Calvelli-Adorno, Franz

Franz Calvelli-Adorno

Franz Calvelli-Adorno
Fotografie (in Privatbesitz).

© privat. Nähere Informationen auf Anfrage bei der Redaktion.
Calvelli-Adorno, Franz Wilhelm. Dr. jur. Richter. Violinist. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 16.12.1897 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 19.9.1984 Lappersdorf bei Regensburg.
Der Vater Ludwig Prosper, gen. Louis, C.-A. (1866-1960) hatte korsische Vorfahren, war katholisch und besaß eine große musikalische Begabung; er war bei der Dresdner Bank in Ffm. in leitender Position beschäftigt. Die Mutter Martha C.-A., geb. Katz (1867-1920), entstammte einer bürgerlich-jüdischen Fabrikantenfamilie. Über seinen Vater war C.-A. Cousin von Theodor Wiesengrund Adorno.
Verheiratet mit der ausgebildeten Sängerin Helene C.-A., geb. Mommsen (1895-1988), einer Enkelin von Tycho Mommsen, dem früheren Rektor des Ffter Gymnasiums. Drei Kinder: Elisabeth Martha (später verh. Reinhuber, 1925-2016), Kommunalpolitikerin (Ortsvorsteherin in Oberursel-Oberstedten 1977-89); Ludwig Tycho, gen. Lux (1927-2009); Agathe (später verh. Jaenicke, * 1930), Musikerin. Zehn Enkel, u. a. Johannes, gen. Hannes, Jaenicke (* 1960), Schauspieler und Umweltaktivist, und Alexander Calvelli (eigentl.: Jaenicke; * 1963), Industriemaler.
Nach dem Abitur am humanistischen Lessing-Gymnasium 1916 (dort als Klassenkamerad von Wulf Emmo Ankel) begann C.-A. 1917 ein Studium der Violine am Dr. Hoch’schen Konservatorium und zugleich ein juristisches Studium an der Universität Ffm. 1921 erste Staatsprüfung. 1925 zweite Staatsprüfung und Promotion mit einer Dissertation über „Die politische Tätigkeit des Beamten nach preußisch-deutschem Recht“ in Ffm. Gerichtsassessor, vorwiegend am Landgericht Ffm. Seit 1929 Land- und Amtsgerichtsrat in Dortmund. Am 1.11.1933 wurde C.-A. wegen seiner mütterlicherseits jüdischen Abstammung in den Ruhestand versetzt; ein Ruhegehalt wurde ihm mehrfach verweigert und nur zeitweise bewilligt. Er kehrte daraufhin mit seiner Familie nach Ffm. zurück. Sein Antrag auf Zulassung zur Rechtsanwaltschaft in Ffm. wurde jedoch abgelehnt. Vorübergehend verdiente C.-A. seinen Lebensunterhalt mit Musikunterricht und Orchesterspiel, u. a. zeitweise (1934-37) als Stimmführer der zweiten Geigen des Kulturbund-Orchesters, einer Selbsthilfeeinrichtung für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. 1938 wurde er aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen. Eine Ausreise in die USA scheiterte an den restriktiven Einwanderungsbestimmungen. Die beiden älteren Kinder fanden durch einen der von den Quäkern organisierten „Kindertransporte“ 1939 in Großbritannien Zuflucht. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde C.-A. sofort zum Kriegsdienst eingezogen, aber 1940 wurde er als „Halbjude“ wieder entlassen. Ab 1940 kam er zeitweilig als juristischer Hilfsarbeiter verdeckt in Ffter Anwaltskanzleien unter. Angesichts der drohenden Luftangriffe auf die Stadt übersiedelten C.-A., seine Frau und die jüngste Tochter Agathe wohl bereits im Sommer 1943 nach Zwingenberg; 1944 wurden sie in Ffm. „ausgebombt“. Der Einberufung der Organisation Todt zur Zwangsarbeit 1944 entzog sich C.-A.; er war daher seitdem auf der ständigen Flucht vor der Gestapo und fand zeitweise Unterschlupf im Sanatorium Bühlerhöhe im Schwarzwald. Bald nach Kriegsende, am 1.8.1945, wurde C.-A. Amtsgerichtsrat am Amtsgericht Bensheim. Zum 1.3.1946 wechselte er an das Oberlandesgericht in Ffm., spätestens seit 1950 als Oberlandesgerichtsrat, und am 1.5.1951 stieg er zum Senatspräsidenten der Zweiten Kammer am Oberlandesgericht Ffm. auf. Als Vorsitzender des 2. Zivilsenats gehörte C.-A. zu den Richtern, die die Rechtsprechung des Oberlandesgerichts Ffm. und damit auch die Instanzrechtsprechung der Wiedergutmachungskammern zum Rückerstattungs- und Entschädigungsrecht entscheidend prägten. Er war maßgeblich beteiligt an der Anerkennung der Sinti und Roma als rassisch Verfolgte. Ende März 1962 trat C.-A. in den Ruhestand.
Langjähriges Mitglied im Vorstand der Ffter Museums-Gesellschaft (ca. 1955-76).
Veröffentlichungen: „Die rassische Verfolgung der Zigeuner vor dem 1. März 1943“ (Aufsatz, 1961), „Über die religiöse Sprache. Kritische Erfahrungen“ (1965, in italienischer Übersetzung 1971).
Autobiographischer Aufsatz: „Im ‚Museum’ – damals und heute. Erinnerungen eines alten Ffter Konzertbesuchers“ (1958).
Familiennachlass im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Ffm.
Die „Ffter Küche“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg stammt aus dem Haus Im Burgfeld 114 in der Ffter Siedlung Römerstadt, das von Franz und Helene C.-A. von 1950 bis zu ihrem Tod 1984 bzw. 1988 bewohnt wurde.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Roman Fischer.

Lexika: Bonnet, Rudolf: Das Lessing-Gymnasium zu Ffm. Lehrer und Schüler 1897-1947. Ffm. 1954.Bonnet: Lessing-Gymnasium 1954, S. 87, Nr. 514. | Martini, Joachim Carlos: Musik als Form geistigen Widerstandes. Jüdische Musikerinnen und Musiker 1933-1945. Das Beispiel Ffm. 2 Bde. Ffm. 2010.Martini, Bd. 1, S. 259.
Literatur:
                        
Bonavita, Petra: Quäker als Retter ... im Ffm. der NS-Zeit. Stuttgart 2014.Bonavita: Quäker als Retter 2014, S. 59f., 79, 108-113, 128f., 140, 171, 232-245. | Falk, Georg D.: Entnazifizierung und Kontinuität. Der Wiederaufbau der hessischen Justiz am Beispiel des Oberlandesgerichts Ffm. Marburg 2017. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 86).Falk: Entnazifizierung u. Kontinuität. Oberlandesgericht Ffm. 2017. | Forschung Fft. Das Wissenschaftsmagazin. Hg. v. Präsidenten der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Ffm. 1983-heute.Pabst, Reinhard: Ein Sohn aus gutem Hause. Theodor W. Adornos Kindheit in Fft. In: Forschung Fft. 3-4/2003, S. 44-47. | Weber, Hildegard (Hg.): Das „Museum“. 150 Jahre Ffter Konzertleben 1808-1958. Ffm. 1958.Calvelli-Adorno, Franz: Im „Museum“ – damals und heute. Erinnerungen eines alten Ffter Konzertbesuchers. In: Weber (Hg.): Das „Museum“ 1958, S. 86-96.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.H. W.: Franz Calvelli-Adorno achtzig. In: FAZ, 16.12.1977, S. 39. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Todesanzeige in: FAZ, 24.9.1984, S. 34. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Todesanzeige der Ehefrau in: FAZ, 25.2.1988, S. 36. | Hessisches Landesarchiv, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Personalakte: HLA, Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 505 Nr. 3350. | ISG, Archiv der Ffter Museums-Gesellschaft, 1808-2010.ISG, Ffter Museums-Gesellschaft, V125/5-7, 9, 11, 14-17, 101. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/4.663. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/2.720 (Ludwig Calvelli-Adorno). | ISG, Aktenbestand des städtischen Schulamts, 1822-1979.ISG, Schulamt 7.176 (Calvelli-Adorno, Franz, Privatunterricht in Klavier und Violine, 1933-38).
Internet: Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. https://www.lagis-hessen.de/pnd/131378929Hess. Biografie, 1.8.2021. | Projekt Jüdisches Leben in Ffm., Spurensuche – Begegnung – Erinnerung e. V., Oberursel. http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/de/home/biographien-und-begegnungen/biographien-m-r/elisabeth-reinhuber-adorno.html
Hinweis: Artikel über Elisabeth Reinhuber-Adorno von Angelika Rieber.
Jüd. Leben in Ffm., 1.8.2021.


GND: 131378929 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2021 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Fischer, Roman: Calvelli-Adorno, Franz. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/12341

Stand des Artikels: 2.8.2021
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 08.2021.