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Christ, Liesel

„Mamma Hesselbach“ der Fernsehserie. Gründerin und Prinzipalin des Volkstheaters Fft.

Liesel Christ als Sechsjährige

Liesel Christ als Sari in der Operette „Gräfin Mariza“ am Neuen Operetten-Theater in Ffm. 1925
Fotografie.

© Gisela Christ-von Carben, Ffm.
Liesel Christ

Liesel Christ
Foto: Stu Gra Pho (Gerhard Pauly).

© Stu Gra Pho (Gerhard Pauly), Ffm. / Gisela Christ-von Carben, Ffm.
Christ, Elisabeth Johanna, gen. Liesel. Schauspielerin. Theaterleiterin. * 16.4.1919 Ffm., † 15.8.1996 Ffm.
Dreizehntes Kind einer Arbeiterfamilie als erste gemeinsame Tochter des Werkmeisters Ludwig Karl C. (1871-1943) und dessen Ehefrau Christiane Marie, geb. Brühmann, verw. Wiesemann (1877-1950), die insgesamt zwölf Kinder aus früheren Beziehungen mit in die Ehe gebracht hatten.
Als Mitglied des Kinderballetts unter der Leitung von Ilse Petersen debütierte „die kleine C.“ mit vier Jahren, nach Familienüberlieferung am 4.12.1923, im Ffter Opernhaus auf der Bühne. Seitdem wirkte sie regelmäßig in kleineren Kinderrollen am Opernhaus und am Neuen Operetten-Theater mit. Durch die Titelrolle in dem Weihnachtsmärchen „Peterchens Mondfahrt“ (Regie: Josef Gareis, 1926) im Opernhaus avancierte sie zum beliebten und gefragten Kinderstar auf den Ffter Bühnen, jetzt auch am Schauspielhaus, im Waldtheater im Stadion, am Schumanntheater u. a., bis sie Anfang 1932 ihrer Kinderkarriere regelrecht entwachsen war.
Nach dem Besuch der Volksschule, zunächst der Kleistschule im Nordend (seit 1925), dann der Schule in der Römerstadt unter Klassenleitung von Liesel Oestreicher (seit etwa 1931 bis 1933), begann C. zunächst eine Lehre als Modistin. Im September 1933 wurde die 14-Jährige, ihrem eigentlichen Berufswunsch gemäß, als jüngste Schülerin an der neu eingerichteten „Hochschule für Musik und Theater der Stadt Ffm.“ aufgenommen. Neben dem Schauspielstudium, das sie 1936 abschloss, absolvierte sie kleinere Auftritte im Schauspielhaus (nachweislich 1935) und bei den Römerbergfestspielen (1935-38); auch spielte sie noch einmal die Hauptrolle in einem Weihnachtsmärchen des Opernhauses („Der gestiefelte Kater“, Regie: Walter Jockisch, 1935). Erste Engagements führten C. an die Stadttheater Koblenz (1936-38) und Heilbronn (1938-44), wo sie bald als Operettensoubrette sehr erfolgreich war. Im Juni 1942 heiratete sie den Opernsänger Fritz Dahlem (1913-1996), einen Kollegen aus dem Heilbronner Ensemble, und im Oktober 1942 wurde die gemeinsame Tochter Gisela geboren. Im Sommer 1944 beendete C. ihre Ehe und ihr Engagement in Heilbronn, um als „Erste Operetten-Soubrette“ an das Stadttheater Görlitz zu wechseln. In Görlitz kam sie jedoch nach der von Goebbels angeordneten Schließung aller Bühnen zum 1.9.1944 nicht mehr zum Theaterspielen, sondern zum Kriegseinsatz bei der „Truppenbetreuung“ und schließlich in einer Strumpffabrik. Kurz vor Kriegsende im Frühjahr 1945 floh sie mit ihrer Mutter und der kleinen Gisela vor den heranrückenden russischen Truppen zu Fuß über Leipzig nach Ffm., wo im Oktober 1945 ihre zweite Tochter Bärbel geboren wurde.
An Sylvester 1945 stand C. wieder in Ffm. auf der Bühne: Sie wirkte in einem bunten Unterhaltungsprogramm unter dem Motto „Zwei Stunden Frohsinn“ im Börsensaal mit, das eine Truppe um den Schauspieler und Operettenkomiker Michael Arco als Lizenzträger der amerikanischen Militärregierung einstudiert hatte. Mit Kabarettprogrammen, u. a. als Mitglied der Truppe „Die Zeitgenossen“ von Wolf Schmidt, tingelte die Schauspielerin in der ersten Nachkriegszeit durch die nähere und weitere Umgebung von Ffm. Seit Beginn des Jahres 1948 versuchte sie, durch Auftritte an kleineren, neu gegründeten und oft kurzlebigen Bühnen (wie dem Theater der Stadt Bad Homburg, dem Ffter Operettentheater und dem Ffter Lustspielhaus) an ihre Erfolge als Operettensoubrette anzuknüpfen. Nach einer Tournee mit dem früheren Ufa-Star Lilian Harvey (1949) sah C. in ihrem Beruf als Schauspielerin, nicht zuletzt aufgrund der Theaterkrise nach der Währungsreform, keine Perspektiven mehr, und um als alleinerziehende Mutter ihre beiden Kinder ernähren zu können, entschloss sie sich, als Verkäuferin – zunächst in einem Lederwarengeschäft, dann in einem Kaufhaus in Ffm. – zu arbeiten. Erst durch ein Engagement an die Hessische Volksbühne, ein neues Wandertheater in der Tradition der Rhein-Mainischen Landesbühne, kehrte sie zu ihrem eigentlichen Beruf zurück, in der Rolle als Jolie in der musikalischen Komödie „Der Mann mit dem Zylinder“ von Just Scheu und Ernst Nebhut (Regie: Georg Aufenanger, 1951), und kurz darauf wurde sie zusammen mit ihrem Bühnenpartner Wolfgang Bieger von Helmut Kollek an dessen Theater am Roßmarkt verpflichtet, wo sie u. a. die Köchin Kristine in Strindbergs Trauerspiel „Fräulein Julie“ (Regie: Irmfried Wilimzig, 1953) spielte.
Im Oktober 1953 erhielt C. ein Engagement an die neugegründete Landesbühne Rhein-Main, eine der Volksbildungsbewegung verpflichtete Wanderbühne, die – in der bereits erwähnten Tradition der Rhein-Mainischen Landesbühne und direkten Nachfolge der Hessischen Volksbühne – gute Theatervorstellungen auch in entlegene Gegenden des Rhein-Main-Gebiets bringen sollte. Seit der Eröffnungspremiere mit Lessings „Minna von Barnhelm“ (Regie: Siegfried Nürnberger) am 30.10.1953 in Ffm., in der C. die Franziska spielte, gehörte sie sechs Jahre lang zum festen Ensemble der Landesbühne, die sie mit aufbaute. Während dieser Zeit wechselte sie allmählich von der „Munteren“ ins Charakterfach, u. a. mit Rollen wie Marthe Rull im „Zerbrochnen Krug“ (1957) und Mutter Wolffen im „Biberpelz“ (1958). 1959 ging C. an das Stadttheater Mainz, wo sie ihren Vertrag wegen ihrer mittlerweile eingegangenen Fernsehverpflichtungen jedoch im Herbst 1960 (unter Zusage von Gastauftritten bis 1961) vorzeitig lösen musste.
In der Uraufführung der musikalischen Komödie „66 oder Die Preußen kommen“ von Just Scheu und Ernst Nebhut (Regie: Georg Aufenanger, 1958), die im Juni 1959 vom Hessischen Rundfunk für das Fernsehen aufgezeichnet worden war, war C. als Wirtsfrau Gustel am 3.10.1959 in ihrer ersten Fernsehrolle zu sehen. Kurz darauf begannen die Dreharbeiten für die Fernsehserie „Die Firma Hesselbach“ von und mit Wolf Schmidt, in der C. die Rolle der Mamma spielte. Seit dem Serienstart am 22.1.1960 trat sie in allen 51 Folgen auf, zunächst in „Die Firma Hesselbach“ (24 Folgen, 1960-61), dann in „Die Familie Hesselbach“ (18 Folgen, 1961-63) und schließlich in der späteren Fortsetzung „Herr Hesselbach und...“ (9 Folgen, 1966-67). Als Mamma Hesselbach in jener „hessischen Alltagschronik der hauptsächlichsten Nebensächlichkeiten“ (so der Untertitel der „Familien“-Folgen) wurde Liesel C. zum frühen Serienstar des deutschen Fernsehens. Für die weitere Karriere der Schauspielerin war die Rolle jedoch Segen und Fluch zugleich.
In den Sechzigerjahren schien C. zunächst so stark auf das Image der Mamma Hesselbach festgelegt, dass sie kaum mehr Angebote für die Bühne bekam, abgesehen von einigen Stück- und Gastverträgen (u. a. an den Städtischen Bühnen Ffm. als Kellnerin Lisette im „Datterich“, Regie: Klaus Wagner, mit Joseph Offenbach, 1962, am Kleinen Theater im Zoo in Ffm., u. a. mit Hans-Joachim Kulenkampff, 1962-69, und an den Städtischen Bühnen Bielefeld, 1964/65 u. 1968-70/71) und einem Tourneevertrag (mit Willy Reichert in Kishons Komödie „Der Trauschein“, 1968, die zwei Jahre zuvor in gleicher Besetzung auch im Kleinen Theater im Zoo in Ffm. gelaufen und vom Hessischen Rundfunk für das Fernsehen aufgezeichnet worden war). Gelegentlich arbeitete sie als Sprecherin beim Hörfunk des HR, vor allem in einigen Mundarthörspielen (u. a. in einer Folge von Deichsels „Bleiwe losse“, 1967) sowie im Kinder- und Schulfunk. Manchmal trat sie in Unterhaltungsshows im Fernsehen auf (etwa als Gast im „Blauen Bock“), und für den Süddeutschen Rundfunk wirkte sie als Haushälterin „Körnchen“ in der zehnteiligen Fernsehfamilienserie „Timo“ mit, die in Walldorf vor den Toren vor Ffm. gedreht wurde (Regie: Rolf Hädrich, mit Liselotte Pulver, 1971).
1971 gründete C. das Volkstheater Fft. Die Idee einer Ffter Mundartbühne hatte die Schauspielerin spätestens seit ihrem 50. Geburtstag 1969 verfolgt. Auch bei dieser Initiative wurde sie einerseits von ihrer Fernsehpopularität beflügelt, andererseits gerade wegen ihres „Hesselbach“-Images gebremst. Unbeirrt warb C. um ideelle und finanzielle Unterstützung für ihren Plan, stellte eine regelrechte Bürgerinitiative dafür auf die Beine, gewann wichtige Förderer auf kommunalpolitischer Ebene, allen voran Oberbürgermeister Willi Brundert, dann dessen Nachfolger Walter Möller und Rudi Arndt, verbündete sich mit Heinrich Heym von den „Freunden Fft.s“, fand den Regisseur und Schauspieler Kurt Karas als ersten künstlerischen Leiter und den Schriftsteller Ernst Nebhut als frühen „Hausautor“ für ihr Theater. Als Träger der künftigen Bühne wurde am 28.1.1971 der gemeinnützige Verein „Ffter Volkstheater“ gegründet; weitere Gründungsmitglieder neben C., Heym und Karas waren die Oberbürgermeisterswitwe Irmgard Brundert, die Schauspielerin Ilselore Bürger-Quast, der Kaufmann Oskar Beetz, der Rechtsanwalt Georg Bürger und der Künstler Peter Moosmann. Trotz allen Einsatzes noch ohne eigene Spielstätte und ohne regelmäßige städtische Subventionen, wurde das Volkstheater Fft. mit einer Inszenierung des Mundartklassikers „Der alte Bürgerkapitän“ von Carl Malss am 18.6.1971 im Großen Saal des Volksbildungsheims eröffnet. Das Volkstheater spielte zunächst in den Bürgerhäusern und begründete gleich im ersten Sommer seines Bestehens die seitdem alljährlich veranstalteten Freilichtspiele im Innenhof des Dominkanerklosters (ab 11.7.1971); im Oktober 1972 bezog es seine erste feste Spielstätte im „Haus der Jugend“ in Sachsenhausen, bevor es drei Jahre später sein Domizil im Cantate-Saal im Großen Hirschgraben 21 neben dem Goethehaus erhielt (Eröffnungspremiere mit „Die deutschen Kleinstädter“, Regie: Dieter Kehler, 9.10.1975).
Das Volkstheater Fft. wurde wesentlich von seiner Prinzipalin und Ersten Schauspielerin Liesel C. geprägt. Von Anfang an hatte C. ausdrücklich erklärt, dass ihre Bühne mehr sein sollte als ein „Ffter Ohnsorg“ oder gar ein „Hesselbach-Theater“: „Wir wollen das Volkstheater auf der breiten Weltliteratur gründen“, sagte sie in einem Fernsehinterview anlässlich der Eröffnung 1971. Um ihr Ziel eines modernen literarischen Volkstheaters erreichen zu können, musste sie sich – im wortwörtlichen Sinne – Stück für Stück steigern. Die künstlerische Entwicklung der Bühne lässt sich auch anhand der Rollen aufzeigen, die die C. im Laufe der Jahre dort spielte. Frühe Erfolge feierte sie in zeitgenössischen Schwänken, etwa als Frau Knopp in „Uff de Trepp“ und in der Titelrolle von „Die Kandidatin“ (Regie beider Inszenierungen: Kurt Karas, 1973), die, nicht zuletzt dank erster Fernsehaufzeichnungen ab 1975, die finanzielle Basis für den künstlerischen Fortschritt zu schaffen halfen. Bald übernahm die C. wichtige Rollen in klassischen Mundartstücken, u. a. in „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer (Annemarie, 1976), „Alt-Frankfurt“ von Adolf Stoltze (Frau Schnippel, 1976), „Katharina Knie“ von Carl Zuckmayer (Bibbo, 1978) und „Die fünf Frankfurter“ von Carl Rössler (Frau Gudula, 1979), sowie in modernen Volksstücken, u. a. in „Die Jubilarin“ von Joseph Breitbach (Titelrolle, 1977), „Schweisch, Bub!“ von Fitzgerald Kusz (Mutter Gretl, 1977) und „Bleiwe losse“ von Wolfgang Deichsel (Frau Kress/Frau Koch/Pflegerin/Frau Bach/Frau Körner, 1978), alle unter der Regie von Wolfgang Kaus, der seit 1974 Hausregisseur des Volkstheaters war. Zum Team des Volkstheaters gehörten inzwischen außerdem beide Töchter von C., Gisela Dahlem-C. (später C.-von Carben) als Geschäftsführerin (seit 1971) und Bärbel Krafft (später C.-Heß, dann Schöne-von Carben) als Bühnen- und Kostümbildnerin (seit 1974).
Im Sommer 1979 wagte es C., Goethes „Urfaust“ auf den Spielplan des Volkstheaters zu setzen. Erstmals sollte ein Klassiker mit der mundartlichen Sprachmelodie („mit hessischem Zungenschlag“) gespielt werden. Im Vorfeld musste das Team um Regisseur Wolfgang Kaus und die Hauptdarsteller Liesel C. (als Marthe), Silvia Tietz (als Gretchen), Randolf Kronberg (als Faust) und Heinz Werner Kraehkamp (als Mephisto) immer wieder betonen, dass diese Aufführung keine Parodie werden solle. Das Experiment wurde zum sensationellen Erfolg, der Maßstäbe für das moderne Mundarttheater setzte. Zunächst trug die geglückte Inszenierung dem Volkstheater Fft. nicht nur eine weitere Fernsehaufzeichnung (aufgenommen vom HR auf dem Römerberg, August 1979), sondern auch ein erstes Gastspiel in Israel (anlässlich der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags zwischen Ffm. und Tel Aviv, Februar/März 1980) ein. Seitdem brachte das Volkstheater jährlich mindestens einen literarischen Klassiker heraus. So war die C. 1980 als Marthe Rull in Kleists „Der zerbrochne Krug“, 1981 in der Titelrolle von Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ und 1985 als Mutter Wolffen in Hauptmanns „Der Biberpelz“ auf der Volkstheaterbühne zu erleben.
Nach einem Jahrzehnt, in dem C. ihr Volkstheater etabliert hatte, konnte es sich die vielseitige Künstlerin erlauben, wieder andere Aufgaben anzunehmen. Die Arbeit als Prinzipalin und Schauspielerin für die von ihr aufgebaute Bühne stand weiterhin im Mittelpunkt ihres Schaffens, auch wenn die C. nun nicht mehr in jedem Stück ihres Hauses selbst mitwirkte. Sie nahm jetzt wieder Rollenangebote anderer Theater an, spielte in Deichsels „Loch im Kopp“ auf einer Tournee mit dem „Theater unterwegs“ (1978) und kehrte zu Gastspielen an ihre „Anfängerbühnen“ in Koblenz (1978) und Heilbronn (1982) zurück. Auch beim Fernsehen war sie wieder gefragt; neben einigen Episodenrollen (u. a. als Landgräfin von Hessen-Darmstadt in dem Vierteiler „Die schöne Wilhelmine“ im ZDF, 1984) bekam sie sogar ihre eigene Serie, „Bei Mudder Liesl“, die im Sommer 1983 in Ffm., Idstein und Umgebung gedreht und Ende 1984 in 13 Folgen im Vorabendprogramm der ARD gesendet wurde. Bereits seit 1981 bildete sie mit dem Lokalpoeten H. P. Müller und dem Fernsehjournalisten Frank Lehmann das Sprecherteam des „Frehlichen Frankfort-Telefons“, eines Telefonansagediensts vom Presse- und Informationsamt der Stadt Ffm., der wöchentlich neue unterhaltsame Informationen in Ffter Mundart bot (eingestellt 1998). Zudem gab C. zahlreiche Mundartlesungen, oft für wohltätige Zwecke, wobei sie gern an Leben und Werk des fast vergessenen Schriftstellers Karl Ettlinger erinnerte. Zusammen mit Wolfgang Kaus und Hans Zürn trat sie seit 1982 mit einer vom Stoltze-Museum erstellten „Stoltze-Revue“ auf, einem politischen Kabarettprogramm mit Texten von Friedrich Stoltze, und seit 1986 las sie alljährlich am zweiten Weihnachtstag die Weihnachtsgeschichte „uff Frankforderisch“ in der Messe von Pater Amandus in der Liebfrauenkirche, wobei die Kollekte für die „Hilfe für krebskranke Kinder Fft.“ bestimmt war.
Ab Mitte der 1980er Jahre konzentrierte sich C. im Volkstheater stärker auf ihre repräsentativen Pflichten als Prinzipalin, während sie den laufenden Theaterbetrieb weitgehend ihrer Tochter Gisela Dahlem-C. als geschäftsführender Leiterin, dem Regisseur Wolfgang Kaus als künstlerischem Leiter und ihrer Tochter Bärbel Krafft (später verh. C.-Heß) als technischer Direktorin überließ. Damit wusste C. ihre Nachfolge am Volkstheater geregelt. Auf dessen Bühne war sie weiterhin in einer Reihe von zugkräftigen Rollen zu sehen, u. a. als Witwe Wirbel an der Seite von Heinz Schenk in Stoltzes „Rendezvous im Palmengarten“ (Regie: Wolfgang Kaus, 1987). Um die Wende zu den 1990er Jahren brillierte sie in Neuinszenierungen alter Volkstheater-Erfolge: als Tante Anna in „Schweisch, Bub!“ (1989) und als Frau Funk in „Alt-Fft.“ (1990), in zwei Paraderollen, die sie einst ihrem Gast Lia Wöhr überlassen hatte, als Marthe im „Urfaust“ (1991), wofür sie im Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung ein Gastspiel mit dem Volkstheater in Weimar initiierte, und als Frau Gudula in „Die fünf Ffter“ (1991), die sie nun – mit zunehmendem Alter – als ihre Lieblingsrolle bezeichnete. Zu dieser Zeit war die C. wieder in einer großen (hessischen) Fernsehserie präsent, in der seit 1988 gedrehten ZDF-Serie „Mit Leib und Seele“, in der sie an der Seite von Hauptdarsteller Günter Strack als Pfarrer Kempfert dessen Haushälterin Agnes Bebel spielte (vier Staffeln mit insgesamt 51 Folgen und einem Special, 1989-93).
Aufgrund der Strapazen der Fernseharbeit zog sich C. allmählich etwas von der Bühne zurück. Auch altersbedingt fiel ihr das Theaterspielen zunehmend schwer. Am 4.12.1993 feierte sie noch ihr 70. Bühnenjubiläum, und zwar in der Rolle der Wirtin Anna Stuwart in dem Lokallustspiel „Ein Glas Eppelwein“ von Adolph Hallenstein im Volkstheater. Bei den Freilichtspielen mit dem „Urfaust“ im Archäologischen Garten vor dem Dom, die das Volkstheater zum Stadtjubiläum im Sommer 1994 erstmals veranstaltete, spielte die Prinzipalin noch einmal die Marthe. Kurz darauf gab sie wieder die Frau Gudula in „Die fünf Ffter“, auch für eine Fernsehaufzeichnung des HR (1995), die ihre letzte Rolle bleiben sollte. Zum 25-jährigen Bestehen des Volkstheaters am 18.6.1996 dankte sie nach der Freilichtpremiere des „Schinderhannes“ in einer kleinen Ansprache ihren Mitarbeitern und ihrem Publikum. Dann nahm sie noch einmal, zum allerletzten Mal, den Applaus auf „ihrer“ Bühne entgegen. Knapp zwei Monate später erlag Liesel C. den Folgen einer Gehirnblutung.
Schon früh hatte die C. ihre Popularität genutzt, um sich für soziale und kulturelle Belange ihrer Heimatstadt einzusetzen. So engagierte sie sich bereits zu ihrer „Hesselbach“-Zeit für den „Schlappekicker“, eine Aktion der FR mit einer jährlichen Spendensammlung zugunsten alter, kranker und einsamer Sportler, und für die von IHK-Präsident Fritz Dietz 1964 initiierte „Aktionsgemeinschaft Alte Oper“ zum Wiederaufbau des kriegszerstörten Opernhauses. Spätestens seit den Achtzigerjahren widmete sich die beliebte Volksschauspielerin und Repräsentantin ihrer Vaterstadt („Fraa Frankfort“) zunehmend gemeinnützigen Zwecken. Ihre Sorge galt insbesondere Kindern, Kranken, Behinderten und Senioren. Als Schirmherrin, Moderatorin, Vortragskünstlerin, Quizmasterin, Glücksfee, Brezelfrau, Glühweinverkäuferin und einmal sogar Auktionatorin trat sie bei wohltätigen Veranstaltungen aller Art auf. Sie förderte den Ausbau des Waldstadions für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974, die Rekonstruktion der Ostzeile auf dem Römerberg (1983), die Wiederherstellung des Opernhauses nach dem Brand von 1987, die Restaurierung des Eschenheimer Turms (1987-92) und die Gründung des im Historischen Museum 1991 eröffneten Äpfelweinmuseums. Sie war Mitbegründerin (1974) und Mitarbeiterin der Senioren-Zeitschrift, Vorstandsmitglied der Freunde Fft.s (seit 1976), Mitglied der Heinrich-Hoffmann-Gesellschaft zur Förderung von deren seit 1976 bestehendem Struwwelpeter-Museum, Mitglied im Förderkreis des 1978 eröffneten Stoltze-Museums und Gründungsmitglied (1983) im Beirat der Hilfe für krebskranke Kinder. Sie unterstützte u. a. die Leberecht-Stiftung der FNP, den Verein „Muskelkranke in Hessen“ und die Katholische Gehörlosengemeinschaft PAX (etwa bei der Theaterarbeit mit gehörlosen Menschen, 1994). Zudem engagierte sie sich für die Versöhnung zwischen Deutschen und Juden ebenso wie für die Völkerverständigung im Nahen Osten. Sie war Gründungsmitglied und seit 1990 Vorsitzende des Freundeskreises WIZO Ffm., stellte das Volkstheater für Benefizvorstellungen während der „Woche der Brüderlichkeit“ zur Verfügung, gab regelmäßig Lesungen beim städtischen Besuchsprogramm für ehemalige Ffter jüdischen Glaubens und ermöglichte durch ihren Einsatz bei Spendenaktionen die Einrichtung eines Kindergartens für 120 jüdische und arabische Kinder in der Nähe von Tel Aviv, der 1982 eröffnet wurde.
1973 Ehrenring der Stadt Ffm. 1976 Bundesverdienstkreuz I. Klasse. 1978 Stoltze-Preis in Gold der Freunde Fft.s. 1984 Silberne Verdienstmedaille des Deutschen Roten Kreuzes. 1986 Hessischer Äpfelweinpreis. 1987 „Lachröschen“ der Zuggemeinschaft „Klaa-Paris“ aus Heddernheim. 1988 Elisabeth-Norgall-Preis des International Women’s Club. 1989 Ehrenplakette der Stadt Ffm. 1990 Hessischer Verdienstorden. 1994 Goetheplakette der Stadt Ffm. 1994 Ehrenplakette der Handwerkskammer Rhein-Main. Außerdem erhielt C. mit dem Volkstheater Fft. 1984 den „Harlekin“ der Ffter Volksbühne und mit dem Team des Frehliche Frankfort-Telefons 1992 die „Ffter Latern“ der Vereinigung der Freunde und Förderer des Stoltze-Museums.
Ölgemälde von C. als Mutter Courage (von Hermann Haindl, 1999) im Familienbesitz. Darstellung von C. auf der „Ffter Treppe“ (Wandmosaik mit 56 Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts von Stephan Huber, 1999) im Hauptfoyer des Main Towers in der Neuen Mainzer Straße 52-58 in der Innenstadt.
Gedenktafel (2014) am Geburtshaus Koselstraße 42 im Nordend. Grabstätte (Gewann J 296) auf dem Ffter Hauptfriedhof.
Archiv des Volkstheaters Fft. mit dem Nachlass von C. im ISG.
Gedenkveranstaltungen des Volkstheaters Fft. für C. nach ihrem Tod 1996, anlässlich ihres 80. Geburtstags 1999, ihres 85. Geburtstags 2004 und ihres 90. Geburtstags 2009.
Bereits zu Lebzeiten C.s wurden ein U-Bahn-Schacht am Schweizer Platz in Sachsenhausen (1979) und eine Gerbera (anlässlich der Bundesgartenschau in Ffm., 1989) nach ihr benannt. Das von ihr 1971 gegründete Volkstheater trug seit 1995 ihren Namen („Volkstheater Fft. – Liesel C.“; geschlossen 2013). Liesel-C.-Anlage im westlichen Anlagenring hinter der Alten Oper (seit 1997). Liesel-C.-Stipendienfonds für Schauspielstudierende an der Akademie der Künste der Universität Tel Aviv, initiiert 1999 durch die „Freunde der Universität Tel Aviv e. V.“ in Ffm., eingerichtet unter Beginn der Förderung 2005 in Tel Aviv. „Volkstheater Fft. – Liesel C., Liesel und Gisela C.-Stiftung“, gegründet von C.s Tochter Gisela C.-von Carben (früher Dahlem-C.; 1942-2015) 2015 zur Förderung des Sprechtheaters und insbesondere der Sprachvielfalt auf der Bühne, u. a. durch die Vergabe von Stipendien an begabte, eine Mundart oder eine andere zweite Muttersprache beherrschende Studierende an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.

Literatur:
                        
Bayerl, Sabine/Braun, Karlheinz/Schiedermair, Ulrike [Hg.]: Das TAT. Das legendäre Ffter Theaterlabor. Leipzig 2016.Hock, Sabine: Vier Theaterdirektoren und eine Volksschauspielerin. Die Anfangsjahre [der Landesbühne Rhein-Main, des späteren Theaters am Turm]. In: Bayerl/Braun/Schiedermair [Hg.]: TAT 2016, S. 51-54. | Butteron, Sigrid/Crone, Michael/Frost, Reinhard/Hock, Sabine/Kuhn, Peter/Sarkowicz, Hans: Die Hesselbachs. Geschichte einer Funk- und Fernsehfamilie. Eine Dokumentation. Ffm. 1991.Butteron u. a.: Die Hesselbachs 1991. | Christ, Liesel: Mei Frankfort. Aus der Reihe „Ganz persönlich“. Beschreibungen in Zusammenarbeit mit dem ZDF, hg. v. Dieter Zimmer. Freiburg im Breisgau 1992.Christ: Mei Frankfort 1992. | 10 Jahre Volkstheater Fft. 1971-1981. [Hg. unter Mitarb. v. Günther Vogt. Ffm. 1981.]FS Volkstheater 1981. | [Hock, Sabine:] 20 Jahre Volkstheater Fft. 1971-1991. [Ffm. 1991.]FS Volkstheater 1991. | Hock, Sabine: Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie. Ffm. 2004.Hock: Liesel Christ 2004; dort auch weiterführende Quellen- und Literaturangaben. | Hock, Sabine: Rollenverzeichnis der Volksschauspielerin Liesel Christ. Ffm. 2005. (Dokumentation zur Biographie von Liesel Christ 2).Hock: Rollenverzeichnis von Liesel Christ 2005. | Kasper, Birgit/Schubert, Steffi: Nach Frauen benannt. 127 Straßen in Ffm. Hg. v. Frauenreferat der Stadt Ffm. Ffm. 2013.Kasper/Schubert: Nach Frauen benannt 2013, S. 83. | Porträts Ffter Senioren. Senioren Zeitschrift 1976-1999. Hg.: Dezernat Soziales und Jugend der Stadt Ffm. Autoren: Erika Albers, Hans R. Darnstädt, Lore Kämper, Verita Mohr, Lothar Vetter. Ffm. 1999.Porträts Ffter Senioren 1999, S. 31f. | Schäfer, Harald: Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangstagen des Fernsehens. Ffm. 1996. (Edition Fischer).Schäfer: Die Hesselbachs 1996. | Schäfer, Harald: Struktur-Untersuchungen zur Situation der Familie vor und auf dem Bildschirm. Marburg 1973. (Marburger Studien zur vergleichenden Ethnosoziologie 4).Schäfer: Struktur-Untersuchungen zur Sit. d. Familie vor u. auf dem Bildschirm 1973. | Wolters, Dierk: Große Namen in Fft. Wer wo lebte. Ffm. 2009, erw. Neuaufl. 2012.Wolters: Wer wo lebte 2009, S. 36f.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/2.733. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/F 18.950 (Liesel-Christ-Anlage). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/N 29.481 (Liesel-Christ-Stipendienfonds). | Institut für Stadtgeschichte Ffm.Archiv des Volkstheaters Fft. – Liesel Christ, 1971-2013: ISG, Sign. V162.
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. http://de.wikipedia.org/wiki/Liesel_ChristWikipedia, 10.11.2015. | Website zum 100. Geburtstag von Wolf Schmidt 2013, die über den als „Babba Hesselbach“ bekannten Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller informiert, ein Gemeinschaftsprojekt von Schmidts Kindern Anja Vieweg, Susanne von Bergen und Michael Schmidt. http://www.babbahesselbach.info/2013/01/wie-wolf-schmidt-seine-fernsehfrau-liesel-christ-fand.html - http://www.babbahesselbach.info/2013/02/fluch-der-beruehmtheit.html - Wolf Schmidt, 10.11.2015.

GND: 129612405 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Christ, Liesel. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/3322

Stand des Artikels: 26.2.2016
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 11.2015.