Sonnemann, Leopold

Gründer der Ffter Zeitung.

Sonnemann, Leopold. Bankier. Verleger. Journalist. Politiker. Stifter. * 29.10.1831 Höchberg bei Würzburg, † 30.10.1909 Ffm., beigesetzt auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße in Ffm.
S. stammte aus einer strenggläubigen jüdischen Familie. Sein Vater Meyer S. († 1853) betrieb in Höchberg eine kleine Baumwollweberei. Örtliche Ausschreitungen gegen Juden veranlassten die Familie zur Abwanderung. 1840 ließen sich die S.s in Offenbach nieder und übernahmen in Ffm. die Tuchhandlung „Seligmann Hirsch Strauß und Söhne”; das angestrebte Ffter Bürgerrecht blieb ihnen zunächst verwehrt.
Bis 1845 besuchte S. die Offenbacher Realschule, die er gegen seinen Willen verlassen musste, um im väterlichen Geschäft mitzuarbeiten. Autodidaktisch eignete er sich in den kommenden Jahren Literatur- und Fremdsprachenkenntnisse an. Die strenge Befolgung der jüdischen Gesetze begann S. mehr und mehr zu vernachlässigen; immerhin legte er an Samstagen (Sabbat) den Weg von der Offenbacher Wohnung ins Ffter Geschäft anfangs noch zu Fuß zurück. 1849 organisierte S. den Umzug der Familie in die Ffter Fahrgasse. Sein Vater hatte eine Auswanderung nach Amerika ins Auge gefasst, S. konnte aber den Verbleib der Familie in Deutschland durchsetzen. Die 1848/49 in Ffm. tagende Deutsche Nationalversammlung prägte nachhaltig S.s politisch-gesellschaftliches Weltbild. Sein lebenslanger Kampf für eine demokratische Staats- und Werteordnung mit den Grundforderungen nach freier Selbstbestimmung des Individuums und sozialem Ausgleich datierte aus dieser Zeit. 1851 erwarb S. das Ffter Bürgerrecht. 1853 starben seine Eltern. S. übernahm daraufhin das väterliche Geschäft und wandelte es bald in ein Bankunternehmen um. Zu S.s Mitarbeitern gehörten auch die Brüder seiner Frau, der Bankierstochter Rosa Schüler (1835-1911), die er 1854 geheiratet hatte. Die als „M. S. Sonnemann Nachfolger” erfolgreich geführte Bank unterhielt viele auswärtige Filialen. 1869 zog sich S. aus dem Bankgeschäft zurück.
Wirtschaftlicher Sorgen enthoben, konnte er sich nun ganz der politischen und sozialen Arbeit und vor allem der Herausgabe der FZ widmen. Durch seine Erfahrungen im Geldgeschäft war S. zu der Erkenntnis gelangt, dass Ffm. ein unabhängiges Börsen- und Handelsblatt fehle. Ab Juli 1856 gab S. gemeinsam mit dem Ffter Kaufmann Heinrich Bernhard Rosenthal den „Ffter Geschäftsbericht” heraus, der schon einen Monat später in „Ffter Handelszeitung” umbenannt wurde. Die liberale Wirtschaftszeitung – sie propagierte u. a. die Gewerbe- und Zollfreiheit – erschien seit Ende 1858 mit einem politischen Kommentar. In ihrer Doppelfunktion als politische und Wirtschaftszeitung erhielt sie 1859 den Namen „Neue Ffter Zeitung”. Bei der preußischen Besetzung Fft.s im Juli 1866 flüchtete S. nach Stuttgart, wohin auch die antipreußische Neue Ffter Zeitung verlagert wurde (während die Ffter Geschäftsräume zeitweilig militärisch besetzt waren). Schon wenige Monate später konnte S. nach Ffm. zurückkehren. Nunmehr Alleininhaber, änderte er nochmals den Namen der von ihm in der Ffter Societätsdruckerei herausgegebenen Zeitung. Am 16.11.1866 erschien die erste Ausgabe der „Ffter Zeitung“, die unter diesem Namen als eine der führenden liberalen deutschen Tageszeitungen bis zu ihrer zwangsweisen Einstellung im August 1943 existierte. Als geistiger Urheber der FZ verwirklichte S. sowohl in der politischen Ausrichtung als auch in der Organisation der Zeitung selbst – bis 1934 gab es keinen Chefredakteur – sein in der Paulskirchenzeit erworbenes reformerisch-radikaldemokratisches Gedankengut. Als Kommentator griff er häufig selbst journalistisch in die politische Debatte ein. Obwohl die FZ oft als direktes Sprachrohr S.s eingestuft wurde, vermied es S., seine demokratischen Vorstellungen durch eine autoritäre Verlagsführung im eigenen Hause zu konterkarieren. Auf die häufigen antisemitischen Angriffe gegen ihn und die FZ reagierte S. eher gelassen, verwahrte sich jedoch mehrmals gegen den Anwurf, bei der FZ handele sich um ein reines „Judenblatt”. 1893 wandelte S. die FZ in eine GmbH um. Ab 1902 zog er sich von der Verlagsleitung zurück.
Parallel zu seinem verlegerischen Engagement verlief S.s politische Laufbahn. Bei der Gründung der Deutschen Volkspartei im Jahr 1868 war S. einer der wesentlichen Gestalter. Für die besonders im süd- und mitteldeutschen Raum erfolgreiche Partei saß S. als deren vorläufig einziger Vertreter seit 1871 im Deutschen Reichstag (nachdem bei der Reichsgründung die Juden in Preußen die volle staatsbürgerliche Gleichstellung erhalten hatten). Die Gegnerschaft zu Reichskanzler Bismarck und dessen politischem Kurs nahm mitunter persönliche Züge an, die FZ als S.s publizistischer Rückhalt wurde mehrmals kurzzeitig verboten. Mit einer Unterbrechung in den Jahren 1877/78 hatte S. das Reichstagsmandat bis 1884 inne. Einen wichtigen Wahlhelfer fand S. in dem politisch gleichgesinnten Friedrich Stoltze, der nicht nur in der von ihm herausgegebenen „Ffter Latern”, sondern auch in zahlreichen Wahlaufrufen für S.s politisches Programm und ihn als Reichstagsabgeordneten warb. Dass Stoltze, der auch persönlich mit S. befreundet war, ein S. gehörendes Haus im Grüneburgweg bewohnte, führte mehrfach zu Verleumdungen, die sich jedoch als haltlos erwiesen. Nach Stoltzes Tod wirkte S. in dem Ausschuss für das 1895 auf dem Hühnermarkt errichtete Stoltzedenkmal mit.
In Ffm. selbst – das S. nach wie vor als den zentralen Ort der Demokratie in Deutschland betrachtete – war er über Jahrzehnte hinweg an den kommunalpolitischen Entscheidungen beteiligt. Als Mitglied der Ffter Stadtverordnetenversammlung von 1869 bis 1880 und von 1887 bis 1904 engagierte er sich u. a. für die Verbesserung des Verkehrswesens und der Gasversorgung, den Bau des Palmengartens, des Eisernen Stegs und des Osthafens, die Schaffung von preiswertem Wohnraum und einem städtischen Arbeitsamt sowie die Errichtung des Bau- und Sparvereins, des Ffter Lebensmittelvereins, der Ffter Volksbank und nicht zuletzt des Ffter Journalisten- und Schriftstellervereins. 24 Jahre lang war S. als Stadtverordneter Mitglied im Finanzausschuss und bemühte sich dort erfolgreich um eine Reform des städtischen Steuerwesens. 1891 gehörte S. zu den Anregern der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Ffm.
In der Tradition des bürgerlichen Ffter Mäzenatentums betätigte sich S. vielfach als Stifter. So war er an der Finanzierung des Ffter Opernhauses beteiligt, für dessen Treppenhaus er eine Statuengruppe stiftete; er förderte außerdem die Senckenbergische und Rothschild’sche Bibliothek und erwarb eine wertvolle Flugschriftensammlung von Gustav Freytag für die Ffter Stadtbibliothek (heute UB Ffm.). 1899 gründete er den Städelschen Museums-Verein – den er als Vorsitzender (1899-1906) führte und für den er u. a. ein Gemälde Max Liebermanns ankaufte – und unterstützte den Aufbau des Kunstgewerbemuseums.
Trotz der großen Verdienste des kämpferischen Demokraten für das hiesige Gemeinwesen versäumte die Stadt Ffm. bei S.s Beisetzung die offizielle Würdigung.
Porträt im Redaktionszimmer der FZ in der Großen Eschenheimer Straße (entfernt 1938). Büste im Treppenhaus der Ffter Stadtbibliothek (entfernt 1938).
S.s persönlicher Nachlass, den die Societätsdruckerei dem Ffter Stadtarchiv übergeben hatte, verbrannte dort im Zweiten Weltkrieg.
Obwohl S.s Einsatz für Ffm. seinesgleichen suchte, blieb die S.-Rezeption in Ffm. eher gering – mit Ausnahme freilich in „seiner” FZ sowie einer 1931 erschienenen Jugendbiographie aus der Feder seines Enkels Heinrich Simon. Erst nach 1945 fand S. allmählich eine angemessene wissenschaftliche Würdigung sowohl als Vorkämpfer der Demokratie wie auch als faszinierende Verlegerpersönlichkeit. Mehrere Gedenkausstellungen, zuletzt 1995 in der Ffter Sparkasse und im HMF sowie 2009/10 erneut im HMF.
S.straße im Ostend. Leopold-S.-Saal im HMF.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 397-399, verfasst von: Reinhard Frost.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Schiebler, Gerhard: Jüdische Stiftungen in Ffm. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger (...). Hg. v. Arno Lustiger im Auftrag der M. J. Kirchheim’schen Stiftung in Ffm. Ffm. 1988, Nachdr. Sigmaringen 1994.Georg Heuberger in: Schiebler, S. 376-381.
Literatur:
                        
Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 438-447. | Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 565f. | Breitkreuz, Petra (Hg.): Mit ergebenstem Gruß/ Ihr Friedrich Stoltze. Briefe des Ffter Literaten. Wiesbaden [Copyright 2018].Breitkreuz (Hg.): Mit ergebenstem Gruß/ Ihr Friedrich Stoltze 2018, S. 259-261, 272-275. | Claar, Emil: Fünfzig Jahre Theater. Bilder aus meinem Leben. Ffm. 1926.Claar: Fünfzig Jahre Theater 1926, S. 133. | Drummer, Heike/Zwilling, Jutta: Im Geist der Freiheit. Eine Topografie der KulturRegion Fft. RheinMain. Ffm. 2008.Drummer/Zwilling: Im Geist der Freiheit 2008, S. 236-239. | Emrich, Willi: Bildnisse Ffter Demokraten. Ffm. 1956.Emrich: Bildnisse Ffter Demokraten 1956, S. 38-41 (m. Abb. auf S. 83). | Gerteis, Klaus: Leopold Sonnemann. Ein Beitrag zur Geschichte des demokratischen Nationalstaatsgedankens in Deutschland. Ffm. 1970. (Studien zur Ffter Geschichte 3).Gerteis: Leopold Sonnemann 1970. | Hansert, Andreas: Geschichte des Städelschen Museums-Vereins Ffm. Hg. vom Vorstand des Städelschen Museums-Vereins. Ffm. 1994.Hansert: Städelscher Museums-Verein 1994. | Sarkowicz, Hans (Hg.): Die großen Ffter. Nach einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks. 2. Aufl. Ffm./Leipzig 1994.Wallmann, Walter: Bürgersinn und soziale Verantwortung. Leopold Sonnemann. In: Sarkowicz (Hg.): Die großen Ffter 1994, S. 193-198; vgl. auch S. 283f. | Schembs, Hans-Otto: Jüdische Mäzene und Stifter in Ffm. Hg. v. d. Moses Jachiel Kirchheim’schen Stiftung. Mit einer Einführung von Hilmar Hoffmann. Ffm. [Copyright 2007].Schembs: Jüd. Mäzene u. Stifter 2007, S. 132-134. | Schnädelbach, Anna/Lenarz, Michael/Steen, Jürgen (Hg.): Fft.s demokratische Moderne und Leopold Sonnemann. Jude – Verleger – Politiker – Mäzen. Ffm. 2009. (Schriften des HMF 29).Schnädelbach/Lenarz/Steen (Hg.): Leopold Sonnemann 2009. | Seng, Joachim: Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift – Ffter Goethe-Museum 1881-1960. Göttingen 2009.Seng: Freies Deutsches Hochstift 2009, S. 25, 28, 80, 89, 130, 207, 304. | Stadtverordnetenversammlung der Stadt Ffm. Um Ffm. verdiente Persönlichkeiten. Hg.: Stadtverordnetenvorsteher Paul Labonté. Ffm. 1988.Stvv. 1988, S. 42.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Leopold Sonnemann. Zum 100. Todestag des Gründers der „Ffter Zeitung“. Beilage zu: FAZ und FNP, 29.10.2009. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/256.

GND: 118751484 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2021 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Frost, Reinhard: Sonnemann, Leopold. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1263

Stand des Artikels: 24.8.1995