Fahr, Elisabetha Anna, gen. Aenny. Herpetologin. Fotografin. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 20.2.1883 Darmstadt, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 23.6.1964 Darmstadt-Eberstadt.
Tochter des Fabrikanten Friedrich
Carl (auch: Karl) F. (?-1886) und dessen Ehefrau
Anna Katharine, geb. Wehner (1854-1931). Ein Bruder: Theodor F. (?-1928), Kaufmann. Ledig. Keine Kinder.
F. wuchs in Darmstadt auf, wo ihre Familie das 1874 gegründete und bis in die 1920er Jahre bestehende Unternehmen „Wehner & Fahr“ betrieb, das zunächst als Gewürzhandel, später als Kakao- und Schokoladenfabrik firmierte.
Schon früh entwickelte F. ein Interesse an Aquarien- und Terrarienkunde, das durch ihren Mentor, den Molchforscher Willy Wolterstorff (1864-1943), gefördert wurde. F. befasste sich kontinuierlich mit zoologischen und insbesondere herpetologischen Forschungen und hielt auch selbst Tiere, insbesondere Amphibien und Reptilien, um sie zu beobachten. Sie wies erstmals den Fadenmolch in Darmstadt und Umgebung nach und stellte bei ihren Untersuchungen fest, dass die „Molchpest“ auch bei freilebenden Molchen vorkommt. F. engagierte sich intensiv, u. a. zum Erfahrungsaustausch, in verschiedenen Vereinigungen zur Aquarien- und Terrarienkunde. So gehörte sie seit 1906 dem Aquarien- und Terrarienverein „Hottonia“ in Darmstadt, den Vereinen „Lacerta“ und „Salamander“, seit 1908 dem Bund der Lurch- und Kriechtierfreunde und seit 1910 der Gesellschaft für biologische Aquarien- und Terrarienkunde „Isis“ in München an. Seit 1906 veröffentlichte F. wissenschaftliche Arbeiten, zunächst insbesondere zu den Salamandern, deren Entwicklung und Krankheitsanfälligkeit. In späteren Jahren publizierte sie auch zu tropischen Eidechsen, Chamäleons und Fragen der Tierhaltung. 1911 unternahm F. eine ausgedehnte Forschungsreise in das Umland von Barcelona, wo ihr Bruder mit seiner Familie lebte. Auf dieser Reise sammelte sie zahlreiche Reptilien und andere Tiere für Fachkollegen und fertigte eine größere Anzahl fotografischer Aufnahmen an. Ihre Forschungsergebnisse und Fotografien wurden u. a. in renommierten Publikationen wie „Brehms Tierwelt“ weitergetragen. Bereits 1911 wurde F. als „eine allen Terrarienfreunden rühmlichst bekannte Dame“ bezeichnet [Georg Gerlach in: Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 22 (1911), Nr. 39, S. 622].
Schließlich erhielt F. durch den Direktor
Kurt Priemel eine Anstellung am Ffter Zoologischen Garten, wo sie für einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg als Assistentin am Aquarium arbeitete. Seit 1912 war F. beitragendes Mitglied in der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Über mehrere Jahrzehnte schenkte sie der zoologischen Abteilung des Senckenbergmuseums zahlreiche Reptilien und Amphibien aus der näheren Umgebung, aus dem Ffter Zoologischen Garten sowie von ihren Reisen nach Spanien und auf die Balearen mit den Pityusen. Damit trug sie zur Ergänzung der Sammlungen, etwa auch um neue Arten, bei.
1914 nahm F. an einer Polarexpedition an Bord der „Whiterose“ teil, die unter der Leitung von
Theodor Lerner von Svolvær nach Spitzbergen führen sollte. Die Expedition wurde von der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft durch
Otto zur Strassen wissenschaftlich ausgestattet. Auch der Ffter Zoologische Garten, namentlich dessen Direktor
Kurt Priemel (F.s Vorgesetzter), zeigte Interesse an arktischem Tiermaterial. F.s Aufgaben an Bord umfassten den Aufbau eines provisorischen Laboratoriums und die Anfertigung fotografischer Dokumentationen; zudem unternahm sie eigene Sammelarbeiten, teils mit einem kleinen Boot. Kurz nach Beginn der Reise erhielten die Expeditionsteilnehmenden jedoch Nachricht vom Beginn des Ersten Weltkriegs, woraufhin die Unternehmung abgebrochen wurde. Bereits gesammelte Vögel, Süßwasser- und Meerestiere, geologische Funde sowie Teile der Ausrüstung wurden verkauft, um die Rückreise zu finanzieren.
F.s zweites großes Wirkungsfeld neben und oft auch in Verbindung mit der Herpetologie war die Fotografie. So entstanden bei der Polarexpedition 1914 zahlreiche Aufnahmen der arktischen Landschaft, Flora und Fauna, aber auch der Besatzung und des Schiffs. Den Schwerpunkt von F.s fotografischer Arbeit bildeten jedoch Tieraufnahmen (vgl. auch die von F. verfasste Schrift „Betrachtungen über das Photographieren von Tieren“ mit elf eigenen Aufnahmen, 1921). F. lieferte fotografisches Material für verschiedene wissenschaftliche Publikationen, u. a. für Arbeiten von
Robert Mertens, dem Herpetologen und späteren Direktor am Senckenbergmuseum. In einem Nachruf auf die Kollegin nannte
Mertens sie eine „meisterhafte“ Tierfotografin. [Nachruf von Robert Mertens in: Natur und Museum 94 (1964), H. 10, S. 413.]
Die offiziellen Berufsbezeichnungen für F. variierten im Laufe ihres Lebens. Im Testament der Mutter wurde sie 1920 als „ohne Beruf“ bezeichnet. In Nachlassunterlagen von 1931 erscheint sie als „Annoncen-Redakteurin“. In späteren Adressbüchern wurde sie als „Kleintierzoo“ (1942), „Tierhalterin“ (1949) und erneut als „ohne Beruf“ (1954) geführt. Bis zum Tod der Mutter 1931 hatte F. im elterlichen Haus in der Schwanenstraße 27 in Darmstadt gelebt; danach zog sie mehrfach innerhalb der Stadt um, blieb aber zeitlebens in Darmstadt wohnen. In den 1930er Jahren setzte sich F. auf lokaler Ebene für die legale Haltung von Giftschlangen durch Privatpersonen ein. Sie selbst hielt jahrzehntelang verschiedene Arten. Der Wiener Zoologe Franz Werner (1867-1939) bezeichnete sie einmal als „erfahrene Pflegerin ausländischer Echsen, Schlangen u. dergl., weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt“. (Brief von Franz Werner an Aenny Fahr, Wien, 20.9.1935. Nachlass Aenny Fahr im Archiv der Sektion Herpetologie im Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum, Ffm.)
Seit 1936 Ehrenmitglied des Aquarien- und Terrarienvereins „Hottonia“ in Darmstadt.
Nachlass im Besitz der Sektion Herpetologie des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums in Ffm.
Der Darmstädter Aquarien- und Terrarienverein „Hottonia“ widmete F. 2025 den Förderverein „Gesellschaft für Natur- und Artenschutz Aenny Fahr e. V.“.
Eine Unterart der Balearen-Eidechse wurde als Lacerta lilfordi fahrae [heute: Podarcis lilfordi fahrae (Müller, 1927)] nach F. benannt.
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