Cohnstaedt, Wilhelm

Wilhelm Cohnstaedt

Wilhelm Cohnstaedt
Fotografie (in Familienbesitz).

© Joy Cohnstaedt, Toronto (Kanada).
Cohnstaedt, Wilhelm. Psd.: Sigmund Odt. Dr. phil. Journalist und Schriftsteller. * 9.11.1880 Ffm., † 3.10.1937 Philadelphia (USA).
Sohn des Journalisten Ludwig C. (1847-1934), der seit 1877 der Redaktion und seit 1893 der Geschäftsführung der Ffter Zeitung angehörte, und dessen Frau Rosa, geb. Stern (1853-1932). Verheiratet (seit 1911) mit Else Göbel aus Wuppertal (1881-1974). Drei Kinder: Ruth Marianne (1912-1934), Hans Jakob (nach der Emigration: James, gen. Jim, Compton; 1914-2002) und Martin Ludwig (1917-2002).
Nach dem Abitur am Ffter Lessing-Gymnasium 1900 studierte C. Volkswirtschaft und Geschichte in Berlin und München; er promovierte bei Lujo Brentano (1844-1931) mit einer Arbeit über „Die Agrarfrage in der deutschen Sozialdemokratie von Karl Marx bis zum Breslauer Parteitag“ (1903). Als Mitglied des liberalen Nationalsozialen Vereins arbeitete er ab 1901 gelegentlich bei der von Friedrich Naumann herausgegebenen Wochenschrift „Die Hilfe“ mit. Nach Militärdienst (1903-04) und weiteren Studien in Berlin (1904-06) war C. als Aushilfe in der Auslandsredaktion der Ffter Zeitung in Ffm. beschäftigt. Ein Angebot für eine feste Stelle bei der FZ schlug er jedoch aus und ging 1907 auf eine ausgiebige USA-Reise, worüber er in Artikeln für die FZ schrieb. Ab 1908 berichtete er als USA-Korrespondent der FZ aus New York und Washington. In dieser Zeit entwickelte er persönliche Bekanntschaften zu Theodor Roosevelt (1858-1919), Senator Robert M. La Follette senior (1855-1925) und mehreren bedeutenden US-amerikanischen Journalisten und Herausgebern. 1909 unternahm C. eine mehrmonatige Reise durch Westkanada, über die im Herbst desselben Jahres eine Artikelserie in der FZ und später das Buch „Aus Westkanada. Reisebriefe unseres Spezial-dt-Korrespondenten“ erschienen. Danach nahm C. ein neuerliches Angebot der FZ für eine Festanstellung an, ging zunächst als Korrespondent des Blattes nach Berlin und trat 1910 oder spätestens 1911 in die Redaktion der FZ in Ffm. ein. Nach Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg (1914-17) setzte er sein Wirken als politischer Redakteur für die FZ fort. Anfang 1918 trug ihm ein Memorandum an die Oberste Heeresleitung über die hungernde, erschöpfte und kriegsmüde Bevölkerung einen Platz auf der Schwarzen Liste nationalistischer und militaristischer Kreise ein. Bei Kriegsende trat er, persönlicher Freund von Friedrich Naumann, in die Deutsche Demokratische Partei (DDP) ein, in deren Vorstand er ab 1919 mitwirkte; seit 1930 war er Mitglied der Nachfolgeorganisation Deutsche Staatspartei. C. gehörte auch dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an.
Anlässlich der Machtübernahme der Nationalsozialisten verweigerte C. einen Ergebenheits-Leitartikel zu Adolf Hitler. Um den jüdischen Liberalen in Sicherheit zu bringen, schickte ihn die FZ im März 1933 in die USA, wo ihn seine Frau Else C. offenbar gelegentlich besuchte; erst nach seinem Tod übersiedelte sie ständig nach New York. Die Tochter Ruth C., die 1932 an der Ffter Schillerschule ihr Abitur gemacht hatte, engagierte sich in einer Gruppe mit Emil Carlebach in Ffm. im Widerstand gegen das NS-Regime, wurde in Sachsenhausen beim Verteilen von Flugblättern festgenommen, ging nach Verbüßung einer Haftstrafe kurzzeitig nach Italien und verübte nach ihrer Rückkehr nach Ffm. 1934 Suizid. Die Söhne flüchteten in die USA, wo Martin C. seit 1937 an der Rutgers University in New Jersey studierte.
In der Emigration traf C. u. a. auf die Ffter Politikerin Toni Sender, die in Deutschland ebenfalls um ihr Leben hatte fürchten müssen. C. verfasste zwischen 1933 und 1937 zahlreiche Artikel und Rezensionen für die New York Times und die New York Herald Tribune. Ein Buchprojekt über „Die deutsche Republik“ blieb unvollendet. Angesichts der erzwungenen Trennung von Deutschland und von seiner Familie litt C. unter schweren Depressionen. Er nahm sich 1937 das Leben.
Seit 2018 Stolperstein für Wilhelm C. vor dem Haus Hansaallee 7 und für seine Tochter Ruth C. vor dem Haus Hansaallee 32 in Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Hanna Eckhardt.

Lexika: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. 3 Bde. München/New York/London/Paris 1980-83.Emigrantenlex. I, S. 116. | Walk, Joseph: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. München/New York/London/Paris 1988.Walk, S. 61.
Literatur:
                        
Achterberg, Erich: Albert Oeser. Aus seinem Leben und hinterlassenen Schriften. Ffm. 1978. (Studien zur Ffter Geschichte 13).Achterberg: Albert Oeser 1978, S. 114f., 130. | Archiv für Fft.s Geschichte und Kunst. Bisher 73 Bde. Ffm. 1839-2012. Schäfer, Kurt: Albert Oesers Briefwechsel mit Emigranten 1945-1951. In: AFGK 59 (1985), S. 539-577, hier S. 542, 547f., 557. | Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 83. | Becker, Werner: Demokratie des sozialen Rechts. Die politische Haltung der Ffter Zeitung, der Vossischen Zeitung und des Berliner Tageblatts 1918-1924. Göttingen/Zürich/Ffm. 1971.Becker: Demokratie d. sozialen Rechts 1971, S. 281f. | Bussiek, Dagmar: Benno Reifenberg 1892-1970. Eine Biographie. Göttingen 2011. Bussiek: Benno Reifenberg 2011, S. 167f., 262. | Cohnstaedt, Wilhelm: Western Canada 1909. Travel letters. Englische Übersetzung von Herta Holle-Scherer. Regina/Saskatchewan (Kanada) 1976.Cohnstaedt, Martin: A Son’s Reflections. In: Cohnstaedt: Western Canada 1976. | Geschichte der Ffter Zeitung. Volksausgabe. Hg. v. Verlag der Ffter Zeitung (Ffter Societätsdruckerei GmbH). Ffm. 1911.Gesch. d. FZ 1911, S. 1058-1060, 1090. | Gillessen, Günther: Auf verlorenem Posten. Die Ffter Zeitung im Dritten Reich. Berlin 1986.Gillessen: FZ im Dritten Reich 1986, S. 35, 88, 114, 184f. | Heuss, Theodor: Erinnerungen 1905-1933. 5. Aufl. Tübingen 1964.Heuss: Erinnerungen 1964, S. 54-63, bes. S. 59. | Die Abiturienten des Lessing-Gymnasiums Ffm. von Ostern 1900. Zur 30jährigen Erinnerungsfeier, Ffm., 19. April 1930. Zusammengestellt von Adolf Kraetzer. Berlin 1930.Kraetzer (Hg.): Abiturienten d. Lessing-Gymnasiums 1900, S. 30. | Wolfe, Morris: Martin’s Room. In: Grubstreet Books. Toronto (Kanada) 2000.Wolfe: Martin’s Room 2000.
Quellen: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518/5056. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/8.118. | Frdl. Mitteilungen an d. Verf.Mitteilungen von Joy Cohnstaedt (Schwiegertochter), Seattle/Washington (USA). | University of Manitoba, Winnipeg (Kanada).Cohnstaedt Family Papers: University of Manitoba (Kanada), Libraries (MSS 484 A 2014-095).
Internet: Stolpersteine in Ffm., Internetdokumentation der Initiative Stolpersteine in Ffm. e. V., Ffm. http://www.stolpersteine-frankfurt.de/downloads/Doku2018_WEB.pdf
Hinweis: Initiative Stolpersteine Ffm., 16. Dokumentation 2018, S. 93f.
Stolpersteine in Ffm., 4.7.2019.


GND: 129893935 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Eckhardt, Hanna: Cohnstaedt, Wilhelm. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/8372

Stand des Artikels: 7.7.2019
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 07.2019.