Brüning, Adolf (von)

Mitbegründer der Höchster Farbwerke.

Brüning, Johann Adolf (seit 1883: von). Dr. phil. Chemiker. Industrieller. Politiker. * 16.1.1837 (Wuppertal-)Ronsdorf, † 21.4.1884 Ffm.
Verheiratet (seit 1863) mit Clara (von) B., geb. Spindler.
Schulabschluss am Elberfelder Gymnasium. Chemiestudium 1854/56 bei Carl Remigius Fresenius in Wiesbaden, 1856/57 an der Technischen Hochschule Christiania bei Adolf Strecker, 1858/59 bei Robert Bunsen in Heidelberg. 1857/58 Militärdienst als Freiwilliger bei der reitenden Feldartillerie in Berlin. Nach der Promotion im März 1859 trat B. als Chemiker in das bekannte Berliner Großunternehmen von Wilhelm Spindler ein, das eine Färberei, Textildruckerei und chemische Reinigung umfasste. Obgleich B. das Spindler’sche Unternehmen mitleiten sollte, nahm er 1862 das Angebot seines ehemaligen Studienfreundes Eugen Lucius an, zusammen mit ihm, Carl Friedrich Wilhelm Meister und August Müller in Höchst eine Anilinfarbenfabrik zu gründen. Am 14.7.1863 heiratete B. in Berlin Clara Spindler, die Tochter seines Chefs, und zog mit ihr nach Höchst/Main; ab 1878 bewohnten sie mit ihren sechs Söhnen eine Villa in der Mainzer Landstraße 80. Später erwarben sie einen Landsitz in Bad Homburg.
Laut Gesellschaftervertrag der Firma „Meister, Lucius & Co.“ vom 30.1.1863 wurde B. technischer Direktor mit 25 % Gewinnbeteiligung am Unternehmen; Ende 1864 avancierte B. zum Teilhaber in der chemischen Fabrik, die seit 1867 offiziell „Meister, Lucius & Brüning“ hieß. Neben der Fabrikation von Fuchsin und Anilin trug B.s Entdeckung des Aldehydgrüns 1864 wesentlich zum Aufschwung der Firma bei. Der 1869 von B. entwickelte krapprote Farbstoff Alizarin wurde das erfolgreichste Produkt der Farbwerke Hoechst. 1872 gelang es B., Fuchsin ohne die giftige Arsensäure herzustellen. Unternehmerischen Weitblick bewies er bei der großzügigen Erschließung des neuen Werksgeländes. Die fortwährende Erweiterung der Fabrik zu einem der größten chemischen Industriebetriebe veranlasste die Firmengründer im Januar 1880, das Chemieunternehmen in eine Aktiengesellschaft unter dem Namen „Farbwerke, vormals Meister, Lucius & Brüning“ umzuwandeln.
B. leistete Vorbildliches auf dem Gebiet der betrieblichen Gestaltung, Organisation und Sicherheit. Sowohl im fabrikhygienischen Arbeitsschutz als auch in der Sozialfürsorge machte B. die Farbwerke zu einem mustergültigen Betrieb. Am wirtschaftlichen Wachstum und am wissenschaftlichen Ruhm der Firma hatte B. maßgeblichen Anteil. Für diese Leistungen wurde B. 1873 auf der Wiener Weltausstellung eine Goldmedaille für das Hoechster Unternehmen überreicht. B. trug wesentlich zur sozialen Sicherung der Arbeitnehmer und ihrer Angehörigen bei Unfall, Krankheit, Invalidität, Alter und Tod bei. 1874 gründete er eine „Hilfskasse für erkrankte Arbeiter“ mit der Funktion einer betrieblichen Krankenkasse. Die Werkshygiene war beispielhaft organisiert durch den 1874 von ihm als Werksarzt eingestellten Freund Wilhelm Grandhomme, der Pionierarbeit in der Erforschung von Berufskrankheiten leistete. Über die Firma hinaus setzte sich B. auch für eine gute medizinische Versorgung der Höchster Bevölkerung ein. Dank seiner großzügigen persönlichen Spende 1875 konnte das städtische Höchster Krankenhaus modernisiert und erweitert werden. 1879 richtete B. die „Kaiser-Wilhelm-Augusta-Stiftung“ ein, die an die Hoechster Mitarbeiter Pensionen auszahlte und Hypothekendarlehen zum Hausbau gewährte. Seit 1874 förderte B. den Bau von Werkswohnungen in neuen Wohnsiedlungen. Auf seine Initiative entstanden 1874/75 die ersten Arbeiterwohnungen in der Siedlung Seeacker. Als ein erfolgreicher, sozialpolitisch engagierter Unternehmer unterstützte B. viele soziale und kulturelle Einrichtungen und Aktivitäten im öffentlichen Leben.
Als überzeugtes Mitglied der 1867 gegründeten Nationalliberalen Partei betätigte B. sich auch politisch. Von 1874 bis 1881 vertrat B. den ersten nassauischen Wahlkreis im Berliner Reichstag. Die Außen- und Innenpolitik Bismarcks bejahend, trat er für die Einigung Deutschlands unter einer Verfassung ein. Obgleich B. im preußischen Abgeordnetenhaus keine Reden hielt, beteiligte er sich in den Reichstagsverhandlungen an wirtschaftspolitischen Vorlagen und an zoll- und arbeitsrechtlichen Fragen, u. a. an dem Entwurf des 1878 im Reichstag verabschiedeten Patentgesetzes. In dem nationalliberalen Streit zwischen dem rechten Flügel unter Johannes Miquel und dem linken Flügel unter Eduard Lasker versuchte B. vergeblich zu vermitteln. B. schloss sich der Politik seines Freundes Miquel an. Zusammen mit ihm entwarf B. am 22.2.1884 das Heidelberger Programm, in welchem sich die Nationalliberalen zur Unterstützung der Bismarck’schen Politik bekannten. B., der als Berliner Reichstagsabgeordneter den gesellschaftlichen Umgang mit Bismarck pflegte, beriet diesen auch in sozialpolitischen Fragen, z. B. bei der Ausarbeitung des Krankenversicherungsgesetzes vom 15.6.1883. Als engagiertes Mitglied der Nationalliberalen Partei Fft.s finanzierte B. seine Partei großzügig und verschaffte ihr ein pressewirksames Forum, indem er sich als Zeitungsverleger betätigte. Er erwarb 1876 die Ffter Presse, 1880 das Ffter Journal und vereinigte beide Zeitungen zum publizistischen Parteiorgan. Zusammen mit Miquel und Hermann von Hohenlohe-Langenburg gründete B. am 6.12.1882 den „Deutschen Kolonialverein“ und förderte die deutsche Kolonisation durch hohe Geldbeträge, die zum Ankauf von Ländereien im Kongo, in Argentinien und Paraguay bestimmt waren. B. ließ das von ihm subventionierte Vereinsorgan „Deutsche Colonial-Zeitung“ in der Druckerei des Ffter Journals herstellen.
B. gehörte u. a. dem Verein für Sozialpolitik an. Seit 1878 war er außerordentliches Mitglied der Ffter Künstlergesellschaft, die er durch den Ankauf zahlreicher Kunstwerke unterstützte. Zur Wiederbelebung des Kunstgewerbes begründete er am 25.3.1877 den Mitteldeutschen Kunstgewerbe-Verein, den er bis zu seinem Tod als Vorsitzender leitete. Sich zum reformierten Glauben bekennend, nahm B. großen Einfluss auf den Bau der evangelischen Stadtkirche in Höchst (1877-82).
Zum Dank für seine großen Verdienste und Leistungen wurde B. am 28.9.1883 in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben.
Porträt (von Norbert Schrödl) früher im Besitz der Hoechst AG.
Grabstätte auf dem Ffter Hauptfriedhof (Gewann J an der Mauer 606-609).
In Anerkennung der immer wieder bewiesenen Verbundenheit der Familie B. mit der Stadt Höchst erhielten eine Grünanlage und die angrenzende Straße den Namen B.park und B.straße.
Zum Gedächtnis an Adolf und Clara von B. stifteten Höchster Bürger 1910 einen Brunnen auf dem Höchster Marktplatz mit den Bronzeporträts der beiden Wohltäter.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 111-113, verfasst von: Patricia Stahl.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde. München/Leipzig 1875-1912.Bernhard Lepsius in: ADB 47 (1903), S. 770-772. | Heine, Jens Ulrich: Verstand und Schicksal. Die Männer der I. G. Farbenindustrie A. G. (1925-1945) in 161 Kurzbiographien. Weinheim/New York/Basel/Cambridge 1990.Heine: IG Farben, S. 186-188 (über B.s Söhne Adolf und Walter von B.). | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Dolf von Brüning in: NDB 2 (1955), S. 665.
Literatur:
                        
Bäumler, Ernst: Die Rotfabriker. Familiengeschichte eines Weltunternehmens. München/Zürich 1988. (Serie Piper 669).Bäumler: Die Rotfabriker 1988. | Fischer, Ernst: Meister Lucius & Brüning. Die Gründer der Farbwerke Hoechst AG. In: Tradition, Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographien, Jg. 3 (1958), H. 2, S. 65-78.Fischer: Meister Lucius & Brüning 1958. | Protokolle der Chemischen Gesellschaft in Ffm. 1869-1896. Hg.: Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning. Ffm. 1970. (Dokumente aus Hoechster Archiven 41).Protokolle d. Chem. Gesellschaft in Ffm. 1869-96. | Schreier, Anna Elisabeth/Wex, Manuela: Chronik der Hoechst AG 1863-1988. Ffm. 1990.Schreier/Wex: Hoechst AG 1990, S. 35 u. 37. | Simon, Manfred: Adolf von Brüning 1837-1884. In: Wuppertaler Biographien 12 (1974), S. 11-21.Simon: Adolf von Brüning 1974. | Simon, Manfred: Familie von Brüning, Berlin und Höchst. In: FS Höchster Schlossfest 1983, S. 22f.Simon: Familie von Brüning 1983. | Die Wohlfahrtseinrichtungen der Farbwerke, vormals Meister, Lucius & Brüning, Hoechst am Main, nach dem Stande des Jahres 1910. Höchst am Main 1910.Wohlfahrtseinrichtungen d. Farbwerke 1910.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/670. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/9.931 (Familie von Brüning). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/696 (Adolf von Brüning, Sohn von B.). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/5.797 (Gustav von Brüning, Sohn von B.). | ISG, Akten der Stiftungsabteilung beim städtischen Rechtsamt, 1875-2002.ISG, Stiftungsabt. 51 u. 52.

GND: 116751576 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2019 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Stahl, Patricia: Brüning, Adolf (von). In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1890

Stand des Artikels: 30.9.1994