Schiff, Jacob H.

Schiff, Jacob Henry (eigentl.: Jakob Heinrich). Bankier. Philanthrop. * 10.1.1847 Ffm., † 25.9.1920 New York.
Aus traditionsreicher Ffter jüdischer Gelehrten- und Finanziersfamilie. Fünftes Kind des für das Bankhaus Rothschild tätigen Börsenmaklers Moses Jakob Hirsch Sch. und dessen Ehefrau Clara, geb. Niederhofheim.
Schüler des Philanthropins, dann (seit 1854) der neu gegründeten Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft. Lehrzeit in einem Ffter Handelskonzern. 1865 in die USA ausgewandert, wo er zunächst als Angestellter des Finanzierungsunternehmens Frank & Gans in New York tätig war. Am 1.1.1867 begründete Sch. mit den Fftern Henry Budge und Leo Lehmann das Bankhaus Budge, Schiff & Co. in New York, das aber bereits 1872 wieder aufgelöst wurde. Als amerikanischer Staatsbürger kehrte Sch. 1873 nach Europa zurück und arbeitete hier seit 1.5.1873 als Garant der London Merchant Bank in Hamburg. Nach dem Tod des Vaters gab Sch. den Posten aber schon im Herbst 1873 auf und ging nach Ffm. zurück, um der Mutter beizustehen. Auf einer Gesellschaft im Hause des Bankiers Jacques Dreyfus lernte er hier Abraham Kuhn kennen, den Seniorchef des seit 1867 bestehenden New Yorker Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. Auf dessen Empfehlung siedelte Sch. 1873 erneut nach New York über und trat in die Investmentbank Kuhn, Loeb & Co. ein. Seit 1.1.1875 zählte er zu den Vollpartnern dieses Unternehmens. Im selben Jahr noch heiratete er Therese Loeb, die älteste Tochter des Firmenmitbegründers Salomon Loeb aus dessen erster Ehe mit Kuhns früh verstorbener Schwester. Nachdem sich Loeb 1885 aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, fungierte Sch. bis zu seinem Tod als Chef des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. Er war insbesondere mit Eisenbahn- und Industriefinanzierungen erfolgreich und genoss bald das Ansehen eines der prominentesten Bankiers der internationalen Hochfinanz.
Der Erste Weltkrieg brachte den Deutsch-Amerikaner Sch., der zwar stolz auf seine amerikanische Staatsbürgerschaft war, sich aber als Deutscher fühlte, in Gewissensnöte. In seinem New Yorker Haus, einer „Enklave der Ffter jüdischen Orthodoxie” (Paul Arnsberg), war bis dahin nur deutsch gesprochen worden, und Sch. zeichnete zu Kriegsbeginn noch deutsche Kriegsanleihen. Aufgrund seiner dezidiert antirussischen Haltung gewährte er mit seiner Firma 1915 eine Anleihe an die Westalliierten nur, wenn Russland nicht davon profitieren würde. Erst 1917, nach dem Beginn des U-Boot-Kriegs seitens der deutschen Regierung und dem Eintritt Amerikas in den Krieg, stellte sich Sch. vorbehaltlos auf die Seite der Alliierten, wenn er sich auch in der Kriegsschuldfrage weiterhin um eine gerechte Einschätzung Deutschlands bemühte.
Seinen im jüdischen Glauben wurzelnden philanthropischen Neigungen entsprechend, ließ Sch. einen Großteil seines beträchtlichen Vermögens humanitären Zwecken zukommen; im Lauf seines Lebens soll er insgesamt rund 100 Millionen Dollar gestiftet haben. Neben amerikanischen sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen förderte Sch., der seiner Vaterstadt zeitlebens verbunden blieb, auch Ffter Institutionen. Vor allem unterstützte er die Gründung der Ffter Universität, der er 250.000 Mark zur Errichtung eines Lehrstuhls für semitische Philologie mit Berücksichtigung der targumischen und talmudischen Literatur überließ (1912). Diese Ffter „Jakob-H.-Schiff-Universitätsstiftung”, die noch 1922 von Therese Sch. auf zwei Millionen Mark aufgestockt wurde, wurde in der NS-Zeit durch Eingliederung in die Dr.-Adolf-Varrentrapp-Stiftung aufgelöst. Bereits 1902 hatte Sch.s Frau wertvolle Ornamente für die Hauptsynagoge in der Börnestraße gestiftet. Weitere – meist anonyme – Zuwendungen ließ Sch. außerdem dem Paul-Ehrlich-Institut, der Ffter Stadtbibliothek, dem Jüdischen Waisenhaus, dem Jüdischen Krankenhaus sowie zahlreichen Museen zukommen. Die SNG verdankt ihm, dass der mit Sch. befreundete Präsident des amerikanischen Naturkundemuseums in New York, M. K. Jesup, anlässlich der Einweihung des neuen Senckenbergmuseums (13.10.1907) eine zwanzig Meter lange Donnerechse (Diplodocus) zum Geschenk brachte, die bis heute eine der Hauptattraktionen des Museums ist. Der Transport der Donnerechse, für deren Einbringung sogar die Eingangstüren des Museums erweitert werden mussten, wurde von Sch. finanziert.
Als Vertreter jüdischer Interessen engagierte sich Sch. vor allem für die unter dem Zarismus brutal verfolgten russischen Juden und erreichte in diesem Zusammenhang die Aufhebung des 1832 geschlossenen amerikanischen Handelsvertrags mit Russland (1912). Mitbegründer des „American Jewish Committee (AJC)” (1906) sowie des aus dieser Initiative entwickelten „Joint Distribution Committee of American Funds for the Relief of Jewish War Sufferers” (1914), des späteren „American Joint Distribution Committee”. Obwohl eigentlich Gegner des Zionismus, setzte sich Sch. zunehmend für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ein, machte sich insbesondere um die Technische Hochschule in Haifa verdient und unterstützte seit 1918 auch die Zionistische Organisation Amerikas.
1907 Ehrenmitglied, 1920 Ewiges Mitglied der SNG.
Jakob-Sch.-Straße am Dornbusch.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 277f., verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Herlitz, Georg/Kirschner, Bruno: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens. 4 Bde. Berlin 1927-30.JL 4.2 (1930), Sp. 205f. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 27 Bde. (bis Wettiner). Berlin 1953-2020.Erwähnung in: Hock, Sabine: Schiff, [Familie]. In: NDB 22 (2005), S. 747f. | Schiebler, Gerhard: Jüdische Stiftungen in Ffm. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger (...). Hg. v. Arno Lustiger im Auftrag der M. J. Kirchheim’schen Stiftung in Ffm. Ffm. 1988, Nachdr. Sigmaringen 1994.Walter Hesselbach in: Schiebler, S. 371-375.
Literatur:
                        
Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 467-470. | Arnsberg, Paul: Jakob H. Schiff. Von der Ffter Judengasse zur Wallstreet. Ffm. 1969.Arnsberg: Jakob H. Schiff 1969. | Cohen, Naomi Wiener: Jacob H. Schiff. A Study in American Jewish Leadership. Hanover/London 1999. (Brandeis Series in American Jewish History, Culture, and Life).Cohen: Jacob H. Schiff 1999. | Hansert, Andreas: Geschichte des Städelschen Museums-Vereins Ffm. Hg. vom Vorstand des Städelschen Museums-Vereins. Ffm. 1994.Hansert: Städelscher Museums-Verein 1994, S. 38, 42f.; vgl. auch S. 186, Nr. A037. | Kobes, Jörn/Hesse, Jan-Otmar (Hg.): Ffter Wissenschaftler zwischen 1933 und 1945. Göttingen 2008. (Schriftenreihe des Ffter Universitätsarchivs 1).Kobes/Hesse (Hg.): Ffter Wissenschaftler 1933-45, S. 66. | Schembs, Hans-Otto: Jüdische Mäzene und Stifter in Ffm. Hg. v. d. Moses Jachiel Kirchheim’schen Stiftung. Mit einer Einführung von Hilmar Hoffmann. Ffm. [Copyright 2007].Schembs: Jüd. Mäzene u. Stifter 2007, S. 130-132.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/6.153. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/6.998 (Familie Schiff).

GND: 117232114 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2021 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Schiff, Jacob H. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1050

Stand des Artikels: 12.4.1995