Tesch, Carl

Leitender Direktor des Ffter Bundes für Volksbildung von 1948 bis 1969.

Tesch, Carl. Werkzeugmacher. Gewerkschafts- und Kulturfunktionär. Bildungsreformer. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 30.6.1902 Ffm., † 16./17.10.1970 Ffm.
Jüngster Sohn von Richard und Johanna T., geb. Carillon. Zwei Brüder. Verheiratet (von 1936 bis zur Scheidung 1969) mit Margot T.
T. wurde in der elterlichen Wohnung in der Stegstraße 50 in Sachsenhausen geboren und wuchs ab etwa 1911/12 in der Arbeitersiedlung Riederwald auf. Nach dem Besuch der Brüder-Grimm-Mittelschule im Ostend (1909-17) absolvierte er von 1917 bis 1920 eine Lehre als Werkzeugmacher („Schnittmacher“) bei der Ffter Firma Voigt & Haeffner. Seit 1917 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), wurde er 1921 deren Bezirkssekretär für Hessen; nachweislich ab dem 1.1.1923 war er in der Waren- und Buchvertriebsstelle des Ortsvereins Groß-Fft. der SAJ angestellt. Nach seiner Entlassung wegen fehlender finanzieller Mittel bei der SAJ 1925 arbeitete er als Handelsvertreter. Bereits 1920 war T. der SPD beigetreten. Die sich im Rahmen der außerschulischen Erwachsenenbildung in den Zwanzigerjahren entfaltenden Möglichkeiten für die bildungspolitisch benachteiligten Angehörigen der Arbeiterschaft nutzte T. intensiv. 1926/27 studierte er an der Ffter Akademie der Arbeit. Nachdem er 1928 eine Stelle als Sekretär des Verbands der Gemeinde- und Staatsarbeiter (des späteren Gesamtverbands der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs) und damit eine Führungsposition bei den Gewerkschaften in Berlin angenommen hatte, besuchte T. dort die Deutsche Hochschule für Politik (1930-31), u. a. als Schüler von Theodor Heuss. In Berlin betrieb er schließlich selbst gewerkschaftliche Bildungsarbeit und wurde Leiter einer Volksbibliothek. Seit 1931 gehörte er dem republikanischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an. 1933 verlor T. seine Stellung, kehrte zunächst nach Ffm. zurück und und hielt sich mit einem Job zur Abonnentenwerbung für das Neue Theater finanziell über Wasser. T. arbeitete im politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, insbesondere durch den Vertrieb illegaler Informationsblätter in enger Verbindung mit Paul Apel und dessen sozialistischer Untergrundorganisation. Der drohenden Verhaftung konnte T. mit Hilfe der Sozialdemokratin Elli Horeni im November 1935 durch Flucht in die Schweiz entkommen. Dort setzte er seine politische Arbeit fort und heiratete im Dezember 1936 die ebenfalls aus Ffm. emigrierte Margot Weyel. Im Juni 1940 wurde T. festgenommen und ab 16.8.1940 im Zuchthaus St. Gallen inhaftiert. Die Anklage wegen „Durchführung von Schulungskursen, die der kommunistischen Propaganda oder Taktik dienen“, wurde im Dezember 1940 eingestellt. Trotzdem blieb T. in Haft. Von März 1941 bis Dezember 1944 war er in den Arbeitslagern von Malvaglia und Gordola im Tessin sowie im Kriegsgefangenenlager Bassecourt im Schweizer Jura interniert. Nach seiner Entlassung war T. als Mitarbeiter der Bibliothek Vadiana St. Gallen tätig und beteiligte sich am Aufbau der Freien Deutschen Bewegung (FDB) in der Schweiz.
Im September 1945 nach Ffm. zurückgekehrt, widmete sich T. wieder intensiv der Bildungsarbeit, insbesondere dem Wiederaufbau der Erwachsenenbildung. Gemeinsam mit Else Epstein, die er seit seiner Jugend – nicht zuletzt durch das Engagement seiner Eltern für die Volksbildungs- und Volksbühnenbewegung – kannte und die er Anfang Oktober 1945 auf Vermittlung des städtischen Kulturrats Eberhard Beckmann wiedertraf, ging er unverzüglich daran, den (1919 aus dem Ausschuss für Volksvorlesungen hervorgegangenen) Ffter Bund für Volksbildung (FBfV) neu zu organisieren. Schon am 17.10.1945 hielt Oberbürgermeister Kurt Blaum im Börsensaal den ersten Nachkriegsvortrag des FBfV. Knapp zwei Monate später, am 14.12.1945, wählte der 15-köpfige Arbeitsausschuss, darunter Else Epstein und Carl T. als die beiden gleichberechtigten Geschäftsführer, Eberhard Beckmann zum neuen Vorsitzenden des Bundes. Bald darauf richtete der FBfV in T.s Wohnung in der Hartmann-Ibach-Straße 60 die erste Geschäftsstelle ein. Mit der Lizenz der amerikanischen Militärregierung vom 12.3.1946, die dem Bund die Abhaltung öffentlicher Veranstaltungen genehmigte, war der Ffter Bund für Volksbildung auch offiziell wiederbegründet. Die Anfänge des hessischen „Dritten Bildungswegs“ markierte z. B. die 1947 erstmals angebotene Möglichkeit für Kriegsteilnehmer und speziell geförderte jugendliche Arbeiter, sich in Abendlehrgängen auf eine „Sonderreifeprüfung“, ein außerschulisches Abitur, vorzubereiten. Seit dem Tod von Else Epstein im Dezember 1948 war T. leitender Direktor des Ffter Bunds für Volksbildung und stand somit an der Spitze der Ffter Erwachsenenbildung. Am 1.3.1969 übergab er das Direktorenamt an seinen Nachfolger Roland Petri (1928-2012), den er als „Alt-Direktor“ noch eine Zeitlang beratend unterstützte. Zum 1.12.1969 trat T. endgültig in den Ruhestand.
Im Dienste der Volksbildungsbewegung und deren Wiederaufbau in Ffm. hatte T. ein breites Engagement auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene entfaltet. Die Arbeit des Ffter Bundes wurde flankierend gesichert durch das Netz überregionaler Volksbildungsverbände, die T. mitbegründet hatte und durch seine Mitarbeit unterstützte. Er war geschäftsführendes Vorstandsmitglied, zeitweise als stellvertretender Vorsitzender, des 1946 von ihm mitbegründeten Hessischen Landesverbands für Erwachsenenbildung und seit 1948 Geschäftsführer des vor der eigentlichen Gründung 1953 als Arbeitskreis bestehenden Deutschen Volkshochschul-Verbands. 1951 veranstaltete er in Ffm. und Königstein den Ersten deutschen Volksbildungstag. Die Hauptaufgabe der Volksbildung sah T. in der staatspolitischen Erziehung. So bot der Ffter Bund für Volksbildung in den Fünfzigerjahren Diskussionsrunden zu Themen wie Nichtwähler, europäische Einheit und Wiederbewaffnung an. Die am 7.6.1950 gemeinsam mit den Gewerkschaften gegründete örtliche Arbeitsgemeinschaft „Arbeit und Leben“ zur politischen und sozialen Weiterbildung, deren Vorsitz T. übernahm, ging auf seine Initiative zurück; auch war er an der Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft „Arbeit und Leben“ in Hessen (6.11.1950) und des Bundesarbeitskreises „Arbeit und Leben“ (1956) maßgeblich beteiligt. Zudem initiierte T. die Anfang der Sechzigerjahre eingerichteten Ffter Altenclubs, die Strafgefangenenarbeit und die Ausländerhilfe. 1964, vor dem Hintergrund des Ffter Auschwitz-Prozesses, veranstaltete T. mit dem Ffter Bund für Volksbildung die Ausstellung „Auschwitz. Bilder und Dokumente“ in der Ffter Paulskirche, eine der frühesten Dokumentationen zur Geschichte des Nationalsozialismus, die sich an ein breites Publikum richtete; die Ausstellung wurde danach in zehn weiteren bundesdeutschen und österreichischen Großstädten gezeigt.
Von den verschiedenen Bereichen der Volksbildung lag T. die Volksbühnenarbeit besonders am Herzen. Als Theaterbesucherorganisation des Ffter Bundes wurde bereits im Februar 1947 die (erstmals 1921 eingeführte) „Ffter Volksbühne“ wiederbegründet. Am Zusammenschluss der Volksbühnen in Verbänden auf überregionaler und internationaler Ebene war T. an federführender Stelle beteiligt, u. a. als Mitbegründer (1948) und Zweiter Vorsitzender (seit 1952) des Verbands der Deutschen Volksbühnen-Vereine sowie als Mitbegründer der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Theaterbesucherorganisationen. In der Ffter Theaterlandschaft überhaupt war T. eine prägende Persönlichkeit. Er initiierte maßgeblich die Wiederbegründung des Patronatsvereins für die Städtischen Bühnen (1948), als dessen Vorstandsmitglied und Geschäftsführer (Kassierer) er u. a. den Wiederaufbau des kriegszerstörten Schauspielhauses als „Großes Haus“ für Oper und Schauspiel (1951) unterstützte; als Mitglied im Ausschuss „Rettet das Opernhaus!“ (1951-55) bzw. „Saalbau im Opernhaus“ (1955-60) engagierte er sich für den Wiederaufbau des ebenfalls kriegszerstörten Opernhauses, der heutigen Alten Oper.
Als neues Theater des Ffter Bunds für Volksbildung gründete T. 1953 die Landesbühne Rhein-Main. Diese Wanderbühne mit volksbildendem Anspruch sollte seit ihrem Debüt am 30.10.1953 gute Aufführungen in die (theaterlosen) Landgemeinden und Kleinstädte in Südhessen bringen. Seit der Eröffnung des wiederaufgebauten Volksbildungsheims mit dem Großen Saal am 18.12.1953 verfügte die Landesbühne auch über eine Spielstätte in Ffm., an der ihre meisten Premieren stattfanden. Die Leitung der Landesbühne teilten sich zunächst T. für den geschäftlichen und Siegfried Nürnberger für den künstlerischen Bereich. Nach Nürnbergers Weggang als Intendant an das Städtische Theater Mainz 1955 behielt sich T. als geschäftsführender Direktor die Oberhoheit über die Landesbühne vor, unter wechselnden künstlerischen Leitern, bis der bisherige Organisationschef Georg Aufenanger 1959 die künstlerische und geschäftliche Gesamtleitung der Landesbühne übernahm. Als Direktor des Ffter Bunds für Volksbildung setzte T. auch künftig die Förderung der Volksbühnenarbeit fort und begleitete die weitere Entwicklung der Landesbühne, die auf seine maßgebliche Initiative hin ein eigenes Haus in Ffm. erhielt, das am 9.3.1963 eröffnete „Theater am Turm“ (TAT) im neuen Anbau des Volksbildungsheims.
Auf kommunalpolitischer Ebene gehörte T. der Theaterdeputation und der Deputation für Wissenschaft, Kunst und Erziehung an. Mitglied im Kulturausschuss der SPD Hessen-Süd.
Mitglied im Beirat der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Gründer und Vorstandsmitglied der Deutsch-Tschechoslowakischen Gesellschaft. Bis zu seinem Tod war T. in verschiedenen Gremien tätig, u. a. als Vorsitzender im Verwaltungsrat des Deutschen Volksbühnenverbands, als Vizepräsident in der deutschen Sektion des Internationalen Theater-Instituts und als Ehrenmitglied im Vorstand des Hessischen Landesverbands für Erwachsenenbildung.
Herausgeber der Zeitschriften „Die Volksbühne“ in Ffm. (seit 1949) und „Volksbildung in Hessen“ (seit 1951).
1962 Ehrenplakette der Stadt Ffm. 1967 Goetheplakette der Stadt Ffm. und Medaille „Lidice 1942 – 1967“. Goldene Ehrennadel der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Felix Blömeke/Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 463f., verfasst von: Felix Blömeke.

Lexika: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. 3 Bde. München/New York/London/Paris 1980-83.Emigrantenlex. I, S. 758. | Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Schauspiel. Oper. Film. Rundfunk. Hg. v. Herbert A. Frenzel und Hans Joachim Moser. Berlin 1956.Kürschner: Theater, S. 739.
Literatur:
                        
Bayerl, Sabine/Braun, Karlheinz/Schiedermair, Ulrike [Hg.]: Das TAT. Das legendäre Ffter Theaterlabor. Leipzig 2016.Hock, Sabine: Vier Theaterdirektoren und eine Volksschauspielerin. Die Anfangsjahre [der Landesbühne Rhein-Main, des späteren Theaters am Turm]. In: Bayerl/Braun/Schiedermair [Hg.]: TAT 2016, S. 50f. | Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 580. | Deutsches Bühnen-Jahrbuch. Hg. v. d. Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. Berlin, später Hamburg 1915-heute.Dt. Bühnen-Jb. 1972, S. 120f. (Nekr.) | Gniffke, Kai: Volksbildung in Ffm. 1890-1990. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum Ffter Bund für Volksbildung e. V., Volkshochschule Stadt Ffm., Ffter Bund für Volksbildung GmbH. Ffm. 1990.Gniffke: Volksbildung 1990. | Hock, Sabine: Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie. Ffm. 2004.Hock: Liesel Christ 2004, S. 74, 90, 96f., 108. | Leonhardt, Theresa Victoria: Aus der Krise geboren. Theaterfördervereine und ihre Protagonisten in Ffm. seit 1924. Ffm. [Copyright 2018]. (Studien zur Ffter Geschichte 65).Leonhardt: Theaterfördervereine 2018, S. 193, 198f., 203, 225, 266, 307, 315f., 319, 478. | 100 Jahre Riederwald jung, dynamisch, frech 1911-2011. Hg.: Vereinsring Riederwald e. V. Red.: Bruni Marx. Mitarb.: Johanna Begrich. Ffm. 2011.Marx: 100 Jahre Riederwald 2011, S. 34-36. | Wer ist’s? Titel auch: Degener’s Wer ist’s? Titel ab 1923: Wer ist wer? Wechselnde Untertitel: Zeitgenossenlexikon. / Unsere Zeitgenossen. / Das deutsche Who’s who. Leipzig, ab 1928 Berlin 1905-93.Wer ist wer? 1969/70, S. 1316.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1911, T. I, S. 464; 1912, T. I, S. 483. | Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Goetz, Hermann: 30.6.1962 – Karl Tesch 60 Jahre alt. In: Die Volksbühne 12 (1961/62), H. 11, 22.6.1962, S. 219-221 (m. Abb. auf dem Titelblatt des Hefts). | Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Tesch, Carl: Vom „Gasthof zur weißen Lilie“ zum „Theater am Turm“. In: Die Volksbühne 15 (1964/65), H. 3, 24.10.1964, S. 49-55. | Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Goetz, Hermann: Direktor Carl Tesch 65 Jahre. In: Die Volksbühne 17 (1966/67), H. 11, 20.6.1967, S. 81f. (m. Abb. auf dem Titelblatt des Hefts). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/689. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).Zur Ausstellung über Auschwitz in der Paulskirche, 1964: ISG, S3/H 3.343 (Paulskirche: Veranstaltungen, bis 1969). | Frdl. Mitteilungen an d. Verf.Mitteilungen von Dieter Wesp, Ffm., 16.10.2019 und 30.10.2019, u. a. anhand von Dokumenten (wie dem Abgangszeugnis von der Brüder-Grimm-Mittelschule, 1917, dem Lehrzeugnis von Voigt & Haeffner, 1920, und dem Arbeitszeugnis der SAJ, 1925) aus dem Familienarchiv Tesch in Privatbesitz.
Internet: Historisches Lexikon der Schweiz, Bern. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D28043.php
Hinweis: Artikel von Hermann Wichers.
Hist. Lex. d. Schweiz, 4.6.2020.


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Empfohlene Zitierweise: Blömeke, Felix/Hock, Sabine: Tesch, Carl. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1451

Stand des Artikels: 23.6.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 01.2016.