Steinhausen, Wilhelm

Steinhausen, Wilhelm August Theodor. D. theol. h. c. Maler. Grafiker. * 2.2.1846 Sorau/Niederlausitz, † 5.1.1924 Ffm.
S. besuchte von 1863 bis 1866 die Berliner Akademie und setzte in den drei darauffolgenden Jahren seine Studien an der Kunstschule in Karlsruhe fort. Dort knüpfte er erste Kontakte zu Hans Thoma. Zurück in Berlin, gewann S. 1871 den Michael-Beer-Preis für Historienmalerei, der ihm eine einjährige Italienreise ermöglichte. 1873 folgte er seinem Freund Thoma nach München. Von 1875 bis 1876 lebte S. wieder in Berlin. Auf der Rückreise von einem Rügenaufenthalt machte er 1876 die Bekanntschaft des Ffter Architekten Simon Ravenstein. Dieser schlug ihm vor, in Ffm. als Dekorationsmaler seiner im Westend entstehenden Bauten zu arbeiten – eine Tätigkeit, die seit kurzem auch Hans Thoma für Ravenstein ausübte. So kam S. 1876 nach Ffm. und bezog zunächst gemeinsam mit Thoma Wohnung und Atelier in der Mainzer Landstraße. Die Wohngemeinschaft endete schon bald infolge von Thomas Heirat. In diesen ersten Ffter Jahren verdiente S. seinen Lebensunterhalt als Porträt- und Dekorationsmaler. 1880 heiratete er seine langjährige Verlobte, die Berlinerin Ida Wöhler (1851-1923). Dem Ehepaar wurden die vier Töchter Marie (heiratete 1910 den Schriftsteller Alfons Paquet), Luise, Rose und Ida-Luise sowie die beiden Söhne August und Wilhelm geboren. 1885 konnte S. ein von Ravenstein erbautes Wohnhaus mit großem Atelier in der Wolfsgangstraße 152 erwerben. Dort wohnte er Wand an Wand mit seinem Freund Hans Thoma bis zu dessen Wegzug nach Karlsruhe 1899.
Mittlerweile war S. ein recht anerkannter Künstler, der zahlreiche größere Aufträge erhielt. 1892 schuf er ein Wandgemälde (Kreuzigung Christi) im St. Theobaldi-Stift in Wernigerode, 1894 malte er die Grabkirche zu Ober-St.-Veit bei Wien aus („Die sieben Werke der Barmherzigkeit”), 1905 folgten Wandgemälde („Der gute Hirte” und „Der Herr des Weinbergs”) für die Hospitalkirche in Stuttgart. In Ffm. entstand von 1900 bis 1904 in der Aula des Kaiser-Friedrichs-Gymnasiums (heute: Heinrich-von-Gagern-Gymnasium) ein Zyklus von Wandgemälden, die das humanistische und das christliche Erziehungsideal versinnbildlichen. Von 1912 bis 1918 malte S. die Sachsenhäuser Lukaskirche mit Szenen aus dem Lukasevangelium aus (21 Gemälde auf Leinwand, die der Architektur eingefügt wurden).
S. gilt als wesentlicher Fortsetzer der deutschen christlichen Malerei in der Nachfolge der Nazarener. Sein Werk ist ungeheuer vielfältig, sowohl hinsichtlich der Technik als auch der Thematik. Mit gleicher Intensität wie der religiösen Malerei widmete sich S. der Porträtmalerei und der Landschaftsmalerei, zu der er auf ausgedehnten Reisen, vor allem in den Taunus und in den Hunsrück, seine Vorstudien sammelte. In fast all seinen Arbeiten tritt das melancholische, grüblerische Naturell des religiösen Künstlers S. zutage, sogar in seinen Kinderporträts. Während der NS-Zeit war S. verfemt, und seine Arbeiten wurden aus öffentlichen Sammlungen entfernt, da er eine jüdische Großmutter hatte.
Gemälde S.s in Ffm. u. a. im HMF, in der Städtischen Galerie und im Städel, das grafische Werk in einer beinah vollständigen Sammlung im Kupferstichkabinett des Städelschen Kunstinstituts. Die Wandmalereien S.s im Heinrich-von-Gagern-Gymnasium und die Fassadenmalerei an dem Haus Reuterweg 100 sind erhalten. Dagegen sind folgende baudekorative Arbeiten von S. heute verloren: Kolossalköpfe der sieben Planeten am Wohn- und Geschäftshaus „Zum Kaiser Karl“ (Architekt: Simon Ravenstein, 1882; kriegszerstört), die – zusammen mit den von Thoma geschaffenen Köpfen der sieben Todsünden – dem Haus den Namen „Fratzeneck“ einbrachten; Fassadenbilder bedeutender Persönlichkeiten aus der Ffter Geschichte am Wohn- und Geschäftshaus Bavaria (mit dem Café Bauer) an der Hauptwache/Ecke Schillerstraße (Architekt: Simon Ravenstein, 1884; kriegszerstört 1944) u. a.
1906 Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Halle.
Selbstbildnis (Öl auf Holz, 1877), Selbstbildnis in einem Doppelporträt mit seiner Frau Ida S. (Gouache auf Holz, 1897) und Selbstbildnis (Öl auf Holz, 1910; im Besitz der Adolf- und Luisa-Haeuser-Stiftung), alle im S.-Haus.
Nach S.s Tod wurde sein Erbe unter seinen sechs Kindern aufgeteilt. Die jüngsten, unverheirateten Töchter, Rose (1891-1983) und Ida-Luise (1893-1970), blieben im Elternhaus in der Wolfsgangstraße 152 wohnen, wo sie einen Teil des künstlerischen und schriftlichen Nachlasses als „S.-Archiv“ im ungeteilten Familienbesitz verwalteten. Um das Werk des Vaters auf Dauer zusammenzuhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gründete Rose S. 1978 eine gemeinnützige Stiftung, in deren Besitz zunächst die beiden Anteile von ihr und ihrer verstorbenen Schwester Ida-Luise (also etwa ein Drittel) übergingen. Mit der Auflösung des ungeteilten Familienbesitzes nach Roses Tod 1983 kaufte die Stadt Ffm. die restlichen zwei Drittel des Hauses. Wichtige Stücke aus künstlerischen Nachlass erwarb zudem die Adolf- und Luisa-Haeuser-Stiftung, um diese dem S.-Haus als Dauerleihgaben zu überlassen. Unter der Trägerschaft der S.-Stiftung wurde das S.-Haus 1987 als Museum eröffnet. Dort ist u. a. S.s Atelier als das einzige original erhaltene Maleratelier aus dem 19. Jahrhundert in der Rhein-Main-Region zu besichtigen.
Grabstätte (mit einem Grabstein „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ nach eigenem Entwurf von S.) auf dem Ffter Hauptfriedhof (Gewann E 577a).
2012 Retrospektive „Wilhelm S. Natur und Religion“ im Museum Giersch.
S.straße in Sachsenhausen.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 424f., verfasst von: Birgit Weyel.
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Literatur:
                        
Bückling, Maraike: Wilhelm Steinhausen (1846-1924) als Landschaftsmaler. Ffm./Bern 1986. (Europäische Hochschulschriften, Reihe 28: Kunstgeschichte, Bd. 78).Bückling: Wilhelm Steinhausen als Landschaftsmaler 1986. | Frankfurt – Lebendige Stadt. Vierteljahreshefte für Kultur, Wirtschaft und Verkehr. Hg. v. Ernst A. Ihle unter Mitwirkung des Verkehrs- und Wirtschaftsamtes der Stadt Ffm. 34 Jahrgänge. Ffm. 1956-90.Albers, Erika: Steinhausens Haus. Fft.s privatestes Museum. In: FLS 1989, H. 4, S. 26f. | Museum Giersch (Hg.): Wilhelm Steinhausen. Natur und Religion. Katalogredaktion: Sophia Dietrich u. a. Petersberg 2012.Kat. Wilhelm Steinhausen. Natur u. Religion 2012. | Wilhelm Steinhausen-Museum Ffm. Katalog der ausgestellten Werke. Hg. v. d. Steinhausen-Stiftung. Bearb. v. Wilhelm Dieter Vogel und Edith Valdivieso. Ffm. [um 2008].Kat. Wilhelm Steinhausen-Museum [2008]. | Kramer, Waldemar (Hg.): Fft. Chronik. 2., erw. Aufl. Ffm. 1977.Kramer: Chronik 1977, S. 95, 127, 217, 259, 277, 361f. | Reiner, Wilhelm: Wilhelm Steinhausen. Der Künstler und Freund. Stuttgart 1926.Reiner: Wilhelm Steinhausen 1926. | Schütz, Heinrich: Die Steinhausenfresken der Aula des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums (ehemals Kaiser-Friedrichs-Gymnasium) zu Ffm. Antike und Christentum im pädagogischen Raum. Ffm. 2006.Schütz: Die Steinhausenfresken der Aula d. Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums 2006. | Holzinger, Ernst (Hg.)/Ziemke, Hans-Joachim (Bearb.): Die Gemälde des 19. Jahrhunderts. Text- und Bildband. Ffm. 1972. (Kataloge der Gemälde im Städel’schen Kunstinstitut I).Städelkat. d. Gemälde d. 19. Jh. 1972, Textband, S. 383-393. | Steinhausen, Wilhelm: Entwurfzeichnungen zur Ausmalung der Lukaskirche zu Ffm. Dokumentation [v. Dietrich Andernacht]. Ffm. 1992.Steinhausen: Ausmalung d. Lukaskirche zu Ffm. 1992. | Steinhausen, Wilhelm: Aus meinem Leben. Erinnerungen und Betrachtungen. Berlin 1912. Neuausg.: Hg. v. Alfons Paquet. Berlin 1926.Steinhausen: Aus meinem Leben 1912, Neuausg. 1926. | Vogel, Wilhelm Dieter: Die Ausmalung der Lukas-Kirche zu Ffm. im biblischen Werk von Wilhelm Steinhausen. Mit einer Vorbemerkung von Jürgen Behrens. Hg. v. d. ev.-luth. Lukas-Gemeinde Ffm.-Sachsenhausen. Offenbach 1980.Vogel: Die Ausmalung d. Lukas-Kirche zu Ffm. von Wilhelm Steinhausen 1980. | Walldorf, Esther: Wilhelm Steinhausen und seine Tochter Marie Paquet-Steinhausen – ein Doppelporträt. Mit einem Beitrag von Henriette Klingmüller-Paquet. Hg. v. d. 1822-Stiftung der Ffter Sparkasse (...). Ffm. 2001.Walldorf: Wilhelm Steinhausen u. seine Tochter Marie Paquet-Steinhausen 2001. | Wiederspahn, August/Bode, Helmut: Die Kronberger Malerkolonie. Ein Beitrag zur Ffter Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit dokumentarischen Beiträgen von Änne Rumpf-Demmer, Julius Neubronner und Philipp Franck. 3., erw. Aufl. Ffm. 1982.Wiederspahn/Bode: Kronberger Malerkolonie 1982, S. 223f., 241f., 706. | Wolters, Dierk: Große Namen in Fft. Wer wo lebte. Ffm. 2009, erw. Neuaufl. 2012.Wolters: Wer wo lebte 2009, Neuaufl. 2012, S. 143-145.
Quellen: ISG, Archiv der Ffter Künstlergesellschaft (mit dem Nachlass von deren langjährigem Vorsitzenden Heinrich Schopp), 1874-2006.ISG, Ffter Künstlergesellschaft, V2/278 (biographische Mappe). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/790. | Presse- und Informationsamt (PIA), ab 2017 Hauptamt und Stadtmarketing der Stadt Ffm. (Hg.): Pressedienste (Tages- und Wochendienst), dann Service PRESSE.INFO und später Pressenewsletter.Hock, Sabine: Ein Haus für Kunstliebhaber. Vor 25 Jahren wurde das Steinhausen-Haus zum Museum. In: PIA (ab 2017: Hauptamt u. Stadtmarketing) d. Stadt Ffm., Service PRESSE.INFO, Feature vom 23.10.2012.
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Café_Bauer_(Frankfurt_am_Main)
Hinweis: Artikel über das Wohn- und Geschäftshaus Bavaria mit dem Café Bauer am Schillerplatz in Ffm.
Wikipedia, 22.7.2021.


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Empfohlene Zitierweise: Weyel, Birgit: Steinhausen, Wilhelm. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1319

Stand des Artikels: 4.11.1994