Kruhm, August

Kruhm, August Johannes Valentin. Signum: A. Kr. Kaufmann. Journalist und Schriftsteller. Musik- und Theaterkritiker. Archivar. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 26.8.1892 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 12.3.1973 Ffm.
Die große Leidenschaft des Ffter Kritikers August K. galt der Literatur, dem Theater und der Musik. Der Gedichtband, mit dem er 1925 als Schriftsteller debütierte, trug den Titel „Klänge“. Leo Sternberg (1876-1937) lobte den Autor seinerzeit als „feinsinnigen“ Lyriker und „Vermittler zartfarbener Naturstimmungen“. Sein Buch berechtige zu Hoffnungen. Gleichwohl ist das lyrische Werk K.s äußerst schmal geblieben. Umfangreichere Spuren hat K. als Journalist hinterlassen – sowohl seit den 1920er Jahren in der Tagespresse seiner Heimatstadt Ffm. als auch später im „Kreis“ und in anderen Zeitschriften für Homosexuelle der frühen Nachkriegszeit. Im „Kreis“ gehörte er fast zwei Jahrzehnte lang (1948-67) zu den beständigsten Mitarbeitern, obwohl seine Beiträge meist nur kurz waren. Bemerkenswert ist, dass K. sie größtenteils unter seinem Klarnamen veröffentlichte. Obwohl von den Nazis kriminalisiert und verfolgt, gab er sich in den Nachkriegsjahren selbstbewusst und mutig als „Homophiler“ zu erkennen.
K. wuchs in der Börnestraße in der Ffter Innenstadt auf. Nach dem Besuch der Klinger-Oberrealschule absolvierte er eine Ausbildung zum Kaufmann in einer Großhandlung für Papierwaren. Vor 1914 arbeitete er vorübergehend als Diktat-Korrespondent in Kassel. Bei Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er zum Militärdienst eingezogen, aus dem er als Sanitäts-Unteroffizier 1918 entlassen wurde. Nach dem Tod seines Stiefvaters 1926 übernahm er dessen Reparaturgeschäft für Waagen, das er zusammen mit seiner Mutter bis zu deren Tod 1939 weiterführte.
Schon früh hatte K. zu schreiben begonnen, und in den 1920er Jahren war er freier literarischer Mitarbeiter bei mehreren Ffter Zeitungen. Daneben verfasste er Musikkritiken für eine Reihe von Fachzeitschriften und mehr als 30 Hörspiele für den Rundfunk. Sein literarisches Debüt legte er 1925 mit dem schmalen Gedichtband „Klänge“ vor, den er seiner „lieben Mutter“ widmete. Nach dem Zweiten Weltkrieg war K. für einige Zeit Feuilletonredakteur der Ffter Rundschau, aber schon um 1949 wechselte er in das Archiv der Zeitung. Unter seinen Kollegen galt K. als „schöngeistige[r], allem Künstlerischen und Feinen aufgeschlossene[r] Mann“, der nie das Rampenlicht gesucht habe. So lebte er auch nach seiner Berentung „zurückgezogen zwischen seinen Büchern, Schallplatten und vielfältigen Erinnerungsstücken“ in einer kleinen Wohnung in der Bleichstraße 18 am Rande der Ffter Innenstadt. Er blieb bis an sein Lebensende unverheiratet.
Über sein Privatleben schwieg sich K. in der Öffentlichkeit stets aus. Bekannt ist aber, dass er schon in den 1920er Jahren dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) Magnus Hirschfelds angehörte und mit dem Ffter Vereinsaktivisten Hermann Weber (1882-1955) und dessen Lebenspartner, dem Industriellen Paul Dalquen (1893-1975), befreundet war. K. und Dalquen waren einst gemeinsam zur Schule gegangen. Weber war vor 1933 Leiter der Ortsgruppe Ffm. des Berliner WhK, und er wurde 1949 Ehrenvorsitzender des Ffter Vereins für humanitäre Lebensgestaltung (VhL) sowie Präsident des von dem Ffter Arzt Hans Giese (1920-1970) neugegründeten Nachkriegs-WhK. Als Weber 1955 starb, widmete K. ihm einen Nachruf im „Kreis“.
Das dunkelste Kapitel im Leben K.s dürfte die Zeit des Zweiten Weltkriegs gewesen sein. Bereits im Frühjahr 1939 wurde K. zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, und vier Jahre später wurde er erneut in Haft genommen, weil er sich wiederholt „im staatsabträglichen Sinne“ geäußert habe. Hermann Weber schrieb 1947 an Kurt Hiller (1885-1972), K. sei einst längere Zeit eingesperrt gewesen, „sodass wir ihn schon als verloren ansahen“. Näheres erschließt sich aus der Gefangenenakte K.s, die sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv befindet. Demnach wurde K. „im Zuge einer seit Juli 1938 laufenden Aktion gegen Homosexuelle“ festgenommen. Schon drei Monate zuvor, am 21.2.1938, war über ihn die Postsperre verhängt worden, weil er „dringend verdächtigt“ wurde, sich gleichgeschlechtlich zu betätigen. Sein Sexualpartner war der 1909 geborene Heinrich T., den er um 1929 kennengelernt hatte und mit dem er bis 1936 eine Beziehung unterhielt. K. wurde am 12.4.1939 vom Ffter Schöffengericht wegen Vergehens nach Paragraph 175 alter und neuer Fassung des Reichsstrafgesetzbuchs zu einer Haftstrafe von vier Monaten verurteilt. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, dass K. geständig und ehemaliger Kriegsteilnehmer war. Strafverschärfend wurden hingegen zwei existierende Vorstrafen wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ gewertet. 1943 war K. dann erneut für 21 Tage in Haft. Was im Einzelnen zu dieser Verhaftung geführt hat, ist unbekannt.
Als Vereinsaktivist des WhK und des VhL hat sich K. nicht sonderlich hervorgetan. 1948 bemühte er sich zwar darum, einen Lesezirkel für Homosexuelle zu gründen, wobei jedoch unklar ist, ob dieser Zirkel je zustande kam. Ab demselben Jahr war K. regelmäßiger Mitarbeiter im „Kreis“, und ab 1952 schrieb er auch Kritiken für die bis 1954 erscheinende Mitgliedszeitschrift „Die Gefährten“ des Ffter Vereins für humanitäre Lebensgestaltung. Dem „Kreis“ hielt K. bis zu dessen Ende 1967 die Treue. Er veröffentlichte in der Zeitschrift teils unter seiner vollen Namensnennung (und oft mit der zusätzlichen Ortsangabe „Frankfurt am Main“), teils unter dem Kürzel „A. Kr.“. Dieses Kürzel verwendete er auch als Rezensent in der FR.
Wie aus seinen Rezensionen für den „Kreis“ hervorgeht, fühlte sich K. vor allem „klassischen“ homosexuellen Schriftstellern wie Hans Christian Andersen, Oscar Wilde und André Gide verpflichtet. Er wandte sich in seinen Arbeiten aber auch Veröffentlichungen jüngerer Autoren oder von Juristen und Sexualwissenschaftlern wie Botho Laserstein, Fritz Bauer und Willhart S. Schlegel zu. K. widmete sich in seinen Besprechungen wiederholt der Frage, wie sich von ihm geschätzte Künstler mit ihrer „Veranlagung“ im Spannungsfeld zwischen Kreativität und Einsamkeit auseinandersetzten. Einer, auf den er dabei immer wieder zu sprechen kam, war der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Für Tschaikowsky, so hielt K. fest, war die Musik das beste Geschenk des Himmels, und er zitierte den großen „Meister“ mit den Worten: „Musik allein macht licht, versöhnt und beruhigt. Musik ist kein Strohhalm, der zerbricht, wenn man sich an ihn klammert; sie ist ein treuer Freund, Beschützer und Trostspender.“ [Zit. nach August Kruhm: Geliebte Freundin. In: Der Kreis 35 (1967), Nr. 5, S. 14.] Vermutlich hat auch K. die Macht der Musik selbst genau so erlebt.
Die Kritikensammlung von K. zu Konzert, Oper und Schauspiel in Ffm. (mit rund 22.000 Rezensionen und 400 Programmheften, 1908-50) befindet sich im Besitz der Abteilung Musik und Theater der UB Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Raimund Wolfert.

Lexika: Kürschners Deutscher Literatur-Kalender. Hg. v. Joseph Kürschner u. a. Berlin/Leipzig 1905-1973.Kürschner: Lit. 1926, Sp. 545.
Literatur:
                        
Der Kreis. Eine Monatsschrift. / Le Cercle. Revue mensuelle. Bd. 11-35. Zürich 1943-67.Kruhm, August: Ein kleines Gedenkblatt für Hermann Weber in Ffm. In: Der Kreis 23 (1955), Nr. 11, S. 36. | Der Kreis. Eine Monatsschrift. / Le Cercle. Revue mensuelle. Bd. 11-35. Zürich 1943-67.Kruhm, August: Geliebte Freundin. [Besprechung von Bowen, Catherine D./Meck, Barbara von: Tschaikowskis Leben und Briefwechsel mit Nadesha von Meck.] In: Der Kreis 35 (1967), Nr. 5, S. 13f. | Kruhm, August: Die Waage im Wandel der Zeiten. Ffm. 1934.Kruhm: Die Waage im Wandel der Zeiten 1934. | Kruhm, August: Klänge. Gedichte. Ffm. 1925.Kruhm: Klänge 1925. | Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Bisher 64 Hefte. Berlin 1983-2020.Zu Hermann Weber: Wolfert, Raimund: Hermann Weber – Leben und Wirken eines „Gentleman“. In: Mitt. d. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, H. 53 (Dezember 2015), S. 27-42. | Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Bisher 64 Hefte. Berlin 1983-2020.Wolfert, Raimund: „Musik ist kein Strohhalm, der zerbricht...“. August Kruhm (1892-1973), eine bio-bibliographische Skizze. In: Mitt. d. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, H. 57 (Juli 2017), S. 47-51; dort auch eine Bibliographie der Beiträge von August Kruhm im „Kreis“, S. 49-51. | Sternberg, Leo: Land Nassau. Ein Heimatbuch. Leipzig 1927.Sternberg: Land Nassau 1927, S. 249.
Quellen: Archiv der Kurt Hiller Gesellschaft/KHG.Archiv d. Kurt Hiller Gesellschaft/KHG, Brief von Hermann Weber an Kurt Hiller, 16.11.1947. | Ffter Rundschau. Ffm. 1945-heute.hjh [d. i. Hans-Jürgen Hoyer]: Lyriker und Journalist. Zum 70. Geburtstag von August Kruhm. In: FR, 25.8.1962. | Ffter Rundschau. Ffm. 1945-heute.hjh [d. i. Hans-Jürgen Hoyer]: Kritiker, Poet und Frankfurter. August Kruhm wird 80 Jahre. In: FR, 25.8.1972. | Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Gefangenenakte August Kruhm des Untersuchungsgefängnisses Ffm., Abt. 409/4 Nr. 3718. | Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Karteikarte der Gestapo Ffm., Abt. 486 Nr. 60138. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/1.092.
Internet: Website des Vereins schwulengeschichte.ch zur Geschichte von Schwulen in der Schweiz, Zürich. http://schwulengeschichte.ch/epochen/4-der-kreis/mitarbeiter/weitere-autoren/august-kruhm
Hinweis: Beitrag über August Kruhm von Raimund Wolfert, März 2017.
schwulengeschichte.ch, 30.4.2020.


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Empfohlene Zitierweise: Wolfert, Raimund: Kruhm, August. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/10336

Stand des Artikels: 1.5.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 05.2020.