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Röhrig, Kurt

Kurt Röhrig
Kurt Röhrig
Fotografie (um 1955).
© Institut für Stadtgeschichte, Ffm. (Sign. S7Rö).
Röhrig, Kurt. Fotograf. * 24.7.1912 Ffm., † 21.2.2007 Wetzlar.
Geboren im Ffter Stadtteil Bornheim. Aufgewachsen in Dieburg. Lehre als Damenfriseur in Darmstadt und anschließende Berufstätigkeit in Ffter Salons; Meisterprüfung. Daneben fotografierte R. als Hobby, inspiriert u. a. durch das Fotobuch „Mein Objektiv sieht Europa“ (1938) von Eric Borchert; erste überlieferte Aufnahmen 1941. Kriegsdienst und 1942 schwere Verwundung an der Ostfront. Lazarettaufenthalte, zuletzt in Oberursel-Hohemark (zahlreiche Fotos aus dem dortigen Reha-Betrieb), und Entlassung aus der Wehrmacht. Auf Empfehlung eines Freundes bewarb sich R. bei der Ffter Bildagentur „Dr. Paul Wolff & Tritschler“, deren Inhaber erfolgreiche Pioniere der Kleinbildfotografie mit der Leica waren. Als Probearbeit lieferte er eine Reportage über die Arbeit in Gesundheitseinrichtungen. Danach unbezahltes Probejahr bei Firmenchef Paul Wolff, dessen fotografische Mitarbeiter einberufen waren; Beginn der Ausbildung zum Bildberichterstatter. 1942/43 Assistenz bei der von Dolf Sternberger und Benno Reifenberg (beide Ffter Zeitung) initiierten Bilddokumentation Ffter klassizistischer Bauten durch Wolff.
Ab Juni 1943 Beteiligung am „Führerauftrag Monumentalmalerei“ („Führerauftrag für Wand- und Deckenmalereien in historischen Baudenkmälern Großdeutschlands“) mit dem Ziel, von der Zerstörung bedrohte Wand- und Deckenmalereien mit dem Farbdiafilm „Agfacolor-Neu“ fotografisch zu erfassen. Die personell stark dezimierte Firma betreute Objekte in Mainz, Worms, Heusenstamm, später in Prag und zuerst vor allem in Ffm. (Karmeliterkloster, Dom, Palais Thurn und Taxis, Deutschherrenhaus, Römer). Angesichts vorausgegangener starker Beanspruchung durch Porträts deutscher Rüstungsbetriebe befand sich Wolff in einem Zustand großer Erschöpfung: „Vor mir stand die Pflicht, (…) meine letzten Kräfte einzusetzen (…). Ich (…) brauche nicht zu sagen, wie schwer diese Arbeit war. Ich hätte sie allein ausführen müssen, wenn nicht (…) ein junger Soldat zu mir gekommen wäre, der als Kriegsversehrter von mir umgeschult wurde.“ R. hatte seine Probezeit hinter sich und wurde stärkstens eingebunden: „Nach diesem Jahr hat er mich alles machen lassen, er hat sich um gar nichts mehr gekümmert. Ich habe das Karmeliterkloster fotografiert, ich habe Thurn und Taxis fotografiert, ich war in Prag und in Worms.“ Bei jeder Kameraeinstellung wurde wie vorgeschrieben mehrmals ausgelöst, so dass motivgleiche Aufnahmen nicht nur in die zentralen Depots gelangten (seit 1956 „Farbdiaarchiv deutscher Wand- und Deckenmalerei“ im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München), sondern später auch in Stadtarchiv (heute: ISG) und Historisches Museum in Ffm.
Im März 1944 Prüfung zum Bildberichterstatter in Berlin. Gleichzeitig Zerstörung der Villa Wolffs (Miquelallee 5), die auch Firmensitz und Lagerort der meisten Bilder war, beim Luftangriff auf Ffm. am 22.3.1944. Während Wolff sich zunächst bei seiner Frau in Straßburg aufhielt, organisierte R. den Umzug der Firma in einen Schulungsraum der Firma Leitz in Wetzlar; die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fanden Unterkunft im benachbarten Braunfels, wohin auch die ausgelagerten Kleinbildnegative gebracht wurden.
Im Mai 1944 nahm R. im Auftrag Wolffs mehrere Hundert Fotos des zerstörten Fft. auf. Er fotografierte vom Domturm aus, außerdem die Mainfront sowie durch Trümmer führende Straßen in Alt- und Innenstadt. Jenseits der Anlagen ging es ihm nur um wenige markante Gebäude, und auch sonst hielt er sich meist an die Hauptsehenswürdigkeiten, die bis dahin Identifikationspunkte gewesen waren. Als Gestaltungsmittel verwendete er oft den diagonal oder mittig verlaufenden, zum Teil von Passanten begangenen Weg, der den Betrachter in das Bild hineinzieht. Er wartete vielfach auf beste Lichtverhältnisse oder auf einen Postkartenhimmel, neigte aber auch dazu, das apokalyptische Geschehen durch dramatische Wolkenbilder oder durch große Trümmer im Bildvordergrund, aufgenommen in leichter Untersicht, zu verstärken. R. nahm eine Kamera mit Farbdiafilm mit, und so entstand – in motivischer Überschneidung mit den Schwarz-Weiß-Bildern – eine beeindruckende Farbsequenz von rund 90 Aufnahmen, wie es sie nur für wenige der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte gibt.
Mit Hilfe von R.s Aufnahmen versuchte Wolff, mit der Stadtverwaltung ins Geschäft zu kommen und Aufträge zur Farbdokumentation von Zerstörung und Wiederaufbau zu erhalten. Von Straßburg aus machte er seinen ehemaligen Co-Autor Fried Lübbecke in der Abteilung für Fremdenverkehr des Wirtschaftsamts auf die neuen Bilder aufmerksam: „Es liegen nun aus dem zerstörten Fft. ca. 80-100 z. T. sehr eindrucksvolle (…) farbige Bilder vor, von denen ich mir denken könnte, daß sie für das Stadtarchiv oder eine andere städtische Stelle einen dokumentarischen Besitz darstellen, da meines Wissens in dieser umfassenden Art Farbenaufnahmen von keiner Seite gemacht worden sind. Können Sie nicht einmal mit (…) einer der interessierten Stellen sprechen, ob (…) sie uns nicht einen (…) Auftrag auf Lieferung von Farbbildern geben wolle (…). Wir wollen wiederaufbauen, wir brauchen Geld, selbst wenn es auf dem Elend anderer verdient wird. Wir befinden uns ja in guter Gesellschaft.“
Nach 1945 dokumentierte und inszenierte R. im Auftrag Wolffs Nachkriegssituationen (Notwohnungen, Volksküchen etc.) für die internationale Presse. Nach dem Ausscheiden des Firmenchefs wurde R. zusammen mit dem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Alfred Tritschler Inhaber (zu 40 Prozent) der Agentur, die ihren alten Namen behielt. Während Tritschler die Industrieporträts an sich zog, übernahm der früh mit Blitzgerät ausgerüstete R. Reportagen für deutsche und internationale Medien (z. B. Spitzenpolitiker für US-Magazine), Fotoreisen (z. B. an historische deutsche Orte für die amerikanische Fluggesellschaft TWA) und sonstige Werbung (für Dunlop, Shell, Esso, Saba, Bauknecht u. a.). Auf einer von R. akquirierten dreimonatigen Fotofahrt durch Westeuropa und Marokko 1953 (für Opel und TWA) entschloss er sich zur Selbstständigkeit als „roebild“. Dabei konnte R. nur die Bilder mitnehmen, die er selbst gemacht hatte, während Wolffs Leica-Aufnahmen bei Tritschler blieben, obwohl beide die Abfindung für Wolff finanziert hatten.
R. erhielt Aufträge aus allen Branchen (Mode, Luxusartikel, Autos, Elektrogeräte, Möbel, Reisen, Industrie u. a.) und expandierte mit selbstständigen Fotografen und Fotografinnen als Subunternehmern. Hinzu kamen Stimmungsaufnahmen (Jahreszeiten, junge Mädchen usw.) sowie private Porträtaufträge. R. arbeitete mit professionellen weiblichen und männlichen Modellen, aber auch mit der eigenen Familie. Außerdem baute er im eigenen Wohnhaus in Braunfels ein Fotostudio mit einer Projektionsfläche von 40 Quadratmetern auf, in dem selbst Werbeideen für Autohersteller umgesetzt werden konnten. Hauptauftraggeber für Werbeaufnahmen waren Opel, Hohner, Dunlop, Tabbert-Wohnwagen u. a.
R. hatte lange Zeit auch in der Nähe des Ffter Hauptbahnhofs ein Büro. Von hier aus entstanden eindrucksvolle Aufnahmen der Mainstadt, die in den Fünfzigerjahren zur Verkehrs- und Wirtschaftsmetropole heranwuchs. Die Fotos zeigen Leitbauten der 1950er und 1960er Jahre, Sehenswürdigkeiten, Verkehr und Passanten in der City bei Tag und Nacht, Hauptbahnhof und Flughafen, Messen aller Art, Mode, Industriebetriebe, Kaufhäuser, Fachgeschäfte, neue Siedlungen, Gastronomie usw. Hinzu kommen Themen, die eher selten fotografisch überliefert sind: Paul-Ehrlich-Institut, Motorradrennen am Feldberg, Verlage und Buchhandlungen, Filmgesellschaften und -bälle, Arbeiterwohlfahrt, Frauen im Beruf, Sender Heiligenstock, Jugendkulturen u. a. Man kann R. als Fotografen von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder bezeichnen, dessen hochwertige Aufnahmen eine Schulung an der Wolff’schen Technik erkennen lassen. Für Ffm. zählen seine Fotos zu den wichtigsten Bildquellen der Fünfziger- und Sechzigerjahre.
Der fotografische Nachlass von R. befindet sich in Privatbesitz (ca. 250.000 Aufnahmen als Schwarz-Weiß-Abzüge in 18 x 24 cm sowie als Schwarz-Weiß- und Farbnegative in 9 x 12 cm, 6 x 6 cm und vor allem in Kleinbildformat). Eine Auswahl von ca. 300 Farbdias (Monumentalmalerei 1943, zerstörtes Ffm. 1944) sowie von ca. 2.700 Abzügen und Negativen im ISG.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Tobias Picard.

Literatur:
                        
Brockhoff, Evelyn (Hg.): Das Institut für Stadtgeschichte. Seit 1436 das Gedächtnis Fft.s. Im Auftrag u. m. Unterstützung d. Dezernats für Kultur und Wissenschaft der Stadt Ffm., Institut für Stadtgechichte. Wiesbaden 2013.Picard, Tobias: Foto und Film im Institut für Stadtgeschichte. In: Brockhoff (Hg.): Institut für Stadtgeschichte 2013, S. 182-199, hier S. 194f. | Fleiter, Michael (Hg.): Heimat/Front. Ffm. im Luftkrieg. Ffm. 2013.Picard, Tobias: Von Propagandafotos zu Bildern der Resignation. Zur visuellen Repräsentation der Luftangriffe auf Ffm. in der Foto- und Filmsammlung des Instituts für Stadtgeschichte. In: Fleiter (Hg.): Heimat/Front 2013, S. 95-119. | Fuhrmeister, Christian u. a. (Hg.): „Führerauftrag Monumentalmalerei“. Eine Fotokampagne 1943-1945. Köln u. a. 2006. (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München 18).Fuhrmeister u. a. (Hg.): „Führerauftrag Monumentalmalerei“ 2006. | Hils-Brockhoff, Evelyn/Picard, Tobias: Ffm. im Bombenkrieg. März 1944. Gudensberg-Gleichen 2004.Hils-Brockhoff/Picard: Ffm. im Bombenkrieg 2004. | Koetzle, Hans-Michael (Hg.): Dr. Paul Wolff & Tritschler. Licht und Schatten – Fotografien 1920 bis 1950. Heidelberg/Berlin 2019.Picard, Tobias: Finale in Schwarz-Weiß und Farbe. Paul Wolff und Ffm. 1941-1951. In: Koetzle (Hg.): Dr. Paul Wolff & Tritschler 2019, S. 378-419.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Breuning, Werner: Fotoschatz der Grube Messel. 500 Negative von Kurt Röhrig entdeckt. In: FAZ, 20.10.2011, S. 49. | Ffter Neue Presse. Ffm. 1946-heute.Walburg, Jürgen: Der Fotograf der geschundenen Stadt. In: FNP, 23.4.2004. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/18.236; darin: Tobias Picard: Zeitzeugengespräch mit dem Fotografen Kurt Röhrig am 9.4.2003 in Braunfels.

© 2022 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Picard, Tobias: Röhrig, Kurt. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/12948

Stand des Artikels: 8.7.2022
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 07.2022.