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Lisker, Richard

Lisker, Richard Friedrich Karl. Prof. Maler. Textilgestalter. Hochschullehrer. * 4.2.1884 Gräfenhainichen/Kreis Bitterfeld (seit 1994 Landkreis Wittenberg), † 5.12.1955 Jungingen/Landkreis Hechingen (seit 1973 Zollernalbkreis).
Sohn des Rektors einer Naumburger Schule. Verheiratet in erster Ehe (von 1910 bis 1948) mit Juditha L., geb. Herrmann, in zweiter Ehe (seit 1948) mit Irmgard L., geb. Schwiedergall. Drei Kinder aus erster Ehe: Frowine (* 1912), Andreas (* 1915), Regine (* 1917); zwei Kinder aus zweiter Ehe.
L. besuchte in Naumburg von 1890 bis 1894 die Bürgerschule und anschließend das Domgymnasium, an dem er 1906 das Abitur erlangte. Ab 1906 studierte er drei Semester Kunstgeschichte an der Universität in München und ab 1907 gleichzeitig Freie Kunst, Malerei und Zeichnen an den Lehr- und Versuchsateliers für angewandte und freie Kunst von Wilhelm von Debschitz (1871-1948). Im Wintersemester 1907 wechselte er für vier Semester an die Kunstschule von Lothar von Kunowski (1866-1936) in Berlin, wo er sich weiter im Zeichnen und Malen übte. Ab 1909 sammelte L. am staatlichen Zeichenseminar Düsseldorf erste Berufserfahrungen als Lehrer für Zeichnen, Malen und Anatomie. 1911 machte er sich mit den „Lisker-Werkstätten“ in Naumburg selbstständig. Nachdem er von 1914 bis 1918 als Kriegsfreiwilliger gedient hatte, gründete er 1921 die „Blaudruck GmbH für Baumwollstoffe“. Zum 1.10.1924 trat L. eine Stelle als Lehrer an der städtischen Kunstgewerbeschule in Ffm. an. Damals befand sich die seit April 1923 unter der Leitung von Fritz Wichert neu organisierte Schule noch im Aufbau, so dass für die Vorbereitungsklasse, die L. übernehmen sollte, kein detailliertes Curriculum existierte. Das Ausbildungsprogramm dieser Klasse wollte Wichert erst zusammen mit L. „als etwas völlig Neues und Wirksames im Kunstschulwesen“ entwickeln. (Fritz Wichert, 26.9.1924, in: ISG, PA 71.499.) 1925 übernahm L. den Aufbau der Textilklasse, 1929 wurde er zum Professor für Textilgestaltung ernannt.
L. war seit 1911 Mitglied, ab 1925 Vorstandsmitglied des Deutschen Werkbunds. Seit 1927 gehörte er dem Ffter Künstlerbund an. Begleitend zu seiner Tätigkeit an der Ffter Kunstgewerbeschule pflegte er vielseitige Kontakte. So besuchte er Richard Riemerschmid (1868-1957), den Direktor der Kölner Werkschulen, und er wurde von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) eingeladen, an der Ausstattung einer Musterwohnung in dem von ihm entworfenen Mehrfamilienhausblock auf der Weißenhofausstellung 1927 mitzuarbeiten (Entwürfe für einen Stuhl, einen Schreibtisch und die Schlafzimmereinrichtung von L.). Zudem war L. als Gestalter moderner Textilien gefragt. Die Adlerwerke beispielsweise beriefen ihn 1930 als Spezialisten für Farben und Neuheiten der Innenausstattung, insbesondere für Polsterstoffe, in die Künstlerkommission. Im selben Jahr beauftragte ihn Hans Poelzig mit der Bearbeitung der Innenausstattung (u. a. Farben, Stoffe, Teppiche) für das von ihm entworfene neue Verwaltungsgebäude der IG Farbenindustrie.
Der Kontakt zur IG Farbenindustrie bestand bereits seit 1919, als L. mit seiner Firma in Naumburg wiederholt für deren Laboratorien arbeitete. 1924 fertigte seine Werkstatt Erzeugnisse, die die IG Farbenindustrie für Werbezwecke auf Messen nutzte. Die guten Beziehungen zur IG Farbenindustrie ließ L. auch in seinen Unterricht an der Ffter Kunstgewerbeschule einfließen, um seine Vorstellung von modernen Unterrichtsmethoden zu verwirklichen: „Die natürliche Entwicklung von schöpferischen Kräften für die Weberei erfolgt nach meiner Erfahrung am besten dadurch, daß dem Zögling von Anfang an praktische Aufgaben, die seinem Können angepaßt sind, gestellt werden. Er darf nie kopieren, er muß mit den Elementen von Anfang an bauen lernen. Seine Planung erfolgt dann sinnvoll, sein Produkt beweist ihm selbst die Richtigkeit oder die Fehler seiner Arbeit.“ [Richard Lisker: Über gewebte Stoffe. In: Die Form 8 (1933), H. 3, S. 70.] In Verbindung mit seiner Lehrtätigkeit lieferte L. der IG Farbenindustrie Entwürfe für Druckstoffe und einen großen Knüpfteppich, der 1929 auf der Weltausstellung in Barcelona präsentiert wurde.
Über Ffm. hinaus blieb L.s Erfolg nicht unbeachtet. Ende 1928 unterbreitete ihm die Stadt Krefeld ein lukratives Angebot, mit dem sie versuchte, ihn für die Deutsche Seidenweberei und als Lehrer für die dortige Kunstgewerbeschule zu gewinnen. Da Wichert L.s Arbeit sehr schätzte – nicht zuletzt konnte die Schule durch L.s Engagement die Kooperation mit der örtlichen Industrie realisieren – , entwarf er mit Unterstützung der IG Farbenindustrie ein attraktives Gegenangebot. Es sah ein Aufrücken L.s in die höchste Stufe seiner Gehaltsgruppe bei der Kunstgewerbeschule und eine Gewinnbeteiligung (40 %) an den Verkäufen der von ihm geleiteten Entwurfsklasse für Musterzeichnungen sowie einen Vertrag mit der IG Farbenindustrie als „künstlerischer Berater und Vertrauensmann“ vor. Mit monatlich 500 Reichsmark entlohnte die IG Farbenindustrie diese Tätigkeit sehr gut; das Honorar überstieg immerhin deutlich die Hälfte seines Professorengehalts an der Kunstgewerbeschule (881 Reichsmark). Der am 1.1.1929 geschlossene Vertrag mit der IG Farben wurde aufgrund von Einsparungen am 1.7.1930 beendet.
Nachdem Wichert im März 1933, kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, seines Amtes als Direktor der Kunstgewerbeschule enthoben worden war und anschließend der Goldschmied Karl Berthold (1889-1975) als Interimsdirektor gewaltet hatte, wurde L. im August 1933 zunächst vertretungsweise die Leitung der Kunstgewerbeschule übertragen. Ende März 1934 ernannte ihn Oberbürgermeister Friedrich Krebs zum Direktor. L. stellte die zuvor entlassenen Professoren Richard Scheibe und Franz Schuster wieder ein, und er holte Margarethe Klimt als Leiterin der Modeklasse aus der Beurlaubung zurück. Zudem setzte er sich für den Verbleib von Franz Karl Delavilla ein. Wie L. kooperierten auch diese vier Lehrenden mit dem nationalsozialistischen Regime.
L., der bereits in Naumburg kurzzeitig dem Völkisch-sozialen Block angehört hatte, trat nach 1933 zahlreichen nationalsozialistischen Vereinigungen bei, u. a. der SA, dem NS-Dozentenbund, dem Reichsbund der Deutschen Beamten, der Reichskulturkammer, dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA), der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und dem NS-Altherrenbund. Im Zeugenstand während der Verhandlung der Spruchkammer Obertaunus berichteten 1948 Franz Karl Delavilla und Josef Hartwig, dass Direktor L. während einer Schulkonferenz erklärt habe, „sich mit Haut und Haar dem Führer verschrieben“ zu haben. Mitglied der NSDAP wurde er jedoch erst im Mai 1937. Zwei Jahre später (1939) wurde er aus der Partei ausgeschlossen, da er sich endgültig mit Gauleiter Jakob Sprenger überworfen hatte.
Der Konflikt mit Sprenger hatte annähernd zeitgleich mit L.s Ernennung zum Direktor 1934 begonnen. L. wurde damals nicht Direktor der Kunstgewerbeschule, sondern der Städel- und der Handwerkerschule. Ein Erlass des Ministers für Arbeit hatte im ganzen Land die Umwandlung der Kunstgewerbeschulen in Handwerkerschulen vorgeschrieben. In den Handwerkerschulen gab es jedoch keinen Platz für die Klassen der freien Künste, weshalb OB Krebs in Ffm. die Städelschule wieder eröffnen ließ. L.s Aufgabe war es, die beiden Anstalten aufzubauen und zu organisieren. Da man in Ffm. weiterhin überzeugt war, dass die beste Ausbildung nur in einer Schule möglich sei, die Kunst und Handwerk verband, wurde lediglich eine formale Trennung angestrebt: „Die Verwendung der an der Städelschule und an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule tätigen künstlerischen wie handwerklichen Lehrkräfte an beiden Anstalten ist notwendig, um den Künstler mit dem Handwerker, und den Handwerker mit dem Künstler aufs engste zu verbinden.“ (OB Krebs in einem Schreiben vom März 1934, S. 3, in: ISG, MA 8.109.) In diesem Sinne verfasste L. 1934 die Denkschrift „Landeshochschule für Deutsche Form“. Sie ist zwar in einem nationalsozialistisch gefärbten Sprachduktus verfasst, gibt aber weitestgehend ein Programm wieder, das Wicherts Konzept der Kunstgewerbeschule sehr nahe ist. Diese Ideen konterkarierten allerdings die Ziele von Gauleiter Sprenger, der 1935 eine Herauslösung der Klassen Grafik, Weberei und Mode aus der Ffter Schule beabsichtigte, um sie den Technischen Lehranstalten in Offenbach anzugliedern. Der Abzug dieser Klassen wäre einer Zerschlagung der Ffter Schule gleichgekommen, weshalb sich OB Krebs in einem Schreiben widersetzte. Sprenger verfolgte daraufhin eine Diffamierung der Schule und L.s, welche in einem Hetzartikel im „Schwarzen Korps“ gipfelte. Daraufhin wurde L. 1939 als Direktor suspendiert und aus der NSDAP ausgeschlossen. All dies brachte L. nicht davon ab, an seiner Vorstellung von einer zeitgemäßen kunstgewerblichen Ausbildung festzuhalten. In seinem 1940 veröffentlichten Text „Weberei, Spitzen, Stickereien, Leder“ betonte er – in Anlehnung an die Ausbildung am Bauhaus – die Bedeutung des „Formgedankens“, also des künstlerischen Anteils, im Handwerk. Dass diese Auffassung nach wie vor gefragt war, belegt das Bestreben von Hermann Gretsch (1895-1950), Direktor der Kunstgewerbeschule Stuttgart, L. 1943 als Leiter der Textilklasse zu gewinnen. Doch L.s Kontrahenten haben diesen Ortswechsel verhindert. Inzwischen, ab 1941, war L. als Hauptmann im Transportwesen zum Kriegsdienst bei der Wehrmacht eingezogen.
Im Urteil der Spruchkammer Obertaunus in Bad Homburg vom 14.4.1948 wurde L. in die Gruppe 3 (Minderbelastete) eingestuft. Ihm wurde eine Bewährungsfrist von drei Jahren auferlegt, in der er nicht als Lehrer tätig sein durfte. Um weiter Geld zu verdienen, machte er sich erneut selbstständig und fertigte Entwürfe für die Textilindustrie. Da bei der Bombardierung Fft.s im Zweiten Weltkrieg sein Atelier mit den Entwürfen für Textilien ausbrannte und er somit auf keinen Ideenbestand zurückgreifen konnte, musste er ganz neu beginnen. Lange währte seine Selbstständigkeit nicht, denn schon am 28.2.1949 trat L. in den Ruhestand.
Publikationen von L.: „Weberei, Wirkerei, Knüpferei, Stoffdruck, Batik“ und „Holzbearbeitung, Korbflechterei“ [Beiträge in: G. F. Hartlaub (Hg.): Das ewige Handwerk im Kunstgewerbe der Gegenwart, 1931], „Über Tapete und Stoffe in der Wohnung“ [Beitrag in: Werner Gräff (Hg.): Innenräume. Räume und Inneneinrichtungsgegenstände aus der Werkbundausstellung „Die Wohnung (…)“, 1928], „Über gewebte Stoffe“ (in: Die Form, 1933), „Webarbeiten Spitzen Stickereien Leder“ (Beitrag in: Gestaltendes Handwerk, 1940) u. a.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Christina Treutlein.

Lexika: Vollmer, Hans: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. 6 Bde. Leipzig 1953-62.Vollmer 3 (1956), S. 245.
Literatur:
                        
Archiv für Fft.s Geschichte und Kunst. Bisher 78 Bde. Ffm. 1839-2019.Christina Treutlein in: AFGK 75 (2016): Akteure des Neuen Fft., S. 143. | Städelschule Ffm. Aus der Geschichte einer deutschen Kunsthochschule. Hg.: Verein Freunde der Städelschule e. V. Red.: Eduard Beaucamp, Jürgen Behrens u. a. Ffm. 1982.Beaucamp u. a.: Städelschule Ffm. 1982. | Danzer, Carina: Das Neue Fft. (mit)gestalten. Der Kunstschuldirektor und Kulturpolitiker Fritz Wichert (1878-1951). Ffm. 2018. (Studien zur Ffter Geschichte 64).Danzer: Das Neue Fft. (mit)gestalten 2018. | Die Form. Zeitschrift für gestaltende Arbeit. Für den Deutschen Werkbund u. den Verband Deutscher Kunstgewerbevereine hg. (...). Jg. 1. München/Leipzig 1922. Jg. 1 [sic!] bis 10. Bonn, dann Berlin 1925/26-1935.Lisker, Richard: Über gewebte Stoffe. In: Die Form 8 (1933), H. 3, S. 65-74. | Klemp, Klaus/Sellmann, Annika/Wagner K, Matthias/Weber, Grit: Moderne am Main 1919-1933. Stuttgart/Ffm. [2019].Klemp u. a.: Moderne am Main 2019, S. 120-123, 299. | Maybrief. Hg.: Ernst-May-Gesellschaft. Bisher 47 Bde. Ffm. 2010-17.Weber, Grit: Bei aller Masse – Zurückhaltung und Keuschheit. In: Maybrief 51 (2019), S. 8f.
Quellen: Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Bock, Günter: Als die Kunst an die Straße ausgeliefert wurde. In: FAZ, 15.4.1983. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Crüwell-Doertenbach, Konstanze: Auch für die Städelschule ein dunkles Kapitel. In: FAZ, 3.12.1988. | Hessisches Landesarchiv, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.HLA, Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Spruchkammerakten, Best. 520/11 Nr. 8890/1. | ISG, Magistratsakten, Serien 1868-1930 und 1930-69.ISG, MA 8.109 (Kunstgewerbeschule, Städelschule, 1933-39). | ISG, Personalakten der Stadtverwaltung (Best. A.11.02), ab ca. 1900.ISG, PA 71.499. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/9.701.

GND: 138375127 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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Empfohlene Zitierweise: Treutlein, Christina: Lisker, Richard. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/10259

Stand des Artikels: 8.6.2022
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 06.2022.