transpulmin (1924) erweitert. Während sich Rüdiger als Mitglied des Aufsichtsrats bis zu seinem Tod am 20.11.1923 mit der regionalen, nationalen und globalen Vermarktung der Arzneimittel befasste, war A. als Vorstand für den Ausbau der Produktion und die Entwicklung neuer Produkte zuständig. Sein Unternehmen, das seit 1922 „Chemisch Pharmazeutische AG Bad Homburg“ hieß, war die einzige jüdische Fabrik in der Kurstadt.
A. war ein enthusiastischer Unternehmer, der alles für das Fortkommen seiner Firma tat – stets auf faire, rücksichtsvolle und philanthropische Weise. Mit seiner Frau und den 1921 und 1923 in Ffm. geborenen Kindern lebte A. in Ffm., in einer Wohnung im zweiten Stock des Hauses Beethovenstraße 35 im Westend (lt. Adr. 1921-34). In Ffm. gehörte A. dem örtlichen Marketing Club an, wo er auch Vorträge hielt. Werbung hatte für ihn nicht nur einen geschäftlichen, sondern auch einen künstlerischen Aspekt, wie Verpackungen, Prospekte und Annoncen seines Unternehmens zeigen. Er legte zudem viel Wert auf ästhetische Arbeitsräume und schuf für das Chemiewerk Homburg früh eine Art Corporate Design. Aufgrund des steten Wachstums der Geschäfte und der damit verbundenen benötigten Raumkapazität verlagerte A. sein Unternehmen im Herbst 1927 ins Ffter Ostend, in eine vormalige Schokoladenfabrik in der Daimlerstraße 25/Ecke Weismüllerstraße 24. Ein Jahr später erwarb er auch das an seine Fabrik angrenzende Terrain (3.300 qm).
Zwei Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, am 31.3.1933, verließen Elsa, Walter und Edith A. Ffm. in einem Nachtzug in Richtung Zürich. Arthur A. begleitete seine Familie bis an die Grenze und machte dann kehrt, um am 1.4.1933, dem Tag des angekündigten „Judenboykotts“, in Ffm. zu sein. Der Boykott traf auch A. und sein Unternehmen schwer, da die Homburg-Arzneimittel von der Erstattungsliste der Krankenkassen gestrichen wurden. Dies führte zu sofortigen enormen Umsatzeinbrüchen. A. versuchte eine Lösung zu finden, die den Fortbestand des Unternehmens und damit den Erhalt der rund 180 Arbeitsplätze ermöglichte. Um die jüdische Eigentümerschaft der Firma zu verschleiern, trat A. am 5.4.1933 von seinem Direktionsposten zurück. Da dies den Nationalsozialisten nicht genügte, war er im Oktober 1933 gezwungen, 95 % der Anteile an seiner Firma unter Wert an die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt vorm. Roessler (ab 1980: Degussa AG) zu verkaufen. Diese wiederum gab 52 % der Anteile an die IG Farbenindustrie AG weiter, übernahm jedoch selbst die Führung des Chemiewerks. Die Degussa vereinbarte mit A., dass er in Zürich eine Filiale aufbauen sollte, um von dort das Auslandsgeschäft des Chemiewerks zu koordinieren. Dies erwies sich jedoch als sehr mühsames Unterfangen. Den erzwungenen Verkauf des Unternehmens und damit den Verlust seines Lebenswerks konnte A. nicht verwinden. Er erkrankte an Depressionen.
Im Oktober 1934 unternahmen Arthur und Elsa A. eine Reise nach Neapel und an die Amalfiküste. Von dort kehrten beide schwer krank zurück. Während Ehefrau Elsa sich wieder erholte, starb Arthur A. am 2.12.1934 in der Zürcher Klinik Hirslanden an einer Bakterienruhr (Shigellose).
Mitglied der Association française pour l’avancement des sciences (seit 1914), der Société Chimique de France (seit 1914) und der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (ab Januar 1921).
A. stand in Kontakt mit
Albert Schweitzer, dem er Arzneimittel aus dem Chemiewerk Homburg, z. B. Kamillosan, kostenfrei zukommen ließ.
Publikationen von A.: Patentschriften und wissenschaftliche Artikel über die Darstellung merkurierter Verbindungen; Artikel zu verschiedenen Themen in den Fachzeitschriften „Pharmazeutische Zentralhalle“, „Deutsche Parfümerie-Zeitung“ und „Pharmazeutische Zeitung“, vor allem 1918/19; Artikel in den „Berichten der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft“, 1921-23, z. B. „Ueber Quecksilberverbindungen von Purinderivaten“ (mit Leopold Rosenthaler, 1923).
Die Witwe Elsa A. lebte mit den beiden Kindern bis Frühjahr 1939 in Baden bei Zürich. Ende März 1939 erreichten Elsa A., ihre Mutter Leonore Weill-Einstein (1865-1939) sowie die beiden Kinder Walter und Edith A. mit dem Schiff von Le Havre aus New York. In den Vereinigten Staaten bauten sie sich ein neues Leben auf. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs forderte Elsa A. von der Degussa und den IG Farben Schadensersatz wegen der „Arisierung“ des Unternehmens ihres verstorbenen Mannes. 1952 wurde ein außergerichtlicher Vergleich herbeigeführt, der die Degussa und die in Liquidation befindlichen IG Farben dazu verpflichtete, einen namhaften Geldbetrag an die Erben A.s auszuzahlen. Da die IG Farben diesem Vergleich nicht zustimmten, zahlte die Degussa, die ein Interesse an einer schnellen Einigung hatte, die gesamte Summe, woraufhin auch die Anteile der IG Farben an dem Unternehmen an die Degussa gingen. Darüber hinaus erwarb die Degussa die restlichen Anteile der Familie A. am Chemiewerk Homburg, das somit vollständig in den Besitz der Ffter Scheideanstalt überging und deren bis 2002 existierenden Pharmazweig begründete.
„Arthur Abelmann Collection” (AR 25372) im Leo Baeck Institute in New York (digitalisiert und online einsehbar im Center for Jewish History).
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