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Zobel, Henriette

Henriette Zobel auf einer Darstellung der Ermordung Auerswalds und Lichnowskys

Die Ermordung der Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix von Lichnowsky
In der Volksmenge ist Henriette Zobel dargestellt, wie sie mit ihrem Regenschirm auf den von Aufständischen festgehaltenen Lichnowsky einzuschlagen versucht.
Kolorierte Kreidelithografie nach einer Zeichnung von Johann Wilhelm Völker (Druck und Verlag von Eduard Gustav May, 1848; Vorlage von Wikipedia, 7.10.2021).

© entfällt. Diese Abbildung ist gemeinfrei.
Zobel, Maria Margaretha Heinrietta, gen. Henriette, geb. Pfaff (auch: Paff), gesch. Krähe. Revolutionärin. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 23.2.1813 (Ffm.-)Oberrad, † nach 20.1.1865.
Älteste Tochter des Bäckermeisters Tobias Pfaff (1788/89-1818) und dessen Ehefrau Maria Christina, geb. Jäck (1791/92-1830). Aus der Ehe der Eltern stammten vier weitere Kinder: Maria Christina (* 1815), Margaretha Elisabetha (seit 1834 verh. Clemann, * 1816), Tobias (* und † 1817) und Magdalena (* 1818), die alle in Oberrad geboren wurden. Nach dem frühen Tod des Vaters am 3.12.1818 verheiratete sich die Mutter am 7.6.1820 mit Georg Christian Müller (?-1853). Aus der zweiten Ehe der Mutter hatte Henriette die sechs Halbgeschwister Anna Margaretha (* 13.1.1821), Margaretha Charlotta (* 2.12.1821), Anna Maria (1822-1823), Jacob (* und † 1827), Maria (* 1828) und Christian (* 1829). Um 1828/29 war die Familie von Oberrad nach Offenbach gezogen, wo die Mutter am 19.3.1830 an Nervenfieber starb.
Noch in Oberrad genoss Henriette eine ordentliche Schulbildung. Wohl zu Beginn der 1830er Jahre trat sie in die Dienste der Offenbacher Witwe Deon. Danach lebte sie eine Zeitlang bei ihrem Vormund, dem Handelsmann Jakob Scheibler, mit dem sie jedoch in Vermögenstreitigkeiten geriet. Daraufhin verließ sie dessen Haus und heiratete am 14.7.1833 in Offenbach den Buchdrucker Georg Friedrich Krähe. Die Ehe, die kinderlos blieb, wurde ohne Angabe von Gründen kraft landesherrlicher Machtvollkommenheit am 25.10.1837 aufgelöst. Nach anderthalb Jahren, in denen sich Henriette ihren Lebensunterhalt mit Handarbeiten verdiente, verehelichte sie sich am 27.3.1839 zum zweiten Mal, diesmal mit dem Darmstädter Bürger und Lithografen Isaak Karl Z. (?-1861). Sie zog mit ihm zunächst nach Seckbach und dann, erst wenige Wochen vor dem 18.9.1848, nach Bornheim. Auch aus dieser Ehe stammten keine Kinder.
Z. war politisch äußerst interessiert und verfolgte regelmäßig als Zuschauerin die Verhandlungen der Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche, was sie später allerdings bestritt. Sie habe sich nur einmal die „Decorirung der Kirche“ ansehen wollen. So bekam Z. auch die Debatte vom 14. bis 16.9.1848 über den Waffenstillstand im Schleswig-Holsteinischen Krieg mit. Die vollzogene Annahme des von Preußen und Dänemark geschlossenen „Waffenstillstands von Malmö“ empörte auch sie. Mehr als 10.000 über diese Entscheidung erzürnte Menschen aus Ffm. und der näheren Umgebung kamen am 17.9.1848 auf der Pfingstweide zusammen, um ihren Protest kundzutun. Der Beschluss der Nationalversammlung stellte in ihren Augen einen Verrat an den demokratischen Idealen der Revolution dar. Auch Z. nahm an der Volksversammlung auf der Pfingstweide teil.
Die Wut der revolutionären Kräfte entlud sich am darauffolgenden Tag in Krawallen rund um die Paulskirche. Verhaftungen und das Eingreifen preußischer Truppen heizten die gespannte Stimmung und den Hass auf Preußen noch weiter an. Barrikaden wurden errichtet, und es kam zu Kämpfen mit den preußischen und österreichischen Bundestruppen, die am Vortag aus Mainz in die Stadt verlegt worden waren. In dieser Situation unternahmen die preußischen nationalliberalen Abgeordneten General Hans von Auerswald und Fürst Felix von Lichnowsky einen verhängnisvollen Erkundungsritt durch die Stadt und ihre Umgebung.
Z. war zu dieser Zeit mit ihrem Ehemann in einer geschäftlichen Angelegenheit unterwegs und geriet unversehens mitten hinein in die sich dramatisch zuspitzenden Ereignisse. Auf der Friedberger Chaussee verfolgte eine Menschenmenge Auerswald und Lichnowsky und bewarf sie mit Steinen. Zeugen wollten in dieser Gruppe auch Z. gesehen haben, die angeblich Steine auf die Abgeordneten geworfen und dabei laut gerufen habe: „Auf sie! Das sind die Spitzbuben.“ Lichnowsky und Auerswald flüchteten in das Haus des Kunstgärtners Schmidt. Z. soll den Hinweis auf das Versteck gegeben haben, woraufhin Auerswald von den Aufständischen entdeckt und gewaltsam in den Garten geführt wurde. Dabei soll Z., wie mehrere Zeugen erklärten, mehrmals mit ihrem Schirm auf den Kopf des Generals eingeschlagen und immer wieder laut ausgerufen haben: „Das ist der Spitzbub, der das Volk schon lang genug gemordet hat; dem gehört eine Kugel vor den Kopf.“ Und tatsächlich löste sich plötzlich ein Schuss, der Auerswald zu Boden streckte. Z. habe dem schon im Sterben Liegenden dann einen großen Stein auf den Kopf geworfen, wie einige Zeugen später berichteten; ebenso habe sie Lichnowsky, den man ebenfalls ergriffen und in den Garten hinausgeführt hatte, mit ihrem Schirm mehrmals in den Rücken gestochen. Auch Lichnowsky erlag später am Tag seinen Verletzungen, die ihm aber nicht Z. beigebracht hatte. Die Obduktionen an den Leichen ergaben, dass die Schüsse zum Tod der beiden Abgeordneten geführt hatten.
Am 24.9.1848, einem Sonntagmorgen, wurde Z. aufgrund anonymer Hinweise verhaftet und in die Konstablerwache gebracht. Bei der Verhaftung in ihrer Bornheimer Wohnung wurde der Regenschirm sichergestellt – als Corpus Delicti im Fall der Ermordung von Lichnowsky und Auerswald. Aus den im Stadtarchiv (heute ISG) erhaltenen Kriminalakten kam der dunkelbraune Schirm mit dem abgebrochenen Griff 1950 an das HMF, in dessen Dauerausstellung er heute zu sehen ist. Z. ging als schirmschwingende „Megäre“, „Furie“ und mutmaßliche Fürstenmörderin in die Ffter Geschichte ein. Doch war Z. vielmehr eine der Frauen jener Zeit, die, von Märzrevolution und Nationalversammlung politisiert, aus ihrer häuslichen Rolle auszubrechen begannen, um Anteil am politischen Geschehen zu nehmen. Der Gerichtsgutachter Christian Reinhold Köstlin (1813-1856) schrieb 1853 über sie: „Jene Zeit, die so viele aus ihrem Gleise schleuderte, hat auch diese Frau aus der dem Weibe geziemenden Bahn gerückt. Sie hat in der Paulskirche gesessen, hat auf Zitz [d. i. der Abgeordnete Franz Heinrich Zitz (1803-1877), der der radikalen Linken in der Nationalversammlung angehörte] und Genossen gehorcht, hat Politik getrieben.“
Der bis dahin unbescholtenen Z. wurde der Prozess gemacht. Sie beteuerte ihre Unschuld am Tod der beiden Politiker: „(…) mit einem Stein das habe ich nicht getan, mit einem Regenschirm das will ich nicht in Abrede stellen (…).“ Sie bezweifelte stark, dass sie Auerswald im herrschenden Gedränge überhaupt getroffen habe. Fünf lange Jahre, bis 1853, zog sich der Prozess hin, bevor ein Urteil gefällt wurde, obwohl das Gericht bereits im März 1849 die Ermittlungen abgeschlossen hatte. Der verzögerte Vorgang lag in der von Tag zu Tag erwarteten Einführung des Geschworenengerichts in Ffm. Von den unzumutbaren Bedingungen in der langen Untersuchungshaft zeugen Z.s Briefe an ihren Verteidiger Daniel Heinrich Mumm. (Ihr Antrag, Maximilian Reinganum als ihren Verteidiger zu bestellen, wurde zuvor – ohne Begründung – abgelehnt. Reinganum hatte zu Beginn der Ermittlungen bereits Anträge für sie bzw. ihren Mann, der nicht angeklagt wurde, gestellt.)
Am 31.1.1853 wurde Z. vom Appellationsgericht Ffm. wegen Beteiligung an einem Komplott zur Tötung des Generals Hans von Auerswald sowie wegen Anstiftung und Rädelsführung noch zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt, wobei die ohne ihr Verschulden verlängerte Untersuchungshaft bereits als im Voraus abgesessene Strafe angerechnet worden war. Außer ihr wurden der Schneidergeselle Philipp Rückert (?-1854) und der Etuimacher und Buchbinder Georg Andreas Nispel (1811-1854) wegen der Morde an den Abgeordneten mit Zuchthausstrafen von fünf bzw. 14 Jahren belegt. Das Oberappellationsgericht in Lübeck sprach Z. am 25.1.1855 von der Beteiligung am Komplott frei, bestätigte aber ansonsten das Urteil und ermäßigte die Strafe nur auf 15 Jahre. An dem Strafmaß entzündete sich Kritik. Es wurde unterstellt, dass an Z. als Frau ein Exempel statuiert worden sei. Die Beweislage gegen sie war relativ dünn. Das Urteil jedoch war drakonisch und wohl politisch motiviert. Der Strafrahmen für Totschlag lag damals bei fünf bis 25 Jahren. Dreh- und Angelpunkt für die Höhe der verhängten Strafe war die Frage, ob Z. an einem Komplott zum Schaden der beiden getöteten Abgeordneten beteiligt war. Nachdem Z. vom Vorwurf des Komplottes in zweiter Instanz freigesprochen wurde, hätte das Strafmaß bedeutend geringer ausfallen müssen.
Ihre Zuchthausstrafe verbüßte Z. zuerst im großherzoglich-hessischen Korrektionshaus in Dieburg, später im großherzoglichen Landeszuchthaus zu Marienschloß bei Rockenberg. Nach wiederholt abgelehnten Gnadengesuchen wurde schließlich ihrem erneuten Ansuchen aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes am 20.1.1865 vom Ffter Senat stattgegeben, und Z. wurde auf Bewährung vorzeitig aus der Haft entlassen. Offenbar war ihr zur Auflage gemacht worden, dass sie das Territorium der Stadt Ffm. nicht mehr betreten dürfe. Wohl daher hielt sie sich zunächst auf dem Gebiet ihres (durch die Heirat mit Karl Z. erworbenen) Heimatstaates Hessen-Darmstadt auf. Ein letztes Mal ist sie im Adressbuch der Stadt Offenbach von 1865 verzeichnet mit dem Eintrag: „Zobel, Karl Wttb., Mainquai 6“. Danach verliert sich ihre Spur.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Andreas Eichstaedt.

Lexika: Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 661. | Schrotzenberger, Robert: Francofurtensia. Aufzeichnungen zur Geschichte von Ffm. 2., vermehrte u. verbesserte Aufl. Ffm. 1884.Schrotzenberger, S. 281.
Literatur:
                        
Fahrmeir, Andreas/Freitag, Sabine (Hg.): Mord und andere Kleinigkeiten. Ungewöhnliche Kriminalfälle aus sechs Jahrhunderten. 2. Aufl. München 2001. (Beck’sche Reihe 1408).Gall, Lothar: Henriette Zobel. In: Fahrmeir/Freitag (Hg.): Mord u. a. Kleinigkeiten 2001, S. 106-118. | Gall, Lothar (Hg.): 1848. Aufbruch zur Freiheit. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums und der Schirn Kunsthalle Fft. zum 150jährigen Jubiläum der Revolution von 1848/49, 18. Mai bis 18. September 1998 in der Schirn Kunsthalle Fft. [Ausstellungskatalog. Mit Beiträgen von Christoph Stölzl, Hellmut Seemann, Hans Dieter Schaal, Lothar Gall, Christina Klausmann, Karin Schambach und Ulrike Ruttmann.] Berlin 1998.Gall (Hg.): 1848. Aufbruch zur Freiheit 1998, S. 298-301. | Gerchow, Jan/Gorgus, Nina (Hg.): 100 x Fft. Geschichten aus (mehr als) 1.000 Jahren. [Begleitbuch zur Dauerausstellung des HMF.] Ffm. 2017.Gorgus, Nina: Regenschirm einer Revolutionärin. In: Gerchow/Gorgus (Hg.): 100 x Fft. 2017, S. 179-181. | FFM 1200. Traditionen und Perspektiven einer Stadt. Hg. v. Lothar Gall. Katalog der Ausstellung zum Stadtjubiläum im Bockenheimer Depot in Ffm. Sigmaringen 1994.Kat. „FFM 1200“ 1994, S. 226f. | Köstlin, Christian Reinhold: Auerswald und Lichnowsky. Ein Zeitbild, nach den Akten des Appellations-Gerichtes zu Ffm. mit Genehmigung dieses h. Gerichtshofs dargestellt (...). Tübingen 1853.Köstlin: Auerswald u. Lichnowsky 1853. | Valentin, Veit: Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849. Bd. 1: Bis zum Zusammentritt des Ffter Parlaments. Bd. 2: Bis zum Ende der Volksbewegung von 1849. Berlin 1930/31.Valentin: Gesch. d. dt. Revolution von 1848-1849, Bd. 2 (1931), S. 582.
Quellen: Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Zentralarchiv, Darmstadt.Ev. Kirche in Hessen u. Nassau, Zentralarchiv, div. Kirchenbücher von (Ffm.-)Oberrad und Offenbach am Main. | Haus der Stadtgeschichte, Museum und Archiv, Stadt Offenbach am Main.Haus d. Stadtgeschichte, Offenbach am Main, Adressbuch der Stadt Offenbach 1865, S. 49. | ISG, Aktenbestand Criminalia (Best. H.15.33), 1508-1856; erschlossen über Archivdatenbank.ISG, Criminalia: Akten 12.599, 12.600 u. 12.639. | ISG, Bestand Senatssupplikationen (Best. H.02.16), 1814-68.ISG, Senatssuppl. 664/22.
Internet: Ffter Frauenzimmer – eine Spurensuche, Website des Historischen Museums Fft., Konzeption und Redaktion: Ursula Kern, Ffm. http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/ep10-detail.html?bio=da
Hinweis: Artikel über Henriette Zobel von Andreas Franke, 2015.
Ffter Frauenzimmer, 30.9.2021.


GND: 1253089299 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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    © 2022 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
    Empfohlene Zitierweise: Eichstaedt, Andreas: Zobel, Henriette. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/8171

    Stand des Artikels: 23.3.2022
    Erstmals erschienen in Monatslieferung: 10.2021.