Kaschnitz von Weinberg, Guido

Kaschnitz von Weinberg (auch: von Kaschnitz-Weinberg), Guido Freiherr. Prof. Dr. phil. Archäologe und Kunsthistoriker. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 28.6.1890 Wien, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 1.9.1958 Ffm.
Die aus Litauen stammende Familie Kaschnitz wurde mit Anton Valentin Kaschnitz von und zu Weinberg (1744-1812), einem engen Berater Josephs II., in den Freiherrenstand erhoben. Eine Urenkelin von Anton Valentin K. v. W. war die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916).
Guido K. v. W. war der mittlere der drei Söhne von August Freiherr K. v. W. (1847-1919) und dessen Ehefrau Emma, geb. Perko (1853 bis vermutlich 1945).
Trotz militärischer Traditionen der Familie – der Vater war u. a. Sektionschef im Ministerium für Landesverteidigung – förderten die Eltern das frühe archäologische Interesse des Sohnes. Seit 1908 studierte K. Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Wien. Während des Studiums nahm er an Ausgrabungen in Dalmatien teil und war Assistent seines Doktorvaters Emil Reisch (1863-1933), bei dem er im März 1914 mit einer Arbeit über „Die Kertschervasen. Ein Beitrag zur Geschichte der spätattischen Vasenmalerei“ promovierte. Ein Stipendium ermöglichte ihm im Frühjahr 1914 einen Aufenthalt in Griechenland und der Türkei, wo er u. a. bei Ausgrabungen von Alfred Brueckner (1861-1936) mitarbeitete. Im Ersten Weltkrieg trat K. Anfang 1915 in die k. k. Landwehrfeldwebelhaubitzendivision Nr. 13 ein. Als Leutnant der Reserve nahm er an Kämpfen an der Ostfront und der italienischen Front teil; im Sommer 1918 wurde er zur „Kunstschutzgruppe“ in Venetien versetzt. Nach dem Krieg war K. zunächst in München in verschiedenen Kunstverlagen tätig, bevor er 1923 eine Anstellung als Hilfsarbeiter von Walter Amelung (1865-1927), dem Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Rom, fand. Im selben Jahr lernte K. Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett (1901-1974) kennen, die er 1925 auf Schloss Bollschweil, dem Wohnsitz ihrer Eltern, heiratete; unter dem Namen Marie Luise Kaschnitz wurde seine Frau später als Lyrikerin und Schriftstellerin bekannt.
In Rom war K. zunächst am DAI mit dem Wiederaufbau der Bibliothek betraut und verfasste Fundberichte für wissenschaftliche Zeitschriften. Zwischen 1927 und 1930 erhielt er ein Stipendium der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, um einen Katalog der antiken Skulpturen im Magazin der Vatikanischen Museen zu erstellen (mit Paolino Mingazzini). K. nutzte seinen Aufenthalt in Rom, um in zahlreichen Veröffentlichungen seinen Ansatz zu einer umfassenden Strukturtheorie der Kunst zu entwickeln, indem er sich vor allem mit den Arbeiten von Alois Riegl (1858-1905), einem Vertreter der Wiener kunsthistorischen Schule, und dessen Begriff vom „Kunstwollen“ kritisch auseinandersetzte. Nach K.ens Theorie, die er auf alle Epochen – auch auf prähistorische Kulturen – anwenden wollte, sollten Strukturen und Entwicklungen in der Kunst anhand objektiver Kriterien aufgezeigt werden. Traditionelle ästhetische Wertmaßstäbe, die etwa eine Überlegenheit der griechischen Kunst über die römische postuliert hatten, sollten überwunden werden. In der Kunstwissenschaft gelte es, die Struktur des einzelnen Kunstwerks, aber auch des gesamten Kulturkreises zu bestimmen und „den Veränderungen der Struktur im Laufe der Kunstgeschichte nachzugehen“, wobei K.ens Postulat der Objektivität durch „akribische Objektanalysen“ zu gewährleisten sei (vgl. Raeck/Becker: Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg 2016, S. 59f.). Die Katalogisierung der Skulpturen des Vatikans bot K. reichhaltiges Material für die Erprobung seiner Theorie, die K.ens Ruf in der Fachwelt begründete, obwohl sie nicht unwidersprochen blieb.
1932 habilitierte sich K. mit einer Schrift über „Die Struktur der griechischen Plastik“ an der Universität Freiburg, und im November 1932 nahm er einen Ruf an die Universität Königsberg an. Berufungen nach Freiburg 1935/36 und an das DAI in Rom scheiterten, denn K. galt den NS-Behörden als politisch und weltanschaulich unzuverlässig, zumal er seine Ablehnung der NS-Ideologie nicht verheimlichte. Er war bereits als Student kurzzeitig Mitglied einer sozialistischen Verbindung gewesen, und in den 1920er Jahren hatte er der Sozialdemokratie nahegestanden. Im Oktober 1937 wurde K. zum ordentlichen Professor für Klassische Archäologie und zum Leiter des Archäologischen Instituts der Universität Marburg ernannt. Doch als ihn Ende 1940 ein Ruf nach Ffm. erreichte, als Nachfolger von Ernst Langlotz (1895-1978) auf den Lehrstuhl für Klassische Archäologie, nahm K. sofort an, um in Ffm. ungestörter – auch von der Beobachtung des NS-Regimes – zu arbeiten. Widerstand gegen seinen Wechsel nach Ffm. erwuchs zunächst durch den Gynäkologen Heinrich Guthmann (1893-1968), Führer des NS-Dozentenbundes in Ffm., der K.ens Berufung aus politischen Gründen verhindern wollte, aber nach dessen Bereitschaft, in den NS-Dozentenbund einzutreten, einlenkte. Mit einem Jahresgehalt von 11.100 Mark trat K. im Januar 1941 seine Professur an und bezog eine Wohnung im Ffter Westend (Wiesenau 8). Neben seinen akademischen Verpflichtungen blieb die Weiterentwicklung seiner Methode zur Strukturanalyse der Kunst ein Hauptschwerpunkt von K.ens Arbeiten in Ffm. Hatte K. schon in Marburg durch Gero von Merhart (1886-1959) eine enge persönliche und wissenschaftliche Beziehung zur Vor- und Frühgeschichte gepflegt, so bot sich ihm in Ffm. die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Römisch-Germanischen Kommission des DAI und insbesondere mit dem Forschungsinstitut für Kulturmorphologie (seit 1946: Frobenius-Institut), um seine Strukturtheorie zu vertiefen. 1942 wurde er in das wissenschaftliche Kuratorium des Forschungsinstituts für Kulturmorphologie gewählt.
Nach Zerstörung des Archäologischen Seminars durch Bombenangriffe im Frühjahr 1944 fanden die Lehrveranstaltungen in einer Villa in Kronberg statt, die Benno Reifenberg vermittelt hatte und in deren Mansarde das Ehepaar K. wohnte. Marie Luise K. unterstützte ihren Mann zeitweise als Assistentin und war später als Hilfskraft am Kunsthistorischen Institut beschäftigt. K. wurde kurz vor Kriegsende zum Volkssturm einberufen, aber aufgrund seiner schlechten Gesundheit bald entlassen. Eine misslungene Operation eines Nervenleidens im Brustkorb verschlechterte seinen Zustand, so dass er für das Wintersemester 1945/46 eine Beurlaubung beantragen musste. Infolge der Zwangsräumung der Villa in Kronberg durch die amerikanische Besatzungsmacht und der zwischenzeitlichen Belegung der Ffter Wohnung mit Flüchtlingen musste die Familie K. zunächst nach Bollschweil übersiedeln, bevor sie im Frühjahr 1946 nach Ffm. und in ihre Wohnung zurückkehren konnte. Im Wintersemester 1946/47 begann K. erneut mit seinen Lehrveranstaltungen. Als er aufgrund seiner Mitgliedschaft im NS-Dozentenbund als Mitläufer eingestuft wurde, beantragte er 1947 ein Spruchkammerverfahren, das ihn nicht nur entlastete, sondern seinen Widerstand gegen das NS-Regime hervorhob.
Durch die Zerstörungen des Krieges bedingt, nutzte K. zunächst einen Raum seiner Privatwohnung, um dort Bücher und Hilfsmittel aus dem Seminar unterzubringen. Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit arbeitete K. weiter an seiner Idee zur Struktur der Kunst; vor allem beschäftigte ihn eine größere Arbeit über die Strukturen der Kunst des Mittelmeers. Daneben setzte er sich im Sinne seiner Theorie einer übergreifenden Strukturanalyse für eine Stärkung der Vor- und Frühgeschichte innerhalb der philosophischen Fakultät ein. Das rege gesellschaftliche Leben der Familie in Ffm. – auch aufgrund der wachsenden Bekanntheit von Marie Luise K. als Schriftstellerin – führte zu zahlreichen Kontakten, beispielsweise mit Theodor W. Adorno, dessen Rückkehr an die Ffter Universität K. unterstützte.
Als sich gegen Ende der 1940er Jahre die Frage nach der Zukunft des DAI in Rom stellte, sandte die deutsche Zentraldirektion K. Anfang 1950 mit einem Forschungsauftrag nach Rom, um dort die Situation im Sinne einer Wiedereröffnung des Instituts seitens der Bundesrepublik Deutschland zu sondieren. Aufgrund seiner zahlreichen italienischen Kontakte, seines hohen Ansehens und nicht zuletzt seiner politischen Integrität während der NS-Zeit gelang es K., dass am 9.12.1953 das DAI unter seiner Leitung in Rom wiedereröffnet werden konnte. K. blieb bis zum 1.4.1956 Direktor des DAI, bevor er aus dem akademischen Dienst ausschied; den Ffter Lehrstuhl hatten zunächst Ernst Homann-Wedeking (1908-2002), K.ens Assistent, und ab 1954 German Hafner (1911-2008) vertreten, bis nach K.ens offizieller Emeritierung (30.8.1955) schließlich Gerhard Kleiner (1908-1978) 1956 zum offiziellen Nachfolger ernannt wurde. Im Sommer 1956 diagnostizierte man bei K. einen Gehirntumor, an dessen Folgen er am 1.9.1958 starb. Er wurde in der Familiengrabstätte der Holzing-Berstett in Bollschweil beigesetzt.
Ein umfassendes Werk zur Strukturgeschichte der antiken Kunst konnte K. nicht vollenden. Fragmente fanden Eingang in die posthum veröffentlichten Schriften („Mittelmeerische Kunst“, 1965).
Werke (in Auswahl): „Römische Porträts“ (1924), „Alois Riegl, Spätrömische Kunstindustrie“ (Rezension, 1929), „Bemerkungen zur Struktur der altitalischen Plastik“ (Aufsatz, 1933), „Sculpture del Magazzino del Museo Vaticano“ (1936/37), „Die mittelmeerischen Grundlagen der antiken Kunst“ (1944) und „Römische Kunst I-IV“ (aus dem Nachlass hg. v. Helga von Heintze, 1961-63). „Ausgewählte Schriften“ in drei Bänden: 1. „Kleine Schriften zur Struktur“ (hg. v. Helga von Heintze), 2. „Römische Bildnisse“ (hg. von Gerhard Kleiner u. Helga von Heintze), 3. „Mittelmeerische Kunst. Eine Darstellung ihrer Strukturen“ (aus dem Nachlass hg. v. Peter H. von Blanckenhagen und Helga von Heintze; alle 1965).
Marie Luise K. lebte bis zu ihrem Tod 1974 in der Ffter Wohnung in der Wiesenau 8 im Westend.
Aus der Ehe von Guido und Marie Luise K. stammte eine Tochter, die Übersetzerin Iris Costanza Schnebel-Kaschnitz (1928-2014), die seit 1970 mit dem Komponisten Dieter Schnebel (1930-2018) verheiratet war.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sebastian Martius.

Lexika: Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 27 Bde. (bis Wettiner). Berlin 1953-2020.Christoph Schwingenstein in: NDB 11 (1977), S. 312f.
Literatur:
                        
Färber, Roland/Link, Fabian (Hg.): Die Altertumswissenschaften an der Universität Fft. 1914-1950. Studien und Dokumente. Basel [2019].Färber/Link (Hg.): Die Altertumswissenschaften a. d. Universität Fft. 2019. | Herfort-Koch, Marlene/Mandel, Ursula/Schädler, Ulrich (Hg.): Begegnungen. Fft. und die Antike. 2 Bde. Ffm. 1994.Reinsberg, Carola: Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg. In: Herfort-Koch u. a. (Hg.): Begegnungen. Fft. u. die Antike 1994, Bd. 1, S. 359-370. | Kaschnitz von Weinberg, Guido: Ausgewählte Schriften. 3 Bde. Berlin 1965.Kaschnitz, Marie Luise: Biographie des Verfassers. In: Kaschnitz von Weinberg: Ausgewählte Schriften 1 (1965), S. 228-239. | Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. [Späterer Untertitel: Zeitschrift für kulturanthropologische Forschung.] Hg. v. Forschungsinstitut für Kulturmorphologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Ffm. (bis 1941/43), später v. Frobenius-Institut an der Goethe-Universität Ffm. mit freundlicher Unterstützung der Frobenius-Gesellschaft. Bisher 64 Bde. Leipzig u. a. 1938/40-2018.Homann-Wedeking, Ernst: Guido Kaschnitz-Weinberg. In: Paideuma 7 (1959), S. 11-18. | Raeck, Wulf/Becker, Claudia: Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg. Gelehrter zwischen Archäologie und Politik. Ffm. 2016. (Gründer, Gönner und Gelehrte, Biographienreihe der Goethe-Universität Ffm., hg. v. d. Goethe-Universität Ffm., [Bd. 15]).Raeck/Becker: Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg 2016.
Quellen: Deutsches Literaturarchiv Marbach.Nachlass von Marie Luise Kaschnitz: DLA Marbach. | Hessisches Landesarchiv, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.HLA, Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Spruchkammerakten. | Johann Wolfgang Goethe-Universität, Universitätsarchiv, Ffm.Universitätsarchiv Ffm., Personal- und Berufungsakten.
Internet: Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. https://www.lagis-hessen.de/pnd/118945130Hess. Biografie, 3.11.2020. | Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Guido_Kaschnitz_von_WeinbergWikipedia, 3.11.2020.

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Empfohlene Zitierweise: Martius, Sebastian: Kaschnitz von Weinberg, Guido. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/9684

Stand des Artikels: 6.11.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 11.2020.