Tesch, Richard

Johanna und Richard Tesch

Johanna und Richard Tesch
Fotografie (um 1914; in Privatbesitz)

© Sonja Tesch, Hamburg.
Tesch, Richard Adolf Theodor. Schneider. Gewerkschafter. * 9.11.1870 Freienwalde bei Stargard/Pommern, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 21.2.1962 Ffm.
Erstes von sechs Kindern des Schneiders Wilhelm Friedrich T. und dessen Ehefrau Wilhelmine Friederike, geb. Gennrich. Vier Brüder und eine Schwester. Verheiratet (seit 1899) mit Johanna T., geb. Carillon. Drei Söhne, u. a. Carl T.
Der gelernte Schneider kam nach 1890 auf seiner Wanderschaft als Geselle über Berlin nach Ffm., wo er seit 1892 bei dem Schneidermeister Johann Bernhard Carillon (1838-1908) in Sachsenhausen arbeitete. 1899 heiratete T. eine Tochter seines Meisters, Johanna Carillon, deren unehelich geborenen Sohn Friedrich, gen. Friedel (1896-1916; gefallen im Ersten Weltkrieg), er annahm; aus der Ehe stammten zwei weitere Söhne, Wilhelm, gen. Busch (1899-1943), und Carl, gen. Carlemann (1902-1970). Seit 1903 arbeitete T. bei der eng mit Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie verbundenen Union-Druckerei und Verlagsanstalt. Zunächst war er als Expedient im Versand der dort erscheinenden überregionalen „Volksstimme“ tätig; ab 1905 war in den Abteilungen der Buchhaltung und Kasse beschäftigt, und zuletzt leitete er die Anzeigenabteilung. Im April 1933, im Zuge der Einstellung der Zeitung und Liquidierung der Druckerei durch die neuen, nationalsozialistischen Machthaber, wurde T. entlassen und ging damit zwangsweise in den Ruhestand.
Der jüngste Sohn Carl T., der im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv war, konnte angesichts einer drohenden Verhaftung im November 1935 in die Schweiz fliehen, wo ihn die Eltern gemeinsam für einige Wochen 1937 und erneut für ein paar Tage 1938 besuchten. Der mittlere Sohn Wilhelm T., der bei der Firma „Voigt & Haeffner“ in Ffm. arbeitete, kam dort bei dem schweren Luftangriff vom 4.10.1943 ums Leben. Im Zuge der „Aktion Gitter“ wurde Johanna T. als ehemalige Reichstagsabgeordnete der SPD am 22.8.1944 durch die Gestapo verhaftet. Bei einer „zweiten Sprecherlaubnis“ im Untersuchungsgefängnis Klapperfeld sah sich das Ehepaar am 9.9.1944 zum letzten Mal. Einige Tage später (18.9.1944) wurde Johanna T. in das Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Mehrfach versuchte T., seine Frau durch entsprechende Eingaben freizubekommen; er schrieb zunächst an das Ffter Gestapohauptquartier in der Lindenstraße, dann an die Leitung des KZ Ravensbrück und schließlich (27.11.1944) auch an die „Kanzlei des Führers“ – ohne Erfolg. Am 16.2.1945 erreichte ihn eine letzte Karte seiner Frau. Erst am 15.7.1945 bekam er die Nachricht, dass Johanna T. bereits im März 1945 im KZ Ravensbrück gestorben sei. Ihren Abschiedsbrief übergab ihm die nach Ffm. zurückgekehrte Widerstandskämpferin Lore Wolf am 27.8.1945. Richard T. trug seitdem die letzten Briefe seiner Frau aus der Haft immer bei sich, in seiner Brieftasche, die ihm in den Fünfzigerjahren jedoch gestohlen wurde. Aufrufe in den Ffter Zeitungen an den Dieb, alles zu behalten, aber die Briefe zurückzugeben, waren vergeblich.
Seit 1892 Mitglied der SPD, deren Distriktverwaltung und Vorstand er von 1899 bis 1915 angehörte.
T.s ehrenamtliche Tätigkeit im Bereich der Arbeiter-Kulturvereine galt in besonderem Maße der Volksbühnenbewegung. Bereits 1890 der damals entstehenden Berliner Freien Volksbühne beigetreten, gehörte er auch der Ffter Volksbühne seit deren Gründung 1921 an.
Von 1892 bis 1904 Mitglied der Ffter Filiale des Deutschen Schneider- und Schneiderinnen-Verbands. Mitglied im Verein Arbeiterpresse und Unterstützungs-Vereinigung (nachweislich 1903-12), im Arbeiter-Gesangverein „Union“ in Ffm. (1906 bis nachweislich 1922) und im Deutschen Republikanischen Reichsbund (nachweislich 1927-32). Gründungsmitglied der Arbeiterwohlfahrt in Ffm. Bis 1933 Versichertenvertreter im Ausschuss der Allgemeinen Ortskrankenkasse Ffm.
1960 Ehrenplakette der Stadt Ffm. und Ehrenmitglied der Ffter Volksbühne.
Familiennnachlass im ISG. Weitere Nachlasssplitter im HMF.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Felix Blömeke/Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 465f., verfasst von: Felix Blömeke.

Literatur:
                        
Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 581. | Informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 [bis 1988: Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Deutschen Widerstandes 1933-1945]. Bisher 45 Jahrgänge. Ffm. 1976-2020.Wesp, Dieter: „…und warte täglich auf ein persönliches Lebenszeichen“. Richard Teschs Briefe an seine Frau Johanna im KZ Ravensbrück. In: Informationen 45 (2020), Nr. 91 (Mai 2020), S. 31-35. | 100 Jahre Riederwald jung, dynamisch, frech 1911-2011. Hg.: Vereinsring Riederwald e. V. Red.: Bruni Marx. Mitarb.: Johanna Begrich. Ffm. 2011.Marx: 100 Jahre Riederwald 2011, S. 28-36. | Tesch, Johanna: Briefwechsel 1909-1945. Dokumentation. Hg. v. Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. u. Sonja Tesch. Sonderausgabe Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. Ffm. 2020.Tesch, Johanna: Briefwechsel 2020.
Quellen: Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Die Volksbühne 10 (1960/61), H. 3, November 1960, S. 76 (m. Abb. auf dem Titelblatt des Hefts). | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Familiennachlass: ISG, S1/248. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/686.

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    Empfohlene Zitierweise: Blömeke, Felix/Hock, Sabine: Tesch, Richard. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1461

    Stand des Artikels: 1.4.2021
    Erstmals erschienen in Monatslieferung: 03.2021.