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Braun, Hugo

Braun, Hugo. Prof. Dr. med. Hygieniker und Bakteriologe. * 7.4.1881 Prag, † 19.11.1963 München.
Aus jüdischer Familie. Erstes Kind des Kaufmanns und Knopffabrikanten Alois B. (1854-1888) und dessen Ehefrau Caroline (auch: Karoline), geb. Stern (1856-?). Zwei Geschwister: Oscar B. (1882-?), Kaufmann; Irma B. (später verh. Hart, 1883 bis vermutlich 1944), ermordet im Vernichtungslager Auschwitz. Verheiratet (seit 1914) mit Elisabeth B., geb. Staudt (1889-1951), aus (Wuppertal-)Elberfeld. Alle drei Kinder des Ehepaars wurden in Ffm. geboren: Kurt B. (1915-?), promovierter Mediziner, Internist, in der NS-Zeit emigriert nach Palästina, 1967 zurückgekehrt nach Deutschland; Lieselotte B. (später verh. Fuchs, 1916-?), Sprachlehrerin, 1938 emigriert nach Argentinien; Irmgard B. (später verh. de Halperin; 1919-?), promovierte Physikerin, in der NS-Zeit emigriert wohl über die Türkei nach Palästina, 1958 übergesiedelt in die USA.
Nach dem Abschluss des Gymnasiums in seiner Heimatstadt Prag studierte B. ab dem Wintersemester 1900/01 Medizin an der dortigen Deutschen Karl-Ferdinands-Universität. Bereits während des Studiums arbeitete er ab 1905 am Hygienischen Institut der Universität bei Ferdinand Hueppe (1852-1938), einem Schüler von Robert Koch (1843-1910), und Oskar Bail (1869-1927). Dort begann er nach der Promotion bei Hueppe (16.3.1907) auch seine Assistentenzeit. Seit 1908 war er Assistent am Pharmakologischen Institut in Prag bei Julius Pohl (1861-1942). 1909 wechselte B. als Assistent zunächst an das Staatliche Hygiene-Institut in Bremen bei Hermann Tjaden (1861-1952). Bald ging er jedoch an das Pathologische Institut der Universität Berlin, wo er hauptsächlich auf bakteriologischem Gebiet bei Julius Morgenroth (1871-1924) tätig war. Über Morgenroth, der in Zusammenarbeit mit Paul Ehrlich die Chemotherapie mitbegründet hatte, könnte der Kontakt nach Ffm. zustande gekommen sein.
Ab 1910 war B. am städtischen Hygienischen Institut unter Max Neisser in Ffm. beschäftigt. Seit dem 1.4.1912 leitete er als Vorsteher die bakteriologische Abteilung des Instituts. 1912/13 nahm er, wohl im Auftrag des Deutschen Reichs, an einer Expedition nach Deutsch-Ostafrika teil, wo er zusammen mit dem Zoologen Ernst Teichmann über Infektionen durch Trypanosomen forschte. Nachdem B. 1913 die preußische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, erhielt er im folgenden Jahr die deutsche Approbation als Arzt und zugleich die Erlaubnis, seinen Doktortitel auch in Deutschland führen zu dürfen. An der neu eröffneten Ffter Universität hatte er ab 1914 einen Lehrauftrag zur Vertretung von Neisser als Ordinarius für Hygiene während dessen Kriegsdienst. Im Auftrag des Reichskriegsministeriums befasste sich B. als Hygieniker beim 18. Armeekorps mit Untersuchungen zu Cholera und Typhus zur Herstellung entsprechender Impfstoffe; er habilitierte sich mit den daraus resultierenden Forschungsergebnissen bei Neisser in Ffm. und wurde am 1.10.1916 zum Privatdozenten für Serologie und Immunitätslehre an der Ffter Universität ernannt. Bald (1918) wurden ihm die Titel des Professors und des Direktors verliehen, letzterer in seiner Funktion als Leiter der bakteriologischen Abteilung des seit 1914 der Universität angegliederten Hygienischen Instituts. Als Nachfolger des nach Heidelberg berufenen Kollegen Hans Sachs (1877-1945) stieg er 1921 an der Universität zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor für Hygiene und Bakteriologie auf. In Anerkennung und zur Förderung seiner bahnbrechenden Arbeiten über den Stoffwechsel der Bakterien wurde B. mit einem der drei Paul-Ehrlich-Preise des Jahres 1931 ausgezeichnet.
Im Zuge der „Gleichschaltung“ der Universität nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde B. als Universitätslehrer im April 1933 beurlaubt und im August 1933 in den Ruhestand versetzt; am 24.9.1933 wurde ihm aufgrund seiner „nichtarischen“ Abstammung laut Paragraph 3 des Berufsbeamtengesetzes die Lehrbefugnis entzogen. Kurz darauf folgte B. einem Ruf an die nach den Reformen von Mustafa Kemal Pascha (seit 1934: Atatürk; 1881-1938) neu organisierte Universität Istanbul; aus Ffm. gingen damals auch der Ophthalmologe Josef Igersheimer, der Pathologe Philipp Schwartz und der Biotechniker Friedrich Dessauer nach Istanbul. Von 1933 bis 1949 lehrte B. dort als ordentlicher Professor für Mikrobiologie und leitete das Institut für Mikrobiologie, Epidemiologie und Parasitologie; er gilt als Begründer der modernen Hygiene in der Türkei.
Nach Kriegsende in Deutschland 1945 dachte das zuständige Ministerium daran, B. nach Ffm. zurückzuholen, wo er die Professur für Hygiene sowie die damit verbundene Leitung des Instituts für experimentelle Therapie und des Georg-Speyer-Hauses übernehmen sollte. Die Medizinische Fakultät lehnte den Vorschlag, obwohl „als Wiedergutmachung begrüßenswert“, zu Jahresbeginn 1946 jedoch ab – mit dem Hinweis, dass B., der zwar als Person „in bester Erinnerung“ stehe, „in zwei Monaten die Altersgrenze überschreite“. (Vgl. Hammerstein: JWGU II 2012, S. 70.) B. selbst war zu einer möglichen Rückkehr nach Ffm. offenbar nicht gefragt worden. „Ich bin deutscher Jude“, schrieb er am 14.12.1946 in einem in Istanbul verfassten Lebenslauf. „Das türkische Unterrichtsministerium hat mit mir dreimal einen fünfjährigen Vertrag abgeschlossen und mir vor kurzem die türkische Staatsangehörigkeit angeboten. Da ich seit meinem Weggang von Frankfurt am Main stets den Wunsch gehegt habe, nach der Heimat zurückzukehren, habe ich dieses Angebot bis jetzt nicht angenommen und bin heimatlos geblieben.“ (Zit. nach: Chronik d. Ludwigs-Maximilians-Universität München 1963/64, S. 14.)
Im Oktober 1949 nahm B. einen Ruf nach München an. An der Ludwig-Maximilians-Universität lehrte er vom Sommersemester 1950 bis zur Emeritierung 1954 als ordentlicher öffentlicher Professor für Hygiene und Bakteriologie; zugleich leitete er als kommissarischer Vorstand das Hygienische Institut. Seine Vorlesungstätigkeit gab er, obwohl eigentlich entpflichtet, erst nach dem Sommersemester 1957 auf. Von 1951 bis zu seinem Tod 1963 amtierte B. außerdem als Direktor der Deutschen Forschungsanstalt für Tuberkulose (Ludolph-Brauer-Institut) in München. „Für besondere Verdienste auf dem Gebiet des Stoffwechsels pathogener, insbesondere der Tuberkelbakterien“, wurde ihm 1960 die Robert-Koch-Medaille in Gold verliehen.
Ehrenmitglied der Türkischen Mikrobiologischen Gesellschaft und der Türkischen Dermatologischen Gesellschaft sowie des Ludolph-Brauer-Instituts in München.
Die wissenschaftliche Tätigkeit von B. lässt sich in vier Schaffensphasen gliedern (nach Hermann Eyer in: Jb. d. J. W. Goethe-Universität 1964, S. 173f.). In seiner Lehrzeit in Prag, Bremen und Berlin (1905-10) forschte B. vor allem auf den Gebieten der Serologie, Immunologie und Anaphylaxie. So lieferte er einige Beiträge zum Wesen der erstmals 1906 beschriebenen Wassermann’schen Reaktion, die damals in der serologischen Diagnostik zur Syphilis ihre Anwendung fand. Zusammen mit Edmund Weil (1879-1922) führte er 1907 den Begriff „Autoantikörper“ in die wissenschaftliche Literatur ein. Während seiner Ffter Jahre (1910-33) widmete sich B. hauptsächlich der Mikrobiologie. Bis 1914 forschte er vor allem über Protozoen, insbesondere Trypanosomen, wobei die Unmöglichkeit einer Schutzimpfung gegen Schlafkrankheit und verwandte Protozoonosen eine wichtige Erkenntnis war. Als Vorarbeiten zur Habilitation (1916) folgten umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu Cholera und Typhus. Daran schlossen sich Studien zu Fleckfieber und Ruhr an, mit denen er sich die Berufung auf die Ffter Professur als Nachfolger des Immunologen und Ehrlich-Schülers Hans Sachs sicherte. Mit zahlreichen Beiträgen über den Verwendungsstoffwechsel der Bakterien entwickelte B. das seinerzeit noch völlig unerschlossene Gebiet der Bakterienphysiologie, womit er die exaktwissenschaftliche Arbeit in der Mikrobiologie nachhaltig prägte. Diese Pionierleistung trug ihm 1931 den Paul-Ehrlich-Preis ein. In der Emigration in der Türkei (1933-50) knüpfte B. an die Ffter Themen seiner Forschungen an, die er „aber mehr und mehr ins Praktische“ übertrug, „vor allem zur Verbesserung der bakteriologischen Differentialdiagnostik durch den biochemischen Test“ (Hermann Eyer). Zudem brachte er zwei Bände zu einem türkischen „Lehrbuch der Mikrobiologie und Seuchenlehre“ („Mikrobiyoloji ve Salgınlar Bilgisi“, mit Ziya Öktem, 3 Bde., ab 1938) heraus, das bis 1945 in drei Auflagen erschien. In seinen letzten Lebensjahren in München (1950-63) befasste sich B. bevorzugt mit der Erforschung der Tuberkulose. Insgesamt veröffentlichte B. mehr als 180 wissenschaftliche Arbeiten.
Zusammen mit dem Pädiater Josef Husler (1885-1976) beschrieb B. in seiner frühen Ffter Zeit „Eine neue Methode zur Untersuchung der Lumbalpunktate“ [in: Dt. med. Wochenschrift 38 (1912), Nr. 25 (20.6.1912), S. 1179f.], die der Diagnose bei Entzündungen der Hirn- und Rückenmarkshäute, insbesondere bei tuberkulöser Meningitis, dienen sollte. Die bei dieser Untersuchungsmethode auftretende Reaktion ist nach ihren Entdeckern benannt („B.-Husler’sche Reaktion“).

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 97, verfasst von: Sabine Hock.

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Quellen: ISG, Bestand Dienstverträge und Instruktionen (Best. A.11.04), 1882-1923.ISG, Dienstverträge u. Instruktionen 423 (Hugo Braun, Anstellung als Vorsteher der bakteriologischen Abteilung des Städtischen Hygienischen Instituts zum 1.4.1912, Ffm., 6.2.1912). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/3.269. | [Personen- und] Vorlesungsverzeichnis der Ludwig-Maximilians-Universität München. München 1826-1980.Universität München, Vorlesungsverzeichnis SS 1950, S. 22, 51; SS 1954, S. 33, 69, 108; WS 1954/55, S. 33, 109; SS 1957, S. 38, 128; WS 1957/58, S. 38.
Internet: Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. https://www.lagis-hessen.de/pnd/117712418Hess. Biografie, 20.7.2022. | Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_BraunWikipedia, 20.7.2022.

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Braun, Hugo. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1854

Stand des Artikels: 8.9.2022
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 09.2022.