Schäfer, Wilhelm (1912-1981)

Direktor des Senckenbergmuseums von 1961 bis 1978.

Schäfer, Armin Friedrich Wilhelm. Prof. Dr. phil. Zoologe und Paläontologe. * 18.3.1912 (Riedstadt-)Crumstadt/Hessen, † 27.7.1981 Ffm., begraben in Oppenheim/Rhein.
Schulzeit in Oppenheim und Mainz. Studium der Naturwissenschaften (Zoologie, Geologie) und Kunstgeschichte in Gießen. Schüler von Wulf Emmo Ankel, der ihn für die Meeresbiologie interessierte. Nach dem – auch als Kunsterzieher abgelegten – Staatsexamen für das höhere Lehramt und der Promotion („Bau, Entwicklung und Farbentstehung bei den Flitterzellen von Sepia officinalis”, Phil. Diss., Gießen 1937) absolvierte Sch. ein von Ankel vermitteltes Volontariat im Senckenbergmuseum in Ffm. Seit 1938 Leiter der Forschungsanstalt für Meeresgeologie und Meeresbiologie „Senckenberg am Meer” in Wilhelmshaven. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft kehrte Sch. am 1.6.1947 in seine alte Stellung nach Wilhelmshaven zurück, habilitierte sich 1955 mit einer Arbeit über „Form und Funktion der Brachyurenschere” an der Ffter Universität und war seitdem Privatdozent am dortigen Zoologischen Institut sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter in einigen Kommissionen (vor allem zur Meeresforschung) der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Angeregt durch den Zeichenlehrer an der Werk- und Kunstschule Wiesbaden, Heiner Rothfuchs (1913-2000), den er bereits während der Kriegsgefangenschaft in Marseille kennengelernt hatte, widmete sich Sch. zunehmend dem wissenschaftlichen Zeichnen. Seine in den folgenden Jahren erschienenen Arbeiten, „Wirkungen der Benthos-Organismen auf den jungen Schichtverband” (1956) und insbesondere sein grundlegendes Hauptwerk „Aktuo-Paläontologie nach Studien in der Nordsee” (1962), bestechen durch Sch.s Originalzeichnungen. Von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1978 Wissenschaftlicher Direktor des „Natur-Museums und Forschungs-Instituts Senckenberg“ in Ffm. Zugleich seit 1961 außerplanmäßiger Professor, von 1972 bis zu seiner Emeritierung 1979 Honorarprofessor am Zoologischen Institut der Ffter Universität.
Sch. darf als der Begründer des modernen Senckenbergmuseums gelten, das er zum führenden Naturmuseum Europas ausbaute. Wenn ihn auch einige konservative Mitglieder der SNG angesichts seiner radikalen Umgestaltungsideen als „Zerstörer des Senckenbergs” ansahen, so hat er doch nicht mit der von Drevermann, Richter und seinem direkten Vorgänger Mertens begründeten Tradition gebrochen. Er widerstand allen Tendenzen, das Museum als pure Freizeiteinrichtung zu vermarkten. Vielmehr hatte er die Bedeutung des Sammlungsguts als der eigentlichen „Substanz” des Instituts durchaus erkannt und widmete sich intensiv der Bewahrung und Vermehrung der Sammlungen, ohne jedoch das Sammeln als Selbstzweck zu begreifen. Bei der Schausammlung verzichtete Sch., ganz Pionier der Museumsdidaktik, künftig auf die Präsentation einer kompletten Detailsammlung. Die umfassende Modernisierung des nach dem Krieg im alten Stil wiederaufgebauten Museums vollzog er mit der Neugestaltung des großen Lichthofs (durch den Architekten Heinz Bläser), der Vergrößerung der Sammlungsfläche und einer zeitgemäßen Präsentation der Objekte in allen Abteilungen. Die Darbietungsform der Schausammlungen wurde vor allem durch Sch.s Einbindung räumlich-gestaltender und künstlerischer Elemente (wie Großplastiken, Grafiken u. a.) geprägt. Durch das damals völlig neuartige Museumskonzept gelang es ihm, die Erkenntnisse der paläontologischen Forschung wissenschaftlich fundiert, doch anschaulich und allgemeinverständlich zu präsentieren. Wichtige Ausstellungen unter Sch. waren die bereits 1970 mit Wolfgang Klausewitz und Wolfgang Tobias gestaltete Umweltausstellung sowie die 1977 eröffnete erste Messel-Ausstellung, wie Sch. sich ohnedies für den Erhalt der Grube Messel als einer hochrangigen paläontologischen Fundstätte eingesetzt hatte. Zugleich mit der Neugestaltung des Museums förderte Sch. die wissenschaftliche Entwicklung des Forschungs-Instituts, u. a. setzte er sich weiterhin für „Senckenberg am Meer” und dessen Neubau in Wilhelmshaven ein, war beteiligt an der Planung für das Forschungsschiff „Senckenberg”, etablierte die Außenstelle Lochmühle für ökologische und botanische Forschungen und engagierte sich für die Gründung der mit Umweltfragen befassten Station in Biebergemünd. Überhaupt hatte Sch. die Umweltproblematik früh erkannt; er beschäftigte sich zunehmend mit ökologischen Fragestellungen, und in seinen letzten Lebensjahren galt sein wissenschaftliches wie teilweise politisches Streben insbesondere einem Projekt zur Regeneration des Oberrheins, der Rheinauen und der Rheinaltarme.
Zahlreiche weitere Fachveröffentlichungen, u. a. zur (Meeres-)Paläontologie („Fossilien, Bilder und Gedanken zur paläontologischen Wissenschaft”, 1980), zur Ökologie und zur Geschichte des Naturmuseums („Naturwissenschaftliche Museen als Forschungsstätten”, 1964, und „Geschichte des Senckenberg-Museums im Grundriß”, 1967) sowie über das wissenschaftliche Zeichnen („Das wissenschaftliche Tierbild”, 1949, und „Zeichnung und Lehre”, 1954). 1965 Ausstellung seiner Tiergrafiken im Zoo-Gesellschaftshaus.
Herausgeber verschiedener, insbesondere senckenbergischer, Schriftenreihen, u. a. „Abhandlungen der SNG” (seit 1961), „Natur und Museum” (seit 1961), „Meteor” (Mitherausgeber seit 1965) und „Kleine Senckenberg-Reihe” (seit 1970).
1967 Goetheplakette der Stadt Ffm. 1977 Großes Bundesverdienstkreuz. 1978 Ehrenbrief des Landes Hessen. 1979 Cretzschmar-Medaille der SNG. 1980 Hessischer Umweltpreis. Ewiges Mitglied der SNG. Ehrenmitglied in der Deutschen Paläontologischen Gesellschaft und im Deutschen Museumsbund.
Anlässlich seines 75. Geburtstags 1987 wissenschaftliches Kolloquium zum Gedenken an Sch. im Senckenbergischen Forschungsinstitut in Wilhelmshaven. Im selben Jahr wurden Zeichnungen und Skizzen von Sch. – darunter Entwürfe zur Schausammlung des Senckenbergmuseums, die in den 1960er und 1970er Jahren die grafische Grundlage zu seinem Ausstellungskonzept gebildet hatten – im Senckenbergmuseum ausgestellt.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 251f., verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
Array
(
    [de] => Array
        (
            [0] => Array
                (
                    [value] => literfasst
                )

        )

)

Lexika: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender. Hg. v. Joseph Kürschner u. a. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. München 1927-2003.Kürschner: Gel. 1980; 1983 (Nekr.).
Literatur:
                        
SNG (Hg.): 175 Jahre Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft. Jubiläumsband. 2 Bde. Ffm. 1992. (Senckenberg-Buch 68).FS 175 Jahre SNG 1992, Bd. 1, S. 376-383. | Hansert, Andreas: Das Senckenberg-Forschungsmuseum im Nationalsozialismus. Wahrheit und Dichtung. Göttingen 2018.Hansert: Senckenberg-Forschungsmuseum im Nationalsozialismus 2018, S. 24, 175, 226, 246f., 296. | Link, Katja: Fft. Das Profil einer Stadt. Portrait of a City. Physionomie d’une Ville. Dortmund 1968.Link: Profil einer Stadt 1968, S. 278f. | Wer ist’s? Titel auch: Degener’s Wer ist’s? Titel ab 1923: Wer ist wer? Wechselnde Untertitel: Zeitgenossenlexikon. / Unsere Zeitgenossen. / Das deutsche Who’s who. Leipzig, ab 1928 Berlin 1905-93.Wer ist wer? 1979.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/4.911.

GND: 118794876 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2020 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Schäfer, Wilhelm (1912-1981). Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1005

Stand des Artikels: 21.12.1994