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Riesser, Otto

Otto Riesser
Otto Riesser
Fotografie.
© Universitätsarchiv Frankfurt am Main (UAF Best. 854 Nr. 1023).
Otto Riesser

Otto Riesser im Exil in Naarden/Holland
Fotografie (1943).
Bildquelle: Familie Riesser – Angelika Rieber.

© unbekannt. Der/die Fotograf/-in ist auf dem Originalfoto nicht genannt.
Riesser (eigentl.: Rießer), Maximilian Ludwig Otto. Prof. Dr. phil. nat. Dr. med. Pharmakologe und Physiologe. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 9.7.1882 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 1.12.1949 Ffm.
Aus jüdischer Familie. Sohn des Juristen, Bankiers und Politikers Jacob (auch: Jakob) R. (1853-1932) und dessen Ehefrau Emilie, geb. Edinger (1858-1945). Großneffe des Juristen, Verlegers und Politikers Gabriel R. (1806-1863), der 1848/49 der Deutschen Nationalversammlung in Ffm. angehört hatte. Neffe des Hirnforschers Ludwig Edinger (1855-1918). Geschwister: Gabriele R. (später verh. Ruge, 1881-1967); Hans Eduard R. (1887-1969), Diplomat. Vetter: Ferdinand Blum (1865-1959), Mediziner und Biologe. Cousine: Tilly Edinger (1897-1967), Paläoneurologin. Verheiratet in erster Ehe (seit 1911) mit Käthe (auch: Katharina) Elisabeth R., geb. Waschke (1888-1914), in zweiter Ehe (seit 1919) mit Ida Julie Elisabeth R., geb. Faelligen, verw. Kalau vom Hofe (1893-1980). Eine Tochter aus erster Ehe: Marion Gisela R. (1912-2000); zwei Adoptivkinder: Ruth Kalau vom Hofe (1915-1944) und Heinz Kalau vom Hofe (1916-1938); zwei Kinder aus zweiter Ehe: Hansjakob, gen. Hajo, R. (1920-2003), Mediziner, und Birgit R. (seit 1945 verh. Wenger, * 1921). Der Schwiegersohn, der promovierte Jurist Burkhard Wenger (eigentl. Nachname: Oppenheim; 1919-2012), war der Bruder der bildenden Künstlerin und Lyrikerin Meret Elisabeth Oppenheim (1913-1985).
R. wurde in der elterlichen Wohnung im Reuterweg 51 im Ffter Westend geboren. Die Familie zog 1888 nach Berlin, als der Vater Jacob R. seine Anwaltskanzlei in Ffm. aufgab, um in den Vorstand der Bank für Handel und Industrie (Darmstädter Bank) einzutreten; später gehörte Jacob R. als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei bzw. ab 1918 der Deutschen Volkspartei dem Reichstag (1916-18), der Deutschen Nationalversammlung (1919/20) und erneut dem Reichstag (1920-28), zeitweise als dessen Vizepräsident (1921-28), an. Der Vater trat zur evangelischen Religion über und ließ wohl auch die drei Kinder taufen, während die Mutter Emilie R. (die in der NS-Zeit in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde und dort im April 1945 starb) beim jüdischen Glauben blieb. Otto R. wurde 1895 evangelisch getauft und ging 1898 zur Konfirmation.
In Berlin besuchte R. das Königliche Französische Gymnasium, das er im Herbst 1900 mit der Reifeprüfung verließ. Von 1900 bis 1904 studierte er Chemie in Heidelberg, Berlin und – nach den bestandenen Verbandsexamina – erneut (1903/04) in Heidelberg, wo er im Laboratorium von Theodor Curtius (1857-1928) arbeitete. Mit dem Ziel, Chemie und Medizin zu verbinden, schrieb sich R. 1904 für Medizin ein, wozu ihm auch sein Onkel Ludwig Edinger geraten hatte. Zunächst setzte er jedoch hauptsächlich seine chemischen Studien fort und promovierte 1906 in Heidelberg zum Dr. phil. nat. Zu seiner Dissertation „Über die optischen Isomeren des Arginins und des Ornithins“ (im Druck: „Zur Kenntnis der optischen Isomeren des Arginins und des Ornithins“, 1906) war er durch seinen Lehrer Albrecht Kossel (1853-1927) angeregt worden, den Mediziner, Physiologen und Biochemiker sowie späteren Nobelpreisträger, den R. einmal den „Leitstern [seiner] wissenschaftlichen Laufbahn“ nannte. Die Doktorarbeit widmete er seinem Onkel Ludwig Edinger.
Von 1906 bis 1908 war R. als Volontär am Physiologischen Institut der Universität in Berlin tätig, wo er in der chemischen Abteilung unter der Leitung von Hans Thierfelder (1858-1930) erste Kenntnisse auf dem Gebiet der Hirnchemie erwarb. Infolge des Ausbruchs einer starken Schwerhörigkeit musste er sein Medizinstudium aussetzen, bis ihm das Hören durch das Tragen eines der in den USA neu entwickelten Telefon-Hörapparate weitestgehend ermöglicht wurde. Auf Empfehlung von Kossel erhielt R. spätestens 1909 die Stelle des zweiten Assistenten bei Max Jaffé (1841-1911) am Laboratorium (ab 1910: Institut) für medizinische Chemie und experimentelle Pharmakologie der Universität Königsberg. Hier wurde er in seiner Forschungstätigkeit und auch bei seiner medizinischen Doktorarbeit betreut von Jaffés erstem Assistenten, dem gebürtigen Ffter Alexander Ellinger (1870-1923). Mit der Dissertation „Zur Chemie des Uroroseins“ wurde R. 1911 an der Universität Königsberg zum Dr. med. promoviert.
Nachdem Ellinger die Nachfolge des im Oktober 1911 verstorbenen Jaffé als Ordinarius für Pharmakologie angetreten hatte, stieg R. zu dessen erstem Assistenten auf und konnte sich verstärkt seinem eigenen Interessengebiet, der physiologischen Chemie, zuwenden. Seine Forschungen zur Kreatinbildung im tierischen Organismus waren die Grundlage für seine Habilitation in medizinischer Chemie, die er im Frühjahr 1913 mit einer Probevorlesung über den „Auf- und Abbau der Lipoide im Tierkörper“ abschloss. Er wurde 1913 zum Privatdozenten der Universität Königsberg ernannt und bekam 1914 die Approbation als Arzt unter Befreiung von der Prüfung. An der Stelle von Ellinger, der als ordentlicher Professor der Pharmakologie und Leiter des Pharmakologischen Instituts an die neu gegründete Universität Ffm. berufen worden war, hielt R. im Wintersemester 1914/15 in Königsberg seine ersten Vorlesungen in Pharmakologie. Bald meldete er sich jedoch freiwillig zum Kriegsdienst. Er wurde zunächst als Zivilarzt am Festungshauptlazarett in Königsberg ausgebildet und anschließend als Landsturmarzt im Feldlazarett des Alpenkorps in Tirol eingesetzt. Im Dezember 1915 wurde er zu seiner großen Enttäuschung wegen seiner Schwerhörigkeit als dienstuntauglich aus der Armee entlassen.
Zu Beginn des Jahres 1916 trat R. die Stelle des ersten Assistenten bei Alexander Ellinger am Pharmakologischen Institut der Ffter Universität an. Hier habilitierte er sich im Sommer 1916 mit einer Arbeit über die Frage der Beziehungen zwischen Muskeltonus und Kreatinbildung im Fach Pharmakologie. Seine Antrittsvorlesung hielt er „Über die körperlichen Übungen im Lichte physiologischer und pharmakologischer Forschung“. Weiterhin voller Kriegsbegeisterung, meldete sich R. erneut freiwillig für den Frontdienst, und aufgrund der „Bemühungen“ seines Vaters „an den höchsten Stellen“ wurde er im September 1917 als Bataillonsarzt in Wilna (Litauen) stationiert. Im November 1917 ließ er sich an die französische Front versetzen, wo er bis zum Ende des Krieges diente. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet.
Im Sommer 1918, noch während seines Fronteinsatzes, hatte R. den Professorentitel verliehen bekommen. Vom Kriegsdienst kehrte er zunächst auf seine Assistentenstelle am Pharmakologischen Institut der Universität Ffm. zurück. Doch er wollte eigentlich noch intensiver auf dem Gebiet der Physiologie arbeiten. Daher wechselte er im Herbst 1919 als erster Assistent von Gustav Embden an dessen Institut für Vegetative Physiologie im Theodor-Stern-Haus. Im selben Gebäude residierte das Institut für Animalische Physiologie, von dessen Direktor Albrecht Bethe sich R. in die Technik muskelphysiologischer Studien einführen ließ, um sie zur Anwendung in der Erforschung der chemischen Vorgänge bei der Muskeltätigkeit bringen zu können. 1920 erweiterte er seine Venia Legendi an der Universität Ffm. auf die gesamte Physiologie, und 1921 wurde er zum außerordentlichen Professor (allerdings weiterhin in der Stellung eines Privatdozenten) ernannt.
In jenen frühen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Ffm. unterstützte R. die „revisionistischen Stimmen“ nach dem Versailler Vertrag und förderte die radikal-nationalistischen Kräfte, wie er später in seinen autobiographischen Notizen festhielt: „Ich habe mit großer, echter Begeisterung mit gemacht. Damals zogen wir mit schwarz-weiß-roten Fahnen um und sangen die alten Soldatenlieder auf dem Ffter Opernplatz.“ (Zit. nach Bębenek-Gerlich: Bioergographie d. Pharmakologen Otto Riesser 2010, S. 31.) Bereits seit Beginn seines Studiums in Heidelberg gehörte R. der (pflichtschlagenden) Burschenschaft „Allemannia“ an, und auch in Königsberg hatte er rege am Leben der Studentenverbindungen teilgenommen, u. a. als Trainer der Hockey- und der Rudermannschaft der „Gothia“. Nun schloss er sich dem rechtsnationalen Frontkämpferbund „Jungdeutscher Orden“ an, den er aber schon 1921 verlassen musste, weil „ein antisemitischer Flügel den Ausschluss der von Juden abstammenden Brüder durchgesetzt hatte“ (Otto Riesser zit. nach: ebd.).
Zum Wintersemester 1921/22 wechselte R. als ordentlicher Professor für Pharmakologie und zugleich Direktor des Pharmakologischen Instituts der Medizinischen Fakultät an die Universität Greifswald. Er übersiedelte Ende Oktober 1921, kurz vor seinem offiziellen Dienstantritt am 1.11.1921, zunächst allein von Ffm. nach Greifswald, während seine Familie erst einige Monate später nachzog, so dass die jüngste Tochter Birgit am 23.12.1921 noch in Ffm. geboren wurde. Die Berufung hatte R. aufgrund seiner Untersuchungen zur Pharmakologie und Physiologie der Muskeln erhalten, die er in den kommenden Jahren in Greifswald weiter intensivierte; insbesondere lieferte er wichtige Grundlagen zur Tonusforschung, die u. a. in der aufkommenden Sportmedizin wegweisend waren. Einen Ruf nach Ffm., wo er seinem verstorbenen Lehrer Alexander Ellinger auf dem Lehrstuhl für Pharmakologie nachfolgen sollte, lehnte er im Dezember 1925 endgültig ab; das Ffter Ordinariat erhielt Werner Lipschitz (1892-1948), dessen Habilitation im Fach Pharmakologie 1920 in Ffm. von R. betreut worden war.
In Greifswald, wo – nach seiner eigenen Aussage – ein „streng nationales und reaktionäres Klima herrschte“, war R. wegen seiner patriotischen Gesinnung und seines burschenschaftlichen Engagements gut aufgenommen worden. Er erhielt den Vorsitz in der Vereinigung alter Burschenschaftler, und insbesondere engagierte er sich in der Organisation und Betreuung von Sportangeboten für Studierende und junge Burschenschaftler. Der körperlichen Erziehung maß R. stets einen hohen Stellenwert bei. Wie schon in Königsberg, wo er 1913 in einer offenen Vorlesung für Hörer aller Fachbereiche über „Biologische Grundlagen körperlicher Erziehung“ gesprochen hatte, hielt er nun in Greifswald öffentliche Vorträge zu diesem Thema.
Im Mai 1928 nahm R. einen Ruf nach Breslau an, wo er die Nachfolge des Pharmakologen Julius Pohl (1861-1942), des Mitbegründers der Pharmakokinetik, antrat. Zum 1.10.1928 wurde R. zum ordentlichen Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Breslau ernannt, und zugleich übernahm er die Leitung des Instituts für Pharmakologie, das auf seinen Wunsch hin künftig „Institut für Pharmakologie und experimentelle Therapie“ hieß. Die Breslauer Zeit bezeichnete R. selbst als „Höhepunkt [seines] Wirkens als Universitätslehrer“. An seinem Institut mit ca. 20 Mitarbeitern waren praktische Aufgaben wie die Herstellung verträglicher Arzneimittel gegen die Seekrankheit oder Untersuchungen zur Nutzung von Peptin als Blutstillungsmittel zu erfüllen und wurden Fragen wie die Möglichkeit der medikamentösen Beeinflussung von Sportleistungen diskutiert. Ab 1930 betrieb R. in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls aus Ffm. stammenden Mediziner Herbert Herxheimer (1894-1985) intensive Studien zu den Beziehungen zwischen Witterung und Muskeltätigkeit, wofür er sich ab 1932 wiederholt zu Forschungen im Hochgebirge aufhielt.
Während der Breslauer Jahre trat R. in den Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) und in die Deutsche Akademie (Akademie zur Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums; DA) in München ein. Er nahm regelmäßig an den Sitzungen der medizinischen Sektion der „Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur“ teil, bei denen er in Vorträgen über seine Forschungen berichtete, und hielt auch in Breslau seine Vorlesungen über die „Biologischen Grundlagen der körperlichen Erziehung“, u. a. für die Kandidaten des Turnlehreramts. Neben seiner Arbeit im Hochschulsport und in den Burschenschaften schloss er sich der Jugendbewegung „Schlesische Freischar“ an, für die er 1930 und 1931 Freizeitlager in Löwenberg organisierte und begleitete. Überzeugt von der erzieherischen Funktion des Militärs, leitete R. seit 1931 die von ihm gegründete „Allgemeine Wehrorganisation der Breslauer Studentenschaft“. Als „Führer der nationalen akademischen Wehrarbeit“ in Breslau wurde er nach eigener Aussage „von vielen Seiten (…) angegriffen, weil man darin schon eine Kriegsvorbereitung sah“ (was einen eindeutigen Verstoß gegen den Versailler Vertrag bedeutet hätte; zit. nach Bębenek-Gerlich: Bioergographie d. Pharmakologen Otto Riesser 2010, S. 50). Andererseits geriet er damit in Konkurrenz zur NS-Wehrsportbewegung, die „die Führung der Wehrarbeit“ im Laufe des Jahres 1932 „an sich riss“. Vermutlich schon Ende 1932 musste R. sein Engagement im Hochschulsport und in den Burschenschaften aufgeben.
Den Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 nahm R., wie er rückblickend bekannte, „anfangs mit Begeisterung“ auf, und in seiner Ansprache zu Beginn des Sommersemesters 1933 begrüßte er „die nationale Wiedergeburt vor den Studenten auf das herzlichste“, offenbar „im naiven Glauben“ an eine „nationale Revolution“, deren antisemitische Ausrichtung er deutlich unterschätzte. (Zit. nach: ebd., S. 51.) Der ersten Entlassungswelle nach dem Berufsbeamtengesetz (BBG) an der Universität Breslau entging R. trotz seiner jüdischen Herkunft aufgrund der Ausnahmeregelung für Frontkämpfer. Am Ende des Wintersemesters 1933/34 wurde seine letzte Vorlesung „durch Fernbleiben der Studenten sabotiert“, und gleich seine erste Vorlesung im Sommersemester 1934 wurde von fachfremden Studierenden massiv gestört. Beim Dekan forderte R. (vergeblich) ein Vorgehen der Fakultät gegen die Ausschreitungen der Studentenschaft. Auf Druck des zuständigen Ministeriums, dessen erklärtes Ziel es war, die Zahl der „nichtarisch“ besetzten Ordinarien an der „Grenzlanduniversität“ Breslau drastisch zu reduzieren, wurde R. im Juni 1934 nach § 5 BBG an eine andere Hochschule versetzt, ohne jedoch die Zuweisung einer entsprechenden Professur zu erhalten; zugleich wurde er der Stellung als Institutsleiter enthoben. Ebenfalls im Sommer 1934 wurde er aus der deutschen Burschenschaft ausgeschlossen. Erst im Lauf des Jahres 1935 wurde R. ein Laboratorium am Georg-Speyer-Haus in Ffm. zugesagt. Nachdem die Familie gerade nach Oberursel in der Nähe von Ffm. umgezogen war, wurden am 15.9.1935 die Nürnberger Gesetze erlassen. Aufgrund der neuen Gesetzeslage war R.s Versetzung obsolet geworden, und er wurde Ende 1935 zwangsweise an der Universität Breslau emeritiert.
Ab Jahresbeginn 1936 konnte R. vorübergehend als Leiter der physiologisch-chemischen Abteilung am Schweizerischen Forschungsinstitut für Hochgebirgsklima und Tuberkulose in Davos arbeiten, wo er u. a. seine Witterungsstudien fortsetzte und dabei eine fördernde Einwirkung der Höhenluft auf die Sportleistung ausmachte. Eine Verlängerung des Auslandsaufenthalts wurde ihm 1937 vom Berliner Ministerium nicht genehmigt. Nach seiner Rückkehr war R. bis Ende 1938 als Mitarbeiter am (privaten) Biologischen Institut seines Vetters Ferdinand Blum in Ffm. tätig. Unter Anknüpfung an seine Breslauer Studien beschäftigte er sich mit der Wirkung von Koffein auf den Muskelstoffwechsel, um eine Methode zur vergleichenden Bestimmung zentral erregender Gifte erarbeiten zu können. Im Zuge des Novemberpogroms wurde R. am 11.11.1938 verhaftet und nach einem Tag wieder auf freien Fuß gesetzt, allerdings mit der Auflage, „so schnell wie möglich“ das Land zu verlassen. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Kontakte erhielt er Angebote aus Schweden, den USA, der Schweiz und den Niederlanden. Letztlich entschied er sich für eine Emigration in die Niederlande, weil er nicht so weit entfernt von seiner Familie sein wollte. Aus diesem Grund hatte er auch eine Berufung an die Universität Wellington in Neuseeland abgelehnt.
Am 18.4.1939 reiste R. ins Exil in den Niederlanden, wo er im Mai 1939 eine Bleibe in Naarden-Bussum bei Amsterdam fand. Dank seinem früheren Königsberger Kollegen Ernst Laqueur (1880-1947) konnte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Pharmakotherapeutischen Institut der Universität Amsterdam unterkommen, das von Laqueur gegründet und geleitet wurde. Die nationalsozialistische Judenverfolgung, die ihn nach der deutschen Besetzung (ab Mai 1940) auch in den Niederlanden einholte, überlebte R. nur dank zahlreicher Zufälle. Im Oktober 1941 wurde er am Pharmakotherapeutischen Institut aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen. Zwei Monate später, im Dezember 1941, wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen, wodurch er auch das bisher an seine Frau in Deutschland ausbezahlte Ruhegehalt verlor. In einem kleinen Privatlabor, das er sich nach seiner Entlassung 1941 in einer gemieteten Garage an seinem Wohnort Naarden einrichtete, konnte er sich mit ein paar Aufträgen aus der Wirtschaft (u. a. von dem niederländischen Pharmaunternehmen „Organon“) durchschlagen, bis er die Arbeit kriegsbedingt mangels Gas und Strom im Herbst 1944 einstellen musste. Um die Unterbrechung der Forschungstätigkeit auszugleichen, begann er zu schreiben, u. a. ab Oktober 1944 an einer autobiographischen „Skizze“. Zweimal entging er nur knapp der Deportation, und vermutlich war er zuletzt bis zum Kriegsende „untergetaucht“.
Am 2.8.1945 kehrte R. zu seiner Familie in Oberursel zurück. Da er angesichts der desolaten Verhältnisse in Deutschland keinerlei Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Arbeit sah, nahm er im Dezember 1945 die Stelle eines Sonderreferenten im Großhessischen Staatsministerium für Kultus und Unterricht an. Zu seinem Aufgabenbereich gehörten der Wiederaufbau der Universitäten unter Schaffung akademischer Strukturen für einen Neubeginn des Studienbetriebs. Als Leiter des Referats für Erwachsenenbildung war er zudem u. a. für das „Memorandum zur wissenschaftlichen Förderung der Berufstätigen“ („Samstagsakademie“) verantwortlich, und er war am „Gründungsentwurf einer Sportakademie für Groß-Hessen“ beteiligt. Besonders kümmerte er sich um die Rehabilitierung und, in seinen eigenen Worten, „die Besserung des Schicksals“ von Hochschulangehörigen, die in der NS-Zeit aus politischen oder rassischen Gründen verfolgt worden waren.
Auf eigenen Wunsch schied R. zum 30.6.1946 aus dem Ministerium aus, um sich wieder ganz seiner Tätigkeit als Hochschullehrer widmen zu können. Bereits im Sommersemester 1946 hatte er eine Vertretung an der Universität Marburg wahrgenommen und einen Lehrauftrag („für Grenzgebiete der Pharmakologie und Physiologie“) an der Universität Ffm. erhalten. Die „Hauptaufgabe der Stunde“, auch in seinem Auftrag als Hochschullehrer, sah er nun „im materiellen, geistigen und seelischen Wiederaufbau Deutschlands, der sich im Zeichen bester deutscher bürgerlicher Kultur vollziehen soll, damit das Land die Achtung der Völker wieder gewinne“, wie er in einer Ansprache an Studierende zum Wintersemester 1948/49 formulierte. (Zit. nach Bębenek-Gerlich: Bioergographie d. Pharmakologen Otto Riesser 2010, S. 76.) Obwohl selbst Opfer des NS-Regimes, bekannte er vor den Studierenden seine Schuld an der Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft: „Und wir erinnern uns mit tiefer Beschämung, daß die tagtäglich in den Zeitungen uns bekannt werdenden Rechtsbrüche, die seelischen und körperlichen Mißhandlungen Andersdenkender, die Willkür und Rechtlosigkeit in all und jedem, der Zwang und die Vernichtung jeder persönlichen Freiheit uns aus unserer Trance nicht zu wecken vermochten, wie Angst und Entschlußlosigkeit die gesunde Reaktion des Gewissens betäubten und die Idee der Pflichterfüllung gegen das Vaterland bis zur Duldung von Verbrechen verfälscht wurde. Daß wir zu gläubig, zu töricht, zu ängstlich und zu schwach waren, um zu erkennen, wohin man uns lockte, um im ersten Augenblick schon uns dagegen zu wehren – das ist die Schuld unserer, meiner Generation, die erklärbar, aber durch nichts zu entschuldigen ist.“ (Zit. nach: ebd., S. 77.)
Am 1.10.1949 übernahm R. die kommissarische Leitung des Pharmakologischen Instituts der Universität Ffm. Er vertrat damit den erkrankten und am 3.11.1949 verstorbenen Direktor Fritz Külz (1887-1949). Zur Neubesetzung von dessen Ordinariat hatte die Medizinische Fakultät dem Ministerium schon R. an erster Stelle ihrer Berufungsliste vorgeschlagen. Doch am 1.12.1949 starb der 67-Jährige bei einer Operation zur Entfernung eines Zwölffingerdarmgeschwürs.
Mitglied der Deutschen Volkspartei.
Seit 1930 Mitglied der Arzneimittelkommission. Seit 1932 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (bis zur Löschung seiner Mitgliedschaft im Zuge der „Arisierung“ in der NS-Zeit am 30.11.1938). Mitglied im Reichsverband akademischer Kriegsteilnehmer (bis zu dessen Auflösung 1938). Vorstandsmitglied, seit Oktober 1947 Vorsitzender der Deutschen Pharmakologischen Gesellschaft. Mitglied der Deutschen Chemischen Gesellschaft, der Deutschen Physiologischen Gesellschaft, der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte sowie des Deutschen Ärztebunds zur Förderung der Leibesübungen (bis 1932 in dessen wissenschaftlichem Ausschuss). Korrespondierendes Mitglied der Königlich Ungarischen Gesellschaft für Medizin.
Zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen zur physiologischen Chemie, Physiologie und Pharmakologie, insbesondere des Muskelsystems, des vegetativen Nervensystems und des Kohlehydratumsatzes, vor allem in „Hoppe-Seyler’s Zeitschrift für physiologische Chemie“, „Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie“, „Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere“, der „Klinischen Wochenschrift“ und der „Biochemischen Zeitschrift“. Verfasser des Lehrbuchs „Arzneikunde und Arzneiverordnung“ (mit Gert Taubmann, 1935) und des Handbuchs „Muskelpharmakologie und ihre Anwendung in der Therapie der Muskelkrankheiten“ (1949, in spanischer Übersetzung 1957). Mitarbeiter an mehreren medizinischen Handbüchern.
Mitherausgeber von „Arbeitsphysiologie“, einer „Internationalen Zeitschrift für angewandte Physiologie des Menschen bei Arbeit und Sport“ (bis 1933), und „Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie“ (seit 1948).
R.s Nachlass im Archiv der Deutschen Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie enthält u. a. die autobiographischen Schriften: „Autobiographische Notizen 1888-1928“ (Manuskript, 1938/39) und „Skizze zu Erinnerungen an meine wissenschaftliche Laufbahn“ (Manuskript, 1944; beides auszugsweise hg. u. komm. v. Erich Muscholl, 1998) sowie „Lebenslauf“ (Typoskript, 1945).

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.

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Quellen: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbücher, Ffm., 1533-1848 bzw. 1849-1939.Eintrag der Heirat mit Ida Julie Elisabeth Kalau vom Hofe, geb. Faelligen, 12.8.1919: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbuch, Bestand STA 11/589: Standesamt Ffm. IV, Heiratsurkunde 1919/IV/348 (Bd. 2, Bl. 54). | ISG, Bestand Materialsammlungen, 14. Jh.-1994.Materialsammlung Ute Daub. ISG, Materialsammlungen, S6b/131, Nr. 7; darin u. a.: Lebenslauf von Otto Riesser aus seiner ersten Dissertation, 1906. | Universität Greifswald.Universität Greifswald, Personalakten, Sign. Med. Fak. I 100 (Personalakte Prof. Otto Riesser, 1921-28). Online in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern, URN: urn:nbn:de:gbv:9-g-5196939 (https://www.digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPNUAG-HGW_obj_4696420/1/, abgerufen am 13.12.2022).
Internet: Hessische Biografie, ein Kooperationsprojekt des Instituts für Personengeschichte in Bensheim und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde in Marburg zur Erstellung einer umfassenden personengeschichtlichen Dokumentation des Landes Hessen. https://www.lagis-hessen.de/pnd/119516764Hess. Biografie, 16.12.2022. | Projekt Jüdisches Leben in Ffm., Spurensuche – Begegnung – Erinnerung e. V., Oberursel. https://www.juedisches-leben-frankfurt.de/home/biographien-und-begegnungen/biographien-m-r/familie-riesser/
Hinweis: Artikel über die Familie Riesser von Angelika Rieber.
Jüd. Leben in Ffm., 9.12.2022.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_RiesserWikipedia, 16.12.2022.

GND: 119516764 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Riesser, Otto. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/4834

Stand des Artikels: 1.2.2023
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 12.2022.