Tesch, Familie

Familie Tesch

Johanna (hinten li.) und Richard Tesch (hinten re.) mit ihren Söhnen Friedrich, Wilhelm und Carl (vorn von li. nach re.)
Fotografie (um 1905; in Privatbesitz).

© Sonja Tesch, Hamburg.
Im Verlauf zweier Generationen prägte die sozialdemokratische Familie das politische Geschehen, das Vereinswesen, die Volksbildungsarbeit und das Theaterleben in Ffm. Die Ffter Familie T. geht zurück auf den aus Pommern stammenden Schneider Richard T., der als Geselle nach 1890 nach Ffm. kam. Hier heiratete er 1899 Johanna Carillon, die Tochter eines Sachsenhäuser Schneidermeisters. Richard T. engagierte sich schon früh in der Gewerkschaft, für die Arbeiterbildung und insbesondere in der Volksbühnenbewegung. Seine Frau Johanna T., geb. Carillon, war eine der ersten Frauen, die in ein deutsches Parlament gewählt wurden: Als Vertreterin der SPD gehörte sie 1919 der Deutschen Nationalversammlung in Weimar und von 1920 bis 1924 dem Deutschen Reichstag in Berlin an. Als ehemalige Reichstagsabgeordnete der SPD wurde sie in der NS-Zeit im Zuge der „Aktion Gitter“ am 22.8.1944 verhaftet. Sie starb im März 1945 an Hunger und Entkräftung im Konzentrationslager Ravensbrück. Der Sohn Carl T., der im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aktiv war, kehrte im September 1945 aus dem Exil in der Schweiz nach Ffm. zurück und baute zusammen mit Else Epstein den Ffter Bund für Volksbildung wieder auf, dessen alleiniger leitender Direktor er von 1948 bis 1969 war. Nicht nur als Wiederbegründer der Theaterbesucherorganisation „Ffter Volksbühne“ (1947) und Gründer der Landesbühne Rhein-Main (1953) gehörte Carl T. zudem zu den bedeutendsten und bestimmenden Persönlichkeiten in der Ffter Theaterlandschaft der ersten Nachkriegsjahrzehnte.
Familiennachlass im ISG.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 463, verfasst von: Felix Blömeke.

Literatur:
                        
100 Jahre Riederwald jung, dynamisch, frech 1911-2011. Hg.: Vereinsring Riederwald e. V. Red.: Bruni Marx. Mitarb.: Johanna Begrich. Ffm. 2011.Marx: 100 Jahre Riederwald 2011, S. 28-36. | Tesch, Johanna: Briefwechsel 1909-1945. Dokumentation. Hg. v. Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. u. Sonja Tesch. Sonderausgabe Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. Ffm. 2020.Tesch, Johanna: Briefwechsel 2020.
Quellen: ISG, Bestand Nachlässe (S1).Familiennachlass: ISG, S1/248.

GND: 1027355323 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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4 herausragende Vertreter der Familie in Ffm.

Tesch, Carl

Leitender Direktor des Ffter Bundes für Volksbildung von 1948 bis 1969.
Carl Tesch

Carl Tesch anlässlich der Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Ffm. zu seinem 60. Geburtstag 1962
Fotografie von Günter Englert (1962).

© Günter Englert / Mathilde Englert, Ffm.
Tesch, Carl. Werkzeugmacher. Gewerkschafts- und Kulturfunktionär. Bildungsreformer. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 30.6.1902 Ffm., † 16./17.10.1970 Ffm.
Jüngster Sohn von Richard und Johanna T., geb. Carillon. Zwei Brüder. Verheiratet (von 1936 bis zur Trennung 1955 und Scheidung 1969) mit Margot T. Zwei Töchter.
T. wurde in der elterlichen Wohnung in der Stegstraße 50 in Sachsenhausen geboren und wuchs ab etwa 1911/12 in der Arbeitersiedlung Riederwald auf. Nach dem Besuch der Brüder-Grimm-Mittelschule im Ostend (1909-17) absolvierte er von 1917 bis 1920 eine Lehre als Werkzeugmacher („Schnittmacher“) bei der Ffter Firma „Voigt & Haeffner“. Seit 1917 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), schloss er sich 1920 dem davon abgespaltenen Arbeiter-Jugendbund an und wurde dessen hauptamtlicher Sekretär. Nach Rückkehr des Arbeiter-Jugendbunds in die SAJ 1921 war er wohl deren Bezirkssekretär für Hessen; nachweislich ab dem 1.1.1923 war er in der Waren- und Buchvertriebsstelle des Ortsvereins Groß-Fft. der SAJ angestellt. Nach seiner Entlassung wegen fehlender finanzieller Mittel bei der SAJ 1925 arbeitete er als Handelsvertreter. Bereits 1920 war T. der SPD beigetreten. Die sich im Rahmen der außerschulischen Erwachsenenbildung in den Zwanzigerjahren entfaltenden Möglichkeiten für die bildungspolitisch benachteiligten Angehörigen der Arbeiterschaft nutzte T. intensiv. 1926/27 studierte er an der Ffter Akademie der Arbeit. Nachdem er 1928 eine Stelle als Sekretär des Verbands der Gemeinde- und Staatsarbeiter (des späteren Gesamtverbands der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs) und damit eine Führungsposition bei den Gewerkschaften in Berlin angenommen hatte, besuchte T. daneben die dortige Deutsche Hochschule für Politik (1930-31), u. a. als Schüler von Theodor Heuss. In Berlin betrieb er schließlich selbst gewerkschaftliche Bildungsarbeit und wurde Leiter einer Volksbibliothek. Seit 1931 gehörte er dem republikanischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an. 1932 oder spätestens 1933 verlor T. seine Stellung, kehrte nach Ffm. zurück und und hielt sich mit einem Job zur Abonnentenwerbung für das Neue Theater finanziell über Wasser. T. arbeitete im politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, insbesondere durch den Vertrieb illegaler Informationsblätter in enger Verbindung mit Paul Apel und dessen sozialistischer Untergrundorganisation. Der drohenden Verhaftung konnte T. mit Hilfe der Sozialdemokratin Elli Horeni im November 1935 durch Flucht in die Schweiz entkommen. Dort setzte er seine politische Arbeit in einer Emigrantengruppe in St. Gallen fort und heiratete im Dezember 1936 seine Freundin Margot Weyel, mit er schon in Ffm. zusammengelebt hatte; nach T.s Flucht war Margot Weyel in Ffm. vorübergehend in Gestapohaft genommen worden und daraufhin unter dem Vorwand, eine Arbeitsstelle in Genf anzutreten, in die Schweiz ausgereist. Im Juni 1940 wurde T. festgenommen und ab 16.8.1940 im Zuchthaus St. Gallen inhaftiert. Die Anklage wegen „Durchführung von Schulungskursen, die der kommunistischen Propaganda oder Taktik dienen“, wurde im Dezember 1940 eingestellt. Trotzdem blieb T. in Haft. Von März 1941 bis Dezember 1944 war er in den Arbeitslagern von Malvaglia und Gordola im Tessin sowie im Kriegsgefangenenlager Bassecourt im Schweizer Jura interniert. Nach seiner Entlassung war T. als Mitarbeiter der Bibliothek Vadiana St. Gallen tätig und beteiligte sich am Aufbau der Freien Deutschen Bewegung (FDB) in der Schweiz. Getragen vom Gedanken der Einheitsfront trat T. nach seiner Heimkehr aus dem Exil 1945 der KPD bei, die er jedoch enttäuscht bald verließ, um sich erneut der SPD anzuschließen.
Im September 1945 nach Ffm. zurückgekehrt, widmete sich T. wieder intensiv der Bildungsarbeit, insbesondere dem Wiederaufbau der Erwachsenenbildung. Gemeinsam mit Else Epstein, die er seit seiner Jugend – nicht zuletzt durch das Engagement seiner Eltern für die Volksbildungs- und Volksbühnenbewegung – kannte und die er Anfang Oktober 1945 auf Vermittlung des städtischen Kulturrats Eberhard Beckmann wiedertraf, ging er unverzüglich daran, den (1919 aus dem Ausschuss für Volksvorlesungen hervorgegangenen) Ffter Bund für Volksbildung (FBfV) neu zu organisieren. Schon am 17.10.1945 hielt Oberbürgermeister Kurt Blaum im Börsensaal den ersten Nachkriegsvortrag des FBfV. Knapp zwei Monate später, am 14.12.1945, wählte der 15-köpfige Arbeitsausschuss, darunter Else Epstein und Carl T. als die beiden gleichberechtigten Geschäftsführer, Eberhard Beckmann zum neuen Vorsitzenden des Bundes. Bald darauf richtete der FBfV in T.s Wohnung in der Hartmann-Ibach-Straße 60 die erste Geschäftsstelle ein. Mit der Lizenz der amerikanischen Militärregierung vom 12.3.1946, die dem Bund die Abhaltung öffentlicher Veranstaltungen genehmigte, war der Ffter Bund für Volksbildung auch offiziell wiederbegründet. Die Anfänge des hessischen „Dritten Bildungswegs“ markierte z. B. die 1947 erstmals angebotene Möglichkeit für Kriegsteilnehmer und speziell geförderte jugendliche Arbeiter, sich in Abendlehrgängen auf eine „Sonderreifeprüfung“, ein außerschulisches Abitur, vorzubereiten. Seit dem Tod von Else Epstein im Dezember 1948 war T. leitender Direktor des Ffter Bunds für Volksbildung und stand somit an der Spitze der Ffter Erwachsenenbildung. Zur Anpassung an die Wünsche nach einer aktiven Freizeitgestaltung in Wirtschaftswunderzeiten entstand 1956 die neue Abteilung Volkshochschule des Ffter Bunds für Volksbildung. Deren Leitung übernahm Walter Möller, der zudem zwei Jahre später zum stellvertretenden Direktor des Bunds an der Seite von T. aufstieg (bis 1961). Am 1.3.1969 übergab T. das Direktorenamt an seinen Nachfolger Roland Petri (1928-2012), den er als „Alt-Direktor“ noch eine Zeitlang beratend unterstützte. Zum 1.12.1969 trat T. endgültig in den Ruhestand.
Im Dienste der Volksbildungsbewegung und deren Wiederaufbau in Ffm. hatte T. ein breites Engagement auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene entfaltet. Die Arbeit des Ffter Bundes wurde flankierend gesichert durch das Netz überregionaler Volksbildungsverbände, die T. mitbegründet hatte und durch seine Mitarbeit unterstützte. Er war geschäftsführendes Vorstandsmitglied, zeitweise als stellvertretender Vorsitzender, des 1946 von ihm mitbegründeten Hessischen Landesverbands für Erwachsenenbildung und seit 1948 Geschäftsführer des vor der eigentlichen Gründung 1953 als Arbeitskreis bestehenden Deutschen Volkshochschul-Verbands. 1951 veranstaltete er in Ffm. und Königstein den Ersten deutschen Volksbildungstag. Die Hauptaufgabe der Volksbildung sah T. in der staatspolitischen Erziehung. So bot der Ffter Bund für Volksbildung in den Fünfzigerjahren Diskussionsrunden zu Themen wie Nichtwähler, europäische Einheit und Wiederbewaffnung an. Die am 7.6.1950 gemeinsam mit den Gewerkschaften gegründete örtliche Arbeitsgemeinschaft „Arbeit und Leben“ zur politischen und sozialen Weiterbildung, deren Vorsitz T. übernahm, ging auf seine Initiative zurück; auch war er an der Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft „Arbeit und Leben“ in Hessen (6.11.1950) und des Bundesarbeitskreises „Arbeit und Leben“ (1956) maßgeblich beteiligt. Zudem initiierte T. die Anfang der Sechzigerjahre eingerichteten Ffter Altenclubs, die Strafgefangenenarbeit und die Ausländerhilfe. 1964, vor dem Hintergrund des Ffter Auschwitz-Prozesses, veranstaltete T. mit dem Ffter Bund für Volksbildung die Ausstellung „Auschwitz. Bilder und Dokumente“ in der Ffter Paulskirche, eine der frühesten Dokumentationen zur Geschichte des Nationalsozialismus, die sich an ein breites Publikum richtete; die Ausstellung wurde danach in zehn weiteren bundesdeutschen und österreichischen Großstädten gezeigt.
Von den verschiedenen Bereichen der Volksbildung lag T. die Volksbühnenarbeit besonders am Herzen. Als Theaterbesucherorganisation des Ffter Bundes wurde bereits im Februar 1947 die (erstmals 1921 eingeführte) „Ffter Volksbühne“ wiederbegründet. Am Zusammenschluss der Volksbühnen in Verbänden auf überregionaler und internationaler Ebene war T. an federführender Stelle beteiligt, u. a. als Mitbegründer (1948) und Zweiter Vorsitzender (seit 1952) des Verbands der Deutschen Volksbühnen-Vereine sowie als Mitbegründer der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Theaterbesucherorganisationen. In der Ffter Theaterlandschaft überhaupt war T. eine prägende Persönlichkeit. Er initiierte maßgeblich die Wiederbegründung des Patronatsvereins für die Städtischen Bühnen (1948), als dessen Vorstandsmitglied und Geschäftsführer (Kassierer) er u. a. den Wiederaufbau des kriegszerstörten Schauspielhauses als „Großes Haus“ für Oper und Schauspiel (1951) unterstützte; als Mitglied im Ausschuss „Rettet das Opernhaus!“ (1951-55) bzw. „Saalbau im Opernhaus“ (1955-60) engagierte er sich für den Wiederaufbau des ebenfalls kriegszerstörten Opernhauses, der heutigen Alten Oper.
Als neues Theater des Ffter Bunds für Volksbildung gründete T. 1953 die Landesbühne Rhein-Main. Diese Wanderbühne mit volksbildendem Anspruch sollte seit ihrem Debüt am 30.10.1953 gute Aufführungen in die (theaterlosen) Landgemeinden und Kleinstädte in Südhessen bringen. Seit der Eröffnung des wiederaufgebauten Volksbildungsheims mit dem Großen Saal am 18.12.1953 verfügte die Landesbühne auch über eine Spielstätte in Ffm., an der ihre meisten Premieren stattfanden. Die Leitung der Landesbühne teilten sich zunächst T. für den geschäftlichen und Siegfried Nürnberger für den künstlerischen Bereich. Nach Nürnbergers Weggang als Intendant an das Städtische Theater Mainz 1955 behielt sich T. als geschäftsführender Direktor die Oberhoheit über die Landesbühne vor, unter wechselnden künstlerischen Leitern, bis der bisherige Organisationschef Georg Aufenanger 1959 die künstlerische und geschäftliche Gesamtleitung der Landesbühne übernahm. Als Direktor des Ffter Bunds für Volksbildung setzte T. auch künftig die Förderung der Volksbühnenarbeit fort und begleitete die weitere Entwicklung der Landesbühne, die auf seine maßgebliche Initiative hin ein eigenes Haus in Ffm. erhielt, das am 9.3.1963 eröffnete „Theater am Turm“ (TAT) im neuen Anbau des Volksbildungsheims.
Auf kommunalpolitischer Ebene gehörte T. der Theaterdeputation und der Deputation für Wissenschaft, Kunst und Erziehung an. Mitglied im Kulturausschuss der SPD Hessen-Süd.
Mitglied im Beirat der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Gründer und Vorstandsmitglied der Deutsch-Tschechoslowakischen Gesellschaft. Bis zu seinem Tod war T. in verschiedenen Gremien tätig, u. a. als Vorsitzender im Verwaltungsrat des Deutschen Volksbühnenverbands, als Vizepräsident in der deutschen Sektion des Internationalen Theater-Instituts und als Ehrenmitglied im Vorstand des Hessischen Landesverbands für Erwachsenenbildung.
Herausgeber der Zeitschriften „Die Volksbühne“ in Ffm. (seit 1949) und „Volksbildung in Hessen“ (seit 1951).
1962 Ehrenplakette der Stadt Ffm. 1967 Goetheplakette der Stadt Ffm. und Medaille „Lidice 1942 – 1967“. Goldene Ehrennadel der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger.

Lexika: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. 3 Bde. München/New York/London/Paris 1980-83.Emigrantenlex. I, S. 758. | Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Schauspiel. Oper. Film. Rundfunk. Hg. v. Herbert A. Frenzel und Hans Joachim Moser. Berlin 1956.Kürschner: Theater, S. 739.
Literatur:
                        
Bayerl, Sabine/Braun, Karlheinz/Schiedermair, Ulrike [Hg.]: Das TAT. Das legendäre Ffter Theaterlabor. Leipzig 2016.Hock, Sabine: Vier Theaterdirektoren und eine Volksschauspielerin. Die Anfangsjahre [der Landesbühne Rhein-Main, des späteren Theaters am Turm]. In: Bayerl/Braun/Schiedermair [Hg.]: TAT 2016, S. 50f. | Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 580. | Deutsches Bühnen-Jahrbuch. Hg. v. d. Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. Berlin, später Hamburg 1915-heute.Dt. Bühnen-Jb. 1972, S. 120f. (Nekr.) | Gniffke, Kai: Volksbildung in Ffm. 1890-1990. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum Ffter Bund für Volksbildung e. V., Volkshochschule Stadt Ffm., Ffter Bund für Volksbildung GmbH. Ffm. 1990.Gniffke: Volksbildung 1990. | Hock, Sabine: Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie. Ffm. 2004.Hock: Liesel Christ 2004, S. 74, 90, 96f., 108. | Leonhardt, Theresa Victoria: Aus der Krise geboren. Theaterfördervereine und ihre Protagonisten in Ffm. seit 1924. Ffm. [Copyright 2018]. (Studien zur Ffter Geschichte 65).Leonhardt: Theaterfördervereine 2018, S. 193, 198f., 203, 225, 266, 307, 315f., 319, 478. | 100 Jahre Riederwald jung, dynamisch, frech 1911-2011. Hg.: Vereinsring Riederwald e. V. Red.: Bruni Marx. Mitarb.: Johanna Begrich. Ffm. 2011.Marx: 100 Jahre Riederwald 2011, S. 34-36. | Tesch, Johanna: Briefwechsel 1909-1945. Dokumentation. Hg. v. Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. u. Sonja Tesch. Sonderausgabe Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. Ffm. 2020.Tesch, Johanna: Briefwechsel 2020. | Wer ist’s? Titel auch: Degener’s Wer ist’s? Titel ab 1923: Wer ist wer? Wechselnde Untertitel: Zeitgenossenlexikon. / Unsere Zeitgenossen. / Das deutsche Who’s who. Leipzig, ab 1928 Berlin 1905-93.Wer ist wer? 1969/70, S. 1316.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1911, T. I, S. 464; 1912, T. I, S. 483. | Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Goetz, Hermann: 30.6.1962 – Karl Tesch 60 Jahre alt. In: Die Volksbühne 12 (1961/62), H. 11, 22.6.1962, S. 219-221 (m. Abb. auf dem Titelblatt des Hefts). | Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Tesch, Carl: Vom „Gasthof zur weißen Lilie“ zum „Theater am Turm“. In: Die Volksbühne 15 (1964/65), H. 3, 24.10.1964, S. 49-55. | Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Goetz, Hermann: Direktor Carl Tesch 65 Jahre. In: Die Volksbühne 17 (1966/67), H. 11, 20.6.1967, S. 81f. (m. Abb. auf dem Titelblatt des Hefts). | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Familiennachlass: ISG, S1/248. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/689. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).Zur Ausstellung über Auschwitz in der Paulskirche, 1964: ISG, S3/H 3.343 (Paulskirche: Veranstaltungen, bis 1969). | Frdl. Mitteilungen an d. Verf.Mitteilungen von Dieter Wesp, Ffm., 16.10.2019 und 30.10.2019, u. a. anhand von Dokumenten (wie dem Abgangszeugnis von der Brüder-Grimm-Mittelschule, 1917, dem Lehrzeugnis von „Voigt & Haeffner“, 1920, und dem Arbeitszeugnis der SAJ, 1925) aus dem Familienarchiv Tesch in Privatbesitz.
Internet: Historisches Lexikon der Schweiz, Bern. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D28043.php
Hinweis: Artikel von Hermann Wichers.
Hist. Lex. d. Schweiz, 4.6.2020.

Tesch, Johanna

Johanna Tesch

Johanna Tesch
Fotografie von Karl Pinkau (1919; im Besitz des HMF).

© Historisches Museum Frankfurt (Inv.-Nr. Ph22590).
Johanna und Richard Tesch

Johanna und Richard Tesch am Fenster ihrer Wohnung im Riederwald
Fotografie (1932; Ausschnitt; in Privatbesitz).

© Sonja Tesch, Hamburg.
Tesch, Friederike Johanna, geb. Carillon. Politikerin. Frauenrechtlerin. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 24.3.1875 Ffm., † 13. oder 14.3.1945 KZ Ravensbrück (nach Augenzeugenberichten).
Fünftes Kind des aus Wehrheim im Taunus stammenden Schneidermeisters Johann Bernhard Carillon (1838-1908) und seiner Frau Johanna Maria, geb. Pauly (1842-1917). Verheiratet (seit 1899) mit Richard T. Drei Söhne, u. a. Carl T.
Johanna Carillon wurde in der Dreikönigstraße 28 in Sachsenhausen geboren. Sie besuchte von 1882 bis 1889 die Souchay-Mittelschule (in deren Gebäude heute die Textorschule) in der gleichnamigen Straße in Sachsenhausen und arbeitete bis zu ihrer Verheiratung im elterlichen Haushalt. Am 12.11.1896 brachte sie ihren ersten Sohn Friedrich Bernhard, gen. Friedel, zur Welt. Vater war ihr Freund, der Weißbinder Philipp August Keßler, der kurz nach der Geburt des Kindes an Schwindsucht starb (2.12.1896). Am 1. Mai, am „Tag der Arbeit“, 1899 heiratete sie den Schneider und Gewerkschafter Richard T., den sie schon 1892 als Gesellen in der väterlichen Werkstatt kennengelernt hatte. Er nahm ihren Sohn Friedrich (1896-1916) an, und gemeinsam hatten sie die Söhne Wilhelm, gen. Busch (1899-1943), und Carl, gen. Carlemann (1902-1970). Die Familie wohnte zunächst in der Nähe der Eltern Carillon in der Stegstraße 50, 4. Stock (lt. Adressbuch 1900-05), dann in der Rohrbachstraße 40 im Parterre (lt. Adressbuch 1905-10) und danach im 3. Stock der Wittelsbacherallee 93 (lt. Adressbuch 1910-11). Um 1911/12 Umzug in den Riederwald in eine neu erbaute Arbeitersiedlung, zunächst in die Schulze-Delitzsch-Straße 15, etwa ein Jahr später in die Max-Hirsch-Straße 32, 1. Stock, die letzte gemeinsame Wohnung der Familie T.
T. gehörte zu den frühen Aktivistinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Mit dem Ziel, die Chancen der bildungspolitisch benachteiligten Mädchen zu erhöhen, beteiligte sie sich 1902 an der Gründung des „Bildungsvereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse“, und ab 1904 war sie Kassiererin des Bildungsvereins. Der Verein wuchs von 30 Gründungsmitgliedern auf über 500 Mitglieder im Jahr 1909. Schwerpunkt der Arbeit war 1907/08 die Forderung nach dem Frauenwahlrecht. Zur Reichstagswahl 1907 verteilte der Verein in Ffm. 20.000 Flugblätter mit dem Thema „Was haben die Frauen bei der bevorstehenden Reichstagswahl zu tun?“. Mit dem Reichsvereinsgesetz vom 19.4.1908 durften Frauen erstmals politischen Parteien und Organisationen beitreten. 519 Frauen des Bildungsvereins traten daraufhin in die SPD ein und stellten damit über zehn Prozent von deren Mitgliedschaft in Ffm. T.s SPD-Mitgliedsbuch beginnt mit den Beitragsmarken ab Januar 1909, während als Eintrittsdatum auf der ersten Seite der 16.10.1902 vermerkt ist. Ihr Engagement im Bildungsverein wurde so rückwirkend als Parteimitgliedschaft anerkannt.
Schon im November 1906 hatte T. gemeinsam mit Sophie Ennenbach, Anna Gehrke und Marie Bittorf den „Verein für weibliche Hausangestellte“ in Ffm. gegründet, die spätere Ortsgruppe Ffm. des „Verbands der Hausangestellten“ (ab 1909), eine gewerkschaftliche Organisation zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Entlohnung der weiblichen Hausbediensteten. Die Ffter Gruppe hatte im Gründungsjahr 561 Mitglieder. T. war seit 1906 als Kassiererin, seit 1908 als bezahlte Geschäftsführerin für den Verein tätig und leitete das Büro mit täglichen Sprechstunden von 15 bis 19 Uhr. Der Verein hatte sein Geschäftslokal in Ffm. im alten Gewerkschaftshaus in der Allerheiligenstraße 51. 1909 war T. Fft.s Vertreterin bei der Gründungsversammlung des „Zentralverbands der Hausangestellten und Dienstboten“ in Berlin. Zentrale Forderungen des Verbands waren: Beseitigung der Gesindeordnung und rechtliche Gleichstellung mit den gewerblichen Arbeitern und Arbeiterinnen; Unterstellung unter die Gewerbegerichte; Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung auf die in der Hauswirtschaft berufsmäßig beschäftigten Personen. Zwischen 1911 und 1918 amtierte T. mehrfach als Vorsitzende der Ffter Ortsgruppe.
Während des Ersten Weltkriegs war T. hauptamtlich im Fürsorgeamt für Kriegshinterbliebene tätig (ab 1916). Darüber hinaus übernahm sie einige sozialpolitische Verpflichtungen im kommunalen Bereich, u. a. als Mitglied des Hausfrauenausschusses beim 1916 eingerichteten Lebensmittelamt, als Beisitzerin im städtischen Mieteinigungsamt (seit 1917) sowie als Mitglied in der Deputation für die städtischen Nervenheilanstalten (wahrscheinl. spätestens seit 1917; lt. Adressbuch 1918-19) und im Pflegamt der Anstalt für Irre und Epileptische (wahrscheinl. spätestens seit 1917; lt. Adressbuch 1918-20). Seit 1917 gehörte sie der Presskommission der überregional erscheinenden sozialdemokratischen „Volksstimme“ an. Zudem waren Johanna und Richard T. Gründungsmitglieder der Arbeiterwohlfahrt in Ffm.
Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 kandidierte T. erfolgreich für die SPD im Wahlkreis 19 Hessen-Nassau und Waldeck. Sie gehörte damit zu den ersten 37 weiblichen Parlamentariern der deutschen Geschichte. Auch bei der ersten Reichstagswahl 1920 wurde T. wieder gewählt. Von Juni 1920 bis Mai 1924 vertrat sie den Wahlkreis 21 Hessen-Nassau im Deutschen Reichstag. Ihre erste (und einzige) Rede im Reichstag hielt sie am 5.5.1923. Es ging um die Situation der meist weiblichen Hausangestellten. T. forderte eine Beschränkung der täglichen Arbeitszeit (auf zehn Stunden) und bessere Bildungsmöglichkeiten: „Zur besseren Ausbildung der Hausangestellten ist es notwendig, besondere Fachschulen einzurichten. Ferner müssen die jugendlichen Hausangestellten zum Besuch der Fortbildungsschule angehalten und verpflichtet werden, und dieser Besuch muß in die Arbeitszeit fallen.“ (Zit. nach: Reichstagsprotokolle, 347. Sitzung, 5.5.1923.)
Die Wahl in die Nationalversammlung war ein gravierender Einschnitt in T.s Leben. Sie arbeitete ab 1919 in Weimar, ab 1920 in Berlin und war höchstens ein- bis zweimal im Monat kurz in Ffm. Damit lebte sie ein damals neuartiges Rollenmodell: Die Frau machte politische Karriere, und der Ehemann musste neben seiner Berufstätigkeit bei der sozialdemokratischen „Volksstimme“ den Haushalt, den Garten und die Erziehung der herangewachsenen Söhne übernehmen. Wie sehr sie „die Hosen anhatte“, zeigt sich auch in den Grußformeln ihrer Briefe an Richard T.: Häufig unterschreibt sie mit „Hans“, einer Anrede, die ihr Mann gelegentlich übernimmt.
Die Eheleute wechselten von 1919 bis 1925 ca. 300 Briefe und Postkarten, die einen detailreichen Einblick in die Lebensbedingungen und die politische Situation der ersten Jahre der Weimarer Republik erlauben. T. beschreibt anschaulich den Alltag ihres Abgeordnetenlebens zwischen Weimar bzw. Berlin und Ffm. In Weimar stellt sie fest: „(...) das Leben hier ist unheimlich teuer.“ (Brief vom 13.2.1919). So suchte sie sich dort für 6,50 Mark am Tag eine private Unterkunft, da ihr die vom Wohnungsamt zugewiesene für 8,50 Mark zu teuer war. Oft berichtet sie über die Schwierigkeiten der nächtlichen Bahnfahrten zwischen Berlin und Ffm.: „Der Zug aber blieb die ganze Nacht auf dem Bahnsteig stehen und ist des Morgens fahrplanmäßig um 7.25 abgefahren.“ (Brief vom 2.10.1923.) Praktische Fragen der Haushaltsführung und der Bewirtschaftung des Kleingartens im Riederwald sind häufig Gegenstand des Briefwechsels. Sie gibt Tipps zum Einpökeln der Gans und zur Verwendung von Kalbfleisch: „(...) am besten ist es immer gebraten oder als Schnitzel oder auch mit weißer Sauce und gekocht.“ (Brief vom 15.4.1920.) Sie sorgt sich um das Konservieren der Erträge des Gartens: „Sind die Bohnen alle zugeblieben? Sterilisiere sie noch einmal eine halbe Stunde.“ (Brief vom 17.7.1922.) Auch kümmert sie sich um die Wäsche: „Ich komme auf jeden Fall Montag früh zurück, und da ich erst Mittwoch Abend weiter fahre, könnte ich doch vielleicht unsere Wäsche wegwaschen. Da müßtest Du dann allerdings vorher einweichen und Dich erkundigen, ob ich in die Waschküche kann.“ (Brief vom 7.11.1920.) Als die beiden Söhne Wilhelm und Carl T. nach ihrer Berufsausbildung bei „Voigt & Haeffner“ 1920 auf die Walz gehen wollen, schreibt T. tadelnd aus Berlin: „Ich halte die Sache für ganz undiskutierbar. In der jetzigen Zeit kann man nicht mehr als Handwerksbursche auf die Walze gehen wie früher.“ (Brief vom 20.4.1920.) Das Thema der Inflation zieht sich ab 1922 durch die Briefe: „(...) ein Mittagessen kommt 300 Mark, ohne daß man besonders üppig lebt. Jeder Kaffee 65 Mark“, schreibt sie am 16.10.1922, und ein Jahr später, kurz vor dem Höhepunkt der Geldentwertung, hält sie fest: „Wir haben 7 Milliarden bekommen, aber das Leben ist so teuer, daß man zu einem Essen 50-60 Millionen braucht.“ (Brief vom 5.10.1923.)
Ihre eigene Rolle als neue Parlamentarierin in Weimar schätzt T. nüchtern ein: „In den engeren Ausschüßen wird alles vorher beraten, und wenn es in die Fraktionssitzungen kommt, ist schon ziemlich alles fertig. Und wenn auch hin und hergeredet wird, so wird im Grunde genommen doch nicht viel geändert. Wir sind mehr oder weniger dabei nur Statisten, und es kommt mir oft alles wie eine große Komödie vor.“ (Brief vom 13.2.1919.) Innerhalb der sozialdemokratischen Fraktion beurteilt sie die interne Hierarchie mit den Worten: „In der Nationalversammlung sitzen die Größen, darunter auch Quarck und Sinzheimer, ziemlich nach vorne. Die anderen sitzen alle nach dem Alphabet, so daß ich ziemlich nach hinten komme. Das hat aber auch sein Gutes, erstens wird man selbst nicht so viel beobachtet, und zweitens hat man die ganze Versammlung vor sich.“ (Ebd.) Politisch stand T. auf der Linie der Mehrheitssozialdemokratie, die sich vor allem nach links gegen USPD und KPD abgrenzte und auf die Zusammenarbeit mit den Parteien der Mitte (DDP und Zentrum) setzte. Besonders die Ffter Robert Dißmann und Toni Sender, beide früher SPD, jetzt Abgeordnete der USPD, sind Zielscheibe spöttischer Betrachtungen in T.s Briefen: „Außerdem glaube ich auch, daß ihnen jetzt der richtige Hetzapostel fehlt, nachdem ‚Jenosse Robert‘ nicht mehr hier ist.“ (Brief vom 14.1.1920.) Oder bei der Bildung des ersten Kabinetts von Gustav Stresemann im August 1923: „Toni Sender hat eine ganz verrückte Resolution eingebracht, die aber gleichfalls abgelehnt worden ist. Nun werden ja die Frankfurter vor Wut platzen.“ (Brief vom 13.8.1923.)
T. kandidierte 1924 nicht mehr für ein Reichstagsmandat. Ob dafür die Konkurrenz um die Kandidatenplätze oder T.s Belastung durch Mandat und familiäre Verpflichtungen ausschlaggebend war, lässt sich nur mutmaßen. In ihrem Brief zum 25. Hochzeitstag im April 1924 schreibt sie an Richard T.: „Aber ich freue mich doch, daß ich in künftiger Zeit wieder mehr zu Hause sein werde und mit Dir, mein lieber Pa, ein gemütliches Leben führen kann.“ (Brief vom 30.4.1924.) T. blieb weiterhin für die SPD politisch aktiv und unternahm Vortragsreisen im gesamten hessischen Raum, bei denen sie, u. a. im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt, über frauenpolitische Themen sprach. Sie kandidierte 1928 und 1930 erneut für den Reichstag, errang aber, da auf hintere Listenplätze gesetzt, kein Mandat mehr. Bis 1933 war sie Vorstandsmitglied der SPD in Ffm.
Über die politischen Aktivitäten T.s nach 1933 ist wenig bekannt. Sie besuchte 1937/38 dreimal ihren Sohn Carl T., der seit seiner Flucht aus Ffm. 1935 im Exil in der Schweiz lebte und dort weiterhin im Widerstand gegen den Nationalsozialismus arbeitete. Paul Müller (1904-1990), ebenfalls Emigrant in der Schweiz, wertet aus seiner Erinnerung diese Kontakte mit dem Sohn sowie einen angeblichen Briefwechsel über Deckadressen als Tätigkeit im Widerstand. Demnach soll T. ihren Sohn mit Informationen über die innenpolitische Lage versorgt und Unterstützungsgelder aus der Schweiz an illegal arbeitende Freunde weitergeleitet haben. Dagegen hält die Enkelin Sonja T. (* 1942) aufgrund der Familienüberlieferung die Beteiligung von T. am Widerstand für unwahrscheinlich. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde T. als ehemalige Reichstagsabgeordnete der SPD im Rahmen der „Aktion Gitter“ am 22.8.1944 festgenommen, im Untersuchungsgefängnis Klapperfeld in Ffm. inhaftiert und im Gestapohauptquartier in der Lindenstraße verhört. Von Ffm. wurde sie am 18.9.1944 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen und starb dort im März 1945 an Hunger und Entkräftung. Richard T. setzte sich mehrfach für eine Freilassung seiner Frau ein, schrieb dafür auch an die „Kanzlei des Führers“, ohne Erfolg. Der Abschiedsbrief, den T. kurz vor ihrem Tod schrieb, erreichte Richard T. auf Umwegen im August 1945. Er trug den Brief stets bei sich in seiner Brieftasche, bis diese ihm in den 1950er Jahren gestohlen wurde. Aufrufe in den Ffter Zeitungen, den Brief zurückzugeben, wurden nicht erhört.
Gedenktafel (von Günter Maniewski, 1995) am früheren Wohnhaus in der Max-Hirsch-Straße 32 (heute: Am Alten Volkshaus 1) im Riederwald.
Familiennachlass, darin u. a. der größte Teil des Briefwechsels zwischen Johanna und Richard T., im ISG. Weitere Nachlasssplitter, u. a. die Jahreskalender mit Eintragungen von T. und Fotografien, im HMF.
Johanna-T.-Platz im westlichen Riederwald. Johanna-T.-Schule, eine Gesamtschule (bis 2019: IGS im Norden), am Standort der 2019 geschlossenen Sophienschule in Bockenheim. Johanna-T.-Preis für soziales Engagement, erstmals verliehen 2005 von der SPD Ffm.-Riederwald und der Arbeiterwohlfahrt Ffm.

Lexika: Kosch, Wilhelm: Biographisches Staatshandbuch. Lexikon der Politik, Presse und Publizistik. 2 Bde. Bern/München 1963.Kosch: Staatshdb., Bd. 2, S. 1146. | Amtliches Reichstags-Handbuch. [Mit Titelvarianten.] Berlin 1874-1939.Reichstags-Hdb. (I. Wahlperiode 1920), S. 342. | Schumacher, Martin (Hg.): M. d. R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische Dokumentation. Düsseldorf 1991. 3., erw. Aufl. Düsseldorf 1994. (Veröffentlichung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bonn).Schumacher: MdR 1994, S. 511, Nr. 1592. | Schwarz, Max: M. d. R. Biographisches Handbuch der Reichstage. Hannover 1965.Schwarz: MdR 1965, S. 774.
Literatur:
                        
Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 580f. | Börchers, Sabine: 101 Frauenorte in Fft. [Ffm.] 2016.Börchers: 101 Frauenorte 2016, S. 18f. | Eckhardt, Dieter/Eckhardt, Hanna: Ich bin radical bis auf die Knochen. Meta Quarck-Hammerschlag. Eine Biographie (...). [Ffm. 2016.]Eckhardt/Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag 2016, S. 65-67, 135, 140, 163, 174f., 182. | Informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 [bis 1988: Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Deutschen Widerstandes 1933-1945]. Bisher 45 Jahrgänge. Ffm. 1976-2020.Wesp, Dieter: „…und warte täglich auf ein persönliches Lebenszeichen“. Richard Teschs Briefe an seine Frau Johanna im KZ Ravensbrück. In: Informationen 45 (2020), Nr. 91 (Mai 2020), S. 31-35. | Kasper, Birgit/Schubert, Steffi: Nach Frauen benannt. 127 Straßen in Ffm. Hg. v. Frauenreferat der Stadt Ffm. Ffm. 2013.Kasper/Schubert: Nach Frauen benannt 2013, S. 72. | Keval, Susanna: Widerstand und Selbstbehauptung in Ffm. 1933-1945. Spuren und Materialien. Hg. v. Magistrat der Stadt Ffm. Ffm. 1988.Keval: Widerstand 1988, S. 243. | Klausmann, Christina: Politik und Kultur der Frauenbewegung im Kaiserreich. Das Beispiel Ffm. Ffm. 1997. (Geschichte und Geschlechter 19).Klausmann: Frauenbewegung 1997, S. 348f. | Lindhoff, Alicia: Fft.s berühmte Töchter und Söhne. Gudensberg-Gleichen 2011.Lindhoff: Fft.s berühmte Töchter und Söhne 2011, S. 59f. | 100 Jahre Riederwald jung, dynamisch, frech 1911-2011. Hg.: Vereinsring Riederwald e. V. Red.: Bruni Marx. Mitarb.: Johanna Begrich. Ffm. 2011.Marx: 100 Jahre Riederwald 2011, S. 28-34. | Mitteilungsblatt des Vereins für Ffter Arbeitergeschichte. 38 Bände. Ffm. 1985-2012.Eckhardt, Hanna: Johanna Tesch (1875-1945). Ffter Streiterin für soziale Gerechtigkeit. In: Mitt. d. Vereins f. Ffter Arbeitergesch. 31 (2005), S. 4-34. | Tesch, Johanna: Briefwechsel 1909-1945. Dokumentation. Hg. v. Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. u. Sonja Tesch. Sonderausgabe Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. Ffm. 2020.Tesch, Johanna: Briefwechsel 2020.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1900-20. | Dokumentationsarchiv des deutschen Widerstandes, Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e. V., Ffm.Müller, Paul: Erinnerungen an Johanna Tesch. Typoskript. Exemplar in: Dokumentationsarchiv d. dt. Widerstandes. | Ffter Rundschau. Ffm. 1945-heute.ana [d. i. Anita Strecker]: Mutige Kämpferin für die Rechte der Frauen. Die Ffter Politikerin Johanna Tesch setzte sich ab dem Jahr 1900 für Arbeiterinnen ein – sie starb vor 60 Jahren im Konzentrationslager. In: FR, 12.3.2005, S. 35. | Inventar zu den Nachlässen der deutschen Arbeiterbewegung. Für die zehn westdeutschen Länder und West-Berlin im Auftr. des Archivs der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung bearb. v. Hans-Holger Paul. München [u. a.] 1993.Inventar zu den Nachlässen d. dt. Arbeiterbewegung, S. 635. | ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbücher, Ffm., 1533-1848/1849-1935.Heiratsurkunde der Eltern: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbuch, Bestand STA 11/15: Standesamt Ffm., Heiratsregister (Trauungsbuch) 1864, S. 109, Eintrag vom 13.4.1864. | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Familiennachlass: ISG, S1/248. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/4.187.
Internet: FemBio, Internetpräsenz des Instituts für Frauen-Biographieforschung, verantwortlich: Luise F. Pusch, Hannover und Boston (USA). https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/johanna-tesch/
Hinweis: Artikel über Johanna Tesch von Adriane von Hoop, 2000.
FemBio, 7.6.2020.
| Ffm. 1933-1945, Internetportal des ISG zur Geschichte der Stadt Ffm. im Nationalsozialismus, hier: Verzeichnis der Gedenktafeln und Gedenkstätten zu Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit, Ffm. https://www.frankfurt1933-1945.de/nc/beitraege/show/1/thematik/gedenktafeln-und-gedenkplastiken-fuer-verfolgte-personen-und-vereinzelte-helfer/artikel/gedenktafel-fuer-johanna-tesch/
Hinweis: Zur Gedenktafel für Johanna Tesch, Am Alten Volkshaus 1.
Ffm. 1933-1945, Gedenken, 7.6.2020.
| Ffter Frauenzimmer – eine Spurensuche, Website des Historischen Museums Fft., Konzeption und Redaktion: Ursula Kern, Ffm. http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/ep10-detail.html?bio=dj
Hinweis: Artikel über Johanna Tesch von Ursula Kern und Anna Schnädelbach, 2017.
Ffter Frauenzimmer, 7.6.2020.
| Frauen Macht Politik, Internetseiten zu einer Kampagne des Frauenreferats der Stadt Ffm. in Kooperation mit dem HMF anlässlich „100 Jahre Frauenwahlrecht“ 2019, Ffm. http://frauen-macht-politik-ffm.de/portraits/johanna-tesch/Frauen Macht Politik, 7.6.2020. | Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. https://www.lagis-hessen.de/pnd/130078948Hess. Biografie, 7.6.2020. | Kunst im öffentlichen Raum Fft., ein Internetportal des Fachbereichs Bildende Kunst im Kulturamt der Stadt Ffm. https://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-frankfurt.de/de/page148.html?id=365Kunst im öffentl. Raum Fft., 7.6.2020. | Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_TeschWikipedia, 7.6.2020.

Tesch, Margot

Tesch, Margot Agnes Gertrud, geb. Weyel. Kaufmännische Angestellte. Kommunalpolitikerin. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 31.1.1912 Marburg, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 25.2.1988 Ffm.
Verheiratet (von 1936 bis zur Trennung 1955 und Scheidung 1969) mit Carl T. Zwei Töchter: Sonja T. (* 1942) und Yvonne T. (* 1947).
Nachdem der Vater Adolf Robert Weyel (1885-1914) im Ersten Weltkrieg bereits am 18.9.1914 gefallen war, übersiedelte die Mutter Jenny Auguste Berta Weyel, geb. Lehmann (1889-?), mit der fünfjährigen Margot 1917 nach Ffm., wo sie zunächst in einem Café arbeitete, aber bald schon eine Damenschneiderei betrieb. Margot Weyel besuchte die Viktoriaschule (heute: Bettinaschule) bis zur Mittleren Reife, absolvierte dann die Handelsschule (1929-30) und eine Lehre im Büro. Bis 1936 arbeitete sie bei verschiedenen Ffter Firmen, zuletzt (seit 1934) als Hollerith-Locherin bei der IG Farben in deren Ffter Verwaltungsgebäude. Wohl 1932 hatte sie Carl T. kennengelernt, mit dem sie später in der Mansarde im Wohnhaus seiner Eltern im Riederwald zusammenlebte. Nach der Flucht von Carl T. in die Schweiz im November 1935 wurde Margot Weyel am 18.2.1936 von der Gestapo verhaftet. Infolge der vierwöchigen Haft verlor sie ihre Arbeitsstelle bei der IG Farben. Von Mai bis September 1936 war sie vorübergehend als Kontoristin bei einer am Schlachthof tätigen Firma beschäftigt. Im Oktober 1936 reiste sie unter dem Vorwand, eine Arbeitsstelle in Genf anzutreten, in die Schweiz aus. Dort heirateten sie und Carl T. im Dezember 1936, was ihr (die nicht als politischer Flüchtling galt) zum Aufenthaltsrecht verhalf. Während der Internierung von Carl T. (1941-44) lebte Margot T. weiterhin in Herisau bei St. Gallen und konnte ihren Mann in Urlauben sehen. Im März 1942 wurde die erste Tochter geboren. Als Carl T., der nach der Internierung zunächst als Bibliothekar in St. Gallen gearbeitet hatte, im September 1945 nach Ffm. zurückkehrte, blieben Margot T. und das Kind angesichts der Seuchengefahr in Deutschland noch in der Schweiz, bevor auch sie im März 1946 nach Ffm. zogen. 1947 wurde die zweite Tochter geboren. Bei dem von ihrem Mann geleiteten Ffter Bund für Volksbildung war T. zunächst im Anmeldebüro für die Kurse tätig und leitete später Studienreisen. Nach der Trennung von Carl T. arbeitete sie seit 1960 als Schulsekretärin im Dienst der Stadt Ffm. 1970 wurde sie zur freigestellten Vorsitzenden des Personalrats im Stadtschulamt gewählt. 1973 ging sie in den Ruhestand.
Von 1964 bis 1968 Stadtverordnete (SPD), u. a. als Mitglied des Schulausschusses, des Stiftungsausschusses und seit 1962 der Schuldeputation. Nach ihrem Ausscheiden aus der Stadtverordnetenversammlung gehörte T. bis 1970 dem Ausgleichsausschuss als Bürgervertreterin an. Von 1969 bis 1974 Stadtbezirksvorsteherin der Bezirke 341 und 350 in Bockenheim.
Von 1951 bis 1962 Mitglied, stellvertretende Vorsitzende und Vorsitzende in den Schulelternbeiräten der Herder-, Bismarck- und Gerhart-Hauptmann-Schule sowie der Kaufmännischen Berufsschule I. Daneben Mitglied im Stadtelternbeirat (1960-64) sowie im Landeseltern- und im Landesschulbeirat (ab 1962). Von 1961 bis 1970 ehrenamtliche Leiterin eines Altenclubs in Bockenheim.
1972 Römerplakette in Silber. 1974 Ehrenbrief des Landes Hessen.

Literatur:
                        
Mitteilungen der Stadtverwaltung Ffm. Amtliches Bekanntmachungsblatt. Ffm. 1945-86.Mitt. d. Stadtverwaltung Ffm. 105 (1974), Nr. 42, 19.10.1974, S. 480. | Tesch, Johanna: Briefwechsel 1909-1945. Dokumentation. Hg. v. Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. u. Sonja Tesch. Sonderausgabe Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. Ffm. 2020.Tesch, Johanna: Briefwechsel 2020, bes. S. 23, 305-314.
Quellen: Adressbuch der Stadt Ffm., 1832-2003.Adr. 1918, T. I, S. 532. | ISG, Personalakten der Stadtverwaltung, ab ca. 1900.ISG, PA 263.026. | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Familiennachlass: ISG, S1/248, bes. Nr. 13. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/7.660.

Tesch, Richard

Johanna und Richard Tesch

Johanna und Richard Tesch
Fotografie (um 1914; in Privatbesitz)

© Sonja Tesch, Hamburg.
Tesch, Richard Adolf Theodor. Schneider. Gewerkschafter. * 9.11.1870 Freienwalde bei Stargard/Pommern, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 21.2.1962 Ffm.
Erstes von sechs Kindern des Schneiders Wilhelm Friedrich T. und dessen Ehefrau Wilhelmine Friederike, geb. Gennrich. Vier Brüder und eine Schwester. Verheiratet (seit 1899) mit Johanna T., geb. Carillon. Drei Söhne, u. a. Carl T.
Der gelernte Schneider kam nach 1890 auf seiner Wanderschaft als Geselle über Berlin nach Ffm., wo er seit 1892 bei dem Schneidermeister Johann Bernhard Carillon (1838-1908) in Sachsenhausen arbeitete. 1899 heiratete T. eine Tochter seines Meisters, Johanna Carillon, deren unehelich geborenen Sohn Friedrich, gen. Friedel (1896-1916; gefallen im Ersten Weltkrieg), er annahm; aus der Ehe stammten zwei weitere Söhne, Wilhelm, gen. Busch (1899-1943), und Carl, gen. Carlemann (1902-1970). Seit 1903 arbeitete T. bei der eng mit Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie verbundenen Union-Druckerei und Verlagsanstalt. Zunächst war er als Expedient im Versand der dort erscheinenden überregionalen „Volksstimme“ tätig; ab 1905 war in den Abteilungen der Buchhaltung und Kasse beschäftigt, und zuletzt leitete er die Anzeigenabteilung. Im April 1933, im Zuge der Einstellung der Zeitung und Liquidierung der Druckerei durch die neuen, nationalsozialistischen Machthaber, wurde T. entlassen und ging damit zwangsweise in den Ruhestand.
Der jüngste Sohn Carl T., der im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv war, konnte angesichts einer drohenden Verhaftung im November 1935 in die Schweiz fliehen, wo ihn die Eltern gemeinsam für einige Wochen 1937 und erneut für ein paar Tage 1938 besuchten. Der mittlere Sohn Wilhelm T., der bei der Firma „Voigt & Haeffner“ in Ffm. arbeitete, kam dort bei dem schweren Luftangriff vom 4.10.1943 ums Leben. Im Zuge der „Aktion Gitter“ wurde Johanna T. als ehemalige Reichstagsabgeordnete der SPD am 22.8.1944 durch die Gestapo verhaftet. Bei einer „zweiten Sprecherlaubnis“ im Untersuchungsgefängnis Klapperfeld sah sich das Ehepaar am 9.9.1944 zum letzten Mal. Einige Tage später (18.9.1944) wurde Johanna T. in das Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Mehrfach versuchte T., seine Frau durch entsprechende Eingaben freizubekommen; er schrieb zunächst an das Ffter Gestapohauptquartier in der Lindenstraße, dann an die Leitung des KZ Ravensbrück und schließlich (27.11.1944) auch an die „Kanzlei des Führers“ – ohne Erfolg. Am 16.2.1945 erreichte ihn eine letzte Karte seiner Frau. Erst am 15.7.1945 bekam er die Nachricht, dass Johanna T. bereits im März 1945 im KZ Ravensbrück gestorben sei. Ihren Abschiedsbrief übergab ihm die nach Ffm. zurückgekehrte Widerstandskämpferin Lore Wolf am 27.8.1945. Richard T. trug seitdem die letzten Briefe seiner Frau aus der Haft immer bei sich, in seiner Brieftasche, die ihm in den Fünfzigerjahren jedoch gestohlen wurde. Aufrufe in den Ffter Zeitungen an den Dieb, alles zu behalten, aber die Briefe zurückzugeben, waren vergeblich.
Seit 1892 Mitglied der SPD, deren Distriktverwaltung und Vorstand er von 1899 bis 1915 angehörte.
T.s ehrenamtliche Tätigkeit im Bereich der Arbeiter-Kulturvereine galt in besonderem Maße der Volksbühnenbewegung. Bereits 1890 der damals entstehenden Berliner Freien Volksbühne beigetreten, gehörte er auch der Ffter Volksbühne seit deren Gründung 1921 an.
Von 1892 bis 1904 Mitglied der Ffter Filiale des Deutschen Schneider- und Schneiderinnen-Verbands. Mitglied im Verein Arbeiterpresse und Unterstützungs-Vereinigung (nachweislich 1903-12), im Arbeiter-Gesangverein „Union“ in Ffm. (1906 bis nachweislich 1922) und im Deutschen Republikanischen Reichsbund (nachweislich 1927-32). Gründungsmitglied der Arbeiterwohlfahrt in Ffm. Bis 1933 Versichertenvertreter im Ausschuss der Allgemeinen Ortskrankenkasse Ffm.
1960 Ehrenplakette der Stadt Ffm. und Ehrenmitglied der Ffter Volksbühne.
Familiennnachlass im ISG. Weitere Nachlasssplitter im HMF.

Literatur:
                        
Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 581. | Informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 [bis 1988: Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Deutschen Widerstandes 1933-1945]. Bisher 45 Jahrgänge. Ffm. 1976-2020.Wesp, Dieter: „…und warte täglich auf ein persönliches Lebenszeichen“. Richard Teschs Briefe an seine Frau Johanna im KZ Ravensbrück. In: Informationen 45 (2020), Nr. 91 (Mai 2020), S. 31-35. | 100 Jahre Riederwald jung, dynamisch, frech 1911-2011. Hg.: Vereinsring Riederwald e. V. Red.: Bruni Marx. Mitarb.: Johanna Begrich. Ffm. 2011.Marx: 100 Jahre Riederwald 2011, S. 28-36. | Tesch, Johanna: Briefwechsel 1909-1945. Dokumentation. Hg. v. Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. u. Sonja Tesch. Sonderausgabe Verein für Ffter Arbeitergeschichte e. V. Ffm. 2020.Tesch, Johanna: Briefwechsel 2020.
Quellen: Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.Die Volksbühne 10 (1960/61), H. 3, November 1960, S. 76 (m. Abb. auf dem Titelblatt des Hefts). | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Familiennachlass: ISG, S1/248. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/686.

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Tesch, Familie. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1447
Die Autorenangabe bezieht sich auf den Artikel über die Familie. Die Angaben zu Autoren der hier ebenfalls dargestellten Personenartikel finden Sie, indem Sie auf die Namen der einzelnen Personen klicken.

Stand des Artikels: 8.3.2021
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 03.2021.