Plaut, Theodor

Plaut, Theodor (nach der Emigration 1934: Theodore). Dr. med. Arzt. Kommunalpolitiker. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 27.9.1874 Karlsbad, † 15.11.1938 Wuppertal.
Sohn des Rabbiners Rudolf P. (1843-1914) und dessen Ehefrau Rosalie, gen. Rosa, geb. Glans (1851-1901). Mindestens zehn Geschwister (acht Schwestern und zwei Brüder), von denen er das zweite Kind und der älteste Sohn war. Verheiratet in erster Ehe (seit 1904) mit seiner Cousine Mückchen, gen. Meta, P., geb. P. (1875-1934), in zweiter Ehe (seit 1938) mit Elli P., geb. Friedländer, verw. Katzenstein (1884-1938). Zwei Kinder aus erster Ehe: Elisabeth P. (seit 1936 verh. Meter, 1906-1987) und Richard P. (seit offizieller Namensänderung 1945: Plant, 1910-1998).
Seine ersten Kinderjahre verbrachte P. in seinem Geburtsort Karlsbad. Seit 1882 lebte die Familie in Ffm., wo der Vater Rudolf P. zum Rabbiner der Israelitischen Gemeinde gewählt worden war. Nach dem Abitur am städtischen Gymnasium in Ffm. studierte P. ab 1892 Medizin in Würzburg, Berlin, Freiburg und München. 1897 wurde er in München approbiert und mit einer Arbeit „Über cerebrale Apoplexien und Embolien“ promoviert. Seine Assistentenzeit absolvierte er in Berlin, Gießen und Zürich. 1899 ließ sich P. als Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten in Ffm. nieder. Nach ersten Anfängen in der Eschersheimer Landstraße 14 hatte er seine Praxis zunächst in der Schillerstraße 2 (lt. Adressbuch 1901-09), dann am Opernplatz 4/Ecke Hochstraße (lt. Adressbuch 1910-14) und schließlich im Reuterweg 66 (lt. Adressbuch 1915-34). Im Ersten Weltkrieg war P. zunächst als Militärbahnarzt in Kowno, dann (1917-18) als landsturmpflichtiger Arzt in Stabsarztstellung beim Feldlazarett 287 eingesetzt.
Nach Angaben seines Sohnes war P. überzeugter Marxist und Atheist; er gehörte jedoch bis mindestens 1910 noch der Israelitischen Gemeinde an, und es ist nicht bekannt, ob er später aus der Gemeinde austrat. Höchstwahrscheinlich war P. 1913 Mitbegründer der Ffter Sektion des Vereins sozialistischer Ärzte, deren Vorsitz er übernahm. Der parteilich unabhängige Verein, der fast ausnahmslos jüdische und zur Hälfte weibliche Mitglieder hatte, unterhielt nach der russischen Oktoberrevolution enge Arbeitsbeziehungen zu sowjetischen Fachkreisen, trat für die Legalisierung der Abtreibung ein und engagierte sich für eine Liberalisierung des Sexualstrafrechts. In den 1920er Jahren zählte P. in seiner Praxis ebenso Arbeiter und Gewerkschafter wie Sänger und andere Künstler vom nahe gelegenen Opernhaus zu seinen Patienten. Von 1923 bis 1933 wirkte er außerdem als Administrator des Dr. Christ’schen Kinderhospitals und Entbindungshauses. Der philosophisch hochgebildete Mediziner hielt regelmäßig Vorträge für den Ffter Bund für Volksbildung, und zu seinem engeren Kreis zählten die Schriftstellerin Margarete Susman, der Neurologe Kurt Goldstein und der Sozialphilosoph Max Horkheimer.
1928 wurde P. als Abgeordneter der SPD in die Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis zur vom NS-Staat erzwungenen Auflösung der Gemeindevertretungen in Preußen zum 8.2.1933 angehörte. Er war Mitglied im Schul- und im Stiftungsausschuss sowie in der Deputation für das Gesundheitswesen, in der Deputation für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und in der Bestattungsdeputation. Zudem saß er als Vertreter der SPD-Fraktion im Großen Rat der Universität. Als Stadtverordneter setzte er sich insbesondere für eine vorbeugende Gesundheitspolitik zugunsten der mittellosen Bevölkerungsschichten ein. So forderte er 1929 ein Freibad für jeden Stadtteil zur „Körperpflege in Luft, Licht und Wasser unter Anwendung von Gymnastik“.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 war P. aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Einstellung bedroht. Noch vor oder an dem Tag des Reichstagsbrands vom 27.2.1933 soll er verhaftet worden sein. Nach Angaben des Sohnes war er im Zuge einer „Aktion gegen sozialistische Ärzte“ 1933 für mehrere Wochen inhaftiert. Dennoch kandidierte er bei den Kommunalwahlen vom 12.3.1933 noch einmal – wenn auch chancenlos – für das Stadtparlament. Wahrscheinlich war P.s Arztpraxis von den Maßnahmen zum „Judenboykott“ am 1.4.1933 betroffen. In den folgenden Monaten wurde ihm die Zulassung bei den gesetzlichen Krankenkassen (22.4.1933) und bei den im Deutschen Ring zusammengefassten privaten Krankenkassen (1.9.1933) entzogen, entgegen den Bestimmungen, wonach für ihn als lange vor dem 1.8.1914 zugelassenem Arzt und ehemaligem „Frontkämpfer“ des Ersten Weltkriegs (noch) eine Ausnahme gegolten hätte. Im März 1934 emigrierte das Ehepaar Theodor und Meta P. in die USA, vermutlich nach San Francisco. Infolge der Krebserkrankung von Meta P. kehrten die beiden wenige Monate später nach Ffm. zurück, da Meta P. den Wunsch hatte, in Deutschland zu sterben und begraben zu werden.
Nach dem Tod seiner Frau im Israelitischen Krankenhaus in Ffm. am 29.8.1934 wohnte P. zunächst bei seiner Schwester Flora Gut, geb. P. (1881-1964), die zusammen mit ihrem Mann Elias Gut (1872-1942) das Knabenheim der Flersheim- und Sichel-Stiftung am Dornbusch leitete. Er versuchte, sich wieder eine Existenz als Arzt in Ffm. aufzubauen, und praktizierte bei der Frauenärztin Dr. Lina Mühlhausen (1871-1938), die ihm ein Zimmer in ihrer Wohnung im Reuterweg 59 (also in unmittelbarer Nähe seiner früheren Praxis) zur Verfügung stellte; auch wurde er 1935 in einer Liste der Prüfer für jüdische Medizinstudenten an der Universität geführt. Ende September 1938 wurde ihm wie allen jüdischen Ärzten in Deutschland die Approbation entzogen. Am 19.10.1938 heiratete P. in Wuppertal-Elberfeld die ebenfalls verwitwete Elli Katzenstein, geb. Friedländer, die dort Mitinhaberin einer von ihrem ersten Mann Gustav Katzenstein (1867-1930) gegründeten Herrenbekleidungsfirma war. Im November 1938 wurde die Firma „arisiert“ und damit Elli P. enteignet. Offenbar schon vor dem Novemberpogrom 1938 kam es in Wuppertal zu antisemitischen Ausschreitungen gegen jüdische Villenbesitzer, u. a. gegen Elli P. Das Ehepaar P. floh daraufhin nach Hamburg, kehrte aber bald in die notdürftig reparierte Villa Am Forsthof 21 in Wuppertal-Elberfeld zurück. Wenige Tage nach dem Novemberpogrom, am 15.11.1938, kamen Theodor und Elli P. unter ungeklärten Umständen ums Leben. In den amtlichen Sterbeurkunden ist Suizid als Todesursache angegeben. Es ist jedoch nicht ganz auszuschließen, dass Theodor und Elli P. bei einem erneuten antisemitischen Übergriff von Nationalsozialisten ermordet wurden.
Mitglied des Ärztlichen Vereins.
Wissenschaftliche und medizinjournalistische Veröffentlichungen.
Auf der Gedenktafel (1998) am Clementine Kinderhospital „zur Erinnerung an die jungen Patienten und die Ärzte des Krankenhauses, die in der Zeit des Nationalsozialismus Opfer von Euthanasie-Verbrechen oder der Judenverfolgung wurden“, ist auch der Name von Theodor P. genannt.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.

Lexika: Bermejo, Michael: Die Opfer der Diktatur. Ffter Stadtverordnete und Magistratsmitglieder als Verfolgte des NS-Staates. Ffm. [Copyright 2006]. (Geschichte der Ffter Stadtverordnetenversammlung, Bd. III; Veröffentlichungen der Ffter Historischen Kommission XXIII).Bermejo: Ffter Stadtverordnete u. Magistratsmitglieder als Verfolgte d. NS-Staates 2006, S. 286-290. | Kallmorgen, Wilhelm: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Ffm. Ffm. 1936. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Stadt Ffm. XI).Kallmorgen, S. 373.
Literatur:
                        
Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 537. | Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845-1865. Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine Kinderhospitals. Hg. v. Vorstand der Clementine Kinderhospital – Dr. Christ’schen Stiftung. Konzept und Red.: Barbara Reschke. Ffm. 2000, 2. Aufl. 2011.Clementine von Rothschild 2011, S. 107. | Drexler, Siegmund/Kalinski, Siegmund/Mausbach, Hans: Ärztliches Schicksal unter der Verfolgung 1933-1945 in Ffm. und Offenbach. Eine Denkschrift. Ffm. 1990.Drexler/Kalinski/Mausbach: Ärztl. Schicksal 1990, S. 41. | Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ’sche Stiftung. 1845-1995. Hg.: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ’sche Stiftung. Redaktion: Roland Wönne. Text: Otto Hövels, Ute Daub, Jürgen Dippell. [Ffm.] 1995.FS Clementine Kinderhospital 1995, S. 129-134 (Ute Daub). | Maly, Karl: Das Regiment der Parteien. Geschichte der Ffter Stadtverordnetenversammlung, Bd. II: 1901-1933. Ffm. 1995. (Veröffentlichungen der Ffter Historischen Kommission, Bd. XVIII/2).Maly: Stvv. II 1995, S. 674f. | Sternweiler, Andreas (Hg.): Fft., Basel, New York: Richard Plant. Berlin 1996. (Lebensgeschichten 3 Schwules Museum).Sternweiler (Hg.): Richard Plant 1996.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1900, S. 288; 1901, S. 303; 1909, T. I, S. 305; 1910, T. I, S. 314; 1914, T. I, S. 385; 1915, T. I, S. 383; 1934, T. I, S. 512. | ISG, Einwohnermeldekartei („Nullkartei“), ca. 1870-1930.Meldekarte der Eltern in: ISG, Nullkartei. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/16.677.
Internet: Ffm. 1933-1945, Internetportal des ISG zur Geschichte der Stadt Ffm. im Nationalsozialismus, hier: Verzeichnis der Gedenktafeln und Gedenkstätten zu Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit, Ffm. https://www.frankfurt1933-1945.de/nc/beitraege/show/1/thematik/gedenktafeln-und-gedenkplastiken-fuer-orte-des-gedenkens-an-verfolgte/artikel/gedenktafel-am-clementine-kinderhospital/
Hinweis: Zur Gedenktafel am Clementine Kinderhospital, Theobald-Christ-Straße 16.
Ffm. 1933-1945, Gedenken, 10.5.2021.
| Gedenkbuch für die NS-Opfer aus Wuppertal, hg. v. Verein zur Erforschung der Sozialen Bewegungen im Wuppertal e. V., Wuppertal. https://www.gedenkbuch-wuppertal.de/de/person/plautGedenkbuch für die NS-Opfer aus Wuppertal, 10.5.2021. | Jüdische Pflegegeschichte/Jewish Nursing History – Biographien und Institutionen in Ffm., Forschungsprojekt der Historischen Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege an der Bibliothek und dem Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Studiengang Pflege, Fachhochschule – University of Applied Sciences, Ffm. https://www.juedische-pflegegeschichte.de/recherche/?dataId=137754846998131&opener=131724511929199&id=131724555879435&sid=e3acbb631151a3b697398ee03207aa48Jüd. Pflegegeschichte, 10.5.2021. | Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Plaut_(Mediziner)Wikipedia, 9.5.2021.

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Plaut, Theodor. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/4227

Stand des Artikels: 10.5.2021
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 05.2021.