Schild, Rudolf

Schild, Rudolf. Dr. med. Arzt. * 7.11.1873 Ffm., † 25.1.1936 Berlin.
Sohn des Bankiers Louis Sch. (1831-1902) und dessen aus Niederwerrn/Unterfranken stammender Ehefrau Ida, geb. Nordschild (1841-1915). Mindestens vier Geschwister: der Bankier Eduard Emanuel Sch. (1861-1916), der Kaufmann Karl Max Sch. (1864-1931), Anna Sch. (von 1905 bis 1914 verh. Rosenheim, 1875-1927) und Alfred Sch. (1876-1890).
Sch. wurde in eine jüdische Familie geboren, die zur Zeit seiner Geburt Im Trutz Fft. (Westend) wohnte. Er wuchs hier zunächst im Haus Nr. 21, dann in Nr. 39 heran. Die Eltern waren offenbar erst um 1870 nach Ffm. gezogen; ihr erstgeborener Sohn kam in Milton/Florida zur Welt, der zweitgeborene in Schweinfurt. Ab etwa 1872 betrieb der Vater zusammen mit seinem Geschäftspartner Louis Scheidt das Bankhaus Schild & Scheidt in der Großen Eschenheimer Straße 5. Doch um 1882 trennten sich die Partner, so dass Louis Sch. das Bankhaus als Familienbetrieb weiterführte und seine Ehefrau die Position der Prokuristin übernahm. 1889 zog die Familie in die Oberlindau 81 (Westend), und ab 1896 firmierte das Bankgeschäft am Roßmarkt 2/4.
Sch. dürfte 1892 die Hochschulreife erlangt haben. Vom Wintersemester 1892/93 bis zum Wintersemester 1896/97, lediglich mit einer Unterbrechung im Sommersemester 1894, studierte er Medizin an der Universität in München. Hier wurde er 1897 approbiert und am 21.12.1897 „magna cum laude“ zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertation, die 1898 unter dem Titel „Ueber Gastrostomie mit besonderer Berücksichtigung der neueren Methoden“ erschien, widmete er seinen „lieben Eltern“, und in ihr dankte er explizit seinem akademischen Lehrer Ferdinand Klaussner (1857-1931) für die Anregung zur Arbeit, die Unterstützung bei ihrer Anfertigung und die Überlassung der publizierten Fälle.
Ungeklärt ist vor diesem Hintergrund, ob Sch. identisch mit dem ehemaligen Mitschüler des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz war, den dieser am 30.12.1896 in München wiedertraf und bereits zu diesem Zeitpunkt als „den Arzt Dr. Rudolf Schild“ bezeichnete. Schmitz, der von 1894 bis 1900 zum Kreis um den Dichter Stefan George gehörte, war wie Sch. 1873 geboren und zeitweise in dessen unmittelbarer Nachbarschaft in Ffm. aufgewachsen. Besonders tief war die Beziehung zwischen Schmitz und seinem früheren Schulkameraden Ende 1896 allerdings nicht mehr. Schmitz notierte in seinem Tagebuch, Sch. sei „leblos“, „schablonenhaft“ und moralisierend geworden: „Dabei hat er viel Verkehr mit Frauen, sogar mit einigem Erfolg, wie es scheint. Er behandelt sie burschikos und plaudert unkavaliermäßig seine Geheimnisse aus.“ Wenn „Dr. Rudolf Schild“ identisch mit Sch. war, verkannte Schmitz, dass sich dieser als homosexueller Mann wohl genötigt sah, eine Rolle zu spielen.
Von 1898 bis 1901 war Sch. Assistent bei Carl von Noorden an der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Ffm. Anschließend war er an verschiedenen Universitätskliniken in Berlin tätig. Am 1.4.1903 übernahm er zusammen mit seinem Berufskollegen Bernhard Bär (1874-1912), einem Schwager des Arztes Theodor Plaut, das „Institut für diätetische und physikalische Behandlung“ von Georg Kratzenstein in der Ffter Wöhlerstraße 8 (Westend-Süd), das dieser aus gesundheitlichen Gründen hatte aufgeben müssen. Sch., Bär und Plaut kannten einander vermutlich schon seit früher Jugend, spätestens aber seit ihrer Studienzeit. Alle drei promovierten 1897 in München. Um 1903 wohnte Sch. noch in der Ffter Guiollettstraße 18, doch wurde er zusammen mit Bär nunmehr Hauseigentümer in der Wöhlerstraße 8, so dass er dorthin umzog. Laut Anzeigen in der Ffter Tagespresse bot die „Privatklinik für innere Krankheiten, speziell Magen-, Darm- und Stoffwechselerkrankungen“ von Sch. und Bär Lichtbäder, elektrische Bäder, Heißluftbehandlungen, Hydrotherapien sowie manuelle und Vibrationsmassagen an und verfügte über ein „Röntgenlaboratorium für Durchleuchtung, Photographie und Behandlung“. Schon im Herbst 1905 annoncierten Sch. und Bär für die „Behandlung mit Radium“. Sie dürften damit zu den ersten Ärzten in Ffm. gehört haben, die mit Radium experimentierten.
Sch., der Mitglied der 1905 in Berlin gegründeten Deutschen Röntgengesellschaft war, demonstrierte die Ergebnisse seiner röntgenologischen Tätigkeit bei mehreren Gelegenheiten im Ärztlichen Verein zu Ffm. So stellte er am 3.5.1909 eine Reihe von Patienten vor, die sich bei ihm einer Strahlenbehandlung unterzogen hatten. Die Erfolge waren offenbar recht gut, etwa im Falle einer Patientin mit einem handgroßen Kankroid (verhornender Hautkrebs) oder bei einem Patienten mit lienaler Leukämie (Milztumor).
Im April 1910 trennte sich Sch. von seinem Praxispartner Bär und zog nach Berlin. Hier lebte spätestens seit 1903 auch sein älterer Bruder Karl Max Sch. mit seiner Familie. Sch. ließ sich als Internist zunächst in der Aschaffenburger Straße 23 (Wilmersdorf) nieder. 1915 diente er als Stabsarzt in Spandau, und ab 1917 ist er in den Berliner Adressbüchern in der Nachodstraße 11 (Wilmersdorf) belegt. Diese Wohn- und Praxisadresse behielt er bis an sein Lebensende bei. Dabei blieb er zunächst Eigentümer des Hauses Wöhlerstraße 8 in Ffm. Erst 1919 verkaufte er es an den Kaufmann Carl Rudi. Nach einem erneuten Eigentümerwechsel wurde das Haus nach 1936 dem jüdischen Altersheim in der benachbarten Hausnummer 6 zugeschlagen. Es wurde zuletzt zum NS-Sammellager jüdischer Bürgerinnen und Bürger vor ihrer Deportation.
Während Sch.s Eltern und auch sein ältester Bruder Eduard Emanuel Sch. noch auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße (Block 47/500 A und B) in Ffm. beigesetzt wurden, muss sich Sch. Anfang des 20. Jahrhunderts vom Judentum gelöst haben. In Berlin bezeichnete er sich als evangelisch. Als homosexueller Mann blieb Sch. zeit seines Lebens unverheiratet. Nicht belegt ist, wann er mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) in Kontakt trat, der weltweit ersten Interessenvertretung Homosexueller, die sich ab 1897 für die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Kontakte unter Männern bzw. die Abschaffung des Paragraphen 175 RStGB einsetzte. 1920 wurde Sch. zum Obmann der Vereinigung gewählt. Am 28.10.1921 hielt er in Berlin einen Vortrag unter dem Titel „Sind die Homosexuellen zur Ehe geeignet? oder Das Eheproblem der Homosexuellen“, und 1928 veröffentlichte er in der Zeitschrift „Die Freundschaft“ einen Aufsatz über die vermeintliche „Heilbarkeit der Homosexualität“, in dem er seine Leser explizit um Einsendung von Antworten auf konkrete Fragen bat. Offensichtlich wollte er das Thema in weiteren Arbeiten vertiefen. Sch.s Aufsatz von 1928 wurde auch 1951 in der Hamburger Zeitschrift „Die Freunde“ nachgedruckt. Sch. warnte in seinem Beitrag insbesondere davor, in der Ehe ein „Heilmittel gegen bestehende, gleichgeschlechtliche Komplexe“ zu sehen, und hielt fest, eine „Heilung oder Beeinflussung“ der Homosexualität sei auf somatischem Wege nicht möglich. Des Weiteren positionierte er sich skeptisch gegenüber psychotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen und drückte indirekt die Hoffnung aus, die von ihm aufgeworfene Fragestellung möge „in einigen Jahrzehnten“ überflüssig sein: „Vielleicht wird man sich dann weniger um den Geschlechtstrieb als solchen (soweit seine Betätigung keine Schädigung allgemeiner Interessen bedeutet) kümmern, sondern die ganzen Dinge von einem anderen Gesichtswinkel aus betrachten und glauben, daß die Homosexualität die oder eine Ausdrucksform eines bestimmten, biologischen Verhaltens sei und daß sich in ihr die Tiefenperson mit einer bestimmten Gesetzmäßigkeit offenbare.“
Um 1935 wurde Sch. in Berlin in mehreren polizeilichen Verhören von beschuldigten „Strichern“ als Sexualpartner genannt. Möglicherweise waren es diese Angaben, die zu einem Verfahren wegen homosexueller Betätigung gegen ihn führten und letztlich den Anlass seiner Inhaftierung lieferten. Sch. wurde am 7.1.1936 festgenommen und wenig später in das KZ Columbia-Haus überstellt. Am Abend des 25.1.1936 wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden. Der zuständige Standortarzt stellte zunächst als Todesursache „Herzschwäche im Coma diabeticum“ fest. Eine anschließend durchgeführte Obduktion ergab allerdings, dass Sch. an einer Zyankali-Vergiftung gestorben war. Vermutlich hatte er als Arzt Zugang zu dem Mittel gehabt und es bereits bei seiner Festnahme unbemerkt bei sich getragen.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Raimund Wolfert.

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Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1871, S. 293; 1872, S. 293; 1873, S. 309; 1880, S. 426; 1882, S. 440; 1883, S. 442; 1890, S. 544; 1896, S. 634; 1903, Nachtrag, S. 31; 1904, T. I, S. 290; 1905, T. I, S. 302; 1910, T. I, S. 361; 1911, T. II, S. 251; 1915, T. II, S. 273; 1920, T. II, S. 280.
Internet: Digitale Landesbibliothek Berlin, Internetpräsenz der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Berlin. https://digital.zlb.de/viewer/image/34115495_1917/2568/
Hinweis: Adr. Berlin 1917, T. I, S. 2547.
Digitale Landesbibliothek Berlin, 29.9.2021.
| Jüdische Pflegegeschichte/Jewish Nursing History – Biographien und Institutionen in Ffm., Forschungsprojekt der Historischen Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege an der Bibliothek und dem Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Studiengang Pflege, Fachhochschule – University of Applied Sciences, Ffm. https://www.juedische-pflegegeschichte.de/recherche/?dataId=225968423838297&opener=230808030303446&id=131724555879435
Hinweis: Eintrag zu dem Jüdischen Altersheim Wöhlerstraße (NS-Sammellager).
Jüd. Pflegegeschichte, 29.9.2021.
| Website der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e. V., Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft, Berlin. https://magnus-hirschfeld.de/forschungsstelle/projekte/whk-obleute-gesamtverzeichnis/
Hinweis: Eintrag zu Rudolf Schild in: Obleute des WhK – Gesamtverzeichnis.
Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, 29.9.2021.


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Empfohlene Zitierweise: Wolfert, Raimund: Schild, Rudolf. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/12463

Stand des Artikels: 4.10.2021
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 10.2021.