Sauerwein, Wilhelm

Sauerwein, Johann Wilhelm. Schriftsteller. * 9.5.1803 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 1.4.1847 Ffm.
Geboren im Steinernen Haus, das sein Vater, der Schneidermeister Johann Adam S., gepachtet hatte.
Schüler einer Quartierschule und dann der neu gegründeten Weißfrauenschule (1813-17), wo Anton Kirchner die Begabung des Jungen erkannte. Kirchner regte daraufhin den Vater an, S. ab 1817 auf das Ffter Gymnasium gehen und anschließend studieren zu lassen. Nach dem Studium der Theologie in Heidelberg (1822-25) kehrte S. nach Ffm. zurück und erhielt hier die Erlaubnis des Konsistoriums, auf den Ffter Dörfern zu predigen und zum theologischen Examen zugelassen zu werden. Ähnlich wie seinem Studienfreund Friedrich Funck wurde dem Kandidaten S. diese Erlaubnis jedoch vom Predigerministerium wieder entzogen (24.5.1828), angeblich, weil S. bei einer privaten Aufführung des Malss’schen „Bürger-Capitains” mitgewirkt und einen Konsistorialrat verspottet hatte. Tatsächlich hatte S. nur wenig Neigung zur Theologie verspürt und widmete sich fortan nur zu gern ausschließlich seiner literarischen Tätigkeit, u. a. als Mitarbeiter verschiedener Ffter Blätter, vor allem der „Iris”. Zusammen mit Funck und Freyeisen schloss er sich der Bewegung von 1830 an und wirkte an den damals erscheinenden liberalen Zeitschriften (u. a. an „Der Proteus. Betrachtungen über Politik, Literatur und Kunst”, 1832, und der „Brückenauer Colleg-Zeitung”, 1832-34) mit. Noch 1831 bewarb er sich aber mehrfach, wenn auch erfolglos, um ein Lehramt am Gymnasium. Am 9.7.1832 hatte seine publizistische Tätigkeit die erste polizeiliche Verwarnung zur Folge, sich künftig der Angriffe gegen den Deutschen Bund zu enthalten. Wegen des in der „Volkshalle” in Hanau erschienenen Artikels „Wie haben die Deutschen die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni aufgenommen?” wurde S. angeklagt, weil er diese Beschlüsse als ungerecht bezeichnet und Aufruhr gegen den Bund gepredigt habe. Gegen das auf vier Wochen Gefängnis lautende Urteil legte er Berufung ein; sein Verteidiger Jucho erzielte einen Freispruch, weil er nachweisen konnte, dass der Artikel die kurfürstlich-hessische Zensur passiert hatte. Tatsächlich kam S. bis 1833 ohne jegliche polizeiliche oder gerichtliche Strafe durch; er scheint weniger einer der starr radikalen Politiker als ein humoristisch-schalkhafter Satiriker unter den Gesinnungsgenossen gewesen zu sein. In diesem Sinne äußerte sich auch Eduard Beurmann (in „Ffter Bilder”, 1835): „S. war, bei allem Liberalismus, doch nur ein Ffter Philister, aufgeklärt genug, um nicht ein ‚Weigenand’ zu seyn und an die Aristokratie zu glauben, witzig genug, um den alten Schlendrian persifliren zu können, im Uebrigen aber ein Mann, der viel, sehr viel auf die alte, gute Behaglichkeit in Fft. hielt, der gern Punsch, ein Schöppchen und Baierisches Bier trank, sich dabei über den geistigen Philisterismus amusirte und die Freiheit belobte. Es kam ihm vom Herzen, was er sagte und schrieb; aber, ob Polen fiel, ob die freie Presse unfrei wurde, Essen und Trinken schmeckte ihm eben so gut, und ich glaube nicht, daß er deshalb schlaflose Nächte hatte.” Nach dem Sturm auf die Hauptwache (3.4.1833), wozu S. eine Flugschrift „Der Mittwoch der stillen Woche” verfasst hatte, wurde er verhaftet und erst nach monatelangen Untersuchungen wieder freigelassen. Im März 1834 emigrierte er nach Liestal in der Schweiz, wo sich auch sein Freund Georg Herold niedergelassen hatte. S. wurde aber schon im Mai von dort ausgewiesen und siedelte nach Bern über. Seine Familie in Ffm. versuchte währenddessen, sich bei den hiesigen Behörden für ihn zu verwenden. Doch im Juli 1834 erschien in den Ffter öffentlichen Blättern die polizeiliche Vorladung, S. solle sich stellen, um u. a. wegen einer 1831 angeblich von ihm veröffentlichten Broschüre „Der 1. Mai” vernommen zu werden. Kurz darauf wurde S. auch steckbrieflich gesucht. Da er sich inzwischen in Bern und ebenso in Burgdorf keine Existenz gründen konnte, ging S. im Mai 1835 nach Paris, wo er sich mit Übersetzungsarbeiten durchschlug. Im Oktober 1835 kehrte er wieder nach Bern zurück und nahm noch im selben Jahr eine Stelle als Professor der deutschen und englischen Sprache am Collège in St. Marcellin/Isère an. Diese Stelle verlor er bald darauf, weil am Collège bekannt wurde, dass er sich, zwar erfolglos, um eine Lehrerstelle in Rouen beworben hatte. Bis 1843 blieb er als Lehrer, zeitweise auch wieder am Collège, in St. Marcellin. Alle seine Bemühungen um eine ertragreichere Stellung scheiterten. Infolge einer schweren Erkrankung mit Rückenmarkslähmung, die einen Krankenhausaufenthalt in Lyon nötig gemacht hatte, holten ihn seine Geschwister im Sommer 1844 nach Ffm. zurück. Er stellte sich hier auch den Behörden, doch aufgrund seiner Krankheit wurde auf eine weitere Verfolgung der Sache verzichtet.
In den Jahren seit 1830 verfasste S. zahlreiche politisch-satirische Lieder („Demagogenlieder” wie „Fürsten zum Land hinaus” und „Sturmgesang”), u. a. erschienen in „Gedichte aus der Zeit und für die Zeit” (1835), sowie politische Schriften, u. a. „Beleuchtung der Judenemancipation” (1831), „A. B. C.-Buch der Freiheit für Landeskinder” (1832), „Das Christkindchen, bescheert von W. S.” (1832), „Schicksale des Mittwochscollegs in Ffm.” (1833), „Die Gefängnisse und die Gefangenen” (1833), „Pfeffernüsse, ausgetheilt von W. S.” (1833), „Viertelstündige Wirthstischreden, gehalten im Saal des goldnen Rosses in Ffm. von W. S.” (1834) und „Die Zellengefängnisse vom sittlichen Standpunkte aus betrachtet” (1846). Außerdem schrieb S. einige Lokalpossen in Ffter Mundart, vor allem den humoristischen Einakter „Der Gräff, wie er leibt und lebt. Eine wahrhaftige Schulscene, aus den Papieren eines Erstklässers” (1833, 7. Aufl. 1887), womit er seinen ehemaligen Lehrer Georg Friedrich Gräff karikierte. Seine weiteren Dialektszenen, die S. seitdem immer nur mit der Angabe „Vom Verfasser des Gräff” erscheinen ließ, sind „Der Amerikaner” (1830), „Gräff und die Schuljugend im Grünen” (1838) sowie „Fft., wie es leibt und lebt” in den drei Ansichten „Der Gemüsmarkt” (1838), „Die Bernemer Kerb” (1839) und „Der 18. Octower” (1840). Als Verfasser dieser possenhaften Mundartszenen, die 1887 auch in einer Gesamtausgabe erschienen sind, ist S. in seiner Vaterstadt noch lange populär geblieben.
Nachlass im ISG.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 245-247, verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
Array
(
    [de] => Array
        (
            [0] => Array
                (
                    [value] => literfasst
                )

        )

)

Lexika: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde. München/Leipzig 1875-1912.Rudolf Jung in: ADB 53 (1907), S. 718-720. | Schrotzenberger, Robert: Francofurtensia. Aufzeichnungen zur Geschichte von Ffm. Ffm. 1884.Schrotzenberger, S. 212.
Literatur:
                        
Alt-Fft. Vierteljahrschrift für seine Geschichte und Kunst. Hg. v. Rudolf Jung u. Bernard Müller im Auftr. des Vereins für Geschichte und Altertumskunde, des Vereins für das Historische Museum u. der Numismatischen Gesellschaft. Ffm. 1909-13/14. Zunächst einmalige Fortsetzung des Titels: Ein Heimatbuch aus dem Maingau. Auf Veranlassung des Vereins für Geschichte und Altertumskunde, des Vereins für das Historische Museum u. der Numismatischen Gesellschaft zu Ffm. hg. v. Bernard Müller. Ffm. 1917. Spätere Neuauflage des Titels: Geschichtliche Zeitschrift für Fft. und seine Umgebung. Hg. v. Heinrich Voelcker u. Otto Ruppersberg. Ffm. 1928-30.Jung, Rudolf: Das Steinerne Haus. In: Alt-Fft. 3 (1911), H. 1, S. 1-6, hier S. 5f. | Askenasy, A[lexander]: Die Ffter Mundart und ihre Literatur. Ffm. 1904.Askenasy: Ffter Mundart 1904, S. 252-255. | Beurmann, Eduard: Ffter Bilder. Mainz 1835.Beurmann: Ffter Bilder 1835, S. 339-341. | Kramer, Waldemar (Hg.): Ausgewählte Ffter Mundart-Dichtung. Ffm. 1966.Kramer: Mundart 1966, S. 91-124. | Schwedhelm, Barbara Christine: Demagogenjagd. Fft. um 1830. Ffm. 1988.Schwedhelm: Demagogenjagd 1988, S. 161ff.
Quellen: ISG, Bestand Nachlässe (S1).Nachlass: ISG, S1/249; dazu Rep. 660. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/53.

GND: 117018376 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2020 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Sauerwein, Wilhelm. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/998

Stand des Artikels: 5.12.1994