Kramer, Ferdinand

Kramer, Carl August Friedrich Ferdinand. Dr. h. c. mult. Architekt. Designer. * 22.1.1898 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 4.11.1985 Ffm.
Verheiratet in erster Ehe (von 1930 bis zur Scheidung 1960) mit der Modedesignerin Beate K., geb. Feith (1905-1997), in zweiter Ehe (seit 1961) mit Lore K., geb. Koehn (* 1926).
Während des Ersten Weltkriegs machte K. 1916 das Notabitur an der Oberrealschule in Ffm. und wurde kurz danach als Infanterist nach Russland eingezogen. Nach seiner Rückkehr begann er 1919 das Studium der Architektur bei Theodor Fischer (1862-1938), einem der besten Architekturlehrer seiner Zeit, an der Technischen Hochschule in München. Während des Sommers 1919 besuchte er für kurze Zeit das Bauhaus in Weimar. 1922 beendete K. sein Studium als Diplom-Ingenieur in München. In der Schiffswerft seines Großvaters war K. schon früh mit den verschiedenen Materialien und dem Ausfeilen von technischen Lösungen vertraut gemacht worden. Beim Schiffsbau gab es nur „Formen, die das Resultat von Zweck, Material und Arbeit sind“ (K.). Wieder in Ffm., war er zunächst ohne Aufträge und beschäftigte sich mit Entwürfen von Metallgeräten und Kleinmöbeln, die er im Haus Werkbund auf dem Messegelände zum Verkauf ausstellte – keine Einzelstücke, sondern industriell fertigbare Gegenstände, die dem Benutzer zu niedrigen Preisen das Leben erleichtern sollten. Mit seinen Entwürfen hatte er großen Erfolg, und 1924 zeigte der Deutsche Werkbund die Objekte auf der Ausstellung „Die Form“ in Stuttgart und in Ffm. Im selben Jahr löste K. mit der schlichten und geradlinigen Inneneinrichtung eines Reisebüros für die Hapag im Ffter Hauptbahnhof eine Kontroverse in der Lokalpresse aus. Dadurch wurde Ernst May auf K. aufmerksam.
Als May 1925 als Stadtrat und Baudezernent der Stadt Ffm. berufen wurde, beauftragte er K. mit der Leitung der Abteilung für Typisierung. Zunächst war K. vor allem mit der Entwicklung sachlicher und kostengünstiger Inneneinrichtungen (z. B. Einbauschränke) und vieler Bau- und Wohnungsformen für die industrielle Produktion (z. B. Sitzbadewannen, Öfen, Waschbecken, Bau- und Möbelbeschläge) beschäftigt. Die von K. entworfenen Möbel wurden von arbeitslosen Schreinern in der Erwerbslosenzentrale der Stadt hergestellt. Neben seiner Tätigkeit unter May hielt K. von 1926 bis 1928 an der Ffter Kunstgewerbeschule Vorlesungen über funktionelle Architektur. Von 1929 bis 1931 entstand die von K. gemeinsam mit Eugen Blanck entworfene Siedlung Westhausen mit ihren „Ganghäusern“. Allein verantwortlich war K. für die Fernheizung und die Zentralwäscherei der Siedlung. Außerdem entstanden nach seinen Entwürfen die Zentralgarage der städtischen Taxis, eine Flugzeughalle, normierte Kioske und Schutzhallen für Straßenbahnhaltestellen. 1929 organisierte K. zusammen mit May und anderen Architekten den 2. Internationalen Kongress für Neues Bauen (CIAM) und die damit verbundene Ausstellung „Die Wohnung für das Existenzminimum“. Im selben Jahr stellte K. eigene Entwürfe auf der vom Deutschen Werkbund organisierten Ausstellung „Der Stuhl“ in Stuttgart und Ffm. aus. Zusammen mit Mart Stam, Werner Moser und Erika Habermann nahm K. an einem Wettbewerb für den Bau eines Altersheims (Henry und Emma Budge-Heim am Dornbusch) teil. Der Entwurf des Architektenteams wurde verwirklicht (1928-30).
Nachdem May 1930 einem Ruf in die Sowjetunion gefolgt war, arbeitete K. als selbstständiger Architekt. Er führte viele Umbauten und Einrichtungen für das wohlhabende Ffter Bürgertum aus und errichtete u. a. das Klubhaus des Ffter Kanuklubs an der Alten Brücke (1930-32; kriegszerstört). Schon 1931 änderten sich die Vorzeichen für K.s Arbeit: Aufgrund des „Verunstaltungsparagraphen“ erhielt er Bauverbot für ein Wohnhaus. Erst nach Eingreifen des Oberpräsidenten von Hessen-Nassau konnte der Bau fertiggestellt werden. 1937 wurden die Arbeiten K.s in der diffamierenden Ausstellung „Entartete Architektur“ gezeigt. K. wurde aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot wegen politischer Unzuverlässigkeit. Sicher spielte dabei eine Rolle, dass er seit 1930 mit Beate Feith, einer jüdischen Modedesignerin, verheiratet war. So sah sich K. 1938 gezwungen, in die USA zu emigrieren. Dort arbeitete er als Architekt und Industrie-Designer. Er hatte Kontakt zu Adorno, Horkheimer und Löwenthal, die er noch aus Ffter Zeiten kannte, und leitete zwei Siedlungsgesellschaften des Ffter Instituts für Sozialforschung. Anerkennung erhielt K. in den USA durch die Eintragung als geprüfter Architekt in das Register der University of New York und die Berufung in das American Institute of Architects.
1952 wurde K. von Max Horkheimer, dem damaligen Direktor der Ffter Johann Wolfgang Goethe-Universität, gebeten, den Wiederaufbau der zu 85% zerstörten Universität zu leiten. K. nahm diese Aufgabe an und kehrte als Leiter des Universitätsbauamts nach Ffm. zurück. Innerhalb kürzester Zeit und mit relativ geringen Mitteln ließ K. die Ffter Universität neu erstehen. Er legte die Zusammengehörigkeit der verschiedenen Wissenschaften und die Raumprogramme der einzelnen Institute mit Platzreserven im Bauplan fest. K.s Konzept, die gesamte Universität an die Peripherie der Stadt zu verlegen, um alle Institute um einen Campus herum versammeln zu können, wurde vom Senat zurückgewiesen. Man wollte in der Nähe des notdürftig wiederaufgebauten alten Hauptgebäudes in der Jügelstraße bleiben. 1953 wurden die ersten Bebauungspläne genehmigt. K. behandelte den Komplex der Universitätsbauten als eine Einheit. Die Bauten sollten aus Betonfachwerk entstehen, dessen füllende Flächen mit hellgelben Klinkern verkleidet wurden. Außerdem entwarf K. den größten Teil der Innenausstattung der Universität. Als Symbol der Öffnung der Universität für jedermann wurde zunächst das erhaltene kleine neobarocke Portal des Hauptgebäudes durch ein schlichtes größeres ersetzt. Zuerst wurden die studentische Experimentierbühne und das Fernheizwerk, das Amerika-Institut mit dem Englischen Seminar und das Geologisch-Paläontologische Institut gebaut. Es folgten das Biologische Camp (Baubeginn 1954), das Studentenwohnheim an der Bockenheimer Warte (1956), das Institut für Lebensmittelchemie, das Pharmazeutische Institut und der Wiederaufbau des Physikalischen Vereins (1957), das Institut für Kernphysik mit dem Atomreaktor und dem Beschleuniger, das Hörsaalgebäude I (1958), das Philosophische Seminar (1959), das Walter-Kolb-Studentenhaus am Beethovenplatz (1960), das Mathematische Institut I (1961), die Mensa (1963), das Institut für Therapeutische Chemie und das Theodor-Stern-Haus – beides im alten Klinikum – , die Wetterwarte der Universität in der Feldbergstraße und das Hörsaalgebäude II sowie der Beginn der Arbeiten an der Stadt- und Universitätsbibliothek (1964).
Aus Altersgründen wurde K. 1964 als Universitätsbaudirektor pensioniert. Während seiner Amtszeit hatte er verschiedene Lehraufträge und einen Ruf als Direktor der Hamburger Akademie der bildenden Künste abgelehnt, um seine begonnene Arbeit in Ffm. vollenden zu können. Den Bau der Stadt- und Universitätsbibliothek, seinerzeit einer der modernsten Bibliotheken Europas, führte er als selbstständiger Architekt zu Ende. 1965 wurden die Stadt- und Universitätsbibliothek, die Mensa, das Philosophische Seminargebäude und das Institut für Kernphysik vom Finanzministerium als vorbildliche Bauten ausgezeichnet. Nach seiner Pensionierung arbeitete K. weiter als selbstständiger Architekt und erhielt mehrere private Aufträge für Wohnhäuser im Taunus und im Tessin.
Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, u. a. Goethe-Plakette des Landes Hessen (1958), Ehrenplakette der Stadt Ffm. (1963), Ehrenbürgerwürde der Johann Wolfgang Goethe-Universität (1965), Ehrenpreis der Architektenkammer Hessen (1975), Ehrendoktorwürde der Universität Stuttgart und der Technischen Universität München sowie Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen (1981), Ehrenmitgliedschaft im Deutschen Werkbund (1984).
Ferdinand-K.-Straße in Westhausen.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 423-425, verfasst von: Birgit Weyel.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Hessische Landesregierung: Im Dienste der Demokratie. Die Trägerinnen und Träger der Wilhelm-Leuschner-Medaille. Hg. v. d. Hessischen Staatskanzlei. Wiesbaden 2004.Trägerinnen u. Träger d. Wilhelm-Leuschner-Medaille 2004, S. 125f. | Zeller, Thomas: Die Architekten und ihre Bautätigkeit in Ffm. in der Zeit von 1870 bis 1950. Ffm. 2004. (Beiträge zum Denkmalschutz in Ffm. 14).Zeller, S. 206.
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Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/1.399.

GND: 118566083 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Weyel, Birgit: Kramer, Ferdinand. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/36

Stand des Artikels: 30.9.1994