Hegyesi, Charlotte, gen. Lotte, verh. Haff (auch: Haff-Hegyesi, Hegyesi-Haff). Violoncellistin. Musikpädagogin. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 21.9.1892 Köln, † 22.5.1983 Füssen.
Einzige Tochter des Violoncellisten und Musikpädagogen Louis H. [eigentl. (bis 1878): Ludwig, gen. Louis, Spitzer; 1851-1894] und dessen Ehefrau Adelheid, geb. Cohn (1872-1944 oder 1945). Verheiratet (von 1923 bis zur Scheidung 1938 und seit 1966) mit dem Cellisten Friedrich
Boris Haff (1888-1973).
Lotte H. wurde in Köln geboren, wo der Vater Louis H. seit Ende der 1880er Jahre als Cellolehrer am Konservatorium der Musik (heute: Hochschule für Musik und Tanz) unterrichtete. Nach dem frühen Tod des Vaters sorgte die aus Berlin gebürtige Mutter dafür, dass Lotte weiterführende Schulen in Köln und Berlin besuchen konnte, wo sie Französisch, Englisch und Italienisch lernte. Zum 13.1.1906 zogen Mutter und Tochter nach Ffm. Adelheid H. wurde dort Mitglied des Freien Deutschen Hochstifts und brachte sich als Ehrenamtliche in dessen Pflegamt ein; sie engagierte sich zudem bald für das Mütterheim des Ffter „Vereins Mutterschutz“ (1907-18) in der Eschersheimer Landstraße 80.
Lotte H. studierte Cello am Hoch’schen Konservatorium, wo sie von
Hugo Becker und
Johannes Hegar unterrichtet wurde. Sie trat im März 1907 – möglicherweise erstmals öffentlich – bei einem Ffter „Vortragsabend der Vorschule“ im Trio sowie im Mai 1907 als Solistin auf. Auch in den Folgejahren spielte H. regelmäßig bei Musikveranstaltungen und erntete gute Kritiken: H. „behandelt wie ihr verstorbener Vater das Cello, und zwar schon jetzt – sie ist noch sehr jung – in meisterhafter Weise.“ (Kölnische Zeitung, Nr. 1220, 13.11.1910, Zweite Beilage zur Sonntagsausgabe, [S. 2].) Mit einer prominenten Anzeige wurde für ein eigenes Konzert der Nachwuchsmusikerin geworben, das am 18.11.1911 im Kleinen Saal des Saalbaus in Ffm. stattfand. 1911/12 schloss H. ihre Ausbildung am Konservatorium ab. Mindestens für die nächsten zwei Jahre wohnte sie in der Böhmerstraße 42 in Ffm., gab aber deutschlandweit Konzerte, auch mit namhaften Ffter Kollegen wie dem Bariton
Carl Rehfuß, ihrem Lehrer
Johannes Hegar oder dem Pianisten Hans Weisbach (1885-1961). Sie wurde 1912 und 1913 vom Hoch’schen Konservatorium als Lehrerin für die Violoncelloklasse, zunächst in Vertretung von
Johannes Hegar, eingestellt. Von 1913 bis 1915 unterrichtete sie als selbstständige Pädagogin Schülerinnen und auch einige Schüler. Als Konzertmusikerin wurde H. von angesehenen Konzertdirektionen betreut, die einschlägige Werbung in Fachmagazinen für sie schalteten, z. B. von Emil Gutermann (1877-1933) und Hermann Wolff (1845-1902) bzw. dessen Witwe Louise Wolff (1855-1935). Während des Ersten Weltkriegs beteiligte H. sich zudem an verschiedenen Benefizkonzerten, deren Erlös beispielsweise verwundeten Soldaten zugutekommen sollte.
Bis Ende 1915 (mit Unterbrechungen) war H. in Ffm. ansässig und tätig, ging dann jedoch als Solistin einerseits auf umfangreiche Tournee (mit Zwischenstationen in Köln, Düsseldorf, Essen) und bot andererseits Unterricht im Kammermusikspiel an (vgl. Kölnische Zeitung, Nr. 956, 13.10.1918, Morgen-Ausgabe, [S. 4]). Für einige Jahre wirkte H. in der „Triovereinigung Berlin“ mit, die von der Pianistin Ella Jonas-Stockhausen (1883-1967) mitbegründet worden war und der auch die Violinistin Edith von Voigtländer (1892-1978) angehörte. Den Violoncellopart des Trios teilte sich H. mit Eugenie Stol(t)z-Premyslav (1885-?). In dieser Zeit wählte H. offenbar Berlin-Halensee als Lebensmittelpunkt. So besuchte sie Ffm. am 7.5.1920 vermutlich nur im Rahmen einer Konzertreise: Mit der Düsseldorfer Sopranistin Anna Marie Lenzberg (1889-1954) trat sie im Ffter Saalbau mit Werken von
Johannes Brahms und Johann Strauß auf.
Im Frühsommer 1923 kam H. nach Ffm. zurück, und am 26.9.1923 heiratete sie den seit 1921 im Ffter Symphonieorchester spielenden Cellisten Friedrich
Boris Haff (1888-1973). Haff war als Sohn evangelischer deutscher Auswanderer im russischen Sankt Petersburg geboren und erst wenige Jahre zuvor nach Deutschland gekommen. Als Trauzeuge bei der Eheschließung fungierte der Kaufmann Otto Frank (1889-1980), später bekannt als Vater der im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordeten
Anne Frank und Herausgeber von deren weltberühmtem Tagebuch. Da Otto Frank in jungen Jahren ebenfalls Cello gespielt hatte, könnte darüber ein engerer Kontakt zwischen den Musizierenden entstanden sein. Zum Bekanntenkreis gehörte auch der Mediziner Adolf Samuel (1893-1978), der als zweiter Trauzeuge unterzeichnete. Samuel war gebürtiger Ffter, hatte auswärts studiert und sich im Frühjahr 1921 als Zahnarzt in Ffm. niedergelassen. Das frisch vermählte Paar Haff-H. zog zur Mutter in deren Wohnung in der Königsteiner Straße (seit 1928: Freiherr-vom-Stein-Straße) 3 im Westend. Dort blieben Adelheid H. und das Ehepaar Haff-H. bis Anfang 1931 wohnen, auch wenn sie zwischenzeitlich vorübergehend in Kronberg/Taunus lebten.
Adelheid H. war seit etwa 1920 als „Krankenfürsorgerin“ und „Gefährdetenfürsorgerin“ für das Stadtgesundheitsamt tätig, bald offenbar in enger Zusammenarbeit mit dem judenfeindlich und nationalsozialistisch gesinnten Stadtschularzt bzw. (ab 1921) Stadtmedizinalrat Werner Fischer-Defoy (1880-1955), der mit dem Beginn des NS-Regimes zum Leiter des Amtes werden sollte. 1928 oder 1930 wurde Adelheid H. im Gesundheitsamt gekündigt. Sie absolvierte daraufhin eine Ausbildung in Maniküre und Pediküre und machte sich in diesem Beruf selbstständig. Vielleicht auch, weil die Mutter die Festanstellung verloren hatte, beantragte H. beim städtischen Schulamt eine Unterrichtsgenehmigung zum Erteilen von Cello-Unterricht. Der Erlaubnisschein wurde am 4.7.1929 ausgestellt und am 12.7.1930 „bis auf Widerruf“ erneuert. Am 5.7.1931 bemühte Lotte H. sich wiederum – nun unter der neuen (gemeinsamen) Adresse Eschenheimer Anlage 32 – beim Schulamt um eine Erneuerung der Unterrichtserlaubnis als Cellolehrerin. Auch Boris Haff war in Ffm. als Cellolehrer tätig. Währenddessen trat H. in einzelnen Konzerten als Cellistin auf; manche wurden im Radio übertragen. Für ihre Tochter und sich selbst mietete Adelheid H. eine Wohnung in der Bockenheimer Landstraße 138 (ab Adr. 1933). Unter dieser Adresse und dem Datum 1.7.1932 ist für die Eheleute Haff-H. im entsprechenden Hausstandsbuch „leben getrennt“ vermerkt, denn Boris Haff war seit Ende 1931 als Untermieter zunächst im Grüneburgweg 32, dann in der Körnerstraße 14 gemeldet. Er zog aber später wohl wieder zu Lotte H. und ihrer Mutter zurück.
Mit der Machtübernahme von Adolf Hitler und der NSDAP im Januar 1933 endete die Karriere von Lotte H. abrupt; sie verlor ihre Arbeit und ihre bisherigen Einkommensmöglichkeiten. Infolge des Aufrufs, jüdische Geschäfte zu boykottieren, nahm auch die Zahl der Kundinnen von Adelheid H. immer weiter ab. Der nicht-jüdische Boris Haff erhielt noch am 18.2.1933 eine unbefristete Unterrichtserlaubnis. Am 12.2.1934 wurden Lotte und Boris Haff jedoch vom städtischen Schulamt jeweils zur Abgabe eines Fragebogens zum Nachweis der „arischen Abstammung“ und der „politischen Zuverlässigkeit“ aufgefordert. Lotte H.s Bitte in einem Schreiben aus Berlin vom 13.3.1934, den Unterrichtsschein behalten zu dürfen, auch wenn sie derzeit „wegen der beruflichen Tätigkeit ihres Mannes nicht dauernd ansässig“ sei und daher keinen Unterricht erteilen könne, wurde nicht entsprochen. Da auch Boris Haff den angeforderten Fragebogen nicht eingereicht hatte, erhielt er mit Datum vom 1.6.1934 die Anweisung, den Unterrichtsschein zurückzugeben; Haff war aber zu diesem Zeitpunkt schon nach Schlangenbad in der Nähe von Wiesbaden verzogen. Am 24.8.1934 meldete sich Lotte H. nach Berlin ab. Von dort ging sie nach Wien, wo sie jedoch auch nur vorübergehend bleiben konnte. Offenbar gelang ihr Ende 1937, also kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland (12.3.1938), die Flucht nach Rom. Im Sommer 1938 wurden Boris Haff und Lotte H. „aus rassischen Gründen“ geschieden. Die Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann (1868-1943), die sich vom Züricher Exil aus als Fluchthelferin engagierte, hatte in dieser Zeit die nach Grenoble/Südfrankreich emigrierte Publizistin Alice Herz (1882-1965) um Unterkunft und Unterstützung für Lotte H. gebeten. Bisher ließ sich jedoch nicht ermitteln, inwieweit dieses Netzwerk für H. tätig wurde bzw. auf welchem Weg sie schließlich in der Schweiz Asyl fand.
Ab 1938 hielt sich H. in Basel auf. Es gelang ihr nicht mehr, ihrer Mutter, die schwer krank in Ffm. zurückgeblieben war, eine Ausreise zu ermöglichen. Nachdem die Tochter 1934 Ffm. verlassen hatte, war Adelheid H. zunächst in die Wolfsgangstraße 76 umgezogen. Spätestens 1939 war sie gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben und als Untermieterin in die Liebigstraße 60 zu ziehen, um von ihrer bescheidenen Rente leben zu können. Die Siebzigjährige wurde für eine geplante Massendeportation in die Sammelstelle Liebigstraße 24 gebracht und am 1.9.1942 zusammen mit 1.110 anderen als alt und gebrechlich geltenden Ffter Jüdinnen und Juden in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt (Transport XII/2, Nr. 168). Von dort wurde sie anscheinend am 15.5.1944 in das Konzentrationslager Auschwitz überführt (Transport Dz, Nr. 1646), wo sich ihre Spur verliert. Adelheid H. gilt als „in der Deportation verschollen“. Zwei Postkarten, die Lotte H. noch im August/September 1944 als letzte Nachrichten von ihrer Mutter aus Theresienstadt bekam, wurden möglicherweise später datiert bzw. abgeschickt. Adelheid H.s Todesdatum wurde später gesetzlich auf den 8.5.1945 (den Tag des offiziellen Kriegsendes in Europa) festgelegt.
In einem Antrag an die Internationale Flüchtlingshilfe gab Lotte H. ihre Religionszugehörigkeit als katholisch an. Sie war wohl schon früher aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten, denn in Kölner und Ffter Meldekarten wurde sie als Dissidentin geführt. H. war in der Schweiz auch nach 1947 noch vereinzelt als Cellistin tätig. In den 1950er Jahren führte ihr Weg sie wiederholt ins Allgäu zu ihrem (früheren) Ehemann Boris Haff, dessen Familie ursprünglich aus Pfronten kam und immer noch dort ansässig war. Im Dezember 1942 hatte Haff in Nürnberg die katholische Unternehmerin Kreszenz Hoffmann, geb. Mühlbauer (1909-?), geheiratet, wodurch er (der in Russland geboren war) vielleicht einer Internierung oder Ausweisung hatte zuvorkommen wollen; über Verlauf und Dauer der Ehe ist nichts überliefert. Lotte H. unterzeichnete ihre Anträge an Flüchtlingshilfe und Schweizer „Fremdenpolizei“ nach wie vor mit dem Doppelnamen. Ende der 1950er Jahre scheinen Haff und H. sowohl in München als auch in Nürnberg wieder zusammengelebt zu haben. Sie hatten entweder einander wiedergefunden oder waren nie ganz getrennt gewesen: Am 3.12.1966 heiratete das Paar in Basel zum zweiten Mal. Gemeinsam verbrachten sie ihren Lebensabend zumeist in Pfronten. Boris Haff wurde 85 Jahre alt. Lotte Haff-H. gab 1973 die Todesanzeige für ihren Ehemann auf und bestattete ihn in Pfronten. Lotte Haff-H. starb 1983 im Alter von 90 Jahren in Füssen.
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