Neuerscheinungen vom 10. Juni 2026

Einleitung: 

Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

als Robert Gernhardt 2002 im Kaisersaal des Frankfurter Römers den Stoltze-Preis erhielt, bedankte er sich auf seine Art – mit einem Gedicht:
„Lieber Goethe, lieber Stoltze,
sind wir nicht von gleichem Holze?
Lieber Stoltze, lieber Goethe,
spiel’n wir nicht auf gleicher Flöte?
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
in Eurem Bunde der Dritte!“
Schon länger sind Goethe und Stoltze im Frankfurter Personenlexikon vertreten. Jetzt ist auch der dritte der großen Frankfurter Dichter im FP präsent. An Robert Gernhardt erinnert anlässlich seines bevorstehenden 20. Todestags am 30. Juni 2026 der Artikel des Monats.

Artikel des Monats Juni 2026:
Wer oder was bleibt

Er lebte und arbeitete über 40 Jahre lang in Frankfurt: Robert Gernhardt. Nach dem Abschluss des Studiums von Kunst und Germanistik in Stuttgart und Berlin hätte der gebürtige Baltendeutsche auch Lehrer („Kunsterzieher“) werden können. Doch der 26-Jährige ging 1964 nach Frankfurt, um als Redakteur bei der Satirezeitschrift „Pardon“ anzufangen. Er wollte vielleicht ein halbes Jahr in der Stadt verbringen und eigentlich Maler werden. Gernhardt blieb sein weiteres Leben lang und gehörte hier zur „Neuen Frankfurter Schule“, einer (erst später so genannten) informellen Gruppe von Vertretern der komischen Kunst, die aus dem Umfeld von „Pardon“ hervorging. 1979 gründete er die „Titanic“ als das „endgültige Satiremagazin“ mit.
Bereits seit 1966 freischaffend als Maler, Zeichner und Schriftsteller tätig, war Gernhardt immer äußerst produktiv, lieferte weiterhin komische und satirische Beiträge in Wort und Bild für „Pardon“ und später für „Titanic“, brachte zahlreiche Bücher heraus, schrieb für Hörfunk, Film und Fernsehen, arbeitete in Autorenkooperationen mit und schuf mit seiner ersten Frau Almut Gernhardt ausgezeichnete Bilderbücher für Kinder. Er verfasste etwa Bildgedichte, Bildergeschichten, Gedichte, Erzählungen, Hörspiele, Drehbücher, einen Roman und ein Theaterstück sowie, vor allem in späteren Jahren, kunst- und literaturtheoretische Essays. Beim Feuilleton hatte Gernhardt es jedoch schwer. Die Literaturkritik nahm ihm übel, dass er auch einer der Ghostwriter für den Komiker Otto Waalkes war, und ignorierte ihn lange als „Nonsensdichter“. Erst seit den ausgehenden 1980er Jahren wurde er anerkannt. Künftig galt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker.
Als Robert Gernhardt 2006 nach langer Krebserkrankung starb, hatte er sein Vermächtnis geordnet. Den literarischen Nachlass mit seinen Notiz- und Skizzenbüchern (den legendären „Brunnen-Heften“) erhielt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das zeichnerische Werk ging an das von ihm geförderte Caricatura Museum in Frankfurt – und die Stadt bekam das Grüngürteltier. Das putzige Tierchen, eine „Mischung aus Wutz, Molch und Star“, wollte der Künstler 2002 auf der Wörthspitze in Nied entdeckt und gezeichnet haben. Noch im Frühjahr 2006, wenige Wochen vor seinem Tod, setzte er das Grüngürteltier in Bronze auf die Niddabrücke am Alten Flugplatz in Bonames. Die Brücke ist heute nach Robert Gernhardt benannt.
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Schluss: 

Im Fall von Robert Gernhardt hat der Autor und Künstler selbst ganz bewusst bestimmt, was von ihm bleiben sollte. Das ist nicht immer so. Es entscheiden Witwen, Waisen, Testamentsvollstrecker, Archivare, Bibliothekarinnen, Museumskuratorinnen, Kunstgutachter oder Entrümpler, was mit einem Nachlass geschieht. Ihr Urteil prägt die kollektive Erinnerung, ermöglicht (oder verhindert) die historische Forschung und kann damit für die Zukunft in einer freien und demokratischen Gesellschaft wirken. Eine hohe Verantwortung, die sich auch die Institutionen, die professionell Überlieferung schaffen, gar nicht oft genug vergegenwärtigen können.

Auch in der Redaktion des Frankfurter Personenlexikons muss regelmäßig entschieden werden, welche Frankfurter Biographien für das Stadtgedächtnis bewahrt werden sollen. Wir nehmen diesen Auftrag sehr ernst und urteilen nach hohen wissenschaftlichen Standards über die Aufnahme einer Person für das FP.
Wenn eine Person von wesentlicher stadtgeschichtlicher Relevanz (noch) nicht im FP online zu finden ist, so kann dies allerdings auch daran liegen, dass das Frankfurter Personenlexikon weiterhin im Aufbau ist.
In der Datenbank des FP sind am heutigen Tag genau 3.271 Neuvorschläge für Artikel enthalten. Jeder einzelne Vorschlag wird gewissenhaft redaktionell geprüft, ob er für die Bearbeitung zum Lexikoneintrag freigegeben wird. Falls die Prüfung negativ ausfallen sollte, wird in der Datenbank dokumentiert, warum ein Artikel in diesem Fall abgelehnt oder zumindest zurückgestellt wurde.

Unstrittig kommt Robert Gernhardt ein Platz in einem prosopografischen Werk zur Frankfurter Stadtgeschichte wie dem Frankfurter Personenlexikon zu. In der Literaturwissenschaft gilt Gernhardt heute als „Klassiker der Hochkomik“, dessen Werk längst kanonisiert wurde. Am schönsten aber, so hat Robert Gernhardt selbst einmal gesagt, ehre „eine Nation“ ihre Schriftsteller, indem sie deren Werke nicht nur kaufe und lese, sondern auch deren Worte im Kopf behalte und im Munde führe. Ein geflügeltes Wort geschaffen zu haben, hielt er offenbar für die höchste Anerkennung – die er mit seinem vielzitierten „Gebet“ erreicht hat. Das ist schon „was Besond’res“.

Bis zum baldigen Wiederlesen verbleibe ich
mit herzlichen Grüßen
Ihre Sabine Hock
Chefredakteurin des Frankfurter Personenlexikons

P. S. Die nächste Artikellieferung erscheint am 10. Juli 2026.