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Raecke, Julius

Julius Raecke

Julius Raecke
Fotografie.

© Familienarchiv Raecke im Besitz von Kevin Osbahr.
Raecke, Julius Karl August. Prof. Dr. med. Psychiater und Mediziner. * 17.7.1872 London, † 10.3.1930 Ffm.
Sohn des Kaufmanns Carl Julius August R. (1833-1885) und dessen Ehefrau Karoline Elisa Mathilde, geb. Bastian (1839-1923). Der Vater war Teilhaber des Londoner Schiffsfrachtunternehmens „Blow & Raecke“. Drei Geschwister: Auguste Christiane Friederike R. (1870-1936), Carl Otto R. (1875-1914) und Agathe Louise Mathilde R. (1878-1961). Verheiratet (seit 1912) mit Maria Emilie R., geb. Reichard (1878-1939), die aus einer wohlhabenden Ffter Kaufmannsfamilie stammte. Der Sohn Heinz R. (1913-1992) wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Frau nach Venezuela aus.
Der in London geborene R. kehrte noch als Kind mit seiner Familie nach Deutschland zurück und besuchte zunächst das Wilhelm-Gymnasium in Hamburg, später das städtische Gymnasium in Ffm., wo er im Herbst 1890 das Abitur ablegte. Für sein Medizinstudium ging er nach Heidelberg; 1891 wurde er Mitglied in der pflichtschlagenden Studentenverbindung „Corps Rhenania“. Weitere Studienorte waren Würzburg, Gießen und schließlich Freiburg. Dort bestand er 1895 das Staatsexamen und promovierte im selben Jahr mit einer Arbeit „Über primäres Melanocarcinom des Rectum“.
Nach Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht wandte R. sich der Psychiatrie und Neurologie zu und arbeitete zunächst an der Berliner Charité unter Friedrich Jolly (1844-1904), dann in Eberswalde bei August Zinn (1825-1897). 1898 wechselte er an die unter Heinrich Hoffmann neu errichtete Ffter „Anstalt für Irre und Epileptische“, die seit 1888 von Emil Sioli (1852-1922) geleitet wurde. Einer seiner dortigen Kollegen war Alois Alzheimer. Im Jahr 1900 wurde R. von Ernst Siemerling (1857-1931) nach Tübingen geholt. Als Siemerling 1901 einen Ruf nach Kiel annahm, folgte R. seinem Lehrer. Er habilitierte sich 1903 an der Christian-Albrechts-Universität mit einer Arbeit über „Die transitorischen Bewusstseinsstörungen der Epileptiker“ und erhielt die Venia Legendi im Fach Psychiatrie. Nach Alzheimers Wechsel nach Heidelberg kam R. auf Siolis Bitte 1903 nach Ffm. zurück; doch nach nur neun Monaten wurde er erneut von Siemerling abgeworben. In Kiel zum Oberarzt befördert, erhielt R. im Dezember 1906 den Professorentitel. 1910 unternahm er eine Studienreise nach Nordamerika, um die dortigen Einrichtungen der Jugendgerichte und Reformgefängnisse kennenzulernen.
Im Jahr 1911 verpflichtete Sioli R. wieder nach Ffm. – diesmal mit der Zusage, nach Gründung der Ffter Universität sein Nachfolger zu werden. Zunächst erhielt R. 1914 ein Extraordinariat, und er wurde 1918 als außerordentlicher Professor an der Universität Ffm. verbeamtet. Am Ersten Weltkrieg nahm R. als Stabsarzt und Chefarzt einer Sanitätskompanie teil. Er wurde einmal verwundet und mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse ausgezeichnet. 1915 erkrankte er schwer an der Ruhr. Im Juli 1918 wurde er für ein halbes Jahr in die Heimat zurückgerufen, wo er auch das Kriegsende erlebte. Zwar übernahm R. nach Siolis Emeritierung 1919 die Leitung der Universitäts-Nervenklinik, musste diese allerdings, entgegen der ursprünglichen Zusage, bald an Karl Kleist (1879-1960) abtreten, der als Siolis Nachfolger auf den Psychiatrie-Lehrstuhl berufen worden war. R. wurde daraufhin 1920 Leiter der städtischen „Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke“ und der damit verbundenen psychiatrischen Poliklinik in der Stiftstraße. Er übernahm zudem die neu gegründete Eheberatungsstelle der Stadt Ffm. und war ein gefragter Gutachter und Sachverständiger vor Gericht. Auch als Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten tat er sich hervor. Sein „Grundriss der psychiatrischen Diagnostik“ (1908) war überaus erfolgreich und erschien bis 1937 in elf Auflagen. Das von ihm 1926 veröffentlichte Buch über „Querulantenwahn“ wurde 2013 in kommentierter Fassung neu herausgegeben.
R., der in seinem letzten Lebensjahr dem Ffter Ärztlichen Verein vorstand, starb 1930 im Alter von 57 Jahren überraschend an Herzversagen. Offenbar hatte er sich nach einer schweren Grippeinfektion nicht ausreichend geschont. Das Ehepaar R. hatte zuletzt im Reuterweg 88 gewohnt, nicht weit entfernt vom IG-Farben-Haus, das ab 1927 auf dem ehemaligen Gelände der Ffter „Anstalt für Irre und Epileptische“ entstand. Der Ffter Psychiater und Neurologe Raphael Weichbrodt schrieb in einem Nachruf: „In Julius Raecke verlieren wir einen unserer Besten, der die verantwortlichen Pflichten eines Forschers, Lehrers und Arztes mit reinster Menschlichkeit harmonisch zu vereinigen wußte.“
Medizinische Veröffentlichungen (in Auswahl): „Zur Lehre vom hysterischen Irresein“ (Aufsatz, 1905), „Grundriss der psychiatrischen Diagnostik nebst einem Anhang enthaltend die für den Psychiater wichtigsten Gesetzesbestimmungen und eine Uebersicht der gebräuchlichsten Schlafmittel“ (1908), „Die Frühsymptome der arteriosklerotischen Gehirnerkrankung“ (1913), „Kurzgefasstes Lehrbuch der gerichtlichen Psychiatrie für Mediziner und Juristen“ (1919), „Der Querulantenwahn. Ein Beitrag zur sozialen Psychiatrie“ (1926) und „Die städtische Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke in Ffm.“ (Aufsatz, 1927).

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Benjamin Kuntz.

Lexika: Kallmorgen, Wilhelm: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Ffm. Ffm. 1936. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Stadt Ffm. XI).Kallmorgen, S. 92, 376f.
Literatur:
                        
Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin. 106 Bände. Berlin/Leipzig 1844-1937.Weichbrodt, Raphael: Nekrolog Julius Raecke. In: Allg. Zeitschrift f. Psychiatrie u. psychisch-gerichtliche Medizin 93 (1930), S. 208-211. | Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. / Archives of psychiatry and neurological sciences. Offizielles Organ der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater. Jahrgänge 1-117 u. 179-233. Berlin u. a. 1868/69-1944 u. 1947/48-1983.Wassermeyer, Max: Julius Raecke †. In: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten 92 (1930), H. 1, S. 479-484. | Benzenhöfer, Udo: Die Universitätsmedizin in Ffm. von 1914 bis 2014. Münster 2014.Benzenhöfer: Universitätsmedizin in Ffm. 2014, S. 39, 63, 90. | Lammel, Matthias/Sutarski, Stephan/Lau, Steffen/Bauer, Michael (Hg.): Wahn und Schizophrenie. Psychopathologie und forensische Relevanz. Berlin 2011. (Jahresheft für Forensische Psychiatrie).Lammel, Matthias: Querulanz und Querulantenwahn. Anmerkungen aus forensisch-psychiatrischer Sicht zu: J. Raecke „Der Querulantenwahn. Ein Beitrag zur sozialen Psychiatrie“ (1926). In: Lammel u. a. (Hg.): Wahn u. Schizophrenie 2011, S. 233-248. | Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift. [Mit wechselnden Untertiteln.] Jahrgänge 4-47. Halle/Saale 1902-45.Geelvink, Peter: Zur Erinnerung an Julius Raecke. In: Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift 32 (1930), H. 14, S. 147-149. | Raecke, Julius: Der Querulantenwahn. Ein Beitrag zur sozialen Psychiatrie. [Ausgabe von 1926,] neu verlegt und vermehrt um ein Vorwort von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, eine wissenschaftliche Einleitung von Henning Saß und Notizen zu Julius Raecke und seinem Werk von Stefan Graf Finck von Finckenstein. Berlin 2013.Finck von Finckenstein, Stefan: Ich werde nimmer seines gleichen sehn. Biografische Notizen zu Julius Raecke und seinem Werk. In: Raecke: Der Querulantenwahn 1926, Neuausgabe 2013, S. 85-110.
Quellen: Ffter Zeitung. Ffm. (1856) 1866-1943.Nachruf von Richard Koch in: FZ, Erstes Morgenblatt, 23.3.1930. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/8.713. | Archiv der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Ffm.Universitätsarchiv Ffm., Best. 4 Nr. 1604. | Archiv der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Ffm.Universitätsarchiv Ffm., Best. 14 Nr. 394.
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_RaeckeWikipedia, 30.6.2022.

GND: 101973535 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2022 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Kuntz, Benjamin: Raecke, Julius. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/8861

Stand des Artikels: 2.7.2022
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 07.2022.