Speyer, Wilhelm

Speyer (als Komponist auch: Speier), Carl Wilhelm Wolfgang. Ursprüngl. Vorname (bis 1792): Wolf Daniel. Komponist. Violinist. Börsenmakler. * 21.6.1790 Ffm., † 5.4.1878 Ffm.
S. stammte aus einer seit 1644 in Ffm. ansässigen jüdischen Familie. Sein Großvater, der Bankier Isaak Michael S., war 1781 zum kaiserlichen Hoffaktor ernannt worden. S.s Vater Georg S. (1769-1819) führte das Bankgeschäft fort.
1792 – vermutlich in diesem Jahr wurde S. getauft – zog die Familie nach Offenbach, wo S. ersten Violinunterricht erhielt. 1807 gab er sein erstes Konzert als Geiger, im gleichen Jahr wurden seine ersten Violinduette veröffentlicht. Auf den ersten Notendrucken war sein Nachname mit „i” geschrieben. Als Komponist behielt S. künftig diese Schreibweise bei. Von 1810 bis 1812 Philosophiestudium in Heidelberg und Weiterbildung im Violinspiel. Während der Befreiungskriege machte S. in Ffm. die Bekanntschaft mit Ernst Moritz Arndt, dessen Gedicht „Was ist des Deutschen Vaterland” er 1814 vertonte; später schrieb er seine Vertonung zu einem vierstimmigen Männerchor um. Bei der 1815 erwarteten Rückkehr Napoleons formierte der patriotisch gesinnte S. in Offenbach einen Landsturm. Eine 1818 begonnene Italienreise musste er vorzeitig beenden, als das Bankunternehmen des Vaters zusammenbrach und dieser kurz darauf starb. S. versuchte in der Folgezeit, den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. 1831 zog er mit seiner Familie – S. war seit 1813 mit Charlotte Auguste Wilhelmine von Goldner verheiratet, mit der er zwölf Kinder hatte – nach Ffm. und betätigte sich fortan als Börsenmakler. Seine künstlerische Produktion setzte er jedoch fort, veranstaltete musikalische Soireen und schrieb Musikrezensionen. S. beherbergte in seinem Haus u. a. Louis Spohr, Felix Mendelssohn Bartholdy, Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt und Nicolo Paganini. 1855 wurde S. in die Leitung der Ffter Theater-Aktien-Gesellschaft gewählt und wirkte am Stadttheater häufig als Operndirigent. In seinen letzten Lebensjahren war S. völlig erblindet.
S. war Mitglied im vaterländisch gesinnten Liederkranz, für den er zahlreiche Chorkompositionen schuf. An der Organisation des 1838 vom Liederkranz initiierten ersten Deutschen Sängerfests in Ffm. war er maßgeblich beteiligt und komponierte aus diesem Anlass das Lied „Frankfurt am Main” (in Vertonung der Ballade von August Kopisch). Im gleichen Jahr zählte S. zu den Mitbegründern der vom Liederkranz ins Leben gerufenen Mozart-Stiftung, deren erster Präsident er von 1838 bis 1843 war. S. gehörte der Freimaurerloge zur Einigkeit sowie der im Herbst 1840 gegründeten musisch-intellektuellen „Gesellschaft der Tutti Frutti” (wo er den Fruchtnamen „Betel” führte) an.
Den Hauptteil der künstlerischen Produktion von S. nehmen die über 250 Liedkompositionen ein, von denen die Stücke „Der Trompeter”, „Rhein-Sehnsucht” und „Die drei Liebchen”, letzteres nach einem Text von Heinrich Hoffmann, am meisten Verbreitung fanden. Des Weiteren schuf S. rund 60 Instrumentalwerke, darunter zwei Violinkonzerte, mehrere Ouvertüren, Tänze und Märsche. S.s Werke waren mit ihrem volkstümlich-sentimentalen Charakter zu seinen Lebzeiten sehr populär und transportierten mit ihren vielfach patriotisch gefärbten Texten die nationale Auffassung des Komponisten an die Hörerschaft. S.s jüdische Herkunft wurde von ihm selbst und seinen Biographen fast durchweg übergangen.
S.s ältester Sohn war der Jurist Otto Wolfgang S. (1826-1907), 1885/86 Vorsitzender des Freien Deutschen Hochstifts. Der jüngere Sohn Edward S. (1839-1934) verfasste 1925 die Lebensgeschichte seines Vaters.
Nachlass im ISG.
S.straße in Offenbach.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 406-408, verfasst von: Reinhard Frost.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 563.
Literatur:
                        
Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 450-453. | Kienzle, Ulrike: Neue Töne braucht das Land. Die Ffter Mozart-Stiftung im Wandel der Geschichte (1838-2013). Ffm. 2013. („Mäzene, Stifter, Stadtkultur“, Schriftenreihe der Ffter Bürgerstiftung in Zusammenarb. m. der Cronstett- und Hynspergischen ev. Stiftung, hg. v. Clemens Greve, Bd. 10).Kienzle: Mozart-Stiftung 2013, S. 24-27, 29f., 32, 36, 39, 42f., 53, 59, 69-71, 80, 85, 97, 99f., 131-135, 184, 291, 318. | Speyer, Edward: Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne. München 1925.Speyer: Wilhelm Speyer 1925.
Quellen: ISG, Bestand Nachlässe (S1).Nachlass: ISG, S1/120. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/191.

GND: 117493236 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2021 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Frost, Reinhard: Speyer, Wilhelm. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1280

Stand des Artikels: 28.8.1995