Steinberger, Johann Jacob

Bedeutender Porträtfotograf in den 1850er Jahren in Ffm. (Atelier „Steinberger & Bauer“).

Steinberger, Johann Jacob Anton. Maler und Fotograf. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 13.3.1823 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 7.4.1878 Ffm.
Sohn eines Spielkartenfabrikanten.
S. besuchte schon in jungen Jahren von 1836 bis 1844 das Städelsche Institut und spezialisierte sich dort auf Historienbilder und Porträts. Er wollte Porträtist werden und war zunächst als Kunstmaler tätig. 1847 beantragte er das Ffter Bürgerrecht und leistete am 31.3.1847 den Bürgereid. Im April 1848 gründete er zusammen mit dem Maler Johann Gottlieb Bauer (1822-1882) ein fotografisches Atelier in einem neu errichteten Glaspavillon am Bockenheimer Tor und machte dies in einer Anzeige im Ffter Intelligenz-Blatt vom 20.4.1848 bekannt. In dieser Zeit nahm die Fotografie gerade mit kolorierten Porträts einen großen Aufschwung, was vermutlich zu S.s Entschluss beigetragen hat, den damals noch nicht allgemein anerkannten Beruf des Fotografen auszuüben. Sein Partner, Gottlieb Bauer, Sohn eines Malermeisters, hatte neben einer Lehre als Zimmermaler von 1835 bis 1845 ebenfalls das Städelsche Institut besucht. 1845 begab er sich auf Wanderschaft, zunächst nach Paris, dann nach München. Anfang 1846 kehrte er wegen einer Krankheit zurück. Die Stadt Ffm. erließ ihm zwar die restlichen Wanderjahre, lehnte aber seinen Antrag auf Zulassung als Meister der Malerzunft mehrfach ab, zuletzt am 15.3.1848. Danach entschloss er sich, eine neue berufliche Existenz zu suchen, und zwar zusammen mit S., den er aus der Zeit am Städel kannte. Beide traten in der Folgezeit nur noch gemeinsam unter „J. Steinberger & G. Bauer“ auf. Offenbar ging die Initiative von S. aus, der im Firmennamen bezeichnenderweise vor Bauer steht. Sie boten zunächst neben Porträts auf Papier auch Daguerreotypien und außerdem gemalte Porträts an. Um sich in der Anfangszeit bekannt zu machen, warben sie sehr offensiv mit billigsten Preisen und dem Hinweis darauf, dass ihre Porträts allen Anforderungen genügten und auf das „frappanteste“ den Abgebildeten ähnlich seien, die „sorgfältigste Retouche“ hätten und auch als Weihnachtsgeschenke geeignet seien. Ihre ersten Aufträge betrafen insbesondere Porträts, die als Vorlage für Lithografien dienten, so für ein Mappenwerk mit Bildnissen von deutschen Bischöfen und für Porträts von einigen Abgeordneten der Nationalversammlung. Noch 1848, kurz nach der Eröffnung ihres Ateliers, gerieten sie in einen Patentstreit mit ihrem Kollegen Carl Friedrich Vogel, der ein Patent für seine Fotomontagen beantragt hatte, um seinen Kollegen diese vor allem bei Gruppenaufnahmen üblich gewordene Praxis zu untersagen. Der Senat der Stadt Ffm. erteilte Vogel ein entsprechendes Patent für drei Jahre, wogegen S. und Bauer zusammen mit Jacob Seib heftig in Zeitungsannoncen protestierten.
Von Anfang an hatte das Atelier „Steinberger & Bauer“ einen guten Zuspruch. So schrieb Bauer 1849, als ihm der Meistertitel als Maler doch noch zugeteilt wurde, dass er „aus der photographischen Anstalt seinen Erwerb habe und im Stande sey, seine Familie anständig zu ernähren“. In der Folgezeit entwickelte sich das Atelier zu dem bedeutendsten der 1850er Jahre in Ffm. S. und Bauer erhielten Aufträge von Personen der Stadtgesellschaft und Abgeordneten der Bundesversammlung, auch ganzen Familien, die sich solche nicht gerade billigen Porträts leisten konnten. Die beiden Fotografen waren so bekannt, dass sie in Zeitungsinseraten auf die Angabe der genauen Adresse ihres Ateliers verzichten konnten. Ende der 1850er Jahre stellten sich S. und Bauer wie ihre Kollegen auf die neue Technik um und spezialisierten sich auf Cartes de Visite, d. h. auf kleine und billigere Porträts im Visitformat (ca. 10 x 6 cm) unter Verwendung des neuen, glänzenden Albuminpapiers. Diese kleinen Porträtfotos wurden, wie der Name sagt, auch als Visitenkarte bei Besuchen vorgezeigt oder als Geschenk benutzt und häufig gesammelt. Im September 1863 zogen S. und Bauer in ein neu eingerichtetes Atelier in der Junghofstrasse 10 um. Noch 1870 boten sie neben fotografischen Porträts in einem Inserat im Adressbuch weiterhin auch Ölgemälde an. Nach dem Tod von S. 1878 führte Bauer das Atelier dort bis zu seinem Tod im Jahr 1882 fort.
In den ersten Monaten nach Eröffnung ihres Ateliers gelangten S. und Bauer trotz der Konkurrenz ihrer älteren und erfahreneren Kollegen Jacob Seib und Carl Friedrich Vogel bereits an wichtige Aufträge für Porträts als Vorlage für Lithografien, und zwar für das Mappenwerk „Bildnisse der Mitglieder der Synodal-Versammlung zu Würzburg im Oktober und November 1848“ und für drei Abgeordnete der Nationalversammlung, nämlich Leonhard Friedrich (1788-1862), Johann Georg Müller (1798-1870) und Theodor Martin Alexander Schneer (1814-1855). Schon bald war das Atelier von S. und Bauer das renommierteste in Ffm. Ihre Aufnahmen lassen den künstlerischen Blick der Städelschüler erkennen. Die Abgebildeten saßen locker auf einem Sessel oder standen neben einem Tisch, auf den sie sich wegen der langen Belichtungszeit stützten. Die Abzüge wurden bemalt, später sogar mit Ölfarben, so dass die Porträts für das Publikum attraktiv waren und besonders künstlerisch wirkten. Hierfür suchten sie mehrfach per Zeitungsinserat „tüchtige“ Retoucheure, die „etwas Gediegenes zu leisten im Stande sind“. Charakteristisch für S. und Bauer ist die Bemalung des Hintergrundes. Zwischen einem Vorhang oder einer Säule und Ranken oder Zweigen links und rechts neben dem Abgebildeten erscheint eine eingemalte gebirgige Landschaft mit einigen Häusern oder einer Kirche; bei mehreren Originalen ist im Hintergrund sogar die Ffter Stadtsilhouette zu sehen. Diese Art der Kolorierung erregte auch überregional Aufmerksamkeit und wurde als „Frankfurter Manier“ bezeichnet.
Bekannt sind Porträts von Abgeordneten der deutschen Bundesversammlung wie Otto von Bismarck und Graf Friedrich von Thun-Hohenstein (1880-1910), Porträts von Ffter Persönlichkeiten, Bürgerinnen und Bürgern wie Marianne von Willemer, Johann Heinrich de Bary-Gontard, den Töchtern des Bankiers Moritz von Bethmann, Caroline Majer, Hector und Heinrich Roessler oder von Tapezierermeister Ludwig Daniel Schmidt und seiner Ehefrau, ferner Gruppenbilder der Familien Hertzog und Gwinner (mit einer Größe von 30 x 40 Zentimetern). Der gute Ruf des Ateliers von S. und Bauer sprach sich herum, so dass auch auswärtige Kunden nach Ffm. kamen, um sich hier von den beiden Fotografen aufnehmen zu lassen. So sind erhalten eine Gruppenaufnahme der Familie des Fabrikanten Karl August Lotichius (1819-1892) aus St. Goarshausen und ein Porträt von Marie Louise Charlotte Prinzessin von Anhalt-Dessau, geb. Prinzessin von Hessen (1814-1895), die offenbar einen Verwandtenbesuch in Offenbach zu einem Abstecher nach Ffm. nutzte. Porträtaufnahmen von S. und Bauer wurden mehrfach im Ffter Kunstverein ausgestellt und in der Lokalpresse gewürdigt. So wurde in der „Didaskalia“ vom 14.8.1860 ein Porträt des Ffter Dirigenten Franz Joseph Messer erwähnt, der kurz vorher gestorben war. Erhalten sind ferner zahlreiche Cartes de Visite aus der späteren Zeit.
S. und Bauer signierten ihre Abzüge nicht, sondern klebten jeweils ein Firmenetikett auf die Rückseite. Etliche Porträts können aber anhand des Atelier-Inventars zugeschrieben werden, insbesondere aufgrund des charakteristischen Tisches mit seinen Verzierungen. Die Kolorierung erfolgte individuell, d. h. bei zwei Abzügen eines Porträts kann sie voneinander abweichen. Aufnahmen von S. und Bauer werden insbesondere im HMF und im ISG (Bethmann-Archiv) aufbewahrt sowie im Museum Ludwig in Köln, in weiteren Archiven, z. B. im Konzernarchiv Evonik Industries (ehemals Degussa AG), sowie in Privatbesitz.
Im Rahmen historischer Fotoausstellungen, in Ffm. 1982 im HMF und 2003 im Haus Giersch sowie in Köln 1979 und 1989 im (damaligen) Agfa Foto-Historama, wurden Originale von S. und Bauer gezeigt.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Eberhard Mayer-Wegelin.

Lexika: Dessoff, Albert: Kunst und Künstler in Ffm. im 19. Jahrhundert. 2. Bd.: Biographisches Lexikon der Ffter Künstler im 19. Jahrhundert. Ffm. 1909.Dessoff, S. 7, 147. | Koch, Rainer (Hg.): Die Ffter Nationalversammlung 1848/49. Ein Handlexikon der Abgeordneten der deutschen verfassungsgebenden Reichs-Versammlung. Bearb. v. Patricia Stahl unter Mitwirkung von Roland Hoede, Leoni Krämer, Dieter Skala im Auftr. der Arbeitsgruppe Paulskirche. Kelkheim 1989.Koch: FNV, Abb. S. 167, 294, 365. | Richel, Arthur: Katalog der Abteilung Fft. [der Ffter Stadtbibliothek]. Bd. 2: Literatur zur Familien- und Personengeschichte. Ffm. 1929.Richel, S. 574, 616.
Literatur:
                        
Silber und Salz. Zur Frühzeit der Photographie im deutschen Sprachraum (1839-1860). Kataloghandbuch zur Jubiläumsausstellung 150 Jahre Photographie / Agfa Foto-Historama. Hg. v. Bodo von Dewitz u. Reinhard Matz. Katalogisierung u. Kurzbiographien: Karin Schuller-Procopovici. Köln/Heidelberg 1989.Dewitz/Matz (Hg.): Silber u. Salz 1989, S. 100, 412, 670, 677. | Frühe Photographie im Rhein-Main-Gebiet 1839-1885. Katalog zur Ausstellung im Haus Giersch – Museum Regionaler Kunst. Redaktion: Manfred Großkinsky, Birgit Sander. Ffm. 2003.Kat. Frühe Photographie im Rhein-Main-Gebiet 2003, S. 14, 18-20, 73, 116-124, 248, 272, 283. | Mayer-Wegelin, Eberhard [Hg.]: Frühe Photographie in Ffm. 1839-1870. München 1982.Mayer-Wegelin: Frühe Photographie in Ffm. 1982, S. 46f., 55; Nr. 14-17, 27-29, 35, 37.
Quellen: ISG, Bestand Senatssupplikationen (Best. H.02.16), 1814-68.ISG, Senatssuppl. 455/14. | ISG, Bestand Senatssupplikationen (Best. H.02.16), 1814-68.ISG, Senatssuppl. 477/20.
Internet: Internetpräsenz des Städel Museums, Ffm. https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/steinberger-jakob
Hinweis: Eintrag zu Jakob Steinberger in der digitalen Sammlung.
Städel, 28.1.2021.


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    Empfohlene Zitierweise: Mayer-Wegelin, Eberhard: Steinberger, Johann Jacob. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/4531

    Stand des Artikels: 1.2.2021
    Erstmals erschienen in Monatslieferung: 02.2021.